Die Ver­wal­tung als Klein­be­trieb

Die Kün­di­gungs­schutz­vor­schrif­ten fin­den gemäß § 23 KSchG kei­ne Anwen­dung bei Betrie­ben und Ver­wal­tun­gen, die weni­ger als 5 bzw. 10 Arbeit­neh­mer beschäf­ti­gen.

Die Ver­wal­tung als Klein­be­trieb

Bei der Beur­tei­lung, ob der für die­se Klein­be­triebs­klau­sel maß­geb­li­che Schwel­len­wert erreicht ist, ist im Bereich des öffent­li­chen Diens­tes auf die jewei­li­ge Ver­wal­tung abzu­stel­len, bei einem Zweck­ver­band mit­hin allein auf die Anzahl der bei die­sem Zweck­ver­band beschäf­tig­ten Mit­ar­bei­ter, die Mit­ar­bei­ter­zahl bei den an die­sem Zweck­ver­band betei­lig­ten Kör­per­schaf­ten ist dage­gen uner­heb­lich.

Dies ent­schied jetzt das Bun­des­ar­beits­ge­richt in dem Rechts­streit eines Kom­mu­nal­be­am­ten aus Baden-Würt­tem­berg. Der Klä­ger war haupt­be­ruf­lich als Kom­mu­nal­be­am­ter bei einer Gemein­de tätig und wur­de durch Bescheid vom 30. März 2007 zwangs­wei­se zur Ruhe gesetzt. Sei­ne hier­ge­gen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt erho­be­ne Kla­ge wur­de rechts­kräf­tig abge­wie­sen. Dane­ben war der Klä­ger seit dem 26. April 1996 ange­stell­ter Geschäfts­füh­rer bei den beklag­ten Zweck­ver­bän­den für Abwas­ser und Grup­pen­was­ser­ver­sor­gung. Mit Schrei­ben vom 11. April 2007 kün­dig­ten die bei­den Zweck­ver­bän­de das Anstel­lungs­ver­hält­nis ordent­lich zum 30. April 2007. Der Klä­ger hat Kün­di­gungs­schutz­kla­ge erho­ben. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge, wie zuvor bereits das Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg [1], abge­wie­sen:

Nach § 23 Abs. 1 Satz 2, 3 KSchG fin­det die Kün­di­gungs­schutz­be­stim­mun­gen der §§ 116 KSchG auf das Arbeits­ver­hält­nis der Par­tei­en kei­ne Anwen­dung. Der Kläger,so das Bun­des­ar­beits­ge­richt, war nicht in einer Ver­wal­tung beschäf­tigt, deren Arbeit­neh­mer­zahl den maß­geb­li­chen Schwel­len­wert über­stie­gen hät­te.

Im öffent­li­chen Dienst muss der Schwel­len­wert des § 23 KSchG in der „Ver­wal­tung“ über­schrit­ten wer­den, in der der Arbeit­neh­mer beschäf­tigt ist. Dabei ist jeden­falls eine Ein­heit, die als Arbeit­ge­ber eine eige­ne Rechts­per­sön­lich­keit auf­weist, als „Ver­wal­tung“ anzu­se­hen [2]. Die Ein­heit „Ver­wal­tung“ kann dem­nach in aller Regel nicht mehr Arbeit­neh­mer haben als jene Rechts­per­son. Der beklag­te Zweck­ver­bän­de waren als Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts nach § 3 GKZ BW je eigen­stän­di­ge juris­ti­sche Per­so­nen; als sol­che haben sie die Ver­trä­ge mit dem Klä­ger abge­schlos­sen. Da nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts Baden-Würt­tem­berg kei­ner der Beklag­ten die nach § 23 Abs. 1 KSchG erfor­der­li­che Beschäf­tig­ten­zahl auf­weist, schei­det die Gel­tung des § 1 KSchG bei einer allein auf den Arbeit­ge­ber begrenz­ten Betrach­tung des Schwel­len­werts aus.

In der Pri­vat­wirt­schaft kommt aller­dings aus­nahms­wei­se ein arbeit­ge­ber­über­grei­fen­der Kün­di­gungs­schutz in Betracht. Haben zwei oder meh­re­re Unter­neh­men die gemein­sa­me Füh­rung eines Betriebs – still­schwei­gend – ver­ein­bart, so dass der Kern der Arbeit­ge­ber­funk­tio­nen im sozia­len und per­so­nel­len Bereich von der­sel­ben insti­tu­tio­nel­len Lei­tung aus­ge­übt wird, ist von einem Gemein­schafts­be­trieb aus­zu­ge­hen. Das trifft nicht schon dann zu, wenn die Unter­neh­men z.B.(BAG, 18.01.1990 – 2 AZR 355/​89, AP KSchG 1969 § 23 Nr. 9 = EzA KSchG § 23 Nr. 9)).

Es kann dahin­ste­hen, ob sich die­se Über­le­gun­gen auf den öffent­li­chen Dienst der­ge­stalt über­tra­gen las­sen, dass meh­re­re recht­lich selb­stän­di­ge Ver­wal­tungs­trä­ger eine ein­heit­li­che Ver­wal­tung bil­den kön­nen. Es bedarf auch kei­nes nähe­ren Ein­ge­hens auf die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ver­nein­te Fra­ge, ob eine „Gemein­schafts­ver­wal­tung“ durch eine still­schwei­gen­de Füh­rungs­ver­ein­ba­rung gebil­det wer­den kann.

Der Schwel­len­wert des § 23 KSchG ist selbst dann nicht erreicht, wenn die Arbeit­neh­mer bei­der Beklag­ten berück­sich­tigt wer­den. Nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts beschäf­tig­ten die Beklag­ten zusam­men im Zeit­punkt der Kün­di­gung nach Maß­ga­be der gesetz­li­chen Berech­nungs­me­tho­de 4,5 Arbeit­neh­mer.

