Feh­len­de Tarif­fä­hig­keit der „DHV – Die Berufs­ge­werk­schaft e.V.“

Die „DHV – Die Berufs­ge­werk­schaft e.V.“ (ehe­mals: „DHV – Deut­scher Hand­lungs­ge­hil­fen-Ver­band, Gewerk­schaft der Kauf­manns­ge­hil­fen“), ist, wie das Bun­des­ar­beits­ge­richt jetzt ent­schie­den hat, seit dem 21. April 2015 nicht mehr tarif­fä­hig. Damit sind auch alle seit­dem von der DHV geschlos­se­nen Tarif­ver­trä­ge hinfällig.

Feh­len­de Tarif­fä­hig­keit der „DHV – Die Berufs­ge­werk­schaft e.V.“

Die DHV ist nicht die ers­te Christ­li­chen Gewerk­schafts­bund“ (CGB) ange­hö­ren­de Gewerk­schaft, der die Tarif­fä­hig­keit abge­spro­chen wur­de. Zuvor traf die­ses Ver­dikt auch bereits die CGB-Mitgliedsverbände

Tarif­ver­trä­ge kann nur eine tarif­fä­hi­ge Arbeit­neh­mer­ver­ei­ni­gung schlie­ßen. Das setzt vor­aus, dass die Ver­ei­ni­gung über eine Durch­set­zungs­kraft gegen­über der Arbeit­ge­ber­sei­te und eine hin­rei­chen­de orga­ni­sa­to­ri­sche Leis­tungs­fä­hig­keit in einem zumin­dest nicht unbe­deu­ten­den Teil des bean­spruch­ten Zustän­dig­keits­be­reichs ver­fügt. Die­se sozia­le Mäch­tig­keit wird regel­mä­ßig durch die Zahl der orga­ni­sier­ten Arbeit­neh­mer vermittelt. 

Die im Jahr 1950 als Gewerk­schaft der Kauf­manns­ge­hil­fen neu gegrün­de­te DHV ver­stand sich nach ihrer 1972 gel­ten­den Sat­zung als eine Gewerk­schaft der Ange­stell­ten im Han­del, in der Indus­trie und dem pri­va­ten und öffent­li­chen Dienst­leis­tungs­be­reich; seit 2002 als eine Gewerk­schaft der Arbeit­neh­mer in Berei­chen, die durch kauf­män­ni­sche und ver­wal­ten­de Beru­fe geprägt sind. Nach meh­re­ren wei­te­ren Ände­run­gen des Orga­ni­sa­ti­ons­be­reichs erstreckt sich ihre Tarif­zu­stän­dig­keit auf der Grund­la­ge einer im Novem­ber 2014 beschlos­se­nen Sat­zung nun­mehr auf Arbeit­neh­mer in unter­schied­lichs­ten Berei­chen, so unter ande­rem pri­va­te Ban­ken und Bau­spar­kas­sen, Ver­si­che­rungs­ge­wer­be, Ein­zel- und Bin­nen­groß­han­del, Kran­ken­häu­ser in pri­vat­recht­li­cher Rechts­form, Ret­tungs­diens­te, Deut­sches Rotes Kreuz, Fleisch­wa­ren­in­dus­trie, Rei­se­ver­an­stal­ter, Tex­til­rei­ni­gung, Ein­rich­tun­gen der pri­va­ten Alten- und Behin­der­ten­pfle­ge sowie IT-Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men für Steu­er­be­ra­ter, Wirt­schafts­prü­fer und Rechts­an­wäl­te. Die DHV ver­fügt – nach eige­nem Bekun­den – über 66.826 Mit­glie­der, die in ihrem sat­zungs­mä­ßi­gen Zustän­dig­keits­be­reich beschäf­tigt sind. Die­ser erfasst nach Anga­ben der DHV um die 6,3 Mio. Arbeit­neh­mer, was einem Gesamt­or­ga­ni­sa­ti­ons­grad von etwa einem Pro­zent ent­spricht. In den ein­zel­nen Zustän­dig­keits­be­rei­chen schwankt ihr Orga­ni­sa­ti­ons­grad zwi­schen unge­fähr 0,3 % (kauf­män­ni­sche und ver­wal­ten­de Beru­fe bei kom­mu­na­len Arbeit­ge­bern) und 2,4 % (Ver­si­che­rungs­ge­wer­be).

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In einem ua. von den Gewerk­schaf­ten IG Metall, ver.di und NGG ein­ge­lei­te­ten Beschluss­ver­fah­ren haben die­se die – zuletzt auf die Zeit ab dem 21. April 2015 bezo­ge­ne – Fest­stel­lung begehrt, dass die DHV nicht tarif­fä­hig ist.

Das Arbeits­ge­richt hat dem Antrag statt­ge­ge­ben, das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg hat ihn abge­wie­sen5. Nach Auf­he­bung die­ser Ent­schei­dung durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt mit Beschluss vom 26. Juni 20186 und Zurück­ver­wei­sung der Sache an das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg hat die­ses fest­ge­stellt, dass die DHV auf der Grund­la­ge ihrer letz­ten Sat­zung seit dem 21. April 2015 nicht tarif­fä­hig ist7. Die hier­ge­gen erho­be­ne Rechts­be­schwer­de der DHV hat­te vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt kei­nen Erfolg:

Wie die gebo­te­ne Gesamt­wür­di­gung ergibt, kann selbst bei Zugrun­de­le­gung der Anga­ben der DHV nicht pro­gnos­ti­ziert wer­den, dass die­se in ihrem eigen­stän­dig bestimm­ten Zustän­dig­keits­be­reich über die not­wen­di­ge mit­glie­der­ver­mit­tel­te Durch­set­zungs­fä­hig­keit gegen­über den sozia­len Gegen­spie­lern ver­fügt. Die DHV kann ihre sozia­le Mäch­tig­keit auch nicht aus ihrer Teil­nah­me am Tarif­ge­sche­hen auf der Grund­la­ge ihrer aktu­el­len Sat­zung herleiten. 

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 22. Juni 2021 – 1 ABR 28/​20

  1. ArbG Duis­burg, Beschluss vom 22.08.2012 – 4 BV 29/​12[]
  2. LAG Hamm, Bschluss vom 23.09.2011 – 10 TaBV 14/​11[]
  3. BAG, Beschluss vom 11.6.2013 – 1 ABR 33/​12[]
  4. BAG, Beschluss vom 14.12.2010 – 1 ABR 19/​10; BAG, Be­schluss vom 22.05.2012 – 1 ABN 27/​12; BVerfG, Be­schluss vom 25.04.2015 – 1 BvR 2314/​12[]
  5. LAG Ham­burg, Beschluss vom 04.05.2016 – 5 TaBV 8/​15[]
  6. BAG, Beschluss vom 26.06.2018 – 1 ABR 37/​16[]
  7. LAG Ham­burg, Beschluss vom 22.05.2020 – 5 TaBV 15/​18[]

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