Ent­schä­di­gung für über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er – und die Ange­mes­sen­heit der Ver­fah­rens­dau­er

Nach § 198 Abs. 1 Satz 1 GVG wird ange­mes­sen ent­schä­digt, wer infol­ge unan­ge­mes­se­ner Dau­er eines Gerichts­ver­fah­rens als Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter einen Nach­teil erlei­det.

Ent­schä­di­gung für über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er – und die Ange­mes­sen­heit der Ver­fah­rens­dau­er

Die Ange­mes­sen­heit der Ver­fah­rens­dau­er rich­tet sich gemäß § 198 Abs. 1 Satz 2 GVG nach den Umstän­den des Ein­zel­falls, ins­be­son­de­re nach der Schwie­rig­keit und Bedeu­tung des Ver­fah­rens sowie nach dem Ver­hal­ten der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und Drit­ter. Hier­bei han­delt es sich um eine bei­spiel­haf­te, nicht abschlie­ßen­de Auf­lis­tung von Umstän­den, die für die Beur­tei­lung der Ange­mes­sen­heit beson­ders bedeut­sam sind 1. Wei­te­re gewich­ti­ge Beur­tei­lungs­kri­te­ri­en sind die Ver­fah­rens­füh­rung durch das Gericht sowie die zur Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung gegen­läu­fi­gen Rechts­gü­ter der Gewähr­leis­tung der inhalt­li­chen Rich­tig­keit von Ent­schei­dun­gen, der Beach­tung der rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit und des gesetz­li­chen Rich­ters. Dem Gericht muss in jedem Fall eine aus­rei­chen­de Vor­be­rei­tungs- und Bear­bei­tungs­zeit zur Ver­fü­gung ste­hen, die der Schwie­rig­keit und Kom­ple­xi­tät der Rechts­sa­che ange­mes­sen Rech­nung trägt. Abge­se­hen von zwin­gen­den gesetz­li­chen Vor­ga­ben besteht des­halb ein Ermes­sen des ver­ant­wort­li­chen Gerichts hin­sicht­lich der Ver­fah­rens­ge­stal­tung 2. Einem Revi­si­ons­ge­richt ist, auch wenn das Inter­es­se der Par­tei­en an einer umge­hen­den Ent­schei­dung nicht völ­lig zurück­tre­ten darf, ange­sichts sei­ner beson­de­ren Ver­ant­wor­tung für die Wah­rung der Ein­heit­lich­keit und für die Fort­ent­wick­lung der Recht­spre­chung in ange­mes­se­nem Umfang Zeit für eine inten­si­ve Vor­be­rei­tung der Ent­schei­dung und eine damit ein­her­ge­hen­de Sich­tung und Bewer­tung der vor­lie­gen­den Recht­spre­chung und des Mei­nungs­stan­des im Schrift­tum ein­zu­räu­men 3.

Die Ange­mes­sen­heit der Ver­fah­rens­dau­er ist dabei stets im Lich­te der aus Art. 2 Abs. 1 iVm. Art.20 Abs. 3 GG und Art.19 Abs. 4 GG sowie Art. 6 Abs. 1 EMRK fol­gen­den Ver­pflich­tung des Staa­tes, Gerichts­ver­fah­ren in ange­mes­se­ner Zeit zum Abschluss zu brin­gen, zu beur­tei­len 4. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) gibt dabei aller­dings eben­so wenig wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt fes­te Fris­ten vor, son­dern stellt auf die jewei­li­gen Umstän­de des Ein­zel­falls ab. Der Recht­spre­chung des EGMR ist jedoch zu ent­neh­men, dass vor­be­halt­lich die­ser beson­de­ren Umstän­de eine Ver­fah­rens­dau­er von ein­ein­halb bis zu zwei Jah­ren je Instanz in der Regel nicht gegen Art. 6 EMRK ver­stößt 5.

