Die VBL-Ren­te im Ver­sor­gungs­aus­gleich – und das Rent­ner­pri­vi­leg

Es stellt eine unzu­läs­si­ge Rechts­aus­übung dar, wenn sich die VBL zum Zwe­cke der Ver­sa­gung des Rent­ner­pri­vi­legs auf die Über­gangs­vor­schrif­ten des § 48 Abs. 2 und 3 VersAus­glG beruft, auch wenn es an einem schuld­haf­ten Fehl­ver­hal­ten der VBL fehlt.

Die VBL-Ren­te im Ver­sor­gungs­aus­gleich – und das Rent­ner­pri­vi­leg

Vor Inkraft­tre­ten des Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ge­set­zes zum 1.09.2009 wur­de der Aus­gleich von bei der VBL erwor­be­nen Anwart­schaf­ten im Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­ren gemäß § 1 Abs. 3 Vers­orgAus­gl­Här­teG i.V.m. § 57 BeamtVG a.F. durch­ge­führt 1. Über die am 31.08.2009 außer Kraft getre­te­ne Rege­lung in § 1 Abs. 3 Vers­orgAus­gl­Här­teG fand dabei das so genann­te Pen­sio­nis­ten­pri­vi­leg des § 57 Abs. 1 Satz 2 BeamtVG in der Fas­sung vom 29.06.1998 auch in der Zusatz­ver­sor­gung ent­spre­chen­de Anwen­dung, wonach das Ruhe­ge­halt, das der ver­pflich­te­te Ehe­gat­te im Zeit­punkt der Wirk­sam­keit der Ent­schei­dung des Fami­li­en­ge­richts über den Ver­sor­gungs­aus­gleich erhielt, erst gekürzt wur­de, wenn aus der Ver­si­che­rung des berech­tig­ten Ehe­gat­ten eine Ren­te zu gewäh­ren war.

Damit kor­re­spon­die­rend ent­hiel­ten die vom Ver­wal­tungs­rat der VBL beschlos­se­nen Richt­li­ni­en zum Ver­sor­gungs­aus­gleich mit Stand vom Mai 2007 unter – II Ziff. 5 c)) eine Rege­lung, wonach die Ren­te beim Pflich­ti­gen nicht zu kür­zen war, solan­ge der Berech­tig­te noch kei­ne Ren­ten­leis­tun­gen aus dem im Ver­sor­gungs­aus­gleich erwor­be­nen Anrecht erhal­ten konn­te und der Pflich­ti­ge bei Rechts­kraft der Ent­schei­dung über den Ver­sor­gungs­aus­gleich bereits Rent­ner war.

Am 1.09.2009 trat das Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ge­setz in Kraft, das einen Ver­weis auf die Vor­schrif­ten des Beam­ten­ver­sor­gungs­ge­set­zes betref­fend das Pen­sio­nis­ten­pri­vi­leg nicht mehr vor­sah. Im Hin­blick hier­auf wur­de in die Sat­zung der VBL (VBLS) mit § 32 a eine Bestim­mung auf­ge­nom­men, die Rege­lun­gen für den Ver­sor­gungs­aus­gleich trifft. Da § 32 a Abs. 1 S. 1 VBLS auf das Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ge­setz ver­weist, sind auch des­sen Über­gangs­re­ge­lun­gen – ins­be­son­de­re § 48 VersAus­glG auf die Zusatz­ver­sor­gung anzu­wen­den.

