Die nach Lebens­al­ters­stu­fen gestaf­fel­te tarif­li­che Grund­ver­gü­tung

Der Arbeit­neh­mer kann eine Grund­ver­gü­tung nach der höchs­ten Lebens­al­ters­stu­fe bean­spru­chen, wenn die tarif­li­che Ver­gü­tungs­be­stim­mung mit dem Recht der Euro­päi­schen Uni­on unver­ein­bar ist.

Die nach Lebens­al­ters­stu­fen gestaf­fel­te tarif­li­che Grund­ver­gü­tung

Denn dies führt dazu, dass das Ver­gü­tungs­sys­tem jeden­falls inso­weit nach § 7 Abs. 2 AGG unwirk­sam ist. Die auf­grund der bei dem Arbeit­ge­be­rin bestehen­den Ent­loh­nungs­grund­sät­zen erfolg­te Ungleich­be­hand­lung des Arbeit­neh­mers kann für die Ver­gan­gen­heit nur so besei­tigt wer­den, dass auch ihm eine Grund­ver­gü­tung nach der höchs­ten Lebens­al­ters­stu­fe geleis­tet wird.

Die tarif­ver­trag­lich gere­gel­te Bemes­sung der Grund­ver­gü­tung iSd. § 25 Abs. 1 Buchst. a DRK-TV-O nach Lebens­al­ters­stu­fen in den ein­zel­nen Ver­gü­tungs­grup­pen ver­stößt gegen das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters, das in Art. 21 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on vom 12.12 2007 ver­an­kert und durch die Richt­li­nie 2000/​78/​EG des Rates vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung eines all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf kon­kre­ti­siert wor­den ist. Die nach Lebens­al­ters­stu­fen gestaf­fel­ten Ver­gü­tungs­grup­pen stel­len eine unmit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters iSv. Art. 2 RL 2000/​78 dar, die nicht nach Art. 6 Abs. 1 RL 2000/​78 gerecht­fer­tigt ist. Die­se durch den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in sei­ner Ent­schei­dung vom 08.09.2011 für § 27 Abschnitt A BAT erfolg­te Klä­rung1, trifft für die inso­weit inhalts­glei­che Rege­lung des § 26 Abs. 2 DRK-TV‑O glei­cher­ma­ßen zu. Als Rechts­fol­ge ist die Ver­gü­tungs­ord­nung jeden­falls inso­weit nach § 7 Abs. 2 AGG unwirk­sam2.

Die Besei­ti­gung der Ungleich­be­hand­lung führt zu einer Anpas­sung „nach oben”.

Dem steht die Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nicht ent­ge­gen. Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on kann die Ein­hal­tung des Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bots wegen Alters nur dadurch gewähr­leis­tet wer­den, dass den Ange­hö­ri­gen der benach­tei­lig­ten Grup­pe die­sel­ben Vor­tei­le gewährt wer­den wie die, in deren Genuss die Ange­hö­ri­gen der pri­vi­le­gier­ten Grup­pe kom­men. Das gilt jeden­falls solan­ge, wie kei­ne Maß­nah­men zur Her­stel­lung der Gleich­be­hand­lung erlas­sen wer­den. Die für die Ange­hö­ri­gen der bevor­zug­ten Grup­pe gel­ten­de Rege­lung bleibt, solan­ge das Uni­ons­recht nicht rich­tig durch­ge­führt ist, das ein­zig gül­ti­ge Bezugs­sys­tem. Die­se Lösung kommt jedoch nur dann zur Anwen­dung, wenn ein sol­ches gül­ti­ges Bezugs­sys­tem besteht. Ist es im Rah­men der natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten nicht mög­lich, eine Kate­go­rie bevor­zug­ter Begüns­tig­ter zu benen­nen, fehlt es an einem sol­chen Sys­tem3.

