Der Unfall auf der Bau­stel­le – und der Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruch der Berufs­ge­nos­sen­schaft

Mit dem Anspruch einer Berufs­ge­nos­sen­schaft gegen den Unfall­ver­ur­sa­cher auf Erstat­tung von Auf­wen­dun­gen nach § 110 Abs. 1 Satz 1 SGB VII hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Der Unfall auf der Bau­stel­le – und der Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruch der Berufs­ge­nos­sen­schaft

Nach § 110 Abs. 1 Satz 1 SGB VII haf­ten Per­so­nen, deren Haf­tung nach den §§ 104 bis 107 SGB VII beschränkt ist, den Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern für die infol­ge des Ver­si­che­rungs­falls ent­stan­de­nen Auf­wen­dun­gen, wenn sie den Ver­si­che­rungs­fall vor­sätz­lich oder grob fahr­läs­sig her­bei­ge­führt haben, jedoch nur bis zur Höhe des zivil­recht­li­chen Scha­dens­er­satz­an­spruchs. Das Haf­tungs­pri­vi­leg der §§ 104 ff. SGB VII bezweckt zum einen, mit der aus den Bei­trä­gen der Unter­neh­mer finan­zier­ten, ver­schul­dens­un­ab­hän­gi­gen Unfall­für­sor­ge die zivil­recht­li­che auf Ver­schul­den gestütz­te Haf­tung der Unter­neh­mer abzu­lö­sen, indem sie über die Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten von allen dazu­ge­hö­ri­gen Unter­neh­men gemein­schaft­lich getra­gen und damit für den jeweils betrof­fe­nen Unter­neh­mer kal­ku­lier­bar wird. Sie dient dem Unter­neh­mer als Aus­gleich für die allein von ihm getra­ge­ne Bei­trags­last. Zum andern soll mit ihr der Betriebs­frie­den im Unter­neh­men zwi­schen die­sem und den Beschäf­tig­ten sowie den Beschäf­tig­ten unter­ein­an­der gewahrt wer­den. Dem liegt zugleich die Über­le­gung zugrun­de, dass das Zusam­men­wir­ken im Betrieb je nach den dar­aus dro­hen­den Gefah­ren leicht zu Schä­di­gun­gen füh­ren kann, so dass eine Haf­tung des Schä­di­gers in der Regel als unbil­lig erscheint und nur dann Platz grei­fen soll, wenn ihn ein beson­ders schwe­rer Vor­wurf trifft und des­halb eine Belas­tung der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft nicht mehr ver­tret­bar erscheint [1]. Um die einer Berufs­ge­nos­sen­schaft ange­hö­ren­den Unter­neh­men nicht über Gebühr zu belas­ten, hat der Gesetz­ge­ber den Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern einen Rück­griffs­an­spruch ein­ge­räumt, weil die­se dann für ihre Auf­wen­dun­gen zu Las­ten des ver­ant­wort­li­chen Schä­di­gers (sei es der Unter­neh­mer, sei es der Arbeits­kol­le­ge) schad­los gestellt wer­den sol­len, wenn der an sich nach den §§ 104 ff. SGB VII Haf­tungs­pri­vi­le­gier­te den Unfall durch ein beson­ders zu miss­bil­li­gen­des Ver­hal­ten her­bei­ge­führt hat. Bei einem sol­chen Ver­hal­ten sind neben dem das Scha­dens­recht beherr­schen­den Aus­gleichs­ge­dan­ken auch prä­ven­ti­ve und erzie­he­ri­sche Grün­de zu berück­sich­ti­gen [2].

