Die gekün­dig­te Rege­lungs­ab­re­de – und die Fra­ge der Nach­wir­kung

Eine Rege­lungs­ab­re­de der Betriebs­par­tei­en wirkt nach einer Kün­di­gung nicht ent­spre­chend § 77 Abs. 6 BetrVG nach. Dies gilt auch, soweit die Rege­lungs­ab­re­de eine mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Ange­le­gen­heit betrifft.

Die gekün­dig­te Rege­lungs­ab­re­de – und die Fra­ge der Nach­wir­kung

§ 77 Abs. 6 BetrVG sieht die Nach­wir­kung nur für Rege­lun­gen einer erzwing­ba­ren Betriebs­ver­ein­ba­rung vor. Eine ent­spre­chen­de Anwen­dung die­ser Bestim­mung auf Rege­lungs­ab­re­den der Betriebs­par­tei­en schei­det aus. Soweit das Bun­des­ar­beits­ge­richt in der Ver­gan­gen­heit ange­nom­men hat, bei Rege­lungs­ab­re­den, die in einer mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen Ange­le­gen­heit getrof­fen wur­den, sei eine ana­lo­ge Anwen­dung von § 77 Abs. 6 BetrVG gerecht­fer­tigt 1, hält er hier­an nicht mehr fest.

Rege­lungs­ab­re­den kön­nen nach einer Kün­di­gung nicht ent­spre­chend § 77 Abs. 6 BetrVG nach­wir­ken, da die Vor­aus­set­zun­gen für eine Rechts­fort­bil­dung durch Ana­lo­gie nicht gege­ben sind 2. Die ana­lo­ge Anwen­dung einer Norm ver­langt nicht nur das Vor­lie­gen einer auf­grund kon­kre­ter Umstän­de posi­tiv fest­zu­stel­len­den plan­wid­ri­gen Lücke des Geset­zes, son­dern auch, dass der gesetz­lich unge­re­gel­te Fall nach Maß­ga­be des Gleich­heits­sat­zes und zur Ver­mei­dung von Wer­tungs­wi­der­sprü­chen nach der glei­chen Rechts­fol­ge ver­langt wie die geset­zes­sprach­lich erfass­ten Fäl­le 3. Hier­an fehlt es.

Nach § 77 Abs. 6 BetrVG gel­ten die Rege­lun­gen einer Betriebs­ver­ein­ba­rung nach deren Ablauf in Ange­le­gen­hei­ten, in denen ein Spruch der Eini­gungs­stel­le die Eini­gung zwi­schen Arbeit­ge­ber und Betriebs­rat erset­zen kann, wei­ter, bis sie durch eine ande­re Abma­chung ersetzt wer­den. Damit ord­net die Norm in mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen Ange­le­gen­hei­ten eine unmit­tel­ba­re – nicht mehr jedoch zwin­gen­de – Wei­ter­gel­tung nor­ma­tiv begrün­de­ter Rege­lun­gen für die Arbeit­neh­mer im Betrieb an. Wie die Geset­zes­ma­te­ria­len erken­nen las­sen 4, lehnt sich § 77 Abs. 6 BetrVG dabei zwar an § 4 Abs. 5 TVG an, geht jedoch – im Rah­men sei­nes auf erzwing­ba­re Betriebs­ver­ein­ba­run­gen beschränk­ten Anwen­dungs­be­reichs – in sei­ner Wir­kungs­wei­se über des­sen Reich­wei­te hin­aus. Wäh­rend ein ledig­lich nach­wir­ken­der Tarif­ver­trag nicht auf Arbeits­ver­hält­nis­se Anwen­dung fin­det, die erst im Nach­wir­kungs­zeit­raum begrün­det wer­den 5, erfas­sen die nach § 77 Abs. 6 BetrVG nach­wir­ken­den Nor­men einer in Ange­le­gen­hei­ten der erzwing­ba­ren Mit­be­stim­mung geschlos­se­nen Betriebs­ver­ein­ba­rung auch die im Wei­ter­gel­tungs­zeit­raum neu in den Betrieb ein­ge­stell­ten Arbeit­neh­mer. Damit ver­hin­dert die Vor­schrift nicht nur den Ein­tritt eines rege­lungs­lo­sen Zustands für bereits beschäf­tig­te Arbeit­neh­mer, son­dern sie bezweckt gleich­zei­tig die Wah­rung betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­cher Mit­be­stim­mungs­rech­te 6, indem sie den Bestim­mun­gen einer erzwing­ba­ren Betriebs­ver­ein­ba­rung nach deren Ablauf im gesam­ten Betrieb Wei­ter­gel­tung ver­schafft.

