Die Kün­di­gung im Haus­brief­kas­ten

Gelangt ein Kün­di­gungs­schrei­ben in den Haus­brief­kas­ten eines Arbeit­neh­mers, kann er als Emp­fän­ger die­ser ver­kör­per­ten Kün­di­gungs­er­klä­rung eine nach­träg­li­che Kla­ge­zu­las­sung nicht allein dar­auf stüt­zen, die­ses Schrei­ben sei aus unge­klär­ten Grün­den nicht zu sei­ner Kennt­nis gelangt 1. Der Inha­ber eines Haus­brief­kas­tens muss grund­sätz­lich dafür Sor­ge tra­gen und Vor­sor­ge tref­fen, dass er von für ihn bestimm­te Sen­dun­gen Kennt­nis neh­men kann. Dies ent­spricht den Gepflo­gen­hei­ten des Ver­kehrs und wird von ihm erwar­tet 2.

Die Kün­di­gung im Haus­brief­kas­ten

Aller­dings hat der Emp­fän­ger einer Kün­di­gungs­er­klä­rung nur die übli­chen, für den Zugang von Sen­dun­gen nöti­gen Vor­keh­run­gen zu tref­fen 3. Allein eine Unauf­klär­bar­keit, ob und war­um ein Schrei­ben abhan­den gekom­men sein kann, indi­ziert nicht stets eine man­geln­de Sorg­falt und eine ver­schul­de­te Frist­ver­säum­nis des Emp­fän­gers. Es ist nicht gesi­chert, dass durch den Ein­wurf eines Schrei­bens in einen Haus­brief­kas­ten eines Arbeit­neh­mers er stets von ihm Kennt­nis hät­te neh­men kön­nen 4. Sol­che Schrei­ben kön­nen auch bei ein­wand­frei­er Orga­ni­sa­ti­on des Emp­fangs­be­reichs – bspw. durch Fremd­ver­schul­den – ver­lo­ren gehen oder zer­stört wer­den, ohne dass der Emp­fän­ger davon Kennt­nis erhält. Des­halb und im Hin­blick auf die Gewähr­leis­tung eines effek­ti­ven Rechts­schut­zes dür­fen – auch wenn der Arbeit­neh­mer als Emp­fän­ger eines sol­chen Schrei­bens die Beweis­last für eine unver­schul­de­te Frist­ver­säum­nis trägt 5 – an die Dar­le­gungs­last des Antrag­stel­lers bei der nach­träg­li­chen Kla­ge­zu­las­sung zwar stren­ge 6, aber kei­ne unzu­mut­ba­ren Anfor­de­run­gen gestellt wer­den. Aller­dings wird es regel­mä­ßig zur Dar­le­gung einer unver­schul­de­ten Frist­ver­säum­nis nicht aus­rei­chen, wenn sich ein Arbeit­neh­mer allein und pau­schal dar­auf beruft, ein Kün­di­gungs­schrei­ben sei weder von ihm noch von sei­ner Ehe­frau oder sei­ner Toch­ter im Haus­brief­kas­ten vor­ge­fun­den wor­den 7. Viel­mehr muss, da es nach der gesetz­li­chen For­mu­lie­rung auf die Anwen­dung „aller“ dem Arbeit­neh­mer zuzu­mu­ten­den Sorg­falt ankommt, grund­sätz­lich durch eine nähe­re Dar­stel­lung und Glaub­haft­ma­chung auch ein nahe­lie­gen­der – und ggf. ver­schul­de­ter – Ver­lust des Kün­di­gungs­schrei­bens in der Sphä­re des Kün­di­gungs­emp­fän­gers aus­ge­schlos­sen wer­den. Zu einem ent­spre­chen­dem Vor­trag gehört des­halb zumin­dest die Dar­le­gung, wer von den in Betracht kom­men­den Per­so­nen im frag­li­chen Zeit­raum den Brief­kas­ten geleert hat, ob – und ggf. wel­che – ande­re Post­sen­dun­gen oder Rekla­me sich im Brief­kas­ten befan­den und wie mit die­sen ver­fah­ren wur­de. Dies gilt um so mehr, wenn der Arbeit­neh­mer mit der Über­mitt­lung und dem Zugang einer Kün­di­gung rech­nen muss­te. In einem sol­chen Fall kann von ihm ein gestei­ger­tes Maß an Auf­merk­sam­keit, Sorg­falt und eine ent­spre­chen­de Dar­le­gung der Umstän­de im Pro­zess erwar­tet wer­den.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 28. Mai 2009 – 2 AZR 732/​08

  1. KR/​Friedrich 9. Aufl. § 5 KSchG Rn. 79; LAG Rhein­land-Pfalz 23. Mai 2008 – 10 Ta 64/​08 -[]
  2. KR/​Friedrich § 5 KSchG Rn. 79; LAG Hamm 11. April 1974 – 8 Ta 28/​74DB 1974, 1072; LAG Ber­lin 4. Janu­ar 1982 – 9 Ta 5/​81AP KSchG 1969 § 5 Nr. 3 = EzA KSchG § 5 Nr. 13; 4. Novem­ber 2004 – 6 Ta 1733/​04 – LAGE KSchG § 5 Nr. 109; LAG Rhein­land-Pfalz 27. Juli 2005 – 2 Ta 148/​05 -; 12. März 2007 – 11 Ta 217/​06 -; 23. Mai 2008 – 10 Ta 64/​08 -[]
  3. BGH 15. Juni 1994 – IV ZB 6/​94NJW 1994, 2898[]
  4. BGH 5. Okto­ber 2000 – X ZB 13/​00NJW-RR 2001, 571, 572[]
  5. vgl. ErfK/​Kiel 9. Aufl. § 5 KSchG Rn. 22; KR/​Friedrich § 5 KSchG Rn. 112[]
  6. vgl. MünchKommBGB/​Her­gen­rö­der 5. Aufl. § 5 KSchG Rn. 3 mwN[]
  7. LAG Rhein­land-Pfalz 27. Juli 2005 – 2 Ta 148/​05 -; KR/​Friedrich § 5 KSchG Rn. 79[]