Ein­sei­ti­ge Erle­di­gungs­er­klä­rung im Beschluss­ver­fah­ren

Nach § 83a Abs. 2 ArbGG ist ein Beschluss­ver­fah­ren ein­zu­stel­len, wenn die Betei­lig­ten das Ver­fah­ren für erle­digt erklärt haben.

Ein­sei­ti­ge Erle­di­gungs­er­klä­rung im Beschluss­ver­fah­ren

Hat der Antrag­stel­ler das Ver­fah­ren für erle­digt erklärt, sind die übri­gen Betei­lig­ten auf­zu­for­dern, inner­halb einer vom Vor­sit­zen­den zu bestim­men­den Frist von min­des­tens zwei Wochen mit­zu­tei­len, ob sie der Erle­di­gung zustim­men (§ 83a Abs. 3 Satz 1 ArbGG). Die Zustim­mung gilt als erteilt, wenn sich der Betei­lig­te inner­halb der Frist nicht äußert (§ 83a Abs. 3 Satz 2 ArbGG).

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts hat das Gericht in Fäl­len, in denen der Antrag­stel­ler das Ver­fah­ren für erle­digt erklärt und ande­re Ver­fah­rens­be­tei­lig­te der Erle­di­gungs­er­klä­rung wider­spre­chen, zu prü­fen, ob ein erle­di­gen­des Ereig­nis ein­ge­tre­ten ist. Ist dies der Fall, ist das Ver­fah­ren ein­zu­stel­len. Anders als im Urteils­ver­fah­ren kommt es nicht dar­auf an, ob der gestell­te Antrag bis zum Ein­tritt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses zuläs­sig und begrün­det war.

Ein erle­di­gen­des Ereig­nis sind tat­säch­li­che Umstän­de, die nach Anhän­gig­keit des Beschluss­ver­fah­rens ein­ge­tre­ten sind und dazu füh­ren, dass das Begeh­ren des Antrag­stel­lers jeden­falls nun­mehr als unzu­läs­sig oder unbe­grün­det abge­wie­sen wer­den müss­te1. An die­ser Recht­spre­chung, die im Schrift­tum über­wie­gend Zustim­mung erfah­ren hat2, hält das Bun­des­ar­beits­ge­richt fest. Die Prü­fung, ob der gestell­te Antrag bis zum Ein­tritt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses zuläs­sig und begrün­det war, ist weder nach § 83a Abs. 3 Satz 2 ArbGG erfor­der­lich noch im Hin­blick auf Kos­ten­er­wä­gun­gen oder eine Klä­rungs- und Befrie­dungs­wir­kung gebo­ten.

Nach § 83a Abs. 3 Satz 2 ArbGG gilt die Zustim­mung zur Erle­di­gung als erteilt, wenn sich der Betei­lig­te inner­halb der vom Vor­sit­zen­den bestimm­ten Frist nicht äußert. Die fin­gier­te Zustim­mung des Betei­lig­ten bewirkt, dass eine über­ein­stim­men­de Erle­di­gungs­er­klä­rung vor­liegt, die zur Ein­stel­lung des Ver­fah­rens führt, ohne dass vom Gericht zu prü­fen ist, ob tat­säch­lich ein erle­di­gen­des Ereig­nis ein­ge­tre­ten ist. Wider­spre­chen Betei­lig­te der Erle­di­gungs­er­klä­rung des Antrag­stel­lers, kann dies eine unter­schied­li­che Bedeu­tung haben. Es kann bedeu­ten, dass der Betei­lig­te meint, der Antrag sei von Anfang an unzu­läs­sig oder unbe­grün­det gewe­sen; es kann aber auch bedeu­ten, dass er den Ein­tritt eines erle­di­gen­den Ereig­nis­ses bestrei­tet. Die durch § 83a Abs. 3 Satz 2 ArbGG ange­ord­ne­te Fik­ti­on hat nicht zum Inhalt, dass der Betei­lig­te den Antrag nun­mehr als von Anfang an zuläs­sig und begrün­det ansieht. Dies wäre in der Regel kaum mit dem bis­he­ri­gen Pro­zess­ver­hal­ten des Betei­lig­ten in Ein­klang zu brin­gen. Das Gesetz fin­giert die Zustim­mung des Betei­lig­ten viel­mehr des­halb, weil er mit sei­nem Schwei­gen zum Aus­druck bringt, den Ein­tritt eines erle­di­gen­den Ereig­nis­ses nicht zu bestrei­ten. Dar­aus folgt, dass die Erle­di­gung nach der gesetz­li­chen Kon­zep­ti­on nur den Ein­tritt eines erle­di­gen­den Ereig­nis­ses, nicht aber die Zuläs­sig­keit und Begründ­etheit des Antrags bis dahin vor­aus­setzt3.

