Ein­lei­tung der Betriebs­rats­an­hö­rung durch einen Stell­ver­tre­ter

Auf die Anhö­rung des Betriebs­rats gemäß § 102 Abs. 1 BetrVG ist § 174 BGB jeden­falls ana­log anzu­wen­den.

Ein­lei­tung der Betriebs­rats­an­hö­rung durch einen Stell­ver­tre­ter

Lei­tet die Anhö­rung des Ver­fah­rens ein betriebs­frem­der Drit­ter (hier: Rechts­an­walt) ein, hat er dies­be­züg­lich eine Ori­gi­nal­voll­macht dem Betriebs­rat vor­zu­le­gen. Inso­weit han­delt es sich jeden­falls um eine geschäfts­ähn­li­che Hand­lung, da sie eine auf einen tat­säch­li­chen Erfolg gerich­te­te (Wil­lens-) Hand­lung ist, deren Rechts­fol­ge kraft Geset­zes – vor­lie­gend: Beginn des Laufs der Stel­lung­nah­me­frist des Betriebs­rats – ein­tritt.

Die ana­lo­ge Anwen­dung des § 174 BGB, das heißt die ent­spre­chen­de Gleich­set­zung der geschäfts­ähn­li­chen Hand­lung mit dem Tat­be­stands­merk­mal Rechts­ge­schäft, recht­fer­tigt sich aus der bestehen­den Rege­lungs­lü­cke und der ver­gleich­ba­ren Inter­es­sen­la­ge, die dem Norm­zweck des § 714 BGB zu Grun­de liegt. Auf­grund der durch bei­de Tat­be­stän­de ein­tre­ten­den Rechts­wir­kung soll die Unge­wiss­heit, ob ein ein­sei­ti­ges Rechts­ge­schäft oder eine geschäfts­ähn­li­che Hand­lung von einem wirk­lich Bevoll­mäch­tig­ten aus­geht und der Ver­tre­te­ne die­se gegen bzw. für sich gel­ten las­sen muss, aus­ge­schlos­sen wer­den.

Nach § 174 Satz 1 BGB ist ein ein­sei­ti­ges Rechts­ge­schäft, das ein Bevoll­mäch­tig­ter einem ande­ren gegen­über vor­nimmt, unwirk­sam, wenn der Bevoll­mäch­tig­te eine Voll­machts­ur­kun­de nicht vor­legt und der ande­re das Rechts­ge­schäft aus die­sem Grund unver­züg­lich zurück­weist. Ein Rechts­ge­schäft besteht aus einer oder meh­re­ren Wil­lens­er­klä­run­gen, die allein oder in Ver­bin­dung mit ande­ren Tat­be­stands­merk­ma­len eine Rechts­fol­ge her­bei­füh­ren, weil die­se gewollt ist 1. § 174 BGB gilt für ein­sei­ti­ge emp­fangs­be­dürf­ti­ge Wil­lens­er­klä­run­gen, wie zum Bei­spiel die Kün­di­gung, die Anfech­tungs­er­klä­rung oder der Rück­tritt durch einen Bevoll­mäch­tig­ten. Nach all­ge­mei­ner Ansicht fin­det § 174 BGB jeden­falls auch auf so genann­te geschäfts­ähn­li­che Hand­lun­gen Anwen­dung 2. Geschäfts­ähn­li­che Hand­lun­gen sind auf einen tat­säch­li­chen Erfolg gerich­te­te Erklä­run­gen, deren Rechts­fol­gen kraft Geset­zes ein­tre­ten 3.

