Die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge als Kün­di­gungs­grund

Einen die ordent­li­che bzw. – je nach den Umstän­den des Ein­zel­falls – frist­lo­se Kün­di­gung „an sich“ recht­fer­ti­gen­den Grund stel­len ua. (gro­be) Belei­di­gun­gen des Arbeit­ge­bers oder sei­ner Ver­tre­ter und Reprä­sen­tan­ten oder von Arbeits­kol­le­gen dar, die nach Form und Inhalt eine erheb­li­che Ehr­ver­let­zung für den Betrof­fe­nen bedeu­ten [1]. Ent­spre­chen­des gilt, wenn der Arbeit­neh­mer bewusst unwah­re Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen über sei­nen Arbeit­ge­ber oder Vor­ge­setz­te bzw. Kol­le­gen auf­stellt, ins­be­son­de­re wenn die Erklä­run­gen den Tat­be­stand der üblen Nach­re­de erfül­len.

Die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge als Kün­di­gungs­grund

Der Arbeit­neh­mer kann sich für ein sol­ches Ver­hal­ten regel­mä­ßig nicht auf sein Recht zur frei­en Mei­nungs­äu­ße­rung (Art. 5 Abs. 1 GG) beru­fen. Das Grund­recht ist nicht schran­ken­los gewähr­leis­tet [2].

Die Mei­nungs­frei­heit wird durch das Recht der per­sön­li­chen Ehre gemäß Art. 5 Abs. 2 GG beschränkt und muss mit die­sem in ein aus­ge­gli­che­nes Ver­hält­nis gebracht wer­den. Zwar dür­fen Arbeit­neh­mer – auch unter­neh­mens­öf­fent­lich – Kri­tik am Arbeit­ge­ber, ihren Vor­ge­setz­ten und den betrieb­li­chen Ver­hält­nis­sen üben und sich dabei auch über­spitzt äußern. In gro­bem Maße unsach­li­che Angrif­fe, die zur Unter­gra­bung der Posi­ti­on eines Vor­ge­setz­ten füh­ren kön­nen, muss der Arbeit­ge­ber aber nicht hin­neh­men [3]. Die Mei­nungs­frei­heit muss regel­mä­ßig dann zurück­tre­ten, wenn sich das in der Äuße­rung ent­hal­te­ne Wert­ur­teil als For­mal­be­lei­di­gung oder Schmäh­kri­tik erweist.

Aller­dings macht auch eine über­zo­ge­ne oder gar aus­fäl­li­ge Kri­tik eine Erklä­rung für sich genom­men noch nicht zur Schmä­hung. Hin­zu­tre­ten muss viel­mehr, dass bei der Äuße­rung nicht mehr die Aus­ein­an­der­set­zung in der Sache, son­dern die Dif­fa­mie­rung im Vor­der­grund steht, die den Betrof­fe­nen jen­seits pole­mi­scher und über­spitz­ter Kri­tik in ers­ter Linie her­ab­set­zen soll [4].

Für die Ermitt­lung des Aus­sa­ge­ge­halts einer schrift­li­chen Äuße­rung ist dar­auf abzu­stel­len, wie sie vom Emp­fän­ger ver­stan­den wer­den muss. Dabei ist eine iso­lier­te Betrach­tung eines umstrit­te­nen Äuße­rungs­teils regel­mä­ßig nicht zuläs­sig. Viel­mehr sind auch der sprach­li­che Kon­text und die sons­ti­gen erkenn­ba­ren Begleit­um­stän­de zu berück­sich­ti­gen [5]. Auch eine ein­ma­li­ge Ehr­ver­let­zung ist kün­di­gungs­re­le­vant und umso schwer­wie­gen­der, je unver­hält­nis­mä­ßi­ger und je über­leg­ter sie erfolg­te [6].

Zu berück­sich­ti­gen ist, dass gera­de Erklä­run­gen in lau­fen­den Gerichts­ver­fah­ren – etwa dem Kün­di­gungs­schutz­pro­zess selbst – durch ein berech­tig­tes Inter­es­se des Arbeit­neh­mers gedeckt sein kön­nen [7]. Par­tei­en dür­fen zur Ver­tei­di­gung ihrer Rech­te schon im Hin­blick auf den Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) alles vor­tra­gen, was als rechts, ein­wen­dungs- oder ein­re­de­be­grün­den­der Umstand pro­zesser­heb­lich sein kann [8]. Ein Pro­zess­be­tei­lig­ter darf auch star­ke, ein­dring­li­che Aus­drü­cke und sinn­fäl­li­ge Schlag­wor­te benut­zen, um sei­ne Rechts­po­si­ti­on zu unter­strei­chen, selbst wenn er sei­nen Stand­punkt vor­sich­ti­ger hät­te for­mu­lie­ren kön­nen. Das gilt jeden­falls so lan­ge, wie er die Gren­zen der Wahr­heits­pflicht ach­tet [9]. Äuße­run­gen in einem gericht­li­chen Ver­fah­ren über­schrei­ten nur in Aus­nah­me­fäl­len die Gren­zen des auf­grund der Mei­nungs­frei­heit Zuläs­si­gen. Gegen Pro­zess­be­haup­tun­gen kann nur dann recht­lich vor­ge­gan­gen wer­den, wenn die Unhalt­bar­keit der Äuße­rung auf der Hand liegt oder sich die Mit­tei­lung als miss­bräuch­lich dar­stellt [10]. Die blo­ße „Unan­ge­mes­sen­heit“ und „Unnö­tig­keit“ der Äuße­rung rei­chen dafür nicht aus [11]. Im Übri­gen gilt: wer sich bei zwei­fel­haf­ter Rechts­la­ge sei­nem Ver­trags­part­ner gegen­über auf einen objek­tiv ver­tret­ba­ren Rechts­stand­punkt stellt, han­delt nicht rechts­wid­rig, wenn er damit sei­nen Geg­ner zum Ein­len­ken ver­an­las­sen will [12]. Eine Schmäh­kri­tik liegt erst dann vor, wenn nicht mehr die Aus­ein­an­der­set­zung in der Sache, son­dern die Dif­fa­mie­rung der Per­son im Vor­der­grund steht [13].

