Die Kün­di­gung im öffent­li­chen Dienst – und die Betei­li­gung des Per­so­nal­rats

Gem. § 68 Abs. 1 Nr. 2 Pers­VG MV unter­lie­gen Kün­di­gun­gen der Mit­be­stim­mung des Per­so­nal­rats. Sie bedür­fen sei­ner Zustim­mung (§ 62 Abs. 1 Pers­VG MV). Nach § 68 Abs. 7 Pers­VG MV ist eine durch den Arbeit­ge­ber aus­ge­spro­che­ne Kün­di­gung unwirk­sam, wenn die Per­so­nal­ver­tre­tung nicht oder nicht ord­nungs­ge­mäß betei­ligt wor­den ist.

Die Kün­di­gung im öffent­li­chen Dienst – und die Betei­li­gung des Per­so­nal­rats

Nach § 62 Abs. 2 Satz 1 Pers­VG MV unter­rich­tet der Lei­ter der Dienst­stel­le den Per­so­nal­rat von der beab­sich­tig­ten Maß­nah­me und bean­tragt sei­ne Zustim­mung. Die erfor­der­li­che Unter­rich­tung soll dem Per­so­nal­rat die Mög­lich­keit eröff­nen, sach­ge­recht zur Kün­di­gungs­ab­sicht Stel­lung zu neh­men. Dazu ist es not­wen­dig, dass der Lei­ter dem Per­so­nal­rat die für die Dienst­stel­le maß­geb­li­chen Kün­di­gungs­grün­de mit­teilt. Der Per­so­nal­rat ist ord­nungs­ge­mäß unter­rich­tet, wenn ihm der Lei­ter die aus der sub­jek­ti­ven Sicht der Dienst­stel­le tra­gen­den Umstän­de unter­brei­tet hat 1. Dar­auf, ob die­se Umstän­de auch objek­tiv geeig­net und aus­rei­chend sind, die Kün­di­gung zu stüt­zen, kommt es bei der Unter­rich­tung nicht an.

Feh­ler­haft ist die Unter­rich­tung, wenn der Dienst­herr dem Per­so­nal­rat bewusst einen unrich­ti­gen oder unvoll­stän­di­gen Sach­ver­halt unter­brei­tet oder einen für des­sen Ent­schlie­ßung wesent­li­chen, ins­be­son­de­re einen den Arbeit­neh­mer ent­las­ten­den Umstand ver­schwie­gen hat. Ent­hält der Dienst­herr dem Per­so­nal­rat bewusst ihm bekann­te und sei­nen Kün­di­gungs­ent­schluss bestim­men­de Tat­sa­chen vor, die nicht nur eine Ergän­zung oder Kon­kre­ti­sie­rung des mit­ge­teil­ten Sach­ver­halts dar­stel­len, son­dern die­sem erst das Gewicht eines Kün­di­gungs­grun­des ver­lei­hen, ist die Unter­rich­tung feh­ler­haft und die Kün­di­gung unwirk­sam 2.

Danach hat in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall das beklag­te Land Meck­len­burg-Vor­pom­mern den Per­so­nal­rat ord­nungs­ge­mäß unter­rich­tet. Es hat den aus sei­ner Sicht rele­van­ten Kün­di­gungs­sach­ver­halt, die Aus­wir­kun­gen auf die betrieb­li­chen Belan­ge sowie sei­ne der Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prü­fung zugrun­de lie­gen­den Erwä­gun­gen im Ein­zel­nen dar­ge­stellt. Die Unter­rich­tung ist nicht des­halb unvoll­stän­dig, weil das beklag­te Land nicht mit­ge­teilt hat, dass sich die Klä­ge­rin, falls ihr Arbeits­ver­hält­nis nicht gekün­digt wür­de, zur Rück­zah­lung des ent­stan­de­nen Scha­dens bereit erklärt hat­te. Dar­auf kam es dem Land ersicht­lich nicht an. Die – ohne­hin nur beding­te – Bereit­schaft zur Wie­der­gut­ma­chung des Scha­dens war aus sei­ner Sicht nicht geeig­net, das durch die Mani­pu­la­ti­on der Akten zer­stör­te Ver­trau­en wie­der­her­zu­stel­len.

Die Wirk­sam­keit der Kün­di­gung schei­tert im vor­lie­gen­den Fall auch nicht dar­an, dass der Beschluss der Eini­gungs­stel­le bei Zugang der Kün­di­gung – mög­li­cher­wei­se – noch nicht mit einer Begrün­dung ver­se­hen; vom Vor­sit­zen­den unter­schrie­ben und den Betei­lig­ten zuge­lei­tet wor­den war.