Anders als im Urteils­ver­fah­ren erfor­dern Kos­ten­er­wä­gun­gen im Beschluss­ver­fah­ren nicht die Prü­fung, ob der Antrag vor Ein­tritt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses zuläs­sig und begrün­det war.

Für das Urteils­ver­fah­ren ist das gesetz­lich nicht gere­gel­te Insti­tut der ein­sei­tig geblie­be­nen Erle­di­gungs­er­klä­rung allein im Inter­es­se einer evi­den­ten Gerech­tig­keits­lü­cke geschaf­fen und wei­ter­ent­wi­ckelt wor­den, weil es dem Klä­ger nicht zuge­mu­tet wer­den soll, die Kos­ten einer Kla­ge zu tra­gen, die nur des­halb im Ergeb­nis kei­nen Erfolg hat, weil sie allein durch ein erle­di­gen­des Ereig­nis unzu­läs­sig oder unbe­grün­det gewor­den ist4.

Im Beschluss­ver­fah­ren spie­len Kos­ten­über­le­gun­gen dage­gen kei­ne Rol­le5. Es gibt kei­ne pro­zes­sua­le Kos­ten­tra­gungs­pflicht und damit kei­ne Kos­ten­ent­schei­dung. Jeder Betei­lig­te hat grund­sätz­lich sei­ne Kos­ten selbst zu tra­gen. Soweit ein Betei­lig­ter von einem ande­ren nach mate­ri­el­lem Recht Erstat­tung die­ser Kos­ten ver­lan­gen kann (§§ 20, 37 Abs. 2, § 40 BetrVG, § 14 SprAuG, § 20 Mit­bestG, § 19 SEBG), ist der Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch nicht, jeden­falls nicht unmit­tel­bar, davon abhän­gig, dass sein Antrag zuläs­sig und begrün­det war6.

Die Prü­fung, ob der Antrag vor Ein­tritt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses zuläs­sig und begrün­det war, ist auch nicht im Hin­blick auf eine davon aus­ge­hen­de Klä­rungs- und Befrie­dungs­wir­kung ver­an­lasst.

Strei­ten die Betei­lig­ten anläss­lich einer kon­kre­ten Maß­nah­me des Arbeit­ge­bers über das Bestehen eines Mit­be­stim­mungs­rechts, kön­nen sie, um die­sen Streit für die Betei­lig­ten bin­dend klä­ren zu las­sen, einen dar­auf gerich­te­ten, von der kon­kre­ten Maß­nah­me los­ge­lös­ten Fest­stel­lungs­an­trag stel­len, wenn die Maß­nah­me sich auch künf­tig jeder­zeit wie­der­ho­len kann7. Mit einem sol­chen Fest­stel­lungs­an­trag wird bei per­so­nel­len Ein­zel­maß­nah­men vor­über­ge­hen­der Art eine höchst­rich­ter­li­che Klä­rung betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­cher Streit­fra­gen ermög­licht8.