Die­se führ­te in dem hier ent­schie­de­nen Streit­fall zur Anwen­dung neu­en Rechts. Da sein Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­ren mit am 28.08.2009 gestell­tem Schei­dungs­an­trag und mit­hin vor dem 1.09.2009 ein­ge­lei­tet wor­den war, wäre zwar gemäß § 48 Abs. 1 VersAus­glG grund­sätz­lich das bis zum 1.09.2009 gel­ten­de Recht und damit über die bis dahin gel­ten­den Richt­li­ni­en der VBL auch das Pen­sio­nis­ten­pri­vi­leg anzu­wen­den gewe­sen. § 48 VersAus­glG ent­hält aber in den Absät­zen 2 und 3 ergän­zen­de Bestim­mun­gen, die eine schnel­le Ein­füh­rung des neu­en Rechts gewähr­leis­ten sol­len 2. Gemäß § 48 Abs. 2 Nr. 2 VersAus­glG ist in Ver­fah­ren, die zwar gemäß § 48 Abs. 1 VersAus­glG vor dem 1.09.2009 ein­ge­lei­tet, aber wie im Fal­le des Rent­ners – nach dem 1.09.2009 aus­ge­setzt wur­den, aus­nahms­wei­se neu­es Recht anzu­wen­den.

Fer­ner erfüllt der Rent­ner die Vor­aus­set­zun­gen der wei­te­ren Aus­nah­me­vor­schrift des § 48 Abs. 3 VersAus­glG. Danach ist – auch bei vor dem 1.09.2009 ein­ge­lei­te­ten Ver­fah­ren – neu­es Recht anwend­bar, wenn am 31.08.2010 im ers­ten Rechts­zug noch kei­ne End­ent­schei­dung erlas­sen wur­de. Das Fami­li­en­ge­richt hat hier erst­mals mit Beschluss vom 19.05.2011 über den Ver­sor­gungs­aus­gleich ent­schie­den.

Ledig­lich­der für die Beam­ten­ver­sor­gung des Bun­des bestimm­te § 57 Abs. 1 Satz 2 Halb­satz 2 BeamtVG in der Fas­sung des Geset­zes vom 03.04.2009 3 bestimmt für Fäl­le, in denen der Anspruch auf Ruhe­ge­halt vor dem 1.09.2009 ent­stan­den und das Ver­fah­ren über den Ver­sor­gungs­aus­gleich zu die­sem Zeit­punkt bereits ein­ge­lei­tet war, die aus­nahms­lo­se Fort­gel­tung der frü­he­ren Rege­lung. Ein Anspruch des Rent­ners auf Anwen­dung des Pen­sio­nis­ten­pri­vi­legs im Rah­men sei­ner Zusatz­ver­sor­gung ergibt sich dar­aus aller­dings nicht, denn die­se Über­gangs­re­ge­lung gilt wie das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend dar­ge­legt hat – ledig­lich für Bun­des­be­am­te (vgl. § 1 Abs. 1 BeamtVG). Als das Fami­li­en­ge­richt mit Beschluss vom 19.05.2011 über den Ver­sor­gungs­aus­gleich ent­schied, waren sowohl die frü­her auf das Beam­ten­ver­sor­gungs­ge­setz ver­wei­sen­de Über­lei­tungs­vor­schrift des § 1 Abs. 3 Vers­orgAus­gl­Här­teG als auch die ent­spre­chen­de Richt­li­nie der VBL bereits außer Kraft getre­ten.

Inso­weit stellt die Beru­fung der VBL auf die Über­gangs­re­ge­lun­gen in § 48 Abs. 2 und 3 VersAus­glG dar, die ihr des­halb nach § 242 BGB ver­sagt ist.

Es stellt eine unzu­läs­si­ge Rechts­aus­übung dar, wenn sich die VBL auf die Über­gangs­vor­schrif­ten des § 48 Abs. 2 und 3 VersAus­glG beruft, auch wenn es an einem schuld­haf­ten Fehl­ver­hal­ten der VBL fehlt.

