Die hilfs­wei­se erklär­te ordent­li­chen Kün­di­gung – und ihre Bestimmt­heit

Die hilfs­wei­se erklär­te ordent­li­che Kün­di­gung ist auch dann wirk­sam, wenn dem Kün­di­gungs­schrei­ben nicht zu ent­neh­men ist, zu wel­chem Ter­min das Arbeits­ver­hält­nis gege­be­nen­falls ordent­lich been­det wer­den soll. Der von der Arbeit­ge­be­rin ange­streb­te Been­di­gungs­zeit­punkt ergibt sich aus der vor­ran­gig erklär­ten außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung.

Die hilfs­wei­se erklär­te ordent­li­chen Kün­di­gung – und ihre Bestimmt­heit

Eine Kün­di­gungs­er­klä­rung unter­liegt nicht der Trans­pa­renz­kon­trol­le nach § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB. Ein­sei­ti­ge Rechts­ge­schäf­te des Ver­wen­ders ent­hal­ten kei­ne All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen iSv. § 305 Abs. 1 Satz 1 BGB 1.

Eine Kün­di­gung muss als emp­fangs­be­dürf­ti­ge Wil­lens­er­klä­rung aber so bestimmt sein, dass der Emp­fän­ger Klar­heit über die Absich­ten des Kün­di­gen­den erhält. Der Kün­di­gungs­adres­sat muss erken­nen kön­nen, zu wel­chem Zeit­punkt das Arbeits­ver­hält­nis aus Sicht des Kün­di­gen­den been­det sein soll. Des­halb muss sich aus der Kün­di­gungs­er­klä­rung oder den Umstän­den erge­ben, ob eine frist­ge­mä­ße oder eine frist­lo­se Kün­di­gung gewollt ist 2. Im Fall einer ordent­li­chen Kün­di­gung genügt regel­mä­ßig die Anga­be des Kün­di­gungs­ter­mins oder der Kün­di­gungs­frist. Eine Kün­di­gung ist aller­dings nicht aus­le­gungs­fä­hig und damit nicht hin­rei­chend bestimmt, wenn in der Erklä­rung meh­re­re Ter­mi­ne für die Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses genannt wer­den und für den Erklä­rungs­emp­fän­ger nicht erkenn­bar ist, wel­cher Ter­min gel­ten soll 3.

Eine Kün­di­gung "zum nächst­zu­läs­si­gen Ter­min" ist mög­lich, wenn dem Erklä­rungs­emp­fän­ger die Dau­er der Kün­di­gungs­frist bekannt oder für ihn bestimm­bar ist 4. Eine sol­che Kün­di­gung ist typi­scher­wei­se dahin zu ver­ste­hen, dass der Kün­di­gen­de die Auf­lö­sung des Arbeits­ver­hält­nis­ses zu dem Zeit­punkt errei­chen will, der sich bei Anwen­dung der ein­schlä­gi­gen gesetz­li­chen, tarif­ver­trag­li­chen und/​oder ver­trag­li­chen Rege­lun­gen als recht­lich frü­hest­mög­li­cher Been­di­gungs­ter­min ergibt. Der vom Erklä­ren­den gewoll­te Been­di­gungs­ter­min ist damit objek­tiv ein­deu­tig bestimm­bar. Dies ist jeden­falls dann aus­rei­chend, wenn die recht­lich zutref­fen­de Frist für den Kün­di­gungs­adres­sa­ten leicht fest­stell­bar ist und nicht umfas­sen­de tat­säch­li­che Ermitt­lun­gen oder die Beant­wor­tung schwie­ri­ger Rechts­fra­gen erfor­dert 5. Die Ermitt­lung der maß­geb­li­chen Kün­di­gungs­frist kann sich aus Anga­ben im Kün­di­gungs­schrei­ben 6 oder aus einer ver­trag­lich in Bezug genom­me­nen tarif­li­chen Rege­lung erge­ben 7.

Im vor­lie­gen­den Fall kann dahin­ste­hen, ob die recht­lich zutref­fen­de Kün­di­gungs­frist für den Arbeit­neh­mer ange­sichts der "zum nächst­mög­li­chen Ter­min" erklär­ten Kün­di­gung leicht fest­stell­bar war.

Wird eine ordent­li­che Kün­di­gung nicht iso­liert erklärt, son­dern nur hilfs­wei­se für den Fall der Unwirk­sam­keit einer außer­or­dent­li­chen frist­lo­sen Kün­di­gung, ist der Kün­di­gungs­emp­fän­ger nicht im Unkla­ren dar­über, wann das Arbeits­ver­hält­nis nach Vor­stel­lung des Kün­di­gen­den enden soll. Die Been­di­gung soll offen­sicht­lich bereits mit Zugang der frist­lo­sen Kün­di­gung erfol­gen. Der Kün­di­gungs­emp­fän­ger muss und kann sich in sei­nem prak­ti­schen Han­deln auf die­sen Been­di­gungs­zeit­punkt ein­stel­len. Unter die­sen Umstän­den kommt es nicht dar­auf an, ob es ihm ohne Schwie­rig­kei­ten mög­lich ist, die Kün­di­gungs­frist der hilfs­wei­se erklär­ten ordent­li­chen Kün­di­gung zu ermit­teln 8. Das Abstel­len auf die Erklä­rung der frist­lo­sen Kün­di­gung ver­mei­det zudem einen Wer­tungs­wi­der­spruch zur Mög­lich­keit der Umdeu­tung einer außer­or­dent­li­chen in eine ordent­li­che Kün­di­gung zum nächst­zu­läs­si­gen Ter­min 9. Bei einer Umdeu­tung wäre die ordent­li­che Kün­di­gung nicht man­gels Anga­be der Kün­di­gungs­frist bzw. des Kün­di­gungs­ter­mins unwirk­sam 10.

