Die Stel­lung­nah­me des Betriebs­art­zes – und sei­ne tatrich­ter­li­che Wür­di­gung

Der Arbeit­ge­ber kann sei­ner pri­mä­ren Dar­le­gungs- bzw. sekun­dä­ren Behaup­tungs­last grund­sätz­lich auch dadurch genü­gen, dass er eine gut­ach­ter­li­che Stel­lung­nah­me des Betriebs­arz­tes über die Leis­tungs­un­fä­hig­keit des Arbeit­neh­mers vor­legt und sich, zumin­dest kon­klu­dent – des­sen Ein­schät­zun­gen zu eigen macht.

Die Stel­lung­nah­me des Betriebs­art­zes – und sei­ne tatrich­ter­li­che Wür­di­gung

Dabei darf jedoch nicht über­se­hen wer­den, dass es sich bei einer sol­chen Äuße­rung des Betriebs­arz­tes um ein Pri­vat­gut­ach­ten han­delt, das als qua­li­fi­zier­ter Par­tei­vor­trag zu wer­ten ist und dem in Bezug auf die Rich­tig­keit dar­in ent­hal­te­ner Anga­ben nicht die Kraft eines Beweis­mit­tels iSd. §§ 355 ff. ZPO zukommt 1.

Die gut­ach­ter­li­che Stel­lung­nah­me (hier: des Betriebs­arz­tes) begrün­det dem­entspre­chend – für sich genom­men – nach § 416 ZPO ledig­lich Beweis dafür, dass der Betriebs­arzt die in der Urkun­de ent­hal­te­nen Erklä­run­gen abge­ge­ben hat, nicht aber, dass die ihr zugrun­de geleg­ten Befun­de und Schluss­fol­ge­run­gen zutref­fend sind.

In einem gericht­li­chen Ver­fah­ren unter­liegt das von einem Betriebs­arzt im Rah­men einer Eig­nungs­un­ter­su­chung gefun­de­ne Ergeb­nis zur Leis­tungs­fä­hig­keit des Arbeit­neh­mers des­halb einer voll­um­fäng­li­chen gericht­li­chen Kon­trol­le 2. Als Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten im Sin­ne eines Beweis­mit­tels kann ein Pri­vat­gut­ach­ten grund­sätz­lich nur mit Zustim­mung bei­der Par­tei­en her­an­ge­zo­gen wer­den 3.

Eine eige­ne Beweis­auf­nah­me des Gerichts, ins­be­son­de­re die Ein­ho­lung eines gericht­li­chen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens, wird durch ein Pri­vat­gut­ach­ten allen­falls dann ent­behr­lich gemacht, wenn der Tatrich­ter allein schon auf­grund des Par­tei­vor­trags ohne Rechts­feh­ler zu einer zuver­läs­si­gen Beant­wor­tung der Beweis­fra­ge gelan­gen kann 4. Eine – unter­stellt – beson­de­re Sach­kun­de des Betriebs­arz­tes berech­tigt zu kei­ner abwei­chen­den Bewer­tung. Ins­be­son­de­re kommt nicht in Betracht, die Anfor­de­run­gen an das Maß eines vom Arbeit­ge­ber zu füh­ren­den Bewei­ses für die Rich­tig­keit der betriebs­ärzt­li­chen Ein­schät­zun­gen abzu­sen­ken. Dafür fehlt es an einer recht­li­chen Grund­la­ge und über­dies an einer hin­rei­chen­den Distanz des vom Arbeit­ge­ber beauf­trag­ten und bezahl­ten Arz­tes zu den Par­tei­en 5.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 22. August 2018 – 5 AZR 592/​17

  1. BAG 10.03.2015 – 3 AZR 56/​14, Rn. 59; BGH 14.03.2018 – V ZB 131/​17, Rn. 17 mwN[]
  2. im Ergeb­nis auch BAG 27.09.2012 – 2 AZR 811/​11, Rn. 22; 7.11.2002 – 2 AZR 475/​01, zu B I 3 b dd der Grün­de, BAGE 103, 277[]
  3. vgl. BGH 14.03.2018 – V ZB 131/​17, Rn. 17; 11.05.1993 – VI ZR 243/​92, zu II 3 b der Grün­de[]
  4. BGH 11.05.1993 – VI ZR 243/​92, zu II 3 b der Grün­de[]
  5. ähn­lich BVerwG 5.06.2014 – 2 C 22.13, Rn.20, BVerw­GE 150, 1, zum Beweis­wert post­be­triebs­ärzt­li­cher Gut­ach­ten im Ver­fah­ren zur Fest­stel­lung der Dienst­un­fä­hig­keit eines Beam­ten bei der Deut­schen Tele­kom AG[]