Die hier allein in Betracht kom­men­de gro­be Fahr­läs­sig­keit setzt einen objek­tiv schwe­ren und sub­jek­tiv nicht ent­schuld­ba­ren Ver­stoß gegen die Anfor­de­run­gen der im Ver­kehr erfor­der­li­chen Sorg­falt vor­aus. Die­se Sorg­falt muss in unge­wöhn­lich hohem Maß ver­letzt und es muss das­je­ni­ge unbe­ach­tet geblie­ben sein, was im gege­be­nen Fall jedem hät­te ein­leuch­ten müs­sen. Ein objek­tiv gro­ber Pflich­ten­ver­stoß recht­fer­tigt für sich allein noch nicht den Schluss auf ein ent­spre­chend gestei­ger­tes per­so­na­les Ver­schul­den, nur weil ein sol­ches häu­fig damit ein­her­zu­ge­hen pflegt. Viel­mehr erscheint eine Inan­spruch­nah­me des haf­tungs­pri­vi­le­gier­ten Schä­di­gers im Wege des Rück­griffs nur dann gerecht­fer­tigt, wenn eine auch sub­jek­tiv schlecht­hin unent­schuld­ba­re Pflicht­ver­let­zung vor­liegt, die das in § 276 Abs. 2 BGB bestimm­te Maß erheb­lich über­schrei­tet [3].

Gro­be Fahr­läs­sig­keit lässt sich daher nicht allein mit der Ver­let­zung der gel­ten­den Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrif­ten begrün­den. Nicht jeder Ver­stoß gegen die ein­schlä­gi­gen Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrif­ten ist schon als ein grob fahr­läs­si­ges Ver­hal­ten im Sin­ne des § 110 SGB VII zu wer­ten. Viel­mehr ist auch dann, wenn sol­che Ver­stö­ße gegen Sorg­falts­ge­bo­te vor­lie­gen, eine Wer­tung des Ver­hal­tens des Schä­di­gers gebo­ten, in die auch die wei­te­ren Umstän­de des Ein­zel­fal­les ein­zu­be­zie­hen sind. So kommt es dar­auf an, ob es sich um eine Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift han­delt, die sich mit Vor­rich­tun­gen zum Schutz der Arbei­ter vor töd­li­chen Gefah­ren befasst und ele­men­ta­re Siche­rungs­pflich­ten zum Inhalt hat. Auch spielt ins­be­son­de­re eine Rol­le, ob der Schä­di­ger nur unzu­rei­chen­de Siche­rungs­maß­nah­men getrof­fen oder von den vor­ge­schrie­be­nen Schutz­vor­keh­run­gen völ­lig abge­se­hen hat, obwohl die Siche­rungs­an­wei­sun­gen ein­deu­tig waren. Im letz­te­ren Fall kann der objek­ti­ve Ver­stoß gegen ele­men­ta­re Siche­rungs­pflich­ten ein sol­ches Gewicht haben, dass der Schluss auf ein auch sub­jek­tiv gestei­ger­tes Ver­schul­den gerecht­fer­tigt ist [4].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Juli 2020 – VI ZR 369/​19

Der Unfall auf der Baustelle - und der Aufwendungsersatzanspruch der Berufsgenossenschaft
  1. BGH, Urteil vom 27.06.2006 – VI ZR 143/​05, BGHZ 168, 161 Rn. 8 mwN[]
  2. BGH, aaO, Rn. 9 mwN[]
  3. BGH, Urtei­le vom 18.02.2014 – VI ZR 51/​13, VersR 2014, 481 Rn. 7; vom 30.01.2001 – VI ZR 49/​00, VersR 2001, 985, 986 11 f.; vom 12.01.1988 – VI ZR 158/​87, VersR 1988, 474 f. 9; jeweils mwN[]
  4. BGH, Urtei­le vom 18.11.2014 – VI ZR 141/​13, VersR 2015, 193 Rn. 21; vom 18.02.2014 – VI ZR 51/​13, VersR 2014, 481 Rn. 8; vom 30.01.2001 – VI ZR 49/​00, VersR 2001, 985, 986 14; vom 18.10.1988 – VI ZR 15/​88, VersR 1989, 109, 110 11[]