Die Ver­sor­gungs­an­stalt des Bun­des und der Län­der im Kar­tell­recht

Die Ver­sor­gungs­an­stalt des Bun­des und der Län­der (VBL) ist Unter­neh­men im Sin­ne des Kar­tell­rechts, wenn sie gegen­über aus­ge­schie­de­nen Betei­lig­ten Gegen­wert­for­de­run­gen gel­tend macht.

Die Ver­sor­gungs­an­stalt des Bun­des und der Län­der im Kar­tell­recht

In zwei jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Ver­fah­ren strei­ten die Par­tei­en über die Berech­ti­gung der VBL, nach § 23 Abs. 2 ihrer Sat­zung (VBLS) von Arbeit­ge­bern, die ihre Betei­li­gung bei der VBL gekün­digt haben, einen soge­nann­ten Gegen­wert als Aus­gleich für die bei der VBL ver­blei­ben­den Ver­sor­gungs­las­ten zu for­dern. Die beklag­ten Kran­ken­kas­sen haben nach Kün­di­gung ihrer Betei­li­gun­gen den gefor­der­ten Gegen­wert jeweils nur teil­wei­se gezahlt.

Das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he hat die bei­den auf Zah­lung des rest­li­chen Gegen­werts gerich­te­ten Kla­gen der VBL abge­wie­sen 1. Die Wider­kla­gen der Betei­lig­ten auf Rück­zah­lung bereits geleis­te­ter Zah­lun­gen hat das Ober­lan­des­ge­richt zugleich wegen einer Pro­zess­ver­ein­ba­rung als unzu­läs­sig ange­se­hen. Wei­ter hat das OLG Karls­ru­he die VBL u.a. dazu ver­ur­teilt, Zin­sen auf bereits geleis­te­te Zah­lun­gen zu erstat­ten, für die Zeit vor Erhe­bung der Wider­kla­ge aller­dings – unter Abwei­sung der wei­ter­ge­hen­den Zins­for­de­rung der Betei­lig­ten – nur nach berei­che­rungs­recht­li­chen Grund­sät­zen (zeit­ab­schnitts­wei­se zwi­schen 3,3% und 4,3% bzw. 4,1%); einen Zins­an­spruch auf kar­tell­recht­li­cher Grund­la­ge hat das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he dage­gen ver­neint, weil es sich bei der VBL nicht um ein Unter­neh­men im Sin­ne des Kar­tell­rechts han­de­le. Gegen die­se Urtei­le des Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he haben bei­de Par­tei­en Revi­si­on ein­ge­legt.

Die Revi­sio­nen der VBL gegen die Urtei­le des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he hat­ten kei­nen Erfolg. Der Bun­des­ge­richts­hof hat sei­ne Recht­spre­chung aus dem Okto­ber 2012 bestä­tigt, wonach die Rege­lung zum Gegen­wert in § 23 Abs. 2 VBLS in der für den Streit­fall maß­geb­li­chen Fas­sung von 2001 2 als all­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung unwirk­sam ist, weil sie den aus­ge­schie­de­nen Betei­lig­ten unan­ge­mes­sen benach­tei­ligt (dazu Pres­se­mit­tei­lung Nr. 169/​2012). Die nach Abschluss des Beru­fungs­ver­fah­rens beschlos­se­ne Neu­fas­sung des § 23 Abs. 2 Satz 3 VBLS vom 21. Novem­ber 2012, die mit Rück­wir­kung zum 1. Janu­ar 2001 den gegen die Wirk­sam­keit die­ser Bestim­mung bestehen­den Beden­ken Rech­nung tra­gen soll, konn­te in der Revi­si­ons­in­stanz vom Bun­des­ge­richts­hof nicht mehr berück­sich­tigt wer­den.

Die Revi­sio­nen der Betei­lig­ten hat­ten vor dem Bun­des­ge­richts­hof teil­wei­se Erfolg und führ­ten inso­weit zur Auf­he­bung der ange­foch­te­nen Ent­schei­dun­gen und Zurück­ver­wei­sung an das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he. Der Bun­des­ge­richts­hof hat zwar die Abwei­sung der Rück­zah­lungs­kla­gen als unzu­läs­sig bestä­tigt. Es ist aber nicht aus­zu­schlie­ßen, dass die Betei­lig­ten auf kar­tell­recht­li­cher Grund­la­ge wei­te­re Zin­sen auf die geleis­te­ten Gegen­wert­zah­lun­gen ver­lan­gen kön­nen.

Der Bun­des­ge­richts­hof beur­teil­te die VBL jeden­falls im Zusam­men­hang mit Gegen­wert­for­de­run­gen gegen frü­he­re Betei­lig­te als Unter­neh­men im Sin­ne des deut­schen Kar­tell­rechts. Die von der VBL als Grup­pen­ver­si­che­rungs­ver­trä­ge abge­schlos­se­nen Betei­li­gungs­ver­ein­ba­run­gen sind pri­vat­recht­li­cher, nicht hoheit­li­cher Natur. Es besteht auch kei­ne Pflicht­mit­glied­schaft bei der VBL. Die Zusatz­ver­sor­gung der VBL erfolgt in Form einer auch in der gewerb­li­chen Wirt­schaft übli­chen Betriebs­ren­te, die auch von pri­va­ten Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men ange­bo­ten wer­den kann. Auf die Finan­zie­rung der Zusatz­ver­sor­gung im Wege des Umla­ge­ver­fah­rens kommt es in die­sem Zusam­men­hang nicht an. Das Ergeb­nis, die VBL bei der Erhe­bung von Gegen­wert­for­de­run­gen als Unter­neh­men im Sin­ne des deut­schen Kar­tell­rechts ein­zu­stu­fen, steht auch im Ein­klang mit der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zum euro­päi­schen Kar­tell­recht, die auf­grund der vom Gesetz­ge­ber bezweck­ten Anglei­chung des natio­na­len an das euro­päi­sche Kar­tell­recht bei der Aus­le­gung des deut­schen Kar­tell­rechts zu berück­sich­ti­gen ist.