Auch wenn es auf­grund der tarif­li­chen Rege­lung zur Ermitt­lung der zutref­fen­den Lebens­al­ters­stu­fe – die im hier ent­schie­de­nen Fall ähn­lich aus­ge­stal­tet ist wie die §§ 27, 28 BBesG aF und § 27 BAT – poten­ti­ell zu einer Alters­dis­kri­mi­nie­rung eines jeden neu ein­ge­stell­ten Beschäf­tig­ten kommt und es des­halb an einem gül­ti­gen Bezugs­sys­tem fehlt4, ist damit ledig­lich eine „Anpas­sung nach oben” nicht aus Grün­den des Uni­ons­rechts gebo­ten5. Sie ist den natio­na­len Gerich­ten aber nicht ver­wehrt. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on über­lässt es in gefes­tig­ter Recht­spre­chung den natio­na­len Gerich­ten, im Rah­men ihrer Zustän­dig­kei­ten den recht­li­chen Schutz, der sich für den Ein­zel­nen aus dem Uni­ons­recht ergibt, zu gewähr­leis­ten und die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts zu garan­tie­ren6. Das natio­na­le Gericht ist in die­sem Fall nicht ver­pflich­tet, zuvor den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on um Vor­ab­ent­schei­dung zu ersu­chen7.

Die Ungleich­be­hand­lung des Arbeit­neh­mers in der Ver­gan­gen­heit kann vor­lie­gend nicht durch die Nicht­an­wen­dung des § 26 Abs. 2 DRK-TV‑O, son­dern nur dadurch besei­tigt wer­den, dass ihm für den in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Zeit­raum eine Grund­ver­gü­tung nach der höchs­ten Lebens­al­ters­stu­fe zu zah­len ist. Dies ist gerecht­fer­tigt, weil der Anspruch auf eine höhe­re Grund­ver­gü­tung dem Teil der zunächst beim DRK W beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer, für die der DRK-TV‑O nach dem eige­nen Vor­brin­gen des Arbeit­ge­be­rin nach wie vor Anwen­dung fin­det, die geleis­te­te höhe­re Grund­ver­gü­tung nicht mehr rück­wir­kend ent­zo­gen wer­den kann. Der Arbeit­ge­ber ist auf­grund der sechs­mo­na­ti­gen Aus­schluss­frist des § 65 Abs. 2 DRK-TV‑O gehin­dert, für den streit­be­fan­ge­nen Zeit­raum an älte­re Arbeit­neh­mer geleis­te­te Zah­lun­gen zurück zu for­dern. Zudem ist das berech­tig­te Ver­trau­en die­ses Arbeit­neh­mer­krei­ses auf die Wirk­sam­keit der Ver­gü­tungs­ord­nung zu schüt­zen, wel­ches weder von dem DRK W noch von dem Arbeit­ge­be­rin nach Inkraft­tre­ten des AGG am 1.08.2006 oder nach der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on in Sachen Hen­nigs und Mai8 mit­be­stim­mungs­ge­mäß geän­dert wur­de. Es ist auch nicht erkenn­bar, dass der Arbeit­ge­ber unge­ach­tet der zu beach­ten­den Grund­sät­ze des Ver­trau­ens­schut­zes rück­wir­kend eine dem Ver­bot der Alters­dis­kri­mi­nie­rung ent­spre­chend betrieb­li­che Rege­lung tref­fen will9.

