Die Pflicht des Arbeit­ge­bers zur Urlaubs­ge­wäh­rung

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gemäß Art. 267 AEUV Fra­gen in Bezug auf die Pflicht des Arbeit­ge­bers zur Urlaubs­ge­wäh­rung zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

Die Pflicht des Arbeit­ge­bers zur Urlaubs­ge­wäh­rung
  1. Steht Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 04.11.2003 über bestimm­te Aspek­te der Arbeits­zeit­ge­stal­tung oder Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on (GRC) einer natio­na­len Rege­lung wie der in § 7 BUr­lG ent­ge­gen, die als Moda­li­tät für die Wahr­neh­mung des Anspruchs auf Erho­lungs­ur­laub vor­sieht, dass der Arbeit­neh­mer unter Anga­be sei­ner Wün­sche bezüg­lich der zeit­li­chen Fest­le­gung des Urlaubs die­sen bean­tra­gen muss, damit der Urlaubs­an­spruch am Ende des Bezugs­zeit­raums nicht ersatz­los unter­geht, und die den Arbeit­ge­ber damit nicht ver­pflich­tet, von sich aus ein­sei­tig und für den Arbeit­neh­mer ver­bind­lich die zeit­li­che Lage des Urlaubs inner­halb des Bezugs­zeit­raums fest­zu­le­gen?
  2. Falls die Fra­ge zu 1. bejaht wird:
    Gilt dies auch dann, wenn das Arbeits­ver­hält­nis zwi­schen Pri­vat­per­so­nen bestand?

In dem hier beim Bun­des­ar­beits­ge­richt zur Ent­schei­dung anste­hen­den Rechts­streit kommt es auf die Aus­le­gung von Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG und Art. 31 Abs. 2 GRC an.

Der Beklag­te bat den Klä­ger zwar mit Schrei­ben vom 23.10.2013 erfolg­los, sei­nen rest­li­chen Urlaub zu neh­men. Er gewähr­te die­sen jedoch nicht von sich aus, indem er die zeit­li­che Lage des Urlaubs ein­sei­tig und für den Klä­ger ver­bind­lich fest­leg­te.

Nach den natio­na­len Bestim­mun­gen waren die Urlaubs­an­sprü­che des Klä­gers mit Ablauf des Urlaubs­jah­res 2013 ver­fal­len. Er hat damit kei­nen Anspruch auf Abgel­tung des Urlaubs gemäß § 7 Abs. 4 BUr­lG. Nach § 7 Abs. 3 Satz 1 BUr­lG ver­fällt der im Urlaubs­jahr nicht genom­me­ne Urlaub des Arbeit­neh­mers grund­sätz­lich am Ende des Urlaubs­jah­res. § 7 BUr­lG kann nicht so aus­ge­legt wer­den, dass der Arbeit­ge­ber ver­pflich­tet ist, dem Arbeit­neh­mer die bezahl­te Frei­stel­lung auf­zu­zwin­gen, um so den Anspruchs­ver­lust am Ende des Bezugs­zeit­raums zu ver­hin­dern. Der Ver­fall tritt aller­dings dann nicht ein, wenn die Über­tra­gungs­vor­aus­set­zun­gen des § 7 Abs. 3 Satz 2 BUr­lG vor­lie­gen. Ist dies nicht der Fall und war der Arbeit­neh­mer in der Lage, sei­nen Urlaub im Urlaubs­jahr zu neh­men, geht sein Anspruch auf Erho­lungs­ur­laub am Ende des Urlaubs­jah­res unter. Dies gilt zwar auch dann, wenn er von sei­nem Arbeit­ge­ber recht­zei­tig vor Ablauf des Urlaubs­jah­res die Gewäh­rung des Urlaubs ver­langt hat­te. Aller­dings führt dies nicht zu einem Ver­lust auf bezahl­te Frei­stel­lung von der Ver­pflich­tung zur Arbeits­leis­tung. Gewährt der Arbeit­ge­ber trotz eines recht­zei­ti­gen Urlaubs­an­trags des Arbeit­neh­mers die­sem kei­nen Urlaub, tritt an die Stel­le des ver­fal­le­nen Urlaubs­an­spruchs ein Scha­dens­er­satz­an­spruch des Arbeit­neh­mers auf Gewäh­rung von Ersatz­ur­laub1. Der Arbeit­neh­mer hat dann Anspruch dar­auf, dass ihm der Ersatz­ur­laub im Umfang des ver­fal­le­nen Urlaubs gewährt wird.

