Die außer­or­dent­li­che Ver­dachts­kün­di­gung

Der Ver­dacht, der Arbeit­neh­mer kön­ne eine straf­ba­re Hand­lung oder eine schwer­wie­gen­de Pflicht­ver­let­zung began­gen haben, kann nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts einen wich­ti­gen Grund für eine außer­or­dent­li­che Kün­di­gung bil­den1.

Die außer­or­dent­li­che Ver­dachts­kün­di­gung

Ent­schei­dend ist, dass es gera­de der Ver­dacht ist, der das zur Fort­set­zung des Arbeits­ver­hält­nis­ses not­wen­di­ge Ver­trau­en des Arbeit­ge­bers in die Red­lich­keit des Arbeit­neh­mers zer­stört oder zu einer uner­träg­li­chen Belas­tung des Arbeits­ver­hält­nis­ses geführt hat2. Die Kün­di­gung wegen Ver­dachts stellt neben der Kün­di­gung wegen der Tat einen eigen­stän­di­gen Tat­be­stand dar3.

Der Ver­dacht muss objek­tiv durch Tat­sa­chen begrün­det sein, die so beschaf­fen sind, dass sie einen ver­stän­di­gen und gerecht abwä­gen­den Arbeit­ge­ber zum Aus­spruch der Kün­di­gung ver­an­las­sen kön­nen4. Der Ver­dacht muss dar­über hin­aus drin­gend sein, das heißt es muss eine gro­ße Wahr­schein­lich­keit dafür bestehen, dass der gekün­dig­te Arbeit­neh­mer die Straf­tat oder die Pflicht­ver­let­zung began­gen hat5.

Die Ver­dachts­mo­men­te und die Ver­feh­lun­gen, deren der Arbeit­neh­mer ver­däch­tigt wird, müs­sen so schwer­wie­gend sein, dass dem Dienst­be­rech­tig­ten die Fort­set­zung des Dienst­ver­hält­nis­ses nicht zuge­mu­tet wer­den kann6.

Der Arbeit­ge­ber muss vor Aus­spruch einer Ver­dachts­kün­di­gung alle zumut­ba­ren Anstren­gun­gen zur Auf­klä­rung des Sach­ver­halts unter­nom­men haben7. Er ist ins­be­son­de­re ver­pflich­tet, den ver­däch­ti­gen Arbeit­neh­mer anzu­hö­ren, um ihm Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zu geben. Der Arbeit­neh­mer muss die Mög­lich­keit erhal­ten, die Ver­dachts­grün­de zu ent­kräf­ten und Ent­las­tungs­tat­sa­chen anzu­füh­ren8.

Art und Umfang der Anhö­rung bestimmt sich nach den Umstän­den des Ein­zel­falls. An die Anhö­rung sind kei­ne über­zo­ge­nen Anfor­de­run­gen zu stel­len9. Sie muss nicht den Anfor­de­run­gen genü­gen, die an eine Anhö­rung des Betriebs­ra­tes nach § 102 Abs. 1 BetrVG gestellt wer­den10, sich aber auf einen kon­kre­ti­sier­ten Sach­ver­halt bezie­hen11.

Der Arbeit­ge­ber darf den Arbeit­neh­mer nicht ledig­lich mit einer unsub­stan­ti­ier­ten Wer­tung kon­fron­tie­ren und ihm nicht wesent­li­che Erkennt­nis­se vor­ent­hal­ten. Er muss alle erheb­li­chen Umstän­de ange­ben, aus denen er den Ver­dacht ablei­tet12. Der Arbeit­ge­ber ist nicht gehal­ten, den Arbeit­neh­mer mit etwai­gen Belas­tungs­zeu­gen zu kon­fron­tie­ren, oder ihm Gele­gen­heit zu geben, an Zeu­gen­be­fra­gun­gen teil­zu­neh­men13. Die Anhö­rung des Arbeit­neh­mers ist Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung der Ver­dachts­kün­di­gung14.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 25. April 2012 – 13 Sa 135/​11

  1. BAG 18.11.1999, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 32; BAG 5.04.2001, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 34 []
  2. BAG 26.03.1992, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 23; BAG 18.09.1997, AP BGB § 626 Nr. 138 []
  3. BAG 13.09.1995, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 25; BAG 12.08.1999, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 28 []
  4. BAG 14.09.1994, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 24 []
  5. BAG 12.08.1999, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 28; BAG 10.02.2005, AP KSchG 1969 § 1 Nr. 79 = NZA 2005, 1056 []
  6. BAG 04.06.1964, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 13; BGH 13.07.1956, AP BGB § 611 Für­sor­ge­pflicht Nr. 2 []
  7. vgl. hier­zu und zum Fol­gen­den ErfK-Mül­ler-Glö­ge, 12. Auf­la­ge 2012, § 626 BGB Rn. 178 []
  8. BAG 28.11.2007, NZA-RR 2008, 344 []
  9. BAG 13.03.2008, NZA 2008, 809 []
  10. BAG 13.09.1995, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 25 []
  11. BAG 26.09.2002, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 37; BAG 13.03.2008, NZA 2008, 809 []
  12. vgl. BAG 27.11.2008, NZA 2009, 604 []
  13. vgl. BAG 18.09.1997, AP BGB § 626 Nr. 138; BAG 27.11.2008, NZA 2009, 604 []
  14. BAG 30.04.1987, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr.19; BAG 13.09.1995, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 25 []