Die abge­wie­se­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge ‑und der Scha­dens­er­satz wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung

Die Rechts­kraft einer Ent­schei­dung, mit der eine Kün­di­gungs­schutz­kla­ge abge­wie­sen wur­de, schließt grund­sätz­lich etwai­ge Ansprü­che des Arbeit­neh­mers auf Ersatz ent­gan­ge­nen Ver­diens­tes sowie ent­gan­ge­ner Ren­ten­an­sprü­che aus. Etwas ande­res kann aus­nahms­wei­se bei einer vor­sätz­li­chen sit­ten­wid­ri­gen Schä­di­gung iSv. § 826 BGB durch den Kün­di­gen­den in Betracht kom­men.

Die abge­wie­se­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge ‑und der Scha­dens­er­satz wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung

In dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall war der katho­li­sche Arbeit­neh­mer lang­jäh­rig bei der beklag­ten Kir­chen­ge­mein­de als Orga­nist, Chor­lei­ter und Deka­nats­kan­tor beschäf­tigt. Im Jahr 1994 trenn­te er sich von sei­ner Ehe­frau und ging eine neue Part­ner­schaft ein, aus der ein Kind her­vor­ging. Nach­dem die Kir­chen­ge­mein­de hier­von erfah­ren hat­te, kün­dig­te sie das Arbeits­ver­hält­nis ordent­lich zum 31. März 1998 mit der Begrün­dung, der Arbeit­neh­mer habe gegen den Grund­satz der Unauf­lös­lich­keit der Ehe ver­sto­ßen und sei­ne Loya­li­täts­ob­lie­gen­hei­ten ihr gegen­über grob ver­letzt. Hier­ge­gen erhob der Arbeit­neh­mer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge. In die­sem Ver­fah­ren trat das beklag­te Bis­tum auf Sei­ten der Kir­chen­ge­mein­de als Streit­hel­fer bei. Das durch meh­re­re Instan­zen geführ­te Ver­fah­ren ende­te im Jahr 2000 mit einer Kla­ge­ab­wei­sung. Die hier­ge­gen gerich­te­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de des Arbeit­neh­mers nahm das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung an.

Im Jahr 2003 erhob der Arbeit­neh­mer beim Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te Indi­vi­du­al­be­schwer­de gegen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Mit Urteil vom 23. Sep­tem­ber 2010 stell­te der EGMR einen Ver­stoß gegen Art. 8 der Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten (Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on – EMRK) fest und sprach dem Arbeit­neh­mer mit Urteil vom 28. Juni 2012 gemäß Art. 41 EMRK eine Ent­schä­di­gung in Höhe 40.000,00 € zu. Eine von die­sem im Jahr 2010 erho­be­ne Resti­tu­ti­ons­kla­ge gegen die Ent­schei­dung im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess blieb sowohl vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt als auch vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt erfolg­los. Die hier­ge­gen ein­ge­leg­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de des Arbeit­neh­mers nahm das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung an. Eine vom Arbeit­neh­mer im Jahr 2013 erho­be­ne Kla­ge auf Wie­der­ein­stel­lung blieb eben­falls in allen Instan­zen erfolg­los.

Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren begehrt der Arbeit­neh­mer von Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum die Zah­lung der Ver­gü­tung, die ihm auf­grund der Kün­di­gung zum 31. März 1998 ent­gan­gen ist, sowie einen Aus­gleich ent­gan­ge­ner Ren­ten­an­sprü­che als Scha­den­er­satz. Zur Begrün­dung hat er im Wesent­li­chen gel­tend gemacht, im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess sei ein kla­res Fehl­ur­teil gefällt wor­den, weil der gel­tend gemach­te Kün­di­gungs­grund von der Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes im Rah­men kirch­li­cher Arbeits­ver­hält­nis­se (GrO), die hier allein maß­geb­lich sei, offen­sicht­lich nicht umfasst sei. Dies sei seit deren Inkraft­tre­ten für jeder­mann offen­sicht­lich gewe­sen. Die Kir­chen­ge­mein­de und das Bis­tum hät­ten durch ihr Ver­hal­ten und Vor­brin­gen im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess in sit­ten­wid­ri­ger Wei­se bewirkt, dass die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge abge­wie­sen wor­den sei.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf hat in der Vor­in­stanz die Kla­ge abge­wie­sen [1]. Die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on des Arbeit­neh­mers hat­te vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt kei­nen Erfolg:

Steht eine Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses rechts­kräf­tig fest, kön­nen Scha­dens­er­satz­an­sprü­che, die auf den Ersatz ent­gan­ge­nen Ent­gelts sowie ent­gan­ge­ner Ren­ten­an­sprü­che gerich­tet sind, allen­falls bei einer vor­sätz­li­chen sit­ten­wid­ri­gen Schä­di­gung im Sin­ne von § 826 BGB durch den Kün­di­gen­den in Betracht kom­men. Die Annah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, dass die Vor­aus­set­zun­gen des § 826 BGB nicht vor­lie­gen, war im vor­lie­gen­den Fall jedoch für das Bun­des­ar­beits­ge­richt revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 19. Dezem­ber 2019 – 8 AZR 511/​18

  1. LAG Düs­sel­dorf, Urteil vom 12.09.2018 – 12 Sa 757/​17[]