Der Lei­ter der Dienst­stel­le hat die Ange­le­gen­heit nach Ver­wei­ge­rung der Zustim­mung durch den Per­so­nal­rat gem. § 62 Abs. 3 Pers­VG MV der über­ge­ord­ne­ten Behör­de – dem zustän­di­gen Minis­te­ri­um – vor­ge­legt. Die­ses hat gem. § 62 Abs. 5 Pers­VG MV den Haupt­per­so­nal­rat betei­ligt und nach des­sen Wei­ge­rung, der Kün­di­gung zuzu­stim­men, die Eini­gungs­stel­le ange­ru­fen. Die­se hat mit Beschluss vom 26.01.2012 die Zustim­mung ersetzt. Män­gel im Ver­fah­ren sind weder gerügt noch objek­tiv erkenn­bar.

Mit der Beschluss­fas­sung durch die Eini­gungs­stel­le hat das per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­che Betei­li­gungs­ver­fah­ren sein Ende gefun­den. Für die Wirk­sam­keit der Kün­di­gung kommt es nicht dar­auf an, ob der Beschluss im Zeit­punkt des Zugangs der Kün­di­gung vom 20.02.2012 bereits schrift­lich begrün­det; vom Vor­sit­zen­den unter­schrie­ben und den Betei­lig­ten über­sandt wor­den war.

§ 64 Abs. 2 Satz 1 Pers­VG MV ent­schei­det die Eini­gungs­stel­le nach münd­li­cher Bera­tung durch Beschluss. Nach Abs. 3 Satz 1 der Rege­lung ist die­ser schrift­lich abzu­fas­sen, zu begrün­den und von dem Vor­sit­zen­den zu unter­zeich­nen.

Die Bestim­mun­gen ver­lan­gen nicht, dass das beklag­te Land vor einer Erklä­rung der Kün­di­gung die Zulei­tung des schrift­lich begrün­de­ten und unter­schrie­be­nen Beschlus­ses abwar­tet 3.

§ 64 Pers­VG MV dif­fe­ren­ziert zwi­schen der Ent­schei­dung der Eini­gungs­stel­le durch Beschluss mit Stim­men­mehr­heit als sol­cher (§ 64 Abs. 2) und der schrift­li­chen Abfas­sung, Begrün­dung und Über­sen­dung des Beschlus­ses an die Betei­lig­ten (§ 64 Abs. 3). Wort­laut und Sys­te­ma­tik der Rege­lun­gen ist nicht zu ent­neh­men, dass per­so­nel­le Maß­nah­men, die nach der abschlie­ßen­den Bera­tung und Ent­schei­dung der Eini­gungs­stel­le, aber vor Zulei­tung des begrün­de­ten Beschlus­ses getrof­fen wer­den, unwirk­sam wären. Die Betei­li­gung des Per­so­nal­rats in Form des Aus­tau­sches der für und gegen die Kün­di­gung spre­chen­den Argu­men­te ist in dem Zeit­punkt abge­schlos­sen, in dem die Eini­gungs­stel­le ihren Beschluss gefasst hat 4. Das gilt, sofern das Lan­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz – wie hier – kei­ne abwei­chen­de Rege­lung ent­hält, auch dann, wenn der Beschluss­te­nor als sol­cher nicht unter­schrie­ben ist. Sei­ne mit Unter­schrift des Vor­sit­zen­den ver­se­he­ne Begrün­dung und Zulei­tung an die Betei­lig­ten kön­nen das Ergeb­nis des Eini­gungs­stel­len­ver­fah­rens nicht mehr beein­flus­sen. Hat die Eini­gungs­stel­le die Zustim­mung des Per­so­nal­rats durch Beschluss ersetzt, erfolgt eine anschlie­ßend erklär­te Kün­di­gung nicht ohne das erfor­der­li­che Ein­ver­neh­men.

