Ein­grup­pie­rungs­fest­stel­lungs­kla­ge – und die nied­ri­ge­re Lohn­grup­pe

Die gericht­li­che Gel­tend­ma­chung eines Fest­stel­lungs­be­geh­rens erfasst grund­sätz­lich auch einen Anspruch, der als ein "Weni­ger" in dem (Haupt-)Antrag ent­hal­ten ist.

Ein­grup­pie­rungs­fest­stel­lungs­kla­ge – und die nied­ri­ge­re Lohn­grup­pe

Aus § 308 Abs. 1 ZPO ergibt sich damit die Ver­pflich­tung des Gerichts, bei Kla­gen, die sich auf eine bestimm­te Ein­grup­pie­rung stüt­zen, auch ohne geson­der­ten Antrag zu prü­fen, ob die Kla­ge nicht inso­weit teil­wei­se begrün­det ist, als sie auf eine nicht aus­drück­lich gel­tend gemach­te – nied­ri­ge­re – Ent­gelt­grup­pe gestützt wer­den kann. Das setzt jedoch vor­aus, dass es sich bei dem – mög­li­cher­wei­se – begrün­de­ten Teil der Kla­ge um ein "Weni­ger" und nicht um etwas ande­res, dh. ein "ali­ud", han­delt 1.

Die nied­ri­ge­re Ent­gelt­grup­pe ist als ein "Weni­ger" in der höhe­ren ent­hal­ten, wenn das Tätig­keits­merk­mal der höhe­ren Ent­gelt­grup­pe zwin­gend die Erfül­lung der Anfor­de­run­gen des Tätig­keits­merk­mals der nied­ri­ge­ren vor­aus­setzt 2.

Danach war das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf im hier ent­schie­de­nen Fall im Ergeb­nis zu Recht davon aus­ge­gan­gen, dass es zu einer Ent­schei­dung auch über eine Ein­grup­pie­rung in die Lohn­grup­pe B8 LTV NRW ver­pflich­tet war 3. Die Aus­le­gung des LTV NRW 4 ergibt, dass eine Ver­gü­tung nach der Lohn­grup­pe B9 LTV NRW zwin­gend die Erfül­lung der tarif­li­chen Anfor­de­run­gen eines "Sicher­heits­mit­ar­bei­ters im Pfört­ner­dienst, … indem ihm ver­ant­wort­lich Ein- und Aus­gangs­kon­trol­len von Per­so­nen und Kraft­fahr­zeu­gen oblie­gen und von dem der Arbeit­ge­ber eine Aus­bil­dung in Ers­ter Hil­fe sowie Brand- und Kata­stro­phen­schutz ver­lan­gen kann" der Lohn­grup­pe B8 LTV NRW vor­aus­setzt 5.

Hier­für spricht bereits der Wort­laut der Lohn­grup­pe B9 LTV NRW. Die tarif­li­chen Anfor­de­run­gen der Lohn­grup­pe B8 LTV NRW wer­den zwar – anders als zB in Lohn­grup­pe B10b im Ver­gleich zur Lohn­grup­pe B10a LTV NRW – nicht aus­drück­lich wie­der­holt. Die Tätig­keit des Sicher­heits­mit­ar­bei­ters im Pfört­ner­dienst muss sich jedoch durch Erfül­len der wei­te­ren genann­ten Tätig­kei­ten von Lohn­grup­pe B8 LTV NRW "abhe­ben". "Sich Abhe­ben" bedeu­tet "abste­chen, abwei­chen, sich abzeich­nen, einen Kon­trast bil­den, erkenn­bar sein, sich her­aus­he­ben, her­aus­ste­chen, her­vor­tre­ten, sich unter­schei­den" 6 und damit, dass etwas hin­zu­kom­men muss. Der Zusatz "der sich von der Lohn­grup­pe 8. dadurch abhebt, indem" wäre über­flüs­sig, wenn sich die höhe­re Wer­tig­keit der Tätig­keit der Lohn­grup­pe B9 im Ver­gleich zur Lohn­grup­pe B8 LTV NRW allein aus den jewei­li­gen (sons­ti­gen) tarif­li­chen Anfor­de­run­gen erge­ben wür­de. Dies wür­de bereits durch die höhe­re Ver­gü­tung hin­rei­chend deut­lich. Es wäre dann nicht erfor­der­lich, dass sich – wie bei der Lohn­grup­pe B8 LTV NRW im Ver­hält­nis zur Lohn­grup­pe B7 LTV NRW – die­je­ni­ge nach Lohn­grup­pe B9 LTV NRW von Lohn­grup­pe B8 LTV NRW abhe­ben muss.