Eine unzu­läs­si­ge Rechts­aus­übung im Sin­ne von § 242 BGB setzt nicht zwin­gend vor­aus, dass schon die betref­fen­de Rechts­po­si­ti­on unred­lich, mit Schä­di­gungs­vor­satz oder sonst schuld­haft erwor­ben ist. Es kommt ledig­lich dar­auf an, ob bei objek­ti­ver Betrach­tung ein Ver­stoß gegen Treu und Glau­ben vor­liegt 4. Selbst wenn eine Rechts­po­si­ti­on nicht schuld­haft erlangt und die Rechts­aus­übung an sich nicht zu miss­bil­li­gen ist, kann sie unzu­läs­sig sein, wenn sich das Ver­hal­ten einer Par­tei unter Wür­di­gung der gesam­ten Fall­um­stän­de und der gegen­sei­ti­gen Par­tei­in­ter­es­sen als treu­wid­rig erweist. Eine sol­che Treu­wid­rig­keit kann ins­be­son­de­re auch erst in der Nut­zung eines unver­schul­det erreich­ten Rechts­vor­teils lie­gen, wenn die Inter­es­sen der Gegen­par­tei bei Gesamt­wür­di­gung der Fall­um­stän­de vor­ran­gig schutz­wür­dig erschei­nen.

So liegt es im Streit­fall. Das Gericht hat dar­auf abge­stellt, dass der Rent­ner das frü­her gel­ten­de Rent­ner­pri­vi­leg nach § 48 Abs. 2 und 3 VersAus­glG infol­ge der ver­zö­ger­ten Ent­schei­dung über sein Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­ren ein­bü­ßen wür­de und allei­ni­ger Grund für die­se Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung die Unwirk­sam­keit einer von der VBL erlas­se­nen Sat­zungs­be­stim­mung war. Die­se Fest­stel­lung des Beru­fungs­ge­richts hat die Revi­si­on nicht bean­stan­det. Auf die von ihr auf­ge­wor­fe­ne Rechts­fra­ge, ob das Fami­li­en­ge­richt frü­her über den Ver­sor­gungs­aus­gleich hät­te ent­schei­den kön­nen, kommt es inso­weit nicht an. Die vom Beru­fungs­ge­richt ohne Rechts­feh­ler ange­nom­me­ne Treu­wid­rig­keit im Sin­ne von § 242 BGB liegt dar­in, dass die VBL aus dem Umstand, dass wie der Bun­des­ge­richts­hof mit Urteil vom 14.11.2007 5 fest­ge­stellt hat der in § 79 Abs. 1 Satz 1 VBLS a.F. für die Berech­nung der Start­gut­schrif­ten ren­ten­fer­ner Ver­si­cher­ter maß­geb­li­che jähr­li­che Anteils­satz von 2, 25% zum Nach­teil Ver­si­cher­ter einen objek­ti­ven Ver­stoß gegen Art. 3 Abs. 1 GG bewirkt, gegen­über dem Rent­ner einen Vor­teil zu zie­hen sucht; die­se wäre nicht ent­stan­den, hät­te ihre Sat­zung zur Zeit der Aus­set­zung des Ver­fah­rens über den Ver­sor­gungs­aus­gleich nicht in der vom Bun­des­ge­richts­hof bean­stan­de­ten Wei­se gegen Art. 3 Abs. 1 GG ver­sto­ßen.

Ob ein auf Art. 3 Abs. 1 GG gestütz­ter Anspruch des Rent­ners auf Anwen­dung der ihn begüns­ti­gen­den Über­lei­tungs­vor­schrift des § 57 Abs. 1 Ziff. 2 Satz 2 Halb­satz 2 BeamtVG in der Fas­sung vom 03.04.2009 zu ver­nei­nen ist, kann nach allem offen blei­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Janu­ar 2016 – IV ZR 284/​13

  1. vgl. BGH, Urteil vom 28.09.1994 – IV ZR 208/​93, VersR 1995, 198 unter 3[]
  2. BT-Drs. 16/​11903 S. 56 f. zu § 48 VersAus­glG[]
  3. BGBl. I S. 700[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 12.11.2008 XII ZR 134/​04, NJW 2009, 1343 Rn. 41; BGH, Urteil vom 31.01.1975 – IV ZR 18/​74, BGHZ 64, 5, 9 24] m.w.N.; vgl. auch zum wider­sprüch­li­chen Ver­hal­ten – BGH, Urteil vom 16.07.2014 – IV ZR 73/​13, BGHZ 202, 102 Rn. 37[]
  5. BGH, Urteil vom 14.11.2007 – IV ZR 74/​06, BGHZ 174, 127[]