Im vor­lie­gen­den Fall bedeu­te­te dies: Bei dem pro­zes­sua­len Vor­brin­gen der Arbeit­neh­me­rin, mit dem sie – für den Fall der Unan­wend­bar­keit des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes auf die Kün­di­gung – die Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung nach §§ 7 Abs. 1, 3, 1 AGG dar­zu­le­gen such­te, han­delt es sich weder um einen Vor­trag, des­sen Unhalt­bar­keit auf der Hand lag, was auch die Beklag­te nicht behaup­tet, noch um eine Schmäh­kri­tik des Vor­ge­setz­ten. Die Arbeit­neh­me­rin hat – nach ihrem Erle­ben – die Vor­gän­ge und das Kün­di­gungs­ge­spräch geschil­dert. Ob sich die­se Schil­de­rung – ggf. im Wege einer Beweis­auf­nah­me – als zutref­fend erwie­sen hät­ten, ist uner­heb­lich, jeden­falls ist nicht ersicht­lich, dass die Arbeit­neh­me­rin – erkenn­bar – völ­lig unhalt­ba­re Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen auf­ge­stellt hat. Die Äuße­run­gen in den klä­ge­ri­schen Schrift­sät­zen stel­len auch kei­ne Schmäh­kri­tik dar, viel­mehr eine an der Sache „Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung“ ori­en­tier­te Schil­de­rung des von der Arbeit­neh­me­rin wahr­ge­nom­me­nen Sach­ver­halts.

Arbeits­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 15. April 2015 – 26 Ca 947/​14

  1. vgl. BAG 10.12 2009 – 2 AZR 534/​08, Rn. 17 mwN, AP BGB § 626 Nr. 226 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 29[]
  2. vgl. BAG 7.12 2006 – 2 AZR 400/​05, AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 55 = EzA KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 70[]
  3. vgl. BAG 27.09.2012 – 2 AZR 646/​11, Rn. 22, AP BGB § 626 Nr. 240 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 43[]
  4. vgl. BVerfG 2.07.2013 – 1 BvR 1751/​12, Rn. 15, NJW 2013, 3021; BAG 29.08.2013 – 2 AZR 419/​12, Rn. 36, EzA KSchG § 9 nF Nr. 65; 7.07.2011 – 2 AZR 355/​10, Rn. 17, BAGE 138, 312[]
  5. vgl. BAG 7.07.2011 – 2 AZR 355/​10, Rn. 15, aaO mwN[]
  6. vgl. BAG 10.10.2002 – 2 AZR 418/​01, zu B I 3 a der Grün­de, EzA BGB 2002 § 626 Unkünd­bar­keit Nr. 1[]
  7. BAG 9.09.2010 – 2 AZR 482/​09, Rn. 12 mwN, AP KSchG 1969 § 9 Nr. 64 = EzA KSchG § 9 nF Nr. 60[]
  8. vgl. BAG 8.05.2014 – 2 AZR 249/​13, Rn. 24, NZA 2014, 1258 mit Hin­weis auf BVerfG 11.04.1991 – 2 BvR 963/​90, zu C II 3 der Grün­de[]
  9. vgl. BAG 8.05.2014 – 2 AZR 249/​13 – aaO[]
  10. vgl. BVerfG 2.07.2013 – 1 BvR 1751/​12, Rn.20, NJW 2013, 3021; BAG 31.07.2014 – 2 AZR 434/​13, Rn.20; 24.03.2011 – 2 AZR 674/​09, Rn. 22, AP KSchG 1969 § 9 Nr. 67 = EzA KSchG § 9 nF Nr. 62[]
  11. vgl. BVerfG 2.07.2013 – 1 BvR 1751/​12 – aaO[]
  12. vgl. BAG 8.05.2014 – 2 AZR 249/​13, Rn. 29, aaO[]
  13. vgl. BVerfG 2.07.2013 – 1 BvR 1751/​12, Rn. 15, aaO; BAG 29.08.2013 – 2 AZR 419/​12, Rn. 36, EzA KSchG § 9 nF Nr. 65; 7.07.2011 – 2 AZR 355/​10, Rn. 17, BAGE 138, 312[]