Die in § 77 Abs. 6 BetrVG ange­ord­ne­te Rechts­fol­ge der Wei­ter­gel­tung nor­ma­ti­ver Rege­lun­gen lässt sich auf Rege­lungs­ab­re­den der Betriebs­par­tei­en – selbst wenn die­se in einer mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen Ange­le­gen­heit getrof­fe­nen wur­den – nicht über­tra­gen. Im Gegen­satz zu einer Betriebs­ver­ein­ba­rung wir­ken die­se nicht nach § 77 Abs. 4 Satz 1 BetrVG unmit­tel­bar und zwin­gend auf die Arbeits­ver­hält­nis­se der Arbeit­neh­mer im Betrieb ein. Um eine recht­li­che Wir­kung auch gegen­über den Arbeit­neh­mern zu erzie­len, muss der Arbeit­ge­ber die mit dem Betriebs­rat ver­ein­bar­te Abspra­che ent­we­der ver­trags­recht­lich oder durch Aus­übung sei­nes Wei­sungs­rechts umset­zen. Eine "Wei­ter­gel­tung" der Rege­lungs­ab­re­de nach ihrem Ablauf könn­te damit nur schuld­recht­lich – also im Ver­hält­nis der Betriebs­par­tei­en zuein­an­der – wir­ken. Dies ord­net § 77 Abs. 6 BetrVG jedoch nicht an. Die gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Nach­wir­kung zielt auf die unmit­tel­ba­re Gel­tung von Rege­lun­gen im Ver­hält­nis zum Arbeit­neh­mer, nicht jedoch auf die Aus­ge­stal­tung des schuld­recht­li­chen Ver­hält­nis­ses der Betriebs­par­tei­en.

Dar­über hin­aus ist eine ana­lo­ge Anwen­dung von § 77 Abs. 6 BetrVG auf gekün­dig­te Rege­lungs­ab­re­den weder zur Wah­rung des Gleich­heits­sat­zes noch zur Ver­mei­dung von Wer­tungs­wi­der­sprü­chen erfor­der­lich.

Die nach Ablauf einer Betriebs­ver­ein­ba­rung ein­tre­ten­de recht­li­che Situa­ti­on unter­schei­det sich grund­le­gend von der nach Ablauf einer Rege­lungs­ab­re­de 7. Mit der Been­di­gung einer Betriebs­ver­ein­ba­rung ent­fal­len die durch sie begrün­de­ten und auf­grund ihrer nor­ma­ti­ven Wir­kung unmit­tel­bar für die Arbeits­ver­trags­par­tei­en gel­ten­den Rech­te und Pflich­ten – sofern nicht die Vor­aus­set­zun­gen des § 77 Abs. 6 BetrVG vor­lie­gen – ersatz­los. Ein ver­gleich­bar unge­re­gel­ter Zustand kann nach Been­di­gung einer Rege­lungs­ab­re­de nicht ein­tre­ten. Die in Umset­zung der Rege­lungs­ab­re­de bereits erfolg­ten ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer gel­ten viel­mehr auch nach deren Ablauf unver­än­dert wei­ter. Ent­spre­chen­des gilt, soweit der Arbeit­ge­ber die mit dem Betriebs­rat getrof­fe­ne Rege­lungs­ab­re­de durch Aus­übung sei­nes Wei­sungs­rechts umge­setzt hat. Die Been­di­gung einer Rege­lungs­ab­spra­che löst damit kei­nen – im Ver­hält­nis zu den Arbeit­neh­mern – rege­lungs­lo­sen Zustand aus.