Die­se Klä­rungs- und Befrie­dungs­wir­kung kann nach Ein­tritt eines die kon­kre­te Maß­nah­me erle­di­gen­den Ereig­nis­ses nicht durch eine Prü­fung der Zuläs­sig­keit und Begründ­etheit des auf die kon­kre­te Maß­nah­me beschränk­ten Antrags im Rah­men der Erle­di­gung erreicht wer­den. Die den Antrag abwei­sen­de oder die Erle­di­gung fest­stel­len­de Ent­schei­dung gäbe eine Ant­wort auf die strit­ti­ge Rechts­fra­ge allen­falls in der Begrün­dung, ent­schie­de die­se aber nicht mit Rechts­kraft zwi­schen den Betei­lig­ten9. Die Prü­fung der Zuläs­sig­keit und Begründ­etheit des auf die kon­kre­te Maß­nah­me gerich­te­ten Antrags lie­fe letzt­lich nur dar­auf hin­aus, einem Betei­lig­ten im Sin­ne eines Rechts­gut­ach­tens die Rich­tig­keit sei­ner Rechts­auf­fas­sung zu bestä­ti­gen. Dies ist den Gerich­ten ver­wehrt10.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 1. August 2018 – 7 ABR 63/​16

  1. grund­le­gend BAG 26.04.1990 – 1 ABR 79/​89, zu B I 3 der Grün­de, BAGE 65, 105; vgl. auch BAG 17.05.2017 – 7 ABR 22/​15, Rn. 14, BAGE 159, 111; 13.03.2013 – 7 ABR 39/​11, Rn.20; 8.12 2010 – 7 ABR 69/​09, Rn. 8; 19.02.2008 – 1 ABR 65/​05, Rn. 10 []
  2. vgl. GK-ArbGG/Ah­rendt Stand Juni 2018 § 83a Rn. 37; Hauck in Hauck/​Helml/​Biebl ArbGG 4. Aufl. § 83a Rn. 6; ErfK/​Koch 18. Aufl. § 83a ArbGG Rn. 2; Düwell/​Lipke/​Reinfelder 4. Aufl. § 83a Rn. 8; Schu­mann FS Richar­di 2007 S. 403, 412 ff.; GMP/​Spinner 9. Aufl. § 83a Rn. 22; HWK/​Treber 8. Aufl. § 83a ArbGG Rn. 6; Schwab/​Weth/​Weth 5. Aufl. ArbGG § 83a Rn. 23; aA Fischer FA 2016, 226, 228 []
  3. BAG 26.04.1990 – 1 ABR 79/​89, zu B I 3 b der Grün­de, BAGE 65, 105 []
  4. BAG 6.06.2007 – 4 AZR 411/​06, Rn. 49, BAGE 123, 46; 26.04.1990 – 1 ABR 79/​89, zu B I 4 a der Grün­de, BAGE 65, 105 []
  5. BAG 6.06.2007 – 4 AZR 411/​06, Rn. 49, BAGE 123, 46 []
  6. BAG 26.04.1990 – 1 ABR 79/​89, zu B I 4 a der Grün­de, BAGE 65, 105 []
  7. vgl. BAG 22.03.2016 – 1 ABR 19/​14, Rn.19; 14.09.2010 – 1 ABR 29/​09, Rn. 15 mwN, BAGE 135, 291 []
  8. vgl. BAG 23.06.2009 – 1 ABR 23/​08, Rn. 25, BAGE 131, 145; 28.09.1988 – 1 ABR 85/​87, zu B I 2 der Grün­de, BAGE 59, 380 []
  9. BAG 26.04.1990 – 1 ABR 79/​89, zu B I 4 b der Grün­de, BAGE 65, 105 []
  10. vgl. BAG 24.08.2016 – 7 ABR 2/​15, Rn. 16; 18.03.2015 – 7 ABR 42/​12, Rn. 23; 22.07.2014 – 1 ABR 9/​13, Rn.19 []