Die Pro­be­zeit eines schwer­be­hin­der­ten Arbeit­neh­mers – und kein Prä­ven­ti­ons­ver­fah­ren

Der Arbeit­ge­ber ist nicht ver­pflich­tet, inner­halb der War­te­zeit nach § 1 Abs. 1 KSchG ein Prä­ven­ti­ons­ver­fah­ren nach § 84 Abs. 1 SGB IX durch­zu­füh­ren.

Die Pro­be­zeit eines schwer­be­hin­der­ten Arbeit­neh­mers – und kein Prä­ven­ti­ons­ver­fah­ren

Dies ergibt für das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Aus­le­gung von § 84 Abs. 1 SGB IX.

§ 84 Abs. 1 SGB IX knüpft mit dem Begriff der "per­so­nen, ver­hal­tens- oder betriebs­be­ding­ten" Schwie­rig­kei­ten an die Ter­mi­no­lo­gie des KSchG, näm­lich an die in § 1 Abs. 2 KSchG ver­wen­de­ten Begrif­fe "Grün­de … in der Per­son", "Grün­de … in dem Ver­hal­ten" und "drin­gen­de betrieb­li­che Erfor­der­nis­se" an. Soweit § 84 Abs. 1 SGB IX – anders als § 1 Abs. 2 KSchG – nicht das Vor­lie­gen von Kün­di­gungs­grün­den for­dert, son­dern Schwie­rig­kei­ten und damit Unzu­träg­lich­kei­ten, die noch nicht den Cha­rak­ter von Kün­di­gungs­grün­den auf­wei­sen, aus­rei­chen lässt, beruht dies dar­auf, dass das in § 84 Abs. 1 SGB IX gere­gel­te Ver­fah­ren ein prä­ven­ti­ves Ver­fah­ren ist, das dem Ent­ste­hen von Kün­di­gungs­grün­den zuvor­kom­men soll 1.

In der War­te­zeit nach § 1 Abs. 1 KSchG kommt es jedoch auf einen Kün­di­gungs­grund iSv. § 1 Abs. 2 KSchG nicht an. Viel­mehr sol­len die Par­tei­en wäh­rend die­ser Zeit prü­fen kön­nen, ob sie sich dau­er­haft ver­trag­lich bin­den wol­len 2. Die Bin­dung des Arbeit­ge­bers wäh­rend der War­te­zeit nach § 1 Abs. 1 KSchG ist mit Rück­sicht auf sei­nen Grund­rechts­schutz nach Art. 12 GG 3 gering aus­ge­prägt. Der Arbeit­ge­ber kann aus Moti­ven kün­di­gen, die weder auf per­so­nen, ver­hal­tens- noch betriebs­be­ding­ten Erwä­gun­gen beru­hen, solan­ge die Kün­di­gung nicht aus ande­ren Grün­den (zB §§ 138, 242 BGB) unwirk­sam ist. Es bedarf noch nicht ein­mal irgend­wie gear­te­ter "Schwie­rig­kei­ten im Arbeits­ver­hält­nis" iSv. § 84 Abs. 1 SGB IX.

Dies gilt auch dann, wenn es um die Kün­di­gung eines schwer­be­hin­der­ten Men­schen geht. Gemäß § 90 Abs. 1 Nr. 1 SGB IX gilt auch der prä­ven­ti­ve Kün­di­gungs­schutz schwer­be­hin­der­ter Men­schen nicht für Kün­di­gun­gen, die in den ers­ten sechs Mona­ten des Arbeits­ver­hält­nis­ses erfol­gen. Das Inte­gra­ti­ons­amt ist in die­sen Fäl­len vor Aus­spruch der Kün­di­gung nicht zu betei­li­gen. Der Arbeit­ge­ber hat sol­che Kün­di­gun­gen nach § 90 Abs. 3 SGB IX nur inner­halb von vier Tagen dem Inte­gra­ti­ons­amt anzu­zei­gen. Mit § 90 Abs. 1 Nr. 1 SGB IX hat der Gesetz­ge­ber die Grund­rechts­po­si­tio­nen des schwer­be­hin­der­ten Arbeit­neh­mers einer­seits und des Arbeit­ge­bers ande­rer­seits in einen dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ent­spre­chen­den Aus­gleich gebracht. Danach hat der Arbeit­ge­ber auch bei schwer­be­hin­der­ten Arbeit­neh­mern die Gele­gen­heit, die Ein­satz­mög­lich­kei­ten weit­ge­hend frei von Kün­di­gungs­be­schrän­kun­gen zu erpro­ben 4.

