Der typische Arbeitsort – Direktionsrecht oder Versetzung?

Enthält ein Arbeitsvertrag keine ausdrücklichen Regelungen zum Arbeitsort, gilt der Betriebsort als vertraglich festgelegter Arbeitsort. Dies folgt schon aus § 269 Abs. 1 BGB, wonach mangels Leistungsbestimmung oder wenn sich der Ort der Leistung nicht aus der Natur des Schuldverhältnisses ergibt, der Leistungsort am Betriebssitz liegt.

Der typische Arbeitsort – Direktionsrecht oder Versetzung?

Eine Versetzung kraft Weisungsrecht an einen anderen Arbeitsort als den vertraglich vereinbarten kann nur bei entsprechendem vertraglichen Versetzungsvorbehalt vorgenommen werden.

Die Reichweite des Direktionsrechts ist durch Auslegung des Arbeitsvertrages zu ermitteln. Nach § 133 BGB ist bei der Auslegung der wirkliche Wille zu erforschen und nicht an dem buchstäblichen Sinne des Ausdrucks zu haften. § 157 BGB verlangt eine Auslegung nach Treu und Glauben unter Berücksichtigung der Verkehrssitte. Es sind demnach alle Begleitumstände zu würdigen, die dafür von Bedeutung sind, welchen Willen der Erklärende bei seiner Erklärung gehabt hat und wie der Empfänger der Erklärung diese verstanden hat oder verstehen musste1. Die Vorstellungen der Erklärenden können aber nur insoweit Berücksichtigung finden, als sie in der Erklärung und dem Gesamtzusammenhang mit dem Vertragsschluss einen wahrnehmbaren Ausdruck gefunden haben. Dabei kann auch auf die Interessenlage der vertragsschließenden Parteien und die Zwecke des Arbeitsverhältnisses abgestellt werden2.

Enthält ein Arbeitsvertrag keine ausdrücklichen Regelungen zum Arbeitsort, gilt der Betriebsort als vertraglich festgelegter Arbeitsort3. Dies folgt schon aus § 269 Abs. 1 BGB, wonach mangels Leistungsbestimmung oder wenn sich der Ort der Leistung nicht aus der Natur des Schuldverhältnisses ergibt der Leistungsort am Betriebssitz liegt4.

Gilt aber der Betriebsort als vertraglich festgelegter Arbeitsort, umfasst das allgemeine Weisungsrecht des Arbeitgebers grundsätzlich nicht die Versetzung des Arbeitnehmers an einen anderen Arbeitsort. Die Befolgung einer Betriebsverlagerung an einen anderen Ort kann dann nicht mehr einseitig verlangt werden5.

Selbstverständlich kann in diesen Fällen aber vertraglich ein Versetzungsvorbehalt vereinbart werden6. Ob ein solcher Versetzungsvorbehalt vereinbart wurde und mit welcher Reichweite ist wiederum durch Vertragsauslegung zu ermitteln7.

Soweit das Bundesarbeitsgericht mit Urteil vom 11. April 20068 allein aufgrund einer fehlenden Regelung zum Arbeitsort in einem Arbeitsvertrag die volle Eröffnung eines Direktionsrechts über den Arbeitsort nach billigem Ermessen angenommen hat, kann die Kammer dem nicht folgen. Denn ohne vertragliche Öffnungsklausel kann ein Arbeitgeber auch inhaltlich keine anderen Tätigkeiten zuweisen als die vertraglich (gegebenenfalls rahmenmäßig) vereinbarten (BAG 27. März 1980 – 2 AZR 506/78 – BAGE 33, 71). Selbiges gilt in Bezug auf die Arbeitszeit. Ist die Lage der Arbeitszeit vertraglich vereinbart, kann hiervon nicht durch Direktionsrecht ohne Öffnungsklausel abgewichen werden9. Es ist nicht erkennbar, weshalb in Bezug auf den Ort der Arbeitsleistung etwas anderes gelten sollte.

Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 10. Dezember 2010 – 18 Sa 33/10

  1. BAG 29.10.1997 – 5 AZR 593/96, AP BGB § 611 Direktionsrecht Nr. 51; Lakies in Kittner/Zwanziger Arbeitsrecht 5. Aufl. § 23 Rn. 15[]
  2. LAG Rheinland-Pfalz 23.09.2010 – 11 Sa 213/10[]
  3. Griese in Küttner Personalbuch 2010 Weisungsrecht Rn. 10[]
  4. BAG 03.12.1985 – 4 AZR 325/84, AP TVG § 1 Tarifverträge Großhandel Nr. 5; Lakies in Kittner/Zwanziger Arbeitsrecht 5. Aufl. § 23 Rn. 14 bis 16[]
  5. LAG München 24.02.1988 – 8 Sa 936/87, DB 1988, 1553; Griese in Küttner Personalbuch 2010 Rn. 10[]
  6. z. B. BAG 13.03.2007 – 9 AZR 433/06, AP BGB § 307 Nr. 26; BAG 29.10.1997 aaO; LAG München 24.02.1988 aaO[]
  7. BAG 25.08.2010 aaO[]
  8. BAG 11.04.2006 – 9 AZR 557/05, BAGE 118, 22[]
  9. BAG 17.07.2007 – 9 AZR 819/06, AP ZPO § 50 Nr. 17[]

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