Ein­re­de der Ver­jäh­rung – in der Revi­si­ons­in­stanz vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt

Im arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren kann die erst­mals in der Revi­si­ons­in­stanz erho­be­ne Ein­re­de der Ver­jäh­rung zuzu­las­sen sein, wenn der Rechts­streit nach § 563 Abs. 1 Satz 1 ZPO an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen ist.

Ein­re­de der Ver­jäh­rung – in der Revi­si­ons­in­stanz vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt

Nach § 559 Abs. 1 Satz 1 ZPO unter­liegt der Beur­tei­lung des Revi­si­ons­ge­richts nur das­je­ni­ge Par­tei­vor­brin­gen, das aus dem Beru­fungs­ur­teil oder dem Sit­zungs­pro­to­koll ersicht­lich ist. Hier­aus folgt, dass die nach Schluss der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung in der Beru­fungs­in­stanz erho­be­ne Ein­re­de der Ver­jäh­rung im Revi­si­ons­ver­fah­ren regel­mä­ßig nicht berück­sich­tigt wer­den kann 1.

§ 559 Abs. 1 Satz 1 ZPO ist jedoch aus Grün­den der Pro­zess­öko­no­mie ein­schrän­kend dahin aus­zu­le­gen, dass auch Umstän­de, die sich erst wäh­rend der Revi­si­ons­in­stanz ereig­nen, in die Urteils­fin­dung ein­flie­ßen kön­nen, soweit sie unstrei­tig sind und schüt­zens­wer­te Belan­ge der Gegen­sei­te nicht ent­ge­gen­ste­hen 2. So kön­nen Kla­ge­er­wei­te­run­gen, die nach § 559 Abs. 1 Satz 1 ZPO grund­sätz­lich in der Revi­si­ons­in­stanz aus­ge­schlos­sen sind, aus­nahms­wei­se zuge­las­sen wer­den, wenn sich der neue Antrag auf einen vom Lan­des­ar­beits­ge­richt fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt oder unstrei­ti­gen Par­tei­vor­trag stützt 3. Auch eine erst in der Revi­si­ons­in­stanz ein­ge­tre­te­ne Ver­jäh­rung kann aus Grün­den der Pro­zess­öko­no­mie aus­nahms­wei­se berück­sich­tigt wer­den 4.

Für den Zivil­pro­zess bei den ordent­li­chen Gerich­ten hat der Gro­ße Xenat des Bun­des­ge­richts­hofs in Zivil­sa­chen ent­schie­den, dass die erst­mals im Beru­fungs­rechts­zug erho­be­ne Ver­jäh­rungs­ein­re­de unab­hän­gig von den Vor­aus­set­zun­gen des § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 bis Nr. 3 ZPO zuzu­las­sen ist, wenn die Erhe­bung der Ein­re­de und die den Ver­jäh­rungs­ein­tritt begrün­den­den tat­säch­li­chen Umstän­de zwi­schen den Pro­zess­par­tei­en unstrei­tig sind. Nach § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 bis Nr. 3 ZPO sind neue Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel im Beru­fungs­ver­fah­ren nur aus­nahms­wei­se zuläs­sig. Unstrei­ti­ge Tat­sa­chen, die erst­mals in der Beru­fungs­in­stanz vor­ge­tra­gen wer­den, kön­nen jedoch unab­hän­gig von den Zulas­sungs­vor­aus­set­zun­gen des § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 bis Nr. 3 ZPO berück­sich­tigt wer­den. Danach ist unstrei­ti­ger Tat­sa­chen­vor­trag zu wür­di­gen, der der erst­mals in der Beru­fung erho­be­nen Ein­re­de der Ver­jäh­rung zugrun­de liegt. Für die unstrei­ti­ge Ein­re­de selbst gilt nichts ande­res 5.

Im arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren kann die erst­mals in der Revi­si­ons­in­stanz erho­be­ne Ein­re­de der Ver­jäh­rung zuzu­las­sen sein, wenn die Erhe­bung der Ein­re­de unstrei­tig und der Rechts­streit aus ande­ren Grün­den ohne­hin nach § 563 Abs. 1 Satz 1 ZPO an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen ist. Das kann auch dann der Fall sein, wenn der der Ver­jäh­rung zugrun­de lie­gen­de Sach­ver­halt noch nicht fest­ge­stellt oder unstrei­tig ist.

Abwei­chend von den im Zivil­pro­zess gel­ten­den Rege­lun­gen des § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 bis Nr. 3 ZPO ist im arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren nach § 67 ArbGG neu­er Vor­trag in der Beru­fungs­in­stanz grund­sätz­lich mög­lich. § 67 ArbGG geht § 531 ZPO als Spe­zi­al­re­ge­lung vor 6. Neue Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel kön­nen ins­be­son­de­re nach den Rege­lun­gen des § 67 Abs. 2 bis Abs. 4 ArbGG bereits dann zuläs­sig sein, wenn durch sie die Erle­di­gung des Rechts­streits nicht ver­zö­gert wird. Auch die Ein­re­de der Ver­jäh­rung ist danach im arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren in der Beru­fungs­in­stanz unter erleich­ter­ten Vor­aus­set­zun­gen zuzu­las­sen.