Die Vor­aus­set­zun­gen einer „Gemein­schafts­ver­wal­tung“ zwi­schen den Beklag­ten und der Gemein­de S. lie­gen, wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt zutref­fend aus­ge­führt hat, nicht vor. Die Beklag­ten und die Gemein­de S. ver­fol­gen je unter­schied­li­che Zwe­cke und unter­hal­ten dazu eine je eigen­stän­di­ge Orga­ni­sa­ti­on. Der Beklag­te zu 1. befasst sich mit Abwas­ser­ent­sor­gung, der Beklag­te zu 2. mit der Was­ser­ver­sor­gung. Bei­de Beklag­ten sind über­dies nicht nur für das Gebiet der Gemein­de S. zustän­dig, son­dern auch für die Gebie­te der übri­gen ihnen ange­schlos­se­nen Kom­mu­nen, bei denen es sich aus­weis­lich der Sat­zun­gen nur zum Teil um die­sel­ben han­delt. Die Ver­wal­tungs­zwe­cke sind damit sowohl sach­lich als auch räum­lich von­ein­an­der unter­schie­den. Sie sind auch nicht iden­tisch mit dem Ver­wal­tungs­zweck der Gemein­de S., die sämt­li­che Auf­ga­ben einer Gemein­de nach den Vor­schrif­ten des baden-würt­tem­ber­gi­schen Kom­mu­nal­rechts zu erfül­len hat. Ledig­lich in mar­gi­na­lem Umfang fin­det eine per­so­nel­le Zusam­men­ar­beit statt, deren finan­zi­el­le Abrech­nung frei­lich Aus­weis der Zuord­nung des jewei­li­gen Per­so­nal­ein­sat­zes nicht zu einem, son­dern zu drei getrennt von­ein­an­der auf­tre­ten­den Arbeit­ge­bern ist. Eine Ver­zah­nung der Ver­wal­tungs­ab­läu­fe ist nicht erkenn­bar.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg hat die hier gege­be­ne Form gemein­sa­men Wir­kens zutref­fend als unter­neh­me­ri­sche – hier: kom­mu­na­le – Zusam­men­ar­beit gewür­digt. Die Inter­es­sen­krei­se der betei­lig­ten Arbeit­ge­ber über­schnei­den sich nur an den Rän­dern. Die arbeits­or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ver­flech­tung ist dem­entspre­chend mar­gi­nal. Die orga­ni­sa­to­ri­sche und betrieb­li­che Tren­nung der Wir­kungs­fel­der ist – dem Zweck des Geset­zes (GKZ BW) gera­de ent­spre­chend – aus­drück­lich gere­gelt und beab­sich­tigt. Die jewei­li­gen betrieb­li­chen Zwe­cke – Abwas­ser­ent­sor­gung, Was­ser­ver­sor­gung und Gemein­de­ver­wal­tung – sol­len auf die­se Wei­se best­mög­lich gestal­tet wer­den kön­nen.

Eine ande­re, dem Klä­ger güns­ti­ge­re Bestim­mung des Ver­wal­tungs­be­griffs ist,l so das Bun­des­ar­beits­ge­richt, auch nicht aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den gebo­ten: Die Anknüp­fung des Schwel­len­werts an die Ver­wal­tung als maß­geb­li­che Ein­heit in § 23 KSchG ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Der Begriff der Ver­wal­tung lässt sich wie der des Betriebs im Wege ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung auf die Ein­hei­ten beschrän­ken, für deren Schutz die sog. Klein­be­triebs­klau­sel bestimmt ist. Eine Ver­let­zung des Gleich­heits­grund­sat­zes wird dadurch ver­mie­den [3].

Ohne Rechts­feh­ler hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt ange­nom­men, dass die Beklag­ten zu den Ein­hei­ten gehö­ren, auf die der Schutz­ge­dan­ke des § 23 Abs. 1 KSchG gera­de zutrifft. Auch in einer eigen­stän­di­gen Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts mit weni­gen Arbeits­kräf­ten kommt es eher als bei gro­ßen Ein­hei­ten auf Leis­tungs­fä­hig­keit und Per­sön­lich­keit jedes ein­zel­nen Mit­ar­bei­ters an, die die betrieb­li­che Zusam­men­ar­beit und die Außen­wir­kung ent­schei­dend prä­gen. Klei­ne Gemein­schaf­ten sind – wie der Streit­fall zeigt – anfäl­lig für Miss­stim­mun­gen und Que­re­len. Stö­run­gen und Aus­fäl­le las­sen sich nur schwer aus­glei­chen. Schließ­lich belas­tet auch der Ver­wal­tungs­auf­wand, den ein Kün­di­gungs­schutz­pro­zess mit sich bringt, eine klei­ne Kör­per­schaft in nicht uner­heb­li­chem Maße [4].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 5. Novem­ber 2009 – 2 AZR 383/​08

  1. Lan­des­ar­beits­ge­richts Baden-Würt­tem­berg – Kam­mern Frei­burg, Urteil vom 25. Janu­ar 2008 – 9 Sa 42/​07[]
  2. BAG, 21.02.2001 – 2 AZR 579/​99, BAGE 97, 141; APS/​Moll 3. Aufl. § 23 KSchG Rn. 20[]
  3. BVerfG, 27.01.1998 – 1 BvL 15/​87, BVerfGE 97, 169[]
  4. vgl. zu die­sen Kri­te­ri­en BVerfG, 27.01.1998 – 1 BvL 15/​87, BVerfGE 97, 169[]