Man­gels ent­ge­gen­ste­hen­der Fest­stel­lun­gen in den bei­den Urtei­len des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he konn­te auch eine markt­be­herr­schen­de Stel­lung der VBL auf dem Markt für die Zusatz­ver­sor­gung von Beschäf­tig­ten des öffent­li­chen Diens­tes nicht aus­ge­schlos­sen wer­den. Daher kam in Betracht, dass die Ver­wen­dung der unzu­läs­si­gen All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gung des § 23 Abs. 2 VBLS 2001 einen Miss­brauch einer markt­be­herr­schen­den Stel­lung im Sinn von § 19 GWB dar­stel­len könn­te. Die Rück­zah­lungs­for­de­rung der Betei­lig­ten wäre dann nach § 33 Abs. 3 Satz 4 und 5 GWB ent­spre­chend § 288 BGB zu ver­zin­sen. Der Zins­satz beträgt nach Absatz 1 die­ser Vor­schrift fünf Pro­zent­punk­te über dem Basis­zins­satz, im Fall von Rechts­ge­schäf­ten, an denen kein Ver­brau­cher betei­ligt ist, aber für Ent­gelt­for­de­run­gen gemäß Absatz 2 acht Pro­zent­punk­te über dem Basis­zins­satz. Der Bun­des­ge­richts­hof hat klar­ge­stellt, dass eine Ver­zin­sung der Rück­zah­lungs­for­de­rung der Betei­lig­ten nach §33 Abs. 3 Satz 4 und 5 GWB gemäß § 288 Abs. 1 BGB auf fünf Pro­zent­punk­te über dem Basis­zins­satz ab Ent­ste­hung des Scha­dens begrenzt wäre. Die ent­spre­chen­de Anwen­dung des höhe­ren Zins­sat­zes in § 288 Abs. 2 BGB nach § 33 Abs. 3 Satz 5 GWB ist bei einem Ver­stoß gegen § 19 Abs. 1 GWB grund­sätz­lich auf Fäl­le beschränkt, in denen sich der Miss­brauch auf eine Ent­gelt­for­de­rung des Miss­brauchs­op­fers bezieht. Bei­spie­le sind die sys­te­ma­tisch ver­zö­ger­te Bezah­lung fäl­li­ger For­de­run­gen oder die miss­bräuch­li­che Erzwin­gung zu nied­ri­ger Ent­gel­te, etwa durch hohe Bezugs­ra­bat­te. Um eine sol­che Ent­gelt­for­de­rung han­delt es sich bei der gegen­über der VBL gel­tend gemach­ten Rück­zah­lungs­for­de­rung nicht.

Für die wei­te­re Behand­lung der Sache hat der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es der VBL selbst dann, wenn die Gel­tend­ma­chung der Gegen­wert­for­de­rung sich als Miss­brauch einer markt­be­herr­schen­den Stel­lung dar­stellt, aus kar­tell­recht­li­chen Grün­den nicht ver­wehrt wäre, die unwirk­sa­me Rege­lung rück­wir­kend durch eine neue Rege­lung zu erset­zen, die den bei­der­sei­ti­gen Inter­es­sen in ange­mes­se­ner Wei­se Rech­nung trägt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 6. Novem­ber 2013 – KZR 58/​11 "VBL-Gegen­wert" und KZR 61/​11

  1. OLG Karls­ru­he, Urtei­le vom 14.12.2011 – 6 U 193/​10 Kart. und 6 U 194/​10 Kart.[]
  2. § 23 VBLS 2001 (Aus­zug)

    (2) Zur Deckung der aus dem Anstalts­ver­mö­gen nach dem Aus­schei­den zu erfül­len­den Ver­pflich­tun­gen auf­grund von
    1. Leis­tungs­an­sprü­chen von Betriebs­ren­ten­be­rech­tig­ten aus einer Pflicht­ver­si­che­rung bzw. einer bei­trags­frei­en Ver­si­che­rung sowie
    2. Ver­sor­gungs­punk­ten von Anwart­schafts­be­rech­tig­ten und
    3. künf­ti­gen Leis­tungs­an­sprü­chen von Per­so­nen, die im Zeit­punkt des Aus­schei­dens aus der Betei­li­gung als Hin­ter­blie­be­ne in Fra­ge kom­men,

    hat der aus­schei­den­de Betei­lig­te einen von der Anstalt auf sei­ne Kos­ten zu berech­nen­den Gegen­wert zu zah­len. …

    (4) Der Gegen­wert ist inner­halb eines Monats nach Zugang der Mit­tei­lung über die Höhe des Gegen­werts zu zah­len. …
    …"[]