Ergän­zen­de Aus­le­gung einer ver­trag­li­chen Bezug­nah­me auf einen Tarif­ver­trag

Eine arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me­klau­sel, die auf den „Bun­des-Ange­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT) in der jeweils gül­ti­gen Fas­sung“ und die dazu geschlos­se­nen Zusatz­ver­trä­ge ver­weist, kann im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung dahin­ge­hend aus­ge­legt wer­den, dass auch die den BAT erset­zen­den Tarif­ver­trä­ge für das Arbeits­ver­hält­nis maß­ge­bend sind, ent­schied jetzt das Bun­des­ar­beits­ge­richt. Nach dem Zweck der Bezug­nah­me­klau­sel ist von den ver­schie­de­nen Nach­fol­ge­ta­rif­ver­trä­gen des BAT in der Regel der­je­ni­ge anzu­wen­den, der typi­scher­wei­se gel­ten wür­de, wenn die Tätig­keit inner­halb des öffent­li­chen Diens­tes erbracht wür­de.

Ergän­zen­de Aus­le­gung einer ver­trag­li­chen Bezug­nah­me auf einen Tarif­ver­trag

In dem jetzt vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Rechts­streit ist der Klä­ger bei der nicht tarif­ge­bun­de­nen Beklag­ten beschäf­tigt. Die Par­tei­en haben für den Inhalt ihres Arbeits­ver­hält­nis­ses im Wesent­li­chen die Bestim­mun­gen des jeweils gül­ti­gen BAT in Bezug genom­men, nicht aber auch die die­sen erset­zen­den Tarif­ver­trä­ge. Die Beklag­te wen­det auch nach dem Inkraft­tre­ten des Tarif­ver­tra­ges für den öffent­li­chen Dienst der Län­der (TV‑L) am 1. Novem­ber 2006 wei­ter­hin die Bestim­mun­gen des BAT und der ihn ergän­zen­den Tarif­ver­trä­ge an. Der Klä­ger will fest­ge­stellt wis­sen, dass die tarif­li­chen Rege­lun­gen des TV‑L und des­sen Zusatz­ta­rif­ver­trä­ge für sein Arbeits­ver­hält­nis maß­ge­bend sind.

Die Kla­ge war Bun­des­ar­beits­ge­richts, eben­so wie zuvor bereits vor dem Arbeits­ge­richt und dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg 1, erfolg­reich:

Die ledig­lich zeit­dy­na­misch aus­ge­stal­te­te Bezug­nah­me­klau­sel erfass­te nicht die Nach­fol­ge­ta­rif­ver­trä­ge des BAT, so das Bun­des­dar­beits­ge­richt, da es sich bei die­sen nicht um eine gül­ti­ge Fas­sung des BAT han­delt. Die Bezug­nah­me­re­ge­lung ergab aller­dings den Wil­len der Par­tei­en, sich dyna­misch an der Tarif­ent­wick­lung des öffent­li­chen Diens­tes aus­zu­rich­ten. Da der BAT mit dem Inkraft­tre­ten u.a. des TV‑L sei­ne Dyna­mik ver­lo­ren hat, ist die ver­trag­li­che Bezug­nah­me­re­ge­lung lücken­haft gewor­den. Wie das Bun­des­ar­beits­ge­richt bereits für eine Inbe­zug­nah­me der Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen des BAT ent­schie­den hat 2, wür­de eine sta­ti­sche Wei­ter­gel­tung des BAT mit dem tarif­li­chen Nor­men­be­stand aus dem Jah­re 2003 nach dem Sinn und Zweck der Bezug­nah­me­klau­sel nicht den Inter­es­sen der Par­tei­en ent­spre­chen. Die Bezug­nah­me­klau­sel war im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung dahin zu ergän­zen, dass auch die Gel­tung der dem BAT nach­fol­gen­den Tarif­re­ge­lun­gen vom mut­maß­li­chen Wil­len der Arbeits­ver­trags­par­tei­en mit­um­fasst war. Da es für die in Ham­burg ansäs­si­ge Arbeit­ge­be­rin an erkenn­ba­ren Hin­wei­sen fehl­te, sich am Tarif­recht des Bun­des oder an dem der Kom­mu­nen zu ori­en­tie­ren, war die lücken­haf­te Ver­trags­re­ge­lung dahin zu schlie­ßen, dass die Par­tei­en red­li­cher­wei­se die Bezug­nah­me des TV‑L, sowie der hier­zu geschlos­se­nen wei­te­ren Tarif­ver­trä­ge ver­ein­bart hät­ten.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 19. Mai 2010 – 4 AZR 796/​08

  1. LAG Ham­burg, Urteil vom 22.05.2008 – 8 Sa 1/​08[]
  2. BAG 16.12.2009 – 5 AZR 888/​08[]