Die Fris­ten­kon­trol­le des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten- und der elek­tro­ni­sche Kalen­der

Anwalt­li­che Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te müs­sen einen elek­tro­ni­schen Fris­ten­ka­len­der so füh­ren, dass er die­sel­be Über­prü­fungs­si­cher­heit bie­tet wie ein her­kömm­li­cher Kalen­der. Es muss sicher­ge­stellt sein, dass kei­ne ver­se­hent­li­chen oder unzu­tref­fen­den Ein­tra­gun­gen oder Löschun­gen erfol­gen, die spä­ter nicht mehr erkenn­bar sind. Dies gilt auch für gewerk­schaft­li­che Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te.

Die Fris­ten­kon­trol­le des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten- und der elek­tro­ni­sche Kalen­der

Andern­falls beruht eine Frist­ver­säu­mung auf einem Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, das des­sen Par­tei sich nach § 85 Abs. 2 ZPO zurech­nen las­sen muss.

Nach § 233 ZPO ist Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand dann zu gewäh­ren, wenn eine Par­tei ohne ihr Ver­schul­den ver­hin­dert war, ua. die Frist zur Begrün­dung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ein­zu­hal­ten. Dabei steht gemäß § 85 Abs. 2 ZPO das Ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Par­tei ihrem Ver­schul­den gleich. Das gilt auch für gewerk­schaft­li­che Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te 1. Wur­de ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter tätig, muss der Antrag­stel­ler einen Gesche­hens­ab­lauf vor­tra­gen, der ein Ver­schul­den sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zwei­fels­frei aus­schließt 2.

Ein elek­tro­ni­scher Fris­ten­ka­len­der muss so geführt wer­den, dass er die­sel­be Über­prü­fungs­si­cher­heit bie­tet, wie ein her­kömm­li­cher Kalen­der. Es muss sicher­ge­stellt sein, dass kei­ne ver­se­hent­li­chen oder unzu­tref­fen­den Ein­tra­gun­gen oder Löschun­gen erfol­gen 3, die spä­ter nicht mehr erkenn­bar sind. Die Ver­wen­dung einer elek­tro­ni­schen Kalen­der­füh­rung darf kei­ne hin­ter der manu­el­len Füh­rung zurück­blei­ben­de Über­prü­fungs­si­cher­heit bie­ten.

Bei der Ein­ga­be von Fris­ten in den elek­tro­ni­schen Fris­ten­ka­len­der bestehen spe­zi­fi­sche Feh­ler­mög­lich­kei­ten. Dazu zäh­len nicht nur Daten­ver­ar­bei­tungs­feh­ler der EDV, son­dern auch Ein­ga­be­feh­ler, ins­be­son­de­re durch Ver­tip­pen. Das bedeu­tet, dass der Rechts­an­walt, der lau­fen­de Fris­ten in einem elek­tro­ni­schen Fris­ten­ka­len­der erfasst, durch geeig­ne­te Orga­ni­sa­ti­ons­maß­nah­men die Kon­trol­le der Fris­tein­ga­be gewähr­leis­ten muss 4.

Die Kon­trol­le der Fris­tein­ga­be in den elek­tro­ni­schen Fris­ten­ka­len­der kann durch einen Aus­druck der ein­ge­ge­be­nen Ein­zel­vor­gän­ge oder eines Feh­ler­pro­to­kolls erfol­gen. Wer­den die Ein­ga­ben in den EDV-Kalen­der nicht durch Aus­ga­be der ein­ge­ge­be­nen Ein­zel­vor­gän­ge über den Dru­cker oder durch Aus­ga­be eines Feh­ler­pro­to­kolls durch das Pro­gramm kon­trol­liert, ist dar­in nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ein anwalt­li­ches Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den zu sehen. Die Fer­ti­gung eines Kon­troll­aus­drucks ist erfor­der­lich, um nicht nur Daten­ver­ar­bei­tungs­feh­ler des EDV-Pro­gramms, son­dern auch Ein­ga­be­feh­ler oder ‑ver­säum­nis­se mit gerin­gem Auf­wand recht­zei­tig zu erken­nen und zu besei­ti­gen 5.