Das wird auch durch die Sys­te­ma­tik des Tarif­ver­trags bestä­tigt. Die Tätig­kei­ten der Lohn­grup­pe B8 LTV NRW und der Lohn­grup­pe B9 LTV NRW ste­hen zwar nicht zwin­gend in einem sach­li­chen Zusam­men­hang. So han­delt es sich beim Emp­fangs­dienst, der Über­wa­chung von tech­ni­schen Anla­gen und der Bedie­nung der Tele­fon­zen­tra­le nicht not­wen­di­ger­wei­se um beson­de­re Ein- und Aus­gangs­kon­trol­len. Sie ste­hen auch nicht in Bezie­hung zu einer Aus­bil­dung in Ers­ter Hil­fe oder im Brand- und Kata­stro­phen­schutz, son­dern sind hier­von unab­hän­gi­ge Tätig­kei­ten. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en sind jedoch nicht gehin­dert, unter­schied­li­che Tätig­kei­ten kumu­la­tiv zur Vor­aus­set­zung für eine Ein­grup­pie­rung zu bestim­men. Vor­lie­gend fehlt es an Anhalts­punk­ten, dass sie einen sach­li­chen Zusam­men­hang von Tätig­kei­ten als not­wen­dig erach­tet hät­ten. Denn auch zwi­schen den genann­ten Tätig­kei­ten inner­halb der bei­den Lohn­grup­pen besteht kein sach­li­cher Zusam­men­hang. Der Ver­gleich mit wei­te­ren Rege­lun­gen des Tarif­ver­trags ver­deut­licht aber, dass die in Lohn­grup­pe B9 LTV NRW genann­te "Abhe­bung" nicht ledig­lich "beschrei­bend" gemeint ist. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en haben ua. in den Lohn­grup­pen C19a bis C19c LTV NRW ver­schie­de­ne Tätig­kei­ten eines Hand­wer­kers unter­schied­li­chen Ent­gel­ten zuge­ord­net, die­se aber nicht in ein Ver­hält­nis zuein­an­der gesetzt.

Nicht erfor­der­lich ist es, dass es sich bei den tarif­li­chen Anfor­de­run­gen der Lohn­grup­pe B9 LTV NRW gegen­über den­je­ni­gen der Lohn­grup­pe B8 LTV NRW aus­drück­lich um "Her­aus­he­bungs­merk­ma­le" han­delt 7. Aus­rei­chend ist, dass die Ein­grup­pie­rung in die höhe­re Lohn­grup­pe – wie hier – zwin­gend die Erfül­lung des Tätig­keits­merk­mals der nied­ri­ge­ren Lohn­grup­pe vor­aus­setzt 8.

Soweit der kla­gen­de Arbeit­neh­mer in den Tat­sa­chen­in­stan­zen im Hin­blick auf die begehr­te Ein­grup­pie­rung in die Lohn­grup­pe B9 LTV NRW eine ande­re Rechts­auf­fas­sung ver­tre­ten hat, hat er dadurch den Streit­ge­gen­stand nicht auf die­se Lohn­grup­pe beschränkt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 3. Juli 2019 – 4 AZR 456/​18

  1. BAG 14.09.2016 – 4 AZR 456/​14, Rn.20[]
  2. BAG 13.04.2016 – 4 AZR 13/​13, Rn. 78; 6.06.2007 – 4 AZR 505/​06, Rn. 21 f.[]
  3. LAG Düs­sel­dorf 24.04.2018 – 8 Sa 891/​17[]
  4. zu den Maß­stä­ben etwa BAG 20.06.2018 – 4 AZR 339/​17, Rn.19[]
  5. sh. auch LAG Köln 18.09.2008 – 7 Sa 547/​08, zu A 2 der Grün­de[]
  6. Duden Das Syn­onym­wör­ter­buch 7. Aufl.[]
  7. zu den Auf­bau­fallgrup­pen in den Tarif­ver­trä­gen im Öffent­li­chen Dienst – "her­aus­he­ben" – sh. BAG 28.02.2018 – 4 AZR 678/​16, Rn. 37; 27.01.2016 – 4 AZR 916/​13, Rn. 32[]
  8. BAG 6.06.2007 – 4 AZR 505/​06, Rn. 21; anders iE LAG Düs­sel­dorf 10.01.2018 – 7 Sa 598/​17, zu II 2 c cc der Grün­de[]