§ 174 Satz 1 BGB ist vor­lie­gend jeden­falls ent­spre­chend anzu­wen­den. Ob die form­frei mög­li­che Ein­lei­tung des Anhö­rungs­ver­fah­rens und damit erfolg­te Unter­rich­tung des Betriebs­ra­tes nach § 102 Abs. 1 BetrVG eine Wil­lens­er­klä­rung ist, kann vor­lie­gend dahin­ge­stellt blei­ben. Die Ein­lei­tung des Anhö­rungs­ver­fah­rens durch Unter­rich­tung des Betriebs­ra­tes ist jeden­falls eine geschäfts­ähn­li­che Hand­lung, da sie eine auf einen tat­säch­li­chen Erfolg gerich­te­te (Willens-)Erklärung ist, deren Rechts­fol­ge kraft Geset­zes – vor­lie­gend Beginn des Laufs der Stel­lung­nah­me­frist – ein­tritt 4. Die ana­lo­ge Anwen­dung des § 174 BGB, das heißt ent­spre­chen­de Gleich­set­zung der geschäfts­ähn­li­chen Hand­lung mit dem Tat­be­stands­merk­mal des Rechts­ge­schäfts, recht­fer­tigt sich aus der bestehen­den Rege­lungs­lü­cke und der ver­gleich­ba­ren Inter­es­sen­la­ge. Auf­grund der durch bei­de Tat­be­stän­de ein­tre­ten­den Rechts­wir­kung soll die Unge­wiss­heit, ob ein ein­sei­ti­ges Rechts­ge­schäft oder eine geschäfts­ähn­li­che Hand­lung von einem wirk­lich Bevoll­mäch­tig­ten aus­geht und der Ver­tre­te­ne die­se gegen bzw. für sich gel­ten las­sen muss, aus­ge­schlos­sen wer­den. Dem steht nach Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Baden-Würt­tem­berg auch die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 14. August 2002 5 nicht ent­ge­gen. Dar­in hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­den, dass § 174 BGB auf die Gel­tend­ma­chung von Ansprü­chen zur Wah­rung einer tarif­li­chen Aus­schluss­frist kei­ne ent­spre­chen­de Anwen­dung fin­det. Soweit erkenn­bar wur­de die ana­lo­ge Anwen­dung des § 174 BGB mit dem Sinn und Zweck der – tarif­li­chen – Aus­schluss­frist begrün­det 6. Aus­schluss­fris­ten dien­ten dem Rechts­frie­den und der Rechts­si­cher­heit. Der Schuld­ner sol­le sich dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass nach Ablauf der Aus­schluss­frist gegen ihn kei­ne Ansprü­che mehr erho­ben wer­den. Bei einer schrift­li­chen Gel­tend­ma­chung durch einen bevoll­mäch­tig­ten Ver­tre­ter, der kei­ne Voll­machts­ur­kun­de vor­le­ge, wer­de die­ser Zweck der Aus­schluss­fris­ten gewahrt. Der Schuld­ner kön­ne sich auch in die­sem Fall nicht mehr dar­auf ver­las­sen, dass nach Ablauf der Aus­schluss­frist gegen ihn kei­ne Ansprü­che mehr gel­tend gemacht wür­den. Anders als bei einem ein­sei­ti­gen Rechts­ge­schäft, das wie bei­spiels­wei­se eine Kün­di­gung rechts­ge­stal­tend auf das Arbeits­ver­hält­nis ein­wir­ke und die­ses ver­än­de­re, habe der Emp­fän­ger einer schrift­li­chen Gel­tend­ma­chung kein durch § 174 BGB zu schüt­zen­des Inter­es­se, unver­züg­lich kla­re Rechts­ver­hält­nis­se zu schaf­fen. Die mit § 174 BGB bezweck­te Wah­rung der Gewiss­heits­in­ter­es­sen des Drit­ten erfor­de­re kei­ne ana­lo­ge Anwen­dung auf die Gel­tend­ma­chung von Ansprü­chen zur Wah­rung von Aus­schluss­fris­ten 7. Aus­weis­lich die­ser Begrün­dung wird die ana­lo­ge Anwen­dung des § 174 BGB aus­schließ­lich mit dem beson­de­ren Sinn und Zweck einer Aus­schluss­frist und damit nicht wegen ihres feh­len­den rechts­ge­schäft­li­chen Cha­rak­ters ver­neint. Der Betriebs­rat hat vor­lie­gend inso­fern ein schüt­zens­wer­tes Inter­es­se an Sicher­heit dar­über, ob die das Anhö­rungs­ver­fah­ren ein­lei­ten­de Per­son bevoll­mäch­tigt war und die wil­lent­lich aus­ge­lös­te, aber gesetz­lich bestimm­te Rechts­fol­ge ein­ge­tre­ten ist, als ein außer­halb des Betrie­bes ste­hen­der Drit­ter gehan­delt hat.

Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Arbeit­ge­bers hat dem aus einer Per­son bestehen­den Betriebs­rat bei Ein­lei­tung des Ver­fah­rens mit Schrei­ben vom 14. Dezem­ber 2009 kei­ne Voll­macht vor­ge­legt. Dem emp­fangs­zu­stän­di­gen Betriebs­rat, E. M., ging das Schrei­ben am 21. Dezem­ber 2009 zu. Der Betriebs­rat hat auch unver­züg­lich das Anhö­rungs­schrei­ben man­gels Vor­la­ge einer Ori­gi­nal­voll­macht aus die­sem Grund zurück­ge­wie­sen. Am Tag des Zugangs des Anhö­rungs­schrei­bens hat der Betriebs­rat ein ent­spre­chen­des Schrei­ben for­mu­liert und kraft der Emp­fangs­be­dürf­tig­keit die­ser Wil­lens­er­klä­rung gegen­über dem han­deln­den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Arbeit­ge­bers abge­ge­ben. Da der Betriebs­rat am Stand­ort S. ledig­lich aus einer Per­son besteht 8, konn­te inso­weit auch kein ent­spre­chen­der Zurück­wei­sungs­be­schluss des Betriebs­ra­tes als Kol­le­gi­al­or­gan erge­hen 9. Da die in § 174 Satz 1 BGB dem Adres­sa­ten zuge­bil­lig­te Zurück­wei­sung die­sel­be Rechts­na­tur wie die Zurück­wei­sung gemäß § 111 BGB hat, kann die Zurück­wei­sung als emp­fangs­be­dürf­ti­ge Wil­lens­er­klä­rung ent­we­der gegen­über dem als Voll­macht­ge­ber Benann­ten oder auch gegen­über dem Han­deln­den abge­ge­ben wer­den 10.

§ 174 Satz 2 BGB bil­det die Aus­nah­me zu § 174 Satz 1 BGB. Das Zurück­wei­sungs­recht ist nach § 174 Satz 2 BGB nur dann aus­ge­schlos­sen, wenn der Voll­macht­ge­ber dem­je­ni­gen, gegen­über dem das ein­sei­ti­ge Rechts­ge­schäft vor­ge­nom­men wer­den soll, die Bevoll­mäch­ti­gung (vor­her) mit­ge­teilt hat. Eine kon­klu­den­te Mit­tei­lung genügt, die Erlan­gung der Kennt­nis auf ande­rem Weg dage­gen nicht 11.

Der Betriebs­rat M. wur­de weder aus­drück­lich noch kon­klu­dent über die Bevoll­mäch­ti­gung des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Arbeit­ge­bers, ihm gegen­über das vor­lie­gend in Rede ste­hen­de Anhö­rungs­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten, in Kennt­nis gesetzt. Es kann dahin­ge­stellt blei­ben, ob eine In-Kennt­nis-Set­zung unmit­tel­bar durch den Voll­macht­ge­ber erfol­gen muss. Die anwalt­li­che Ver­si­che­rung ord­nungs­ge­mä­ßer Bevoll­mäch­ti­gung im Anhö­rungs­schrei­ben vom 14. Dezem­ber 2009 genügt weder dem Grund­tat­be­stand des § 174 Satz 1 BGB (Vor­la­ge einer Ori­gi­nal­voll­macht) noch sei­nem Aus­nah­me­tat­be­stand nach § 174 Satz 2 BGB.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 11. März 2011 – 7 Sa 109/​10

  1. BAG 14.08.2002 – 5 AZR 341/​01 – AP Nr. 16 zu § 174 BGB, Rn. 17[]
  2. vgl. Palandt/​Heinrichs, BGB, 70. Aufl., § 174 Rn. 2; Staudinger/​Schilken, BGB, Ergän­zungs­band 2009, § 174 Rn. 2[]
  3. zB BAG 14.08.2002 – 5 AZR 341/​01 – aaO, Rn. 17[]
  4. vgl. LAG Hes­sen 29.01.1998 – 5 TaBV 122/​97NZA 1999, 878, Rn. 36: Zustim­mungs­er­su­chen gemäß § 103 BetrVG als ein­sei­ti­ge emp­fangs­be­dürf­ti­ge Wil­lens­er­klä­rung; HaKo/​Nägele, 3. Aufl., § 102 BetrVG Rn. 52[]
  5. BAG 14.08.2002 – 5 AZR 341/​09, aaO[]
  6. BAG 14.08.2002, aaO, Rn. 18[]
  7. BAG aaO, Rn. 18[]
  8. bis zur Novel­le vom 20.12.1988, BGBl. I S. 2312, Betriebs­ob­mann genannt[]
  9. vgl. dazu HaKo/​Nägele, aaO, § 102 BetrVG Rn. 52; vgl. auch Richardi/​Thüsing, BetrVG, 12. Aufl., § 9 Rn. 22[]
  10. Staudinger/​Schilken, aaO, § 174 Rn. 7 mwN[]
  11. BAG 12.01.2006 – 2 AZR 179/​05 – AP Nr. 54 zu § 1 KSchG 1969 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung, Rn. 36; „eine zufäl­li­ge Erlan­gung der Kennt­nis genügt nicht“; Staudinger/​Schilken, aaO, § 174 Rn. 11[]