Der über­gan­ge­ne Vor­trag – und die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de zum Bun­des­ar­beits­ge­richt

Wird mit einer Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 3 ArbGG eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör gel­tend gemacht, muss nach § 72a Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 ArbGG die Beschwer­de­be­grün­dung die Dar­le­gung der Ver­let­zung die­ses Anspruchs und deren Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit ent­hal­ten.

Der über­gan­ge­ne Vor­trag – und die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de zum Bun­des­ar­beits­ge­richt

Für die Gehörs­rü­ge gel­ten die Anfor­de­run­gen, die an eine ord­nungs­ge­mä­ße Ver­fah­rens­rüge iSv. § 551 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b ZPO gestellt wer­den 1. Des­halb sind die Vor­aus­set­zun­gen des Zulas­sungs­grun­des so sub­stan­ti­iert vor­zu­tra­gen, dass allein anhand der Beschwer­de­be­grün­dung und des Beru­fungs­ur­teils das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen für die Zulas­sung der Revi­si­on geprüft wer­den kann 2.

Wird gerügt, es sei Vor­trag über­gan­gen wor­den, muss daher im Ein­zel­nen dar­ge­stellt wer­den, wo der über­gan­ge­ne Vor­trag zu fin­den ist. Der Beschwer­de­füh­rer muss unter Anga­be des Schrift­sat­zes nach Datum und bei ent­spre­chen­dem Umfang nach Sei­ten­zahl kon­kret vor­tra­gen, wel­cher Vor­trag über­gan­gen wor­den sein soll 3. Ob das über­gan­ge­ne Vor­brin­gen ent­schei­dungs­er­heb­lich ist, rich­tet sich grund­sätz­lich nach den vom Lan­des­ar­beits­ge­richt getrof­fe­nen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen und sei­nen recht­li­chen Aus­füh­run­gen. Es genügt, wenn der Schluss gerecht­fer­tigt ist, dass das Beru­fungs­ge­richt bei rich­ti­gem Ver­fah­ren mög­li­cher­wei­se anders ent­schie­den hät­te.

GG ver­pflich­tet das ent­schei­den­de Gericht, die Aus­füh­run­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen 4. Das Gebot des recht­li­chen Gehörs soll als Pro­zess­grund­recht sicher­stel­len, dass die vom Fach­ge­richt zu tref­fen­de Ent­schei­dung frei von Ver­fah­rens­feh­lern ergeht, die ihren Grund in unter­las­se­ner Kennt­nis­nah­me und Nicht­be­rück­sich­ti­gung des Sach­vor­trags der Par­tei­en haben 5. Grund­sätz­lich ist davon aus­zu­ge­hen, dass ein Gericht das Vor­brin­gen der Betei­lig­ten zur Kennt­nis genom­men und in Erwä­gung gezo­gen hat. Die Gerich­te brau­chen nicht jedes Vor­brin­gen in den Grün­den der Ent­schei­dung aus­drück­lich zu behan­deln 6. Des­halb müs­sen, um eine Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs fest­stel­len zu kön­nen, im Ein­zel­fall beson­de­re Umstän­de deut­lich machen, dass tat­säch­li­ches Vor­brin­gen eines Pro­zess­be­tei­lig­ten ent­we­der über­haupt nicht zur Kennt­nis genom­men oder bei der Ent­schei­dung nicht erwo­gen wor­den ist. Dies ist ins­be­son­de­re dann der Fall, wenn das Gericht auf den wesent­li­chen Kern des Vor­trags einer Par­tei zu einer Fra­ge, die für das Ver­fah­ren von zen­tra­ler Bedeu­tung ist, in den Ent­schei­dungs­grün­den nicht ein­geht 7.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 11. April 2019 – 3 AZN 720/​18

  1. vgl. BAG 10.05.2005 – 9 AZN 195/​05, zu II 2 der Grün­de, BAGE 114, 295[]
  2. vgl. BAG 20.01.2005 – 2 AZN 941/​04, BAGE 113, 195[]
  3. vgl. BAG 6.01.2004 – 9 AZR 680/​02, zu II 3 d aa der Grün­de, BAGE 109, 145 für die Ver­fah­rens­rüge[]
  4. st. Rspr. seit BVerfG 14.06.1960 – 2 BvR 96/​60BVerfGE 11, 218[]
  5. BVerfG 20.04.1982 – 1 BvR 1242/​81, zu B der Grün­de, BVerfGE 60, 247[]
  6. vgl. etwa BVerfG 8.10.2003 – 2 BvR 949/​02, zu II 1 a der Grün­de; BGH 27.03.2003 – V ZR 291/​02, zu II 3 b bb (3) beta der Grün­de, BGHZ 154, 288[]
  7. BVerfG 31.03.1998 – 1 BvR 2008/​97; BAG 26.01.2006 – 9 AZA 11/​05, Rn. 40[]