Nach einer Zurück­ver­wei­sung iSv. § 563 Abs. 1 Satz 1 ZPO kön­nen neue Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel in der Beru­fungs­in­stanz vor­ge­bracht wer­den. Bei der Fra­ge, ob die Erle­di­gung des Rechts­streits durch die Erhe­bung der Ver­jäh­rungs­ein­re­de ver­zö­gert wird, ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass die Par­tei­en nach Zurück­ver­wei­sung an das Lan­des­ar­beits­ge­richt ohne­hin erneut Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me erhal­ten müs­sen 7.

§ 559 Abs. 1 Satz 1 ZPO ist daher im arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren aus Grün­den der Pro­zess­öko­no­mie ein­schrän­kend aus­zu­le­gen, wenn die Erhe­bung der Ein­re­de der Ver­jäh­rung unstrei­tig ist und der Rechts­streit bereits aus ande­ren Grün­den zurück­zu­ver­wei­sen ist 8. Für den Fall der Zurück­ver­wei­sung ste­hen einer Zulas­sung der Ein­re­de der Ver­jäh­rung kei­ne schüt­zens­wer­ten Belan­ge des Pro­zess­geg­ners ent­ge­gen, wenn die Ein­re­de auch nach Zurück­ver­wei­sung in der Beru­fungs­in­stanz noch erho­ben wer­den könn­te und dort vom Pro­zess­geg­ner zu dem Frist­be­ginn oder mög­li­chen Hem­mungs- oder Unter­bre­chungs­tat­be­stän­den vor­ge­tra­gen wer­den kann 9. Damit wer­den die schüt­zens­wer­ten Belan­ge des Ein­re­de­geg­ners gewahrt.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt wird zu prü­fen haben, ob die Ein­re­de der Ver­jäh­rung sowie mög­li­cher Vor­trag hier­zu nach den Rege­lun­gen des § 67 ArbGG zuzu­las­sen ist. Es wird der Klä­ge­rin Gele­gen­heit geben müs­sen, ihrer­seits zu einer mög­li­chen Ver­jäh­rung, ins­be­son­de­re zu der Fra­ge des Ver­jäh­rungs­be­ginns, Stel­lung zu neh­men. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt wird dabei im vor­lie­gen­den Fall zugrun­de zu legen haben, dass die drei­mo­na­ti­ge Ver­jäh­rungs­frist des § 61 Abs. 2 HGB auf sämt­li­che Ansprü­che aus § 60 iVm. § 61 Abs. 1 HGB Anwen­dung fin­det. Dar­über hin­aus erfasst sie auch aus Wett­be­werbs­ver­stö­ßen fol­gen­de kon­kur­rie­ren­de ver­trag­li­che oder delik­ti­sche Ansprü­che des Arbeit­ge­bers 10.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 19. Dezem­ber 2018 – 10 AZR 233/​18

  1. BGH 23.10.2003 – IX ZR 324/​01, zu IV 1 b aa der Grün­de; 1.03.1951 – III ZR 205/​50, zu IV der Grün­de, BGHZ 1, 234; Münch­Komm-BGB/Gro­the 8. Aufl. § 214 Rn. 4; Staudinger/​Peters/​Jacoby [2014] § 214 BGB Rn. 11[]
  2. st. Rspr., BAG 2.08.2017 – 7 ABR 51/​15, Rn. 16; 16.05.1990 – 4 AZR 145/​90, zu I der Grün­de, BAGE 65, 147; BGH 13.03.2018 – II ZR 243/​16, Rn. 59; 8.11.2016 – II ZR 304/​15, Rn. 18, BGHZ 212, 342[]
  3. BAG 24.10.2018 – 10 AZR 285/​16, Rn. 34; 14.07.2015 – 3 AZR 252/​14, Rn. 38[]
  4. vgl. BGH 29.06.2004 – IX ZR 201/​98, zu II 5 der Grün­de; 10.05.1990 – IX ZR 246/​89, zu II 2 b der Grün­de; Wer­ne­cke JA 2004, 331, 335[]
  5. vgl. BGH GSZ 23.06.2008 – GSZ 1/​08, Rn. 11, BGHZ 177, 212; Zöller/​Heßler ZPO 32. Aufl. § 531 Rn.20; vgl. zum recht­li­chen Cha­rak­ter der Ver­jäh­rungs­ein­re­de auch BGH 27.01.2010 – VIII ZR 58/​09, Rn. 26 ff., BGHZ 184, 128[]
  6. BAG 15.02.2005 – 9 AZN 892/​04, zu II 2 b cc (3) der Grün­de, BAGE 113, 315[]
  7. vgl. BGH 6.10.2005 – IX ZB 417/​02, zu II der Grün­de; Münch­Komm-ZPO/Krü­ger 5. Aufl. § 563 Rn. 6[]
  8. Beck­OK BGB/​Henrich Stand 1.11.2018 § 214 BGB Rn. 2[]
  9. vgl. dazu BGH 29.06.2004 – IX ZR 201/​98, zu II 5 der Grün­de[]
  10. BAG 30.05.2018 – 10 AZR 780/​16, Rn. 44 ff.[]