Auch Sinn und Zweck des Begrün­dungs­zwangs spre­chen für die­ses Ver­ständ­nis. Die Begrün­dung soll den Betei­lig­ten die maß­ge­ben­den Erwä­gun­gen der Eini­gungs­stel­le erläu­tern. Durch sie sol­len Trans­pa­renz her­ge­stellt, die Über­zeu­gungs­kraft des Beschlus­ses ver­stärkt und die gericht­li­che Kon­trol­le der Ent­schei­dung der Eini­gungs­stel­le erleich­tert wer­den 5. Für den Kün­di­gungs­ent­schluss des Arbeit­ge­bers und die mate­ri­el­le Berech­ti­gung der Kün­di­gung hat die Begrün­dung der Eini­gungs­stel­le hin­ge­gen kei­ne maß­ge­ben­de Bedeu­tung, wenn er – wie hier – dem Beschluss folgt. Auch für die nicht erzwun­ge­ne Zustim­mung des Per­so­nal­rats schreibt das Gesetz kei­ne Begrün­dung vor. Eine Ver­pflich­tung, die schrift­li­che Begrün­dung des Eini­gungs­stel­len­spruchs abzu­war­ten, hät­te ledig­lich ein Hin­aus­schie­ben der Kün­di­gungs­er­klä­rung zur Fol­ge. Das ohne­hin zeit­auf­wen­di­ge Mit­be­stim­mungs­ver­fah­ren dient nicht dem zeit­li­chen Auf­schub der Maß­nah­me, son­dern ihrer Bera­tung. Hat die­se ihren Abschluss gefun­den, besteht kein sach­li­cher Grund für ein wei­te­res Zuwar­ten 6.

Die­sem Ergeb­nis steht die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts 7 nicht ent­ge­gen. Danach ist ein Spruch der Eini­gungs­stel­le nur wirk­sam, wenn er schrift­lich nie­der­ge­legt und mit der Unter­schrift des Vor­sit­zen­den ver­se­hen bei­den Betriebs­par­tei­en zuge­lei­tet wor­den ist. Die Ent­schei­dun­gen betref­fen einen Spruch der betrieb­li­chen Eini­gungs­stel­le nach § 76 Abs. 3 Satz 4 BetrVG. Die in ihnen auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze las­sen sich nicht auf den vor­lie­gen­den Fall über­tra­gen. Gegen­stand der Eini­gungs­stel­len­ver­fah­ren in den vom Ers­ten Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fäl­len war der Abschluss einer Betriebs­ver­ein­ba­rung. Deren nor­ma­ti­ve Wir­kung kann aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit und Rechts­klar­heit erst mit der Zulei­tung eines form­wirk­sa­men Beschlus­ses der Eini­gungs­stel­le ein­tre­ten 8. Ein sol­ches Form­erfor­der­nis besteht für die Zustim­mungs­erset­zung durch die Eini­gungs­stel­le in per­so­nel­len Ange­le­gen­hei­ten nicht. Hier ersetzt der Beschluss der Eini­gungs­stel­le nicht etwa die dem Schrift­form­erfor­der­nis des § 623 BGB unter­lie­gen­de Kün­di­gungs­er­klä­rung, son­dern die Zustim­mung der zustän­di­gen Per­so­nal­ver­tre­tung. Die­se unter­liegt kei­nem Form­zwang 9.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 23. Janu­ar 2014 – 2 AZR 638/​13

  1. vgl. BAG 9.06.2011 – 2 AZR 284/​10, Rn. 46; zu § 102 BetrVG: BAG 22.04.2010 – 2 AZR 991/​08, Rn. 13 mwN[]
  2. vgl. BAG 9.06.2011 – 2 AZR 284/​10, Rn. 46[]
  3. vgl. zur Rechts­la­ge nach § 72 Abs. 3, Abs. 4 Pers­VG Bran­den­burg: BAG 2.02.2006 – 2 AZR 38/​05, Rn. 37 ff.; zur Rechts­la­ge nach §§ 58 ff. Brem­Pers­VG: BAG 26.09.2013 – 2 AZR 843/​12, Rn. 28 ff.[]
  4. vgl. BAG 26.09.2013 – 2 AZR 843/​12, Rn. 29; 2.02.2006 – 2 AZR 38/​05, Rn. 39[]
  5. vgl. BAG 26.09.2013 – 2 AZR 843/​12, Rn. 30[]
  6. vgl. BAG 26.09.2013 – 2 AZR 843/​12, Rn. 30; 2.02.2006 – 2 AZR 38/​05, Rn. 39[]
  7. BAG 14.09.2010 – 1 ABR 30/​09, BAGE 135, 285; 5.10.2010 – 1 ABR 31/​09, BAGE 135, 377[]
  8. BAG 14.09.2010 – 1 ABR 30/​09, Rn.19, aaO; vgl. für eine Dienst­ver­ein­ba­rung: BVerwG 20.12 1988 – 6 P 34.85[]
  9. BAG 26.09.2013 – 2 AZR 843/​12, Rn. 33[]