Auch zur Wah­rung oder Sicher­stel­lung der Mit­be­stim­mungs­rech­te des Betriebs­rats bedarf es kei­ner Nach­wir­kung einer been­de­ten Rege­lungs­ab­re­de. Dem Arbeit­ge­ber obliegt es in die­sem Fall, sich um eine neue Eini­gung mit dem Betriebs­rat – erfor­der­li­chen­falls mit Hil­fe der Eini­gungs­stel­le – in der mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen Ange­le­gen­heit zu bemü­hen 8. Dem Betriebs­rat sei­ner­seits steht im Bereich der erzwing­ba­ren Mit­be­stim­mung ein Initia­tiv­recht und für den Fall, dass der Arbeit­ge­ber sich mit­be­stim­mungs­wid­rig ver­hält, die Mög­lich­keit zu, die betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Ord­nung über § 23 Abs. 3 BetrVG oder mit Hil­fe des all­ge­mei­nen Unter­las­sungs­an­spruchs sicher­zu­stel­len.

Unge­ach­tet des­sen bezieht sich die Rege­lungs­ab­re­de der Betei­lig­ten in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall nicht auf eine mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Ange­le­gen­heit. Bei Abschluss der Rege­lungs­ab­re­de war die Arbeit­ge­be­rin nor­ma­tiv an den FTV und damit auch an den LRTV gebun­den. Die­ser regel­te die betrieb­li­che Ver­gü­tungs­ord­nung abschlie­ßend iSv. § 87 Abs. 1 Ein­gangs­halbs. BetrVG und schloss daher ein Mit­be­stim­mungs­recht des Betriebs­rats nach § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG aus.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 13. August 2019 – 1 ABR 10/​18

  1. BAG 23.06.1992 – 1 ABR 53/​91, zu B II 2 der Grün­de[]
  2. im Ergeb­nis eben­so Kreutz GK-BetrVG 11. Aufl. § 77 Rn. 22, 445; Fit­ting 29. Aufl. § 77 Rn. 226; Richar­di in BetrVG/​Richardi 16. Aufl. § 77 Rn. 250; Galperin/​Löwisch 6. Aufl. § 77 Rn. 105; H/​W/​G/​N/​R/​H‑Worzalla 10. Aufl. § 77 Rn.190; Hein­ze NZA 1994, 580, 584; Raab SAE 1993, 171, 172; Pete­rek FS Gaul S. 492 ff.; Sen­ne Die Rege­lungs­ab­re­de S. 66 f.; Schmeis­ser Rege­lungs­ab­re­den der Betriebs­par­tei­en als Mit­tel und Grund­la­ge einer Abwei­chung von Geset­zes­recht S. 115 f.; Kiel­kow­ski Die betrieb­li­che Eini­gung S. 143; Krohm Wei­ter­gel­tung und Nach­wir­kung S. 143 ff.[]
  3. vgl. etwa BAG 27.06.2018 – 10 AZR 295/​17, Rn. 23 mwN, BAGE 163, 160[]
  4. vgl. BT-Drs. VI/​1786 S. 47[]
  5. vgl. BAG 2.03.2004 – 1 AZR 271/​03, zu I 2 der Grün­de mwN, BAGE 109, 369[]
  6. vgl. BAG 10.11.2009 – 1 AZR 511/​08, Rn. 14[]
  7. eben­so Fit­ting 29. Aufl. § 77 Rn. 226; Sen­ne Die Rege­lungs­ab­re­de S. 66 f.; Kiel­kowk­si Die betrieb­li­che Eini­gung S. 140; Krohm Wei­ter­gel­tung und Nach­wir­kung S. 144[]
  8. Fit­ting 29. Aufl. § 77 Rn. 226[]