Da für die Aus­gangs­kon­trol­le ein Fris­ten­ka­len­der unab­ding­bar ist, muss der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te sicher­stel­len, dass die im Kalen­der ver­merk­ten Fris­ten erst gestri­chen wer­den (oder ihre Erle­di­gung sonst kennt­lich gemacht wird), wenn die frist­wah­ren­de Maß­nah­me durch­ge­führt, der Schrift­satz also gefer­tigt und abge­sandt oder zumin­dest post­fer­tig gemacht und somit die wei­te­re Beför­de­rung der aus­ge­hen­den Post orga­ni­sa­to­risch zuver­läs­sig vor­be­rei­tet wor­den ist. Das ist im All­ge­mei­nen anzu­neh­men, wenn der frist­wah­ren­de Schrift­satz in ein Post­aus­gangs­fach des Rechts­an­walts ein­ge­legt wird und die abge­hen­de Post von dort unmit­tel­bar zum Brief­kas­ten oder zur maß­geb­li­chen gericht­li­chen Ein­lauf­stel­le gebracht wird, das Post­aus­gangs­fach also die „letz­te Sta­ti­on” auf dem Weg zum Adres­sa­ten ist 6.

Dem Wie­der­ein­set­zungs­ge­such war im hier ent­schie­de­nen­FAll nicht zu ent­neh­men, dass sich der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers vor einer unbe­ab­sich­tig­ten Fehl­ein­tra­gung von Fris­ten und einer irr­tüm­li­chen Löschung bzw. Ein­tra­gung von Erle­di­gun­gen im elek­tro­ni­schen Fris­ten­ka­len­der hin­rei­chend geschützt hat. Der Umstand, dass es sich um Mas­sen­ver­fah­ren han­delt, ändert nichts an den den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers tref­fen­den Orga­ni­sa­ti­ons­ver­pflich­tun­gen. Denn gera­de in Mas­sen­ver­fah­ren trifft den Bevoll­mäch­tig­ten – wegen der gefahr­ge­neig­ten rou­ti­ne­ar­ti­gen Tätig­keit gera­de für sei­ne Beschäf­tig­ten – eine beson­de­re Orga­ni­sa­ti­ons­pflicht, die das Kon­trol­lie­ren von Feh­lern ermög­licht. Eine Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Frist zur Beschwer­de­be­grün­dung kommt des­halb nicht in Betracht.

Eines vor­he­ri­gen Hin­wei­ses an den gewerk­schaft­lich durch eine Rechts­an­wäl­tin ver­tre­te­nen Klä­ger auf den vor­er­wähn­ten Man­gel des Wie­der­ein­set­zungs­an­trags bedurf­te es nicht. Eine Hin­weis­pflicht besteht nur bezo­gen auf erkenn­bar unkla­re oder ergän­zungs­be­dürf­ti­ge Anga­ben 7. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen nicht vor. Die Anfor­de­run­gen, die die Recht­spre­chung an die orga­ni­sa­to­ri­schen Maß­nah­men bei der elek­tro­ni­schen Kalen­der­füh­rung stellt, sind bekannt und müs­sen einem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten auch ohne rich­ter­li­che Hin­wei­se geläu­fig sein. Wenn der Vor­trag in dem Wie­der­ein­set­zungs­ge­such dem nicht Rech­nung trägt, gibt dies kei­nen Hin­weis auf Unklar­hei­ten oder Lücken, die auf­zu­klä­ren oder zu fül­len wären, son­dern erlaubt den Schluss dar­auf, dass ent­spre­chen­de orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men gefehlt haben.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 3. Juli 2019 – 8 AZN 233/​19

  1. vgl. BAG 28.05.2009 – 2 AZR 548/​08, Rn. 14
  2. BAG 11.08.2011 – 9 AZN 806/​11, Rn. 6
  3. BGH 27.03.2012 – II ZB 10/​11, Rn. 7; 21.12 2010 – IX ZB 115/​10, Rn. 9
  4. BGH 28.02.2019 – III ZB 96/​18, Rn. 13; 12.04.2018 – V ZB 138/​17, Rn. 7
  5. BGH 28.02.2019 – III ZB 96/​18, Rn. 13; 12.04.2018 – V ZB 138/​17, Rn. 9
  6. BGH 27.03.2012 – II ZB 10/​11, Rn. 9
  7. vgl. hier­zu BGH 12.04.2018 – V ZB 138/​17, Rn. 12