Ehren­amt­li­che Rich­ter beim Arbeits­ge­richt – und der gesetz­li­che Rich­ter

Nach § 39 Satz 1 ArbGG sol­len die ehren­amt­li­chen Rich­ter zu den Sit­zun­gen nach der Rei­hen­fol­ge einer Lis­te her­an­ge­zo­gen wer­den, die der Vor­sit­zen­de vor Beginn des Geschäfts­jah­res oder vor Beginn der Amts­zeit neu beru­fe­ner ehren­amt­li­cher Rich­ter auf­stellt.

Ehren­amt­li­che Rich­ter beim Arbeits­ge­richt – und der gesetz­li­che Rich­ter

Damit soll erreicht wer­den, dass bestimm­te all­ge­mein­gül­ti­ge, nicht auf die Par­tei­en des ein­zel­nen Rechts­streits abge­stell­te Grund­sät­ze ange­wen­det wer­den, nach denen die ein­zel­nen ehren­amt­li­chen Rich­ter zu den Sit­zun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts her­an­ge­zo­gen wer­den [1].

Das Gericht ist an die Lis­te gebun­den; ein Über­ge­hen des als nächs­ten in der Lis­te auf­ge­führ­ten ehren­amt­li­chen Rich­ters ist nur dann zuläs­sig, wenn die­ser aus tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Grün­den ver­hin­dert ist, an der Sit­zung teil­zu­neh­men [2].

Aller­dings liegt eine Ver­let­zung von Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nicht schon dann vor, wenn der auf der Lis­te Nächs­tauf­ge­führ­te ver­se­hent­lich oder irr­tüm­lich über­gan­gen wird, son­dern nur dann, wenn die Lis­ten­rei­hen­fol­ge will­kür­lich nicht ein­ge­hal­ten wird [3].

Danach waren im hier ent­schie­de­nen Fall die an der anzu­fech­ten­den Ent­schei­dung betei­lig­ten ehren­amt­li­chen Rich­te­rin­nen nicht unter Ver­stoß gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG her­an­ge­zo­gen wor­den. Dem Vor­brin­gen des inso­weit dar­le­gungs- und beweis­pflich­ti­gen Klä­gers ist kein zwin­gen­der Anhalts­punkt dafür zu ent­neh­men, dass die Kam­mer am 30.03.2015 nicht vor­schrifts­mä­ßig besetzt gewe­sen wäre. Auf der – vom Klä­ger nicht bean­stan­de­ten – Lis­te der ehren­amt­li­chen Rich­ter sind die zu der Sit­zung vom 30.03.2015 hin­zu­ge­zo­ge­nen ehren­amt­li­chen Rich­te­rin­nen jeweils, ent­spre­chend ihrer Zuord­nung zum Kreis der Arbeit­neh­mer­ver­tre­ter bzw. dem der Arbeit­ge­ber­ver­tre­ter, unter der lau­fen­den Nr. 10 auf­ge­führt. Bei­de ehren­amt­li­chen Rich­te­rin­nen wur­den am 8.12.2014 für den 30.03.2015 gela­den und haben ihre Zusa­ge erteilt. In einer vom Klä­ger bei­gebrach­ten Über­sicht sind vor dem 30.03.2015 – für das Jahr 2015 – neun wei­te­re plan­mä­ßi­ge „Ter­mins­ta­ge“ ver­merkt, dar­un­ter ein durch­ge­stri­che­ner, mit dem Zusatz: „auf­ge­ho­ben“ ver­se­he­ner Ter­min vom 12.01.2015. Dem Beschwer­de­vor­brin­gen ist nicht zu ent­neh­men, dass einer der unter den Nr. 1 bis 9 der Lis­te auf­ge­führ­ten ehren­amt­li­chen Rich­ter bereits zu einem frü­he­ren Zeit­punkt als dem 8.12.2014 sei­ne Ver­hin­de­rung für einen Ver­hand­lungs­tag ange­zeigt hät­te, der vor dem 30.03.2015 liegt. Das gilt ins­be­son­de­re für die Beset­zung der Beru­fungs­kam­mer am 2.03.2015. Soweit anstel­le des für die­sen Ver­hand­lungs­tag plan­mä­ßig vor­ge­se­he­nen ehren­amt­li­chen Rich­ters L auf Arbeit­ge­ber­sei­te die ehren­amt­li­che Rich­te­rin S gela­den wor­den ist, erfolg­te dies laut ent­spre­chen­dem Ver­merk der Geschäfts­stel­le am 15.12.2014 und dem­zu­fol­ge nach der Ladung der ehren­amt­li­chen Rich­te­rin M zur Sit­zung am 30.03.2015. Ob es für die Annah­me eines Ver­hin­de­rungs­falls aus­reicht, wenn ein gemäß § 39 Satz 1 ArbGG her­an­zu­zie­hen­der Rich­ter gegen­über einer Mit­ar­bei­te­rin der Geschäfts­stel­le fern­münd­lich erklärt, er sei an dem vor­ge­se­he­nen Sit­zungs­tag vor­aus­sicht­lich wegen Urlaubs oder ande­rer Ter­mi­ne ver­hin­dert, bedarf hier kei­ner Ent­schei­dung. Selbst wenn auf­grund sol­cher Umstän­de – was bei objek­tiv gege­be­ner Ver­hin­de­rung fern­liegt – von einer feh­ler­haf­ten Beset­zung der Rich­ter­bank bei den am 26.01.2015 und am 2.03.2015 durch­ge­führ­ten Ver­hand­lun­gen aus­zu­ge­hen wäre, ergä­be sich dar­aus kein Ver­stoß gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG im Hin­blick auf die vor­lie­gen­de, am 30.03.2015 ver­han­del­te Sache. Ein­ma­li­ge Ver­stö­ße gegen Beset­zungs­vor­schrif­ten wer­den, auch wenn sich durch sie die Rei­hen­fol­ge der in ande­ren Ver­fah­ren zu laden­den ehren­amt­li­chen Rich­ter ver­schiebt, nicht im Sin­ne eines Ver­sto­ßes gegen das Gebot des gesetz­li­chen Rich­ters per­p­etu­iert, wenn für die nach­fol­gen­den Sit­zun­gen in ande­ren Ver­fah­ren die ehren­amt­li­chen Rich­ter nicht will­kür­lich, son­dern ord­nungs­ge­mäß gela­den wor­den sind. Ein „Domi­no-Effekt“ tritt nicht ein [4].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 22. Okto­ber 2015 – 2 AZN 519/​15

  1. BAG 20.08.2002 – 3 AZR 133/​02, zu III der Grün­de, BAGE 102, 242; 16.09.1982 – 2 AZR 228/​80, zu I der Grün­de, BAGE 41, 54[]
  2. Schwab/​Weth/​Liebscher ArbGG 4. Aufl. § 31 Rn.20[]
  3. BVerfG 6.02.1998 – 1 BvR 1788/​97, zu II 2 b der Grün­de; GMP/​Prütting ArbGG 8. Aufl. § 31 Rn. 12 mwN[]
  4. vgl. BAG 7.05.1998 – 2 AZR 344/​97, zu II 5 c bb der Grün­de mwN, BAGE 88, 344[]