Dafür, dass § 84 Abs. 1 SGB IX den schwer­be­hin­der­ten Men­schen nicht vor einer Kün­di­gung schüt­zen soll, die – wie hier – vor Ablauf der in § 1 Abs. 1 KSchG bestimm­ten War­te­zeit von sechs Mona­ten aus­ge­spro­chen wird, spre­chen auch Grün­de der Prak­ti­ka­bi­li­tät der Rege­lung.

Ein Arbeit­ge­ber, der einen schwer­be­hin­der­ten Men­schen beschäf­tigt, ist nach § 84 Abs. 1 SGB IX nicht ohne Wei­te­res ver­pflich­tet, zu des­sen Guns­ten ein Prä­ven­ti­ons­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren. Hin­zu­kom­men muss, dass bereits Schwie­rig­kei­ten im Arbeits­ver­hält­nis des schwer­be­hin­der­ten Men­schen ein­ge­tre­ten sind. Dabei erschöpft sich das Prä­ven­ti­ons­ver­fah­ren nach § 84 Abs. 1 SGB IX nicht in einer blo­ßen Anhö­rung der in die­ser Bestim­mung genann­ten Teil­neh­mer. Viel­mehr hat der Arbeit­ge­ber mit der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung und den in § 93 SGB IX genann­ten Ver­tre­tun­gen sowie mit dem Inte­gra­ti­ons­amt alle Mög­lich­kei­ten und alle zur Ver­fü­gung ste­hen­den Hil­fen zur Bera­tung und mög­li­che finan­zi­el­le Leis­tun­gen zu erör­tern, mit denen die Schwie­rig­kei­ten besei­tigt wer­den kön­nen. § 84 Abs. 1 SGB IX erfor­dert damit einen umfas­sen­den wech­sel­sei­ti­gen Aus­tausch von Erkennt­nis­sen, zB über die Ursa­chen der Schwie­rig­kei­ten und über zur Ver­fü­gung ste­hen­de, auch mög­li­che finan­zi­el­le Hil­fen sowie der Auf­fas­sun­gen dazu, ob und ggf. mit wel­chen kon­kre­ten Maß­nah­men den im Ein­zel­fall bestehen­den Schwie­rig­kei­ten wirk­sam begeg­net wer­den kann. Ein sol­ches Ver­fah­ren ist zeit­auf­wän­dig und kann bei typi­sie­ren­der Betrach­tung nur dann sinn­voll prak­ti­ziert wer­den, wenn es nicht vor Ablauf der War­te­zeit nach § 1 Abs. 1 KSchG abge­schlos­sen sein muss. Andern­falls hin­ge der mit § 84 Abs. 1 SGB IX bezweck­te Schutz des schwer­be­hin­der­ten Men­schen davon ab, zu wel­chem Zeit­punkt inner­halb der War­te­zeit nach § 1 Abs. 1 KSchG sich die Schwie­rig­kei­ten im Arbeits­ver­hält­nis ein­stel­len und ob dann noch genü­gend Zeit ver­bleibt, das Prä­ven­ti­ons­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren. Dass der Gesetz­ge­ber den mit dem Prä­ven­ti­ons­ver­fah­ren nach § 84 Abs. 1 SGB IX ver­folg­ten Zweck, schwer­be­hin­der­te Men­schen vor einem Ver­lust des Arbeits­plat­zes zu schüt­zen, von der­ar­ti­gen Zufäl­lig­kei­ten abhän­gig machen woll­te, ist indes fern­lie­gend.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat­te nicht zu prü­fen, ob der Arbeit­ge­ber der Arbeit­neh­me­rin dadurch eine ange­mes­se­ne Vor­keh­rung iSv. Art. 5 Satz 1 der Richt­li­nie 2000/​78/​EG iVm. Art. 27 Abs. 1 Satz 2 Buchst. i, Art. 2 Unter­abs. 4 UN-BRK vor­ent­hal­ten hat­te, dass er ihr kei­ne län­ge­re Ein­ar­bei­tungs- bzw. Bear­bei­tungs­zeit zuge­bil­ligt hat­te. Hier­über haben die Par­tei­en nicht (mehr) gestrit­ten.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 21. April 2016 – 8 AZR 402/​14

  1. vgl. BAG 7.12 2006 – 2 AZR 182/​06, Rn. 30, BAGE 120, 293[]
  2. vgl. etwa BAG 20.02.2014 – 2 AZR 859/​11, Rn. 18 mwN, BAGE 147, 251[]
  3. vgl. hier­zu BAG 24.01.2008 – 6 AZR 96/​07, Rn. 35; 28.06.2007 – 6 AZR 750/​06, Rn. 40, BAGE 123, 191[]
  4. vgl. etwa BAG 24.01.2008 – 6 AZR 96/​07, Rn. 35; 28.06.2007 – 6 AZR 750/​06, Rn. 40, BAGE 123, 191[]