Bei der Anrech­nung von Leis­tun­gen des Arbeit­ge­bers auf eine aus ande­ren Grün­den auf das Arbeits­ver­hält­nis anwend­ba­ren Ver­gü­tungs­re­ge­lung muss sich der Arbeit­neh­mer die­je­ni­gen Leis­tun­gen anrech­nen las­sen, die nach ihrem Zweck die Arbeits­leis­tung ver­gü­ten sol­len, die mit der nach dem ande­ren Ver­gü­tungs­sche­ma begrün­de­ten Zah­lung zu ver­gü­ten ist. Danach ist dem erkenn­ba­ren Zweck der Ent­gelt­leis­tun­gen, die der Arbeit­neh­mer nach dem Tarif­ver­trag begehrt, der zu ermit­teln­de Zweck der jewei­li­gen Leis­tung des Arbeit­ge­bers, die die­ser auf­grund ande­rer Rege­lun­gen erbracht hat – hier der geschlos­se­ne Arbeits­ver­trag, gegen­über­zu­stel­len. Besteht danach eine funk­tio­na­le Gleich­wer­tig­keit der zu ver­glei­chen­den Leis­tun­gen, ist die erbrach­te Leis­tung auf den zu erfül­len­den Anspruch anzu­rech­nen10.

Die Zah­lungs­an­sprü­che des Arbeit­neh­mers sind – anders als die Revi­si­on es meint – auch nicht ver­fal­len. Soweit der Arbeit­ge­ber sich auf § 21 Abs. 5 AGG stützt, ist die­se Bestim­mung Bestand­teil des vor­lie­gend nicht ein­schlä­gi­gen Drit­ten Abschnitts des AGG, der sich auf Ver­let­zun­gen des zivil­recht­li­chen Benach­tei­li­gungs­ver­bots in § 19 AGG bezieht. Auch die Aus­schluss­frist nach § 15 Abs. 4 Satz 1 AGG ist vor­lie­gend nicht anwend­bar. Der Arbeit­ge­ber über­sieht, dass der Arbeit­neh­mer weder einen Scha­dens­er­satz nach § 15 Abs. 1 AGG noch eine Ent­schä­di­gung nach § 15 Abs. 2 AGG, son­dern die Erfül­lung einer Haupt­leis­tungs­pflicht durch Zah­lung einer höhe­ren und dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en Ver­gü­tung ver­langt11.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 25. April 2017 – 1 AZR 427/​15

  1. EuGH 8.09.2011 – C‑297/​10 und – C‑298/​10 – [Hen­nigs und Mai], Slg. 2011, I‑7965, S. 12; zu §§ 27, 28 BbesG aF 19.06.2014 – C‑501/​12 ua. – [Specht ua.] Rn. 42 ff.; sh. auch BAG 10.11.2011 – 6 AZR 481/​09, Rn. 16
  2. zum inhalts­glei­chen § 26 Abschnitt A BAT vgl. BAG 10.11.2011 – 6 AZR 481/​09, Rn.19 mwN
  3. so zu §§ 27, 28 BBesG aF EuGH 19.06.2014 – C‑501/​12 ua. – [Specht ua.] Rn. 95 f. mwN; 28.01.2015 – C‑417/​13 – [Star­ja­kob] Rn. 47
  4. vgl. EuGH 19.06.2014 – C‑501/​12 ua. – [Specht ua.] Rn. 96
  5. dazu EuGH 22.06.2011 – C‑399/​09 – [Land­tová] Rn. 51 mwN, Slg. 2011, I‑5573
  6. EuGH 19.06.2014 – C‑501/​12 ua. – [Specht ua.] Rn. 94; 22.11.2005 – C‑144/​04 – [Man­gold] Rn. 77, Slg. 2005, I‑9981
  7. EuGH 19.01.2010 – C‑555/​07 – [Kücük­de­veci] Rn. 53, Slg. 2010, I‑365; BAG 14.05.2013 – 1 AZR 44/​12, Rn. 28, BAGE 145, 113
  8. EuGH 8.09.2011 – 2 – C‑297/​10 und 2 – C‑298/​10, Slg. 2011, I‑7965
  9. vgl. auch BAG 10.11.2011 – 6 AZR 481/​09, Rn. 24 ff. mwN
  10. vgl. BAG 18.04.2012 – 4 AZR 139/​10, Rn. 28, BAGE 141, 163
  11. vgl. BAG 18.02.2016 – 6 AZR 700/​14, Rn. 57, BAGE 154, 118