Bezugs­punkt für die Beur­tei­lung der Ange­mes­sen­heit ist grund­sätz­lich die in § 198 Abs. 6 Nr. 1 GVG defi­nier­te Gesamt­ver­fah­rens­dau­er von der Ein­lei­tung des gericht­li­chen Ver­fah­rens bis zum rechts­kräf­ti­gen Abschluss (§ 705 ZPO). Dies gilt auch dann, wenn es über meh­re­re Instan­zen und/​oder bei ver­schie­de­nen Gerich­ten geführt wor­den ist 6. Nach der Recht­spre­chung des EGMR ist die Zeit bis zur Zustel­lung der Ent­schei­dung hin­zu­zu­rech­nen 7.

Im Rah­men einer wer­ten­den Gesamt­be­trach­tung ist unter Abwä­gung aller Ein­zel­fall­um­stän­de zu prü­fen, ob die Ver­fah­rens­dau­er die äußers­te Gren­ze des Ange­mes­se­nen deut­lich über­schrit­ten und des­halb das Recht auf Rechts­schutz in ange­mes­se­ner Zeit ver­letzt hat 8. Zur Aus­übung sei­ner ver­fah­rens­ge­stal­ten­den Befug­nis­se ist dem Gericht dabei ein wei­ter Gestal­tungs­spiel­raum zuzu­bil­li­gen. Dem­entspre­chend wird die Ver­fah­rens­füh­rung des Gerichts im nach­fol­gen­den Ent­schä­di­gungs­pro­zess nicht auf ihre Rich­tig­keit, son­dern nur auf ihre Ver­tret­bar­keit über­prüft. Letz­te­re darf nur ver­neint wer­den, wenn bei vol­ler Wür­di­gung auch der Belan­ge einer funk­ti­ons­tüch­ti­gen Rechts­pfle­ge das rich­ter­li­che Ver­hal­ten nicht mehr ver­ständ­lich ist 9. Da der Recht­su­chen­de kei­nen Anspruch auf eine opti­ma­le Ver­fah­rens­för­de­rung hat 10, begrün­den eine ver­tret­ba­re Rechts­auf­fas­sung des Gerichts oder eine nach der jewei­li­gen Pro­zess­ord­nung ver­tret­ba­re Ver­fah­rens­lei­tung auch dann kei­nen Ent­schä­di­gungs­an­spruch, wenn sie zu einer Ver­län­ge­rung des Gerichts­ver­fah­rens geführt haben 11.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 13. Dezem­ber 2017 – 5 AZA 84/​17

  1. BT-Drs. 17/​3802 S. 18[]
  2. BGH 13.02.2014 – III ZR 311/​13, Rn. 26 ff. mwN[]
  3. vgl. BVerfG 7.06.2011 – 1 BvR 194/​11, Rn. 34 ff.[]
  4. BGH 13.02.2014 – III ZR 311/​13, Rn. 27 mwN[]
  5. vgl. Mey­er-Lade­wi­g/Har­ren­dor­f/­Kö­nig in Mey­er-Lade­wi­g/­Net­tes­heim/­von Rau­mer EMRK 4. Aufl. Art. 6 Rn.199; Peu­kert in Frowein/​Peukert EMRK-Kom­men­tar 3. Aufl. Art. 6 Rn. 249, jeweils mwN[]
  6. BVerwG 11.07.2013 – 5 C 23/​12 D, Rn. 17, BVerw­GE 147, 146[]
  7. vgl. EGMR 30.03.2010 – 46682/​07, Rn. 36[]
  8. BSG 5.05.2015 – B 10 ÜG 8/​14 R, Rn. 36[]
  9. BGH 13.02.2014 – III ZR 311/​13, Rn. 30 mwN[]
  10. vgl. BVerwG 11.07.2013 – 5 C 23/​12 D, Rn. 39, BVerw­GE 147, 146[]
  11. BGH 12.02.2015 – III ZR 141/​14, Rn. 26, BGHZ 204, 184; vgl. Schlick WM 2016, 485, 487[]