Die arbeits­ver­trag­li­che Ver­wei­sung auf Tarif­ver­trag

Die in einem vor dem Jahr 2002 geschlos­se­nen Arbeits­ver­trag ent­hal­te­ne Ver­wei­sung auf die jewei­li­gen Ent­gelt­ta­rif­ver­trä­ge des Ein­zel­han­dels in Nord­rhein-West­fa­len ist im Sinn­de der frü­he­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts als eine Gleich­stel­lungs­ab­re­de aus­zu­le­gen.

Die arbeits­ver­trag­li­che Ver­wei­sung auf Tarif­ver­trag

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts galt die wider­leg­li­che Ver­mu­tung, dass es einem an arbeits­ver­trag­lich in Bezug genom­me­ne Tarif­ver­trä­ge gebun­de­nen Arbeit­ge­ber nur dar­um ging, durch die Bezug­nah­me die nicht orga­ni­sier­ten Arbeit­neh­mer mit den orga­ni­sier­ten hin­sicht­lich der Gel­tung des in Bezug genom­me­nen Tarif­werks gleich­zu­stel­len. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ging davon aus, mit einer sol­chen von einem tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­ge­ber gestell­ten Ver­trags­klau­sel sol­le ledig­lich die mög­li­cher­wei­se feh­len­de Gebun­den­heit des Arbeit­neh­mers an die im Arbeits­ver­trag genann­ten Tarif­ver­trä­ge ersetzt wer­den, um jeden­falls zu einer ver­trag­li­chen Anwen­dung des ein­schlä­gi­gen Tarif­ver­trags auf das betref­fen­de Arbeits­ver­hält­nis zu kom­men. Dar­aus hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Kon­se­quenz gezo­gen, auch ohne wei­te­re Anhalts­punk­te im Ver­trags­text oder in den Begleit­um­stän­den bei Ver­trags­schluss sei­en bei Tarif­ge­bun­den­heit des Arbeit­ge­bers an die in Bezug genom­me­nen Tarif­ver­trä­ge Bezug­nah­me­re­ge­lun­gen in aller Regel als sog. Gleich­stel­lungs­ab­re­den aus­zu­le­gen. Die Ver­wei­sung auf einen Tarif­ver­trag oder ein Tarif­werk in der jeweils gel­ten­den Fas­sung wur­de des­halb ein­schrän­kend dahin aus­ge­legt, die auf die­se Wei­se zum Aus­druck gebrach­te Dyna­mik sol­le nur so weit rei­chen, wie sie bei einem tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­neh­mer reicht, also dann enden, wenn der Arbeit­ge­ber wegen Weg­falls der eige­nen Tarif­ge­bun­den­heit nicht mehr nor­ma­tiv an künf­ti­ge Tarif­ent­wick­lun­gen gebun­den war. Ab die­sem Zeit­punkt sei­en die in Bezug genom­me­nen Tarif­ver­trä­ge nur noch sta­tisch anzu­wen­den.

Die­se Recht­spre­chung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt für ver­trag­li­che Bezug­nah­me­re­ge­lun­gen, die nach dem Inkraft­tre­ten der Schuld­rechts­re­form am 1.01.2002 ver­ein­bart wor­den sind, auf­ge­ge­ben. Er wen­det die Aus­le­gungs­re­gel aus Grün­den des Ver­trau­ens­schut­zes jedoch wei­ter­hin auf Bezug­nah­me­klau­seln an, die vor dem Inkraft­tre­ten der Schuld­rechts­re­form am 1.01.2002 ver­ein­bart wor­den sind1.

Eine nach dem 31.12 2001 geschlos­se­ne ver­trag­li­che Abre­de ist nicht mehr als sog. Gleich­stel­lungs­ab­re­de im Sin­ne der frü­he­ren Recht­spre­chung aus­zu­le­gen, son­dern stellt sich als eine unbe­ding­te zeit­dy­na­mi­sche Bezug­nah­me­re­ge­lung dar2.

Bei einer nach dem 31.12 2001 ver­ein­bar­ten Ände­rung eines von einem Arbeit­ge­ber vor dem 1.01.2002 geschlos­se­nen "Alt­ver­trags" kommt es für die Beur­tei­lung, ob die Aus­le­gungs­maß­stä­be für "Neu-" oder für "Alt­ver­trä­ge" maß­ge­bend sind, dar­auf an, ob die ver­trag­li­che Bezug­nah­me­re­ge­lung in der nach­fol­gen­den Ver­trags­än­de­rung zum Gegen­stand der rechts­ge­schäft­li­chen Wil­lens­bil­dung der betei­lig­ten Ver­trags­par­tei­en gemacht wor­den ist3. Allein eine Ver­trags­än­de­rung führt nicht not­wen­dig dazu, dass zugleich stets alle ver­trag­li­chen Rege­lun­gen des ursprüng­li­chen Arbeits­ver­trags erneut ver­ein­bart oder bestä­tigt wür­den. Ob eine sol­che Abre­de gewollt ist, ist anhand der kon­kre­ten Ver­trags­än­de­rung unter Berück­sich­ti­gung der Umstän­de des Ein­zel­falls zu beur­tei­len4. Ein deut­li­cher Aus­druck dafür, dass eine zuvor bestehen­de Ver­wei­sungs­klau­sel erneut zum Gegen­stand der rechts­ge­schäft­li­chen Wil­lens­bil­dung der Ver­trags­par­tei­en gemacht wor­den ist und die Par­tei­en trotz der geän­der­ten Geset­zes­la­ge auch nach dem Inkraft­tre­ten des Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts am 1.01.2002 aus­drück­lich an den zuvor getrof­fe­nen Abre­den fest­hal­ten, liegt bei­spiels­wei­se in der aus­drück­li­chen Erklä­rung, dass "alle ande­ren Ver­ein­ba­run­gen aus dem Anstel­lungs­ver­trag unbe­rührt blei­ben"5. Eine sol­che Rege­lung hin­dert die Annah­me eines "Alt­ver­tra­ges" und eine Rechts­fol­gen­kor­rek­tur unter dem Gesichts­punkt des Ver­trau­ens­schut­zes6.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 27. März 2018 – 4 AZR 151/​15

  1. st. Rspr., sh. nur BAG 11.12 2013 – 4 AZR 473/​12, Rn. 14 f. mwN, BAGE 147, 41 []
  2. ausf. BAG 18.04.2007 – 4 AZR 652/​05, Rn. 26, 28, BAGE 122, 74 []
  3. BAG 24.02.2010 – 4 AZR 691/​08, Rn. 25; 18.11.2009 – 4 AZR 514/​08, Rn. 23 bis 25, BAGE 132, 261 []
  4. BAG 19.10.2011 – 4 AZR 811/​09, Rn. 27 []
  5. vgl. BAG 30.07.2008 – 10 AZR 606/​07, Rn. 49, BAGE 127, 185 []
  6. BAG 18.11.2009 – 4 AZR 514/​08, Rn. 25, aaO []