Die neu­er­li­che Kün­di­gung wäh­rend des Kündigungsschutzverfahrens

Auf­grund der ihm dazu erteil­ten Voll­macht ist der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Arbeit­neh­mers jeden­falls zum Emp­fang einer Kün­di­gung des Arbeit­ge­bers befugt.

Die neu­er­li­che Kün­di­gung wäh­rend des Kündigungsschutzverfahrens

Eine Pro­zess­voll­macht ermäch­tigt gemäß § 81 ZPO zu allen den Rechts­streit betref­fen­den Pro­zess­hand­lun­gen. Dies sind nach stän­di­ger Recht­spre­chung auch mate­ri­ell-recht­li­che Wil­lens­er­klä­run­gen, die sich auf den Gegen­stand des Rechts­streits bezie­hen, weil sie zur Rechts­ver­fol­gung inner­halb des Pro­zess­ziels oder zur Rechts­ver­tei­di­gung die­nen. Sol­che Erklä­run­gen sind von der Pro­zess­voll­macht umfasst, auch wenn sie außer­halb des Pro­zes­ses abge­ge­ben wer­den. Im glei­chen Umfang, in dem die Voll­macht zur Vor­nah­me von Pro­zess­hand­lun­gen berech­tigt, ist der Bevoll­mäch­tig­te auch befugt, Pro­zess­hand­lun­gen des Gerichts oder des Geg­ners ent­ge­gen­zu­neh­men. Bei der Abga­be einer Kün­di­gungs­er­klä­rung, die im Fall ihrer Wirk­sam­keit die gemäß § 256 Abs. 1 ZPO vom Arbeit­neh­mer erstreb­te Fest­stel­lung des Fort­be­stands eines Arbeits­ver­hält­nis­ses im Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung in den Tat­sa­chen­in­stan­zen hin­der­te und des­halb zur Abwehr sei­nes Fest­stel­lungs­be­geh­rens durch den Arbeit­ge­ber dient, han­delt es sich nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts und des Bun­des­ge­richts­hofs um eine sol­che „Pro­zess­hand­lung„1.

Für die danach bestehen­de Ermäch­ti­gung des Arbeit­neh­mer­ver­tre­ters zur Ent­ge­gen­nah­me von wei­te­ren Kün­di­gun­gen ist es ohne Belang, dass das frü­he­re Ver­fah­ren sei­ner­zeit beim Arbeits­ge­richt anhän­gig war. Es kann unter­stellt wer­den, dass die Pro­zess­voll­macht im Par­tei­pro­zess (§ 11 Abs. 1 Satz 1 ArbGG) auf die Abga­be von Wil­lens­er­klä­run­gen beschränkt und deren Emp­fang aus­ge­schlos­sen wer­den kann (§ 83 Abs. 2 ZPO). Im Zwei­fel wird die Voll­macht nach §§ 81, 82 ZPO unbe­schränkt erteilt2. Es ist weder vom Lan­des­ar­beits­ge­richt fest­ge­stellt noch von der Arbeit­ge­be­rin behaup­tet, dass die Pro­zess­voll­macht des Arbeit­neh­mer­ver­tre­ters im ers­ten Ver­fah­ren anfäng­lich beschränkt war.

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Zwar kann nach § 83 Abs. 2 ZPO eine Pro­zess­voll­macht im Par­tei­pro­zess – auch erst in des­sen Lauf – belie­big mit Wir­kung für das Außen­ver­hält­nis beschränkt und des­halb mög­li­cher­wei­se auch auf die Abga­be von mate­ri­ell-recht­li­chen Wil­lens­er­klä­run­gen begrenzt wer­den. Vor­aus­set­zung wäre aller­dings, dass die – nach­träg­li­che – Beschrän­kung dem Gericht und dem Geg­ner gegen­über unzwei­deu­tig zum Aus­druck gebracht wird3. Sol­ches folgt nicht dar­aus, dass der schwer­be­hind­fer­te Arbeit­neh­mer mit Schrei­ben an das Inte­gra­ti­ons­amt mit­ge­teilt hat, sein Anwalt sei für das behörd­li­che Zustim­mungs- und Wider­spruchs­ver­fah­ren nicht bevollmächtigt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 1. Okto­ber 2020 – 2 AZR 247/​20

  1. vgl. BAG 27.10.1988 – 2 AZR 160/​88, zu II 1 a der Grün­de; 20.05.1988 – 2 AZR 739/​87, zu II 7 der Grün­de; 21.01.1988 – 2 AZR 581/​86, zu B II 2 d der Grün­de, BAGE 57, 231; sh. auch BAG 10.08.1977 – 5 AZR 394/​76, zu I 1 a aa der Grün­de; BGH 18.12.2002 – VIII ZR 72/​02, zu II 2 a der Grün­de; 18.12.2002 – VIII ZR 141/​02, zu II 2 a der Grün­de; eben­so bereits RG 20.12.1902 – V 321/​02 – RGZ 53, 212; 18.02.1902 – III 424/​01 – RGZ 50, 426; 4.06.1901 – II 127/​01 – RGZ 48, 218; 22.01.1901 – V 426/​01 – RGZ 50, 138[]
  2. Musielak/​Voit/​Weth ZPO 17. Aufl. § 83 Rn. 3[]
  3. BGH 12.03.2019 – VI ZR 277/​18, Rn. 13 f.[]

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