Vor­lie­gend wur­de die streit­ge­gen­ständ­li­che ordent­li­che Kün­di­gung nur hilfs­wei­se erklärt. Die Arbeit­ge­be­rin hat pri­mär "außer­or­dent­lich frist­los aus wich­ti­gen Grün­den" gekün­digt. Der Arbeit­neh­mer als Kün­di­gungs­emp­fän­ger war damit nicht im Unkla­ren dar­über, wann das Arbeits­ver­hält­nis nach Vor­stel­lung der Arbeit­ge­be­rin been­det sein soll­te. Wegen der Erklä­rung der frist­lo­sen Kün­di­gung soll­te die Been­di­gung offen­sicht­lich mit Zugang des Schrei­bens ein­tre­ten.

Die ordent­li­che Kün­di­gung ent­hält auch kei­ne Bedin­gung, die ihrer Wirk­sam­keit im Wege stün­de. Auch eine "hilfs­wei­se" oder "vor­sorg­lich" erklär­te Kün­di­gung drückt den Wil­len des Arbeit­ge­bers aus, das Arbeits­ver­hält­nis zu been­den. Der Zusatz "hilfs­wei­se" oder "vor­sorg­lich" macht ledig­lich deut­lich, dass der Arbeit­ge­ber sich in ers­ter Linie auf einen ande­ren Been­di­gungs­tat­be­stand beruft, auf des­sen Rechts­wir­kun­gen er nicht ver­zich­ten will. Die "hilfs­wei­se" oder "vor­sorg­lich" erklär­te Kün­di­gung steht unter einer zuläs­si­gen auf­lö­sen­den Rechts­be­din­gung iSv. § 158 Abs. 2 BGB. Ihre Wir­kung endigt, wenn fest­steht, dass das Arbeits­ver­hält­nis bereits zu einem frü­he­ren Zeit­punkt auf­ge­löst wor­den ist 11. Die­se Bedin­gung ist im Streit­fall nicht ein­ge­tre­ten. Das Arbeits­ver­hält­nis der Par­tei­en ist nicht bereits durch die mit Schrei­ben vom 01.02.2013 erklär­te außer­or­dent­li­che Kün­di­gung als ein­zig mög­li­chen ande­ren Been­di­gungs­tat­be­stand auf­ge­löst wor­den.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 20. Janu­ar 2016 – 6 AZR 782/​14

  1. BAG 20.06.2013 – 6 AZR 805/​11, Rn. 13, BAGE 145, 249; 14.04.2011 – 6 AZR 727/​09, Rn. 29 mwN, BAGE 137, 347[]
  2. vgl. BAG 23.05.2013 – 2 AZR 54/​12, Rn. 46, BAGE 145, 184; 15.12 2005 – 2 AZR 148/​05, Rn. 24, BAGE 116, 336[]
  3. BAG 10.04.2014 – 2 AZR 647/​13, Rn. 18; 20.06.2013 – 6 AZR 805/​11, Rn. 15, BAGE 145, 249; zur Aus­leg­bar­keit einer ordent­li­chen Kün­di­gung mit feh­ler­haf­ter Kün­di­gungs­frist vgl. BAG 15.05.2013 – 5 AZR 130/​12, Rn. 16 f.[]
  4. BAG 20.06.2013 – 6 AZR 805/​11, Rn. 15, BAGE 145, 249[]
  5. BAG 10.04.2014 – 2 AZR 647/​13, Rn. 17; 23.05.2013 – 2 AZR 54/​12, Rn. 49, BAGE 145, 184[]
  6. vgl. BAG 20.06.2013 – 6 AZR 805/​11, Rn. 18, aaO[]
  7. vgl. BAG 10.04.2014 – 2 AZR 647/​13, Rn. 21 f.[]
  8. vgl. BAG 23.05.2013 – 2 AZR 54/​12, Rn. 50, BAGE 145, 184; Schiefer/​Borchard Anm. AP KSchG 1969 § 23 Nr. 50[]
  9. vgl. hier­zu BAG 25.10.2012 – 2 AZR 700/​11, Rn. 21, BAGE 143, 244; KR/​Friedrich/​Rinck 11. Aufl. § 13 KSchG Rn. 70 mwN[]
  10. zum Fall einer Anwen­dung der gesetz­li­chen Kün­di­gungs­frist vgl. BAG 12.05.2010 – 2 AZR 845/​08, Rn. 15, 39 f.[]
  11. BAG 10.04.2014 – 2 AZR 647/​13, Rn. 12 mwN[]