Die Tarif­fä­hig­keit einer Gewerk­schaft

Tarif­fä­hig­keit ist die recht­li­che Fähig­keit, durch Ver­ein­ba­rung mit dem sozia­len Gegen­spie­ler Arbeits­be­din­gun­gen tarif­ver­trag­lich mit der Wir­kung zu regeln, dass sie für die tarif­ge­bun­de­nen Per­so­nen unmit­tel­bar und unab­ding­bar wie Rechts­nor­men gel­ten.

Die Tarif­fä­hig­keit einer Gewerk­schaft

Sie ist Vor­aus­set­zung für den Abschluss von Tarif­ver­trä­gen 1.

Eine Arbeit­neh­mer­ver­ei­ni­gung ist tarif­fä­hig, wenn sie sich als sat­zungs­ge­mä­ße Auf­ga­be die Wahr­neh­mung der Inter­es­sen ihrer Mit­glie­der in deren Eigen­schaft als Arbeit­neh­mer gesetzt hat und wil­lens ist, Tarif­ver­trä­ge abzu­schlie­ßen. Sie muss frei gebil­det, geg­ner­frei, unab­hän­gig und auf über­be­trieb­li­cher Grund­la­ge orga­ni­siert sein und das gel­ten­de Tarif­recht als ver­bind­lich aner­ken­nen.

Zudem ist erfor­der­lich, dass die Arbeit­neh­mer­ver­ei­ni­gung ihre Auf­ga­be als Tarif­part­ne­rin sinn­voll erfül­len kann. Dazu gehö­ren die durch ihre Mit­glie­der ver­mit­tel­te Durch­set­zungs­kraft gegen­über dem sozia­len Gegen­spie­ler und eine gewis­se Leis­tungs­fä­hig­keit der Orga­ni­sa­ti­on 2.

Das Erfor­der­nis der Geg­ner­un­ab­hän­gig­keit ist nicht im for­ma­len, son­dern im mate­ri­el­len Sinn zu ver­ste­hen. Es soll sicher­stel­len, dass die Ver­ei­ni­gung durch ihre koali­ti­ons­mä­ßi­ge Betä­ti­gung zu einer sinn­vol­len Ord­nung des Arbeits­le­bens bei­tra­gen kann. Dabei schließt nicht jeg­li­che Beein­träch­ti­gung der Unab­hän­gig­keit die Gewerk­schafts­ei­gen­schaft aus. Die erfor­der­li­che Geg­ner­un­ab­hän­gig­keit fehlt (erst), wenn die Abhän­gig­keit vom sozia­len Gegen­spie­ler in der Struk­tur der Arbeit­neh­mer­ver­ei­ni­gung ange­legt und ver­ste­tigt und die eigen­stän­di­ge Inter­es­sen­wahr­neh­mung der Tarif­ver­trags­par­tei durch per­so­nel­le Ver­flech­tun­gen, auf orga­ni­sa­to­ri­schem Weg oder durch wesent­li­che finan­zi­el­le Zuwen­dun­gen ernst­haft gefähr­det ist. Dar­an ist ins­be­son­de­re zu den­ken, wenn sie sich im Wesent­li­chen nicht aus den Bei­trä­gen ihrer Mit­glie­der finan­ziert und des­halb zu befürch­ten ist, dass die Arbeit­ge­ber­sei­te durch Andro­hung der Zah­lungs­ein­stel­lung die Wil­lens­bil­dung auf Arbeit­neh­mer­sei­te beein­flus­sen kann 3.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 21. März 2018 – 10 ABR 62/​16

  1. vgl. BAG 31.01.2018 – 10 AZR 695/​16 (A), Rn.19; 14.12 2010 – 1 ABR 19/​10, Rn. 64 mwN, BAGE 136, 302[]
  2. st. Rspr., vgl. zB BAG 31.01.2018 – 10 AZR 695/​16 (A), Rn.20; 14.12 2010 – 1 ABR 19/​10, Rn. 67 mwN, aaO[]
  3. BAG 31.01.2018 – 10 AZR 695/​16 (A), Rn. 22; 5.10.2010 – 1 ABR 88/​09, Rn. 31 mwN, BAGE 136, 1[]