Erzie­her in Wohn­grup­pen mit alter­nie­ren­der Betreu­ung – und die Arbeits­zeit

Das Arbeits­zeit­ge­setz ist auf Erzie­her anwend­bar, die im Rah­men der soge­nann­ten alter­nie­ren­den Betreu­ung von Kin­dern und Jugend­li­chen in Wohn­grup­pen tätig sind. Das hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig heu­te ent­schie­den.

Erzie­her in Wohn­grup­pen mit alter­nie­ren­der Betreu­ung – und die Arbeits­zeit

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Streit­fall betreibt die kla­gen­de GmbH als Trä­ge­rin der Kin­der- und Jugend­hil­fe unter ande­rem Wohn­grup­pen, in denen regel­mä­ßig jeweils sechs Kin­der und Jugend­li­che von drei Erzie­hern betreut wer­den. Im Rah­men der hier­bei prak­ti­zier­ten alter­nie­ren­den Betreu­ung (WaB-Modell) wohnt jeweils einer der Erzie­her für zwei bis sie­ben Tage durch­ge­hend in der Wohn­grup­pe. Der zwei­te Erzie­her hat tags­über Dienst; der drit­te Erzie­her hat frei. Mit dem ange­foch­te­nen Bescheid gab das beklag­te Land Ber­lin der GmbH auf, die Dienst­plä­ne der Erzie­her im Ein­klang mit den Vor­ga­ben des Arbeits­zeit­ge­set­zes (ArbZG) aus­zu­ge­stal­ten.

Der Wider­spruch gegen die­sen Bescheid blieb eben­so erfolg­los wie die Kla­ge vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin 1 und die Beru­fung der GmbH beim Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg 2.Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun auch die Revi­si­on der GmbH zurück­ge­wie­sen:

Die Anwend­bar­keit des Arbeits­zeit­ge­set­zes auf die in den WaB-Grup­pen beschäf­tig­ten Erzie­her ist nicht nach § 18 Abs. 1 Nr. 3 ArbZG aus­ge­schlos­sen. Die­se Aus­nah­me­vor­schrift setzt unter ande­rem vor­aus, dass die betrof­fe­nen Arbeit­neh­mer in häus­li­cher Gemein­schaft mit den ihnen anver­trau­ten Per­so­nen zusam­men­le­ben. Dazu ist ein gemein­sa­mes Woh­nen und Wirt­schaf­ten auf län­ge­re Zeit erfor­der­lich, das auf per­so­nel­le Kon­ti­nui­tät sowie nahe­zu per­ma­nen­te Ver­füg­bar­keit des Arbeit­neh­mers ange­legt und davon geprägt ist, dass sich Arbeits- und Ruhe­zei­ten nicht von­ein­an­der tren­nen las­sen. Die­ses Ver­ständ­nis des § 18 Abs. 1 Nr. 3 ArbZG steht im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht, nament­lich der Richt­li­nie 2003/​88/​EG. Gemes­sen dar­an stellt das von der GmbH prak­ti­zier­te Modell kein Zusam­men­le­ben in häus­li­cher Gemein­schaft dar.

Der ange­foch­te­ne, auf § 17 Abs. 2 ArbZG gestütz­te Bescheid ist auch im Übri­gen recht­mä­ßig. Ins­be­son­de­re hat der Beklag­te sein Ermes­sen pflicht­ge­mäß aus­ge­übt. Inso­weit erweist sich das Beru­fungs­ur­teil aller­dings nur im Ergeb­nis als rich­tig, denn der von § 17 Abs. 2 ArbZG eröff­ne­te Ermes­sens­spiel­raum ist – anders als von den Vor­in­stan­zen ange­nom­men – nicht im Sin­ne eines "inten­dier­ten Ermes­sens" dahin­ge­hend ein­ge­schränkt, dass die zustän­di­ge Behör­de bei Vor­lie­gen der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen regel­mä­ßig ein­zu­schrei­ten hat.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 8. Mai 2019 – 8 C 3.18

  1. VG Ber­lin, Urteil vom 24.03.2015 – 14 K 184.14[]
  2. OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 29.11.2017 – 1 B 19.15[]