Zu der Fra­ge zu 1.:

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat mit Urteil vom 20.07.2016 2 zwar fest­ge­stellt, dass Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG dahin aus­zu­le­gen ist, dass er natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten ent­ge­gen­steht, nach denen ein Arbeit­neh­mer, des­sen Arbeits­ver­hält­nis infol­ge sei­nes Antrags auf Ver­set­zung in den Ruhe­stand been­det wur­de und der nicht in der Lage war, sei­nen bezahl­ten Jah­res­ur­laub vor dem Ende die­ses Arbeits­ver­hält­nis­ses zu ver­brau­chen, kei­nen Anspruch auf eine finan­zi­el­le Ver­gü­tung für den nicht genom­me­nen Urlaub hat. Jedoch ist in der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on auch aner­kannt, dass Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG einer natio­na­len Rege­lung, die für die Wahr­neh­mung des mit die­ser Richt­li­nie aus­drück­lich ver­lie­he­nen Anspruchs auf bezahl­ten Jah­res­ur­laub Moda­li­tä­ten vor­sieht, die sogar den Ver­lust die­ses Anspruchs am Ende eines Bezugs­zeit­raums beinhal­ten, grund­sätz­lich nicht ent­ge­gen­steht, wenn der Arbeit­neh­mer tat­säch­lich die Mög­lich­keit hat­te, sei­nen Urlaubs­an­spruch wahr­zu­neh­men 3.

Die zu 1. gestell­te Fra­ge ist vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on noch nicht so ein­deu­tig beant­wor­tet wor­den, dass nicht die gerings­ten Zwei­fel an ihrer Beant­wor­tung bestehen. Im Schrift­tum wird aus dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 30.06.2016 4 teil­wei­se abge­lei­tet, der Arbeit­ge­ber sei gemäß Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG ver­pflich­tet, den Erho­lungs­ur­laub von sich aus ein­sei­tig zeit­lich fest­zu­le­gen. Ein Teil der natio­na­len Recht­spre­chung ver­steht die Aus­füh­run­gen des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on im Urteil vom 12.06.2014 5 so, dass der Min­dest­jah­res­ur­laub gemäß Art. 7 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG auch dann nicht mit Ablauf des Urlaubs­jah­res oder des Über­tra­gungs­zeit­raums ver­fal­len darf, wenn der Arbeit­neh­mer in der Lage war, sei­nen Urlaubs­an­spruch wahr­zu­neh­men 6.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ist als gesetz­li­cher Rich­ter iSd. Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG im Wege des Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens gemäß Art. 267 AEUV beru­fen, die Fra­ge abschlie­ßend zu klä­ren.

Zu der Fra­ge zu 2.:

Soll­te der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on anneh­men, die Rege­lun­gen in Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG oder Art. 31 Abs. 2 GRC sei­en so aus­zu­le­gen, dass sie einer natio­na­len Bestim­mung ent­ge­gen­ste­hen, die den Arbeit­ge­ber nicht ver­pflich­tet, dem Arbeit­neh­mer den Erho­lungs­ur­laub im Bezugs­zeit­raum not­falls auf­zu­zwin­gen, muss geklärt wer­den, ob die Wir­kung des Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG oder des Art. 31 Abs. 2 GRC auch dann anzu­neh­men ist, wenn der Arbeit­neh­mer bei einer Pri­vat­per­son beschäf­tigt war. Dies war hier der Fall. Der Beklag­te ist eine gemein­nüt­zi­ge Orga­ni­sa­ti­on des Pri­vat­rechts, des­sen Finan­zie­rung zwar größ­ten­teils aus öffent­li­chen Mit­teln erfolgt, der jedoch nicht mit beson­de­ren Rech­ten aus­ge­stat­tet ist, die über die­je­ni­gen hin­aus­ge­hen, die nach den Vor­schrif­ten für die Bezie­hun­gen zwi­schen Pri­va­ten gel­ten 7. Richt­li­ni­en wir­ken zwi­schen Pri­vat­per­so­nen grund­sätz­lich nicht unmit­tel­bar 8. Die Ent­schei­dung, ob gleich­wohl eine unmit­tel­ba­re Wir­kung von Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG oder Art. 31 Abs. 2 GRC auch im Ver­hält­nis zwi­schen Pri­vat­per­so­nen anzu­neh­men ist, obliegt jedoch nicht dem Bun­des­ar­beits­ge­richt, son­dern dem Gerichts­hof.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 13. Dezem­ber 2016 – 9 AZR 541/​15 (A)

  1. BAG 17.05.2011 – 9 AZR 197/​10, Rn. 11, BAGE 138, 58[]
  2. EuGH 20.07.2016 – C‑341/​15 – [Maschek] Rn. 30, 40[]
  3. EuGH 30.06.2016 – C‑178/​15 – [Sob­c­zy­szyn] Rn. 22; 10.09.2009 – C‑277/​08 – [Vicen­te Pere­da] Rn.19, Slg. 2009, I‑8405[]
  4. EuGH 30.06.2016 – C‑178/​15 – [Sob­c­zy­szyn][]
  5. EuGH 12.06.2014 – C‑118/​13 – [Boll­a­cke][]
  6. vgl. LAG Köln 22.04.2016 – 4 Sa 1095/​15, zu II 3 der Grün­de[]
  7. vgl. EuGH 12.07.1990 – C‑188/​89 – [Fos­ter ua.] Rn.20, Slg. 1990, I‑3313[]
  8. vgl. EuGH 14.07.1994 – C‑91/​92 – [Fac­ci­ni Dori] Rn.20 ff., Slg. 1994, I‑3325[]