Fir­men­ta­rif­ver­trag und neu hin­zu­ge­kom­me­ne Betrie­be

Gehen im Fal­le der Ver­schmel­zung durch Auf­nah­me die Arbeits­ver­hält­nis­se der Arbeit­neh­mer des auf­ge­nom­me­nen Unter­neh­mens gemäß § 324 UmwG in Ver­bin­dung mit § 613a Abs. 1 Satz 1 BGB auf das auf­neh­men­de Unter­neh­men über, so fin­det ein für die Arbeit­neh­mer des auf­neh­men­den Unter­neh­mens gel­ten­der Fir­men­ta­rif­ver­trag auch auf die über­nom­me­nen tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­neh­mer Anwen­dung, sofern der Fir­men­ta­rif­ver­trag kei­ne ein­schrän­ken­de Rege­lung ent­hält.

Fir­men­ta­rif­ver­trag und neu hin­zu­ge­kom­me­ne Betrie­be

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts [1] ist bei der Aus­le­gung zunächst vom Tarif­wort­laut aus­zu­ge­hen. Bei nicht ein­deu­ti­gem Tarif­wort­laut ist der mög­li­che Wil­le der Tarif­par­tei­en mit zu berück­sich­ti­gen, soweit er in den tarif­li­chen Nor­men sei­nen Nie­der­schlag gefun­den hat. Ggf. kann Ver­an­las­sung zur Ein­ho­lung einer Tarif­aus­kunft bestehen [2]. Abzu­stel­len ist stets auf den tarif­li­chen Gesamt­zu­sam­men­hang, weil die­ser Anhalts­punk­te für den wirk­li­chen Wil­len der Tarif­par­tei­en lie­fert. Erge­ben sich hier­nach kei­ne zwei­fels­frei­en Aus­le­gungs­er­geb­nis­se, kön­nen die Gerich­te für Arbeits­sa­chen ohne Bin­dung an eine Rei­hen­fol­ge wei­te­re Kri­te­ri­en für die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Tarif­ver­trags, gege­be­nen­falls auch die prak­ti­sche Tarif­übung ergän­zend hin­zu­zie­hen. Im Zwei­fel gebührt der­je­ni­gen Tarif­aus­le­gung der Vor­zug, die zu einem ver­nünf­ti­gen, sach­ge­rech­ten, zweck­ori­en­tier­ten und prak­tisch brauch­ba­ren Rege­lung führt.

In dem jetzt vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall war der Wort­laut des Fir­men­ta­rif­ver­trags ein­deu­tig. Hier­nach gilt der Fir­men­ta­rif­ver­trag für alle bei der Fir­ma T GmbH beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer und Aus­zu­bil­den­den, die Mit­glied der IG Metall sind. Der Gel­tungs­be­reich des Fir­men­ta­rif­ver­tra­ges ist nicht auf die Arbeit­neh­mer und Aus­zu­bil­den­den ein­ge­schränkt, die im Zeit­punkt des Abschlus­ses des Fir­men­ta­rif­ver­trags im Betrieb beschäf­tigt waren. Da die Arbeit­ge­be­rin die Fir­ma T GmbH ist, gilt der Fir­men­ta­rif­ver­trag für alle nun­mehr bei ihr beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer und Aus­zu­bil­den­den.

Die frü­her bei der im Rah­men der Ver­schmel­zung auf­ge­nom­me­nen Fir­ma beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer sind auf­grund der Ver­schmel­zung die­ses Unter­neh­mens Arbeit­neh­mer der Arbeit­ge­be­rin gewor­den. Die­se Rechts­fol­ge ergibt sich aus § 324 UmwG. Hier­nach bleibt § 613 a Abs. 1, 4 bis 6 BGB durch die Wir­kun­gen der Ein­tra­gung einer Ver­schmel­zung unbe­rührt. Die Vor­schrift des § 324 UmwG ent­hält eine Rechts­grund­ver­wei­sung mit der Maß­ga­be, dass der Über­gang nicht durch Rechts­ge­schäft erfolgt sein muss [3]. Nach dem über­ein­stim­men­den Vor­brin­gen der Betei­lig­ten hat die Arbeit­ge­be­rin den Betrieb als Gan­zes über­nom­men. Damit sind die dort bestehen­den Arbeits­ver­hält­nis­se gemäß § 613 a Abs. 1 Satz 1 BGB auf die Arbeit­ge­be­rin über­ge­gan­gen.

Ange­sichts des ein­deu­ti­gen Wort­lauts des Fir­men­ta­rif­ver­tra­ges ist eine ein­schrän­ken­de Aus­le­gung der Vor­schrift dahin­ge­hend, dass sie ledig­lich die im ursprüng­li­chen Betrieb beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer erfas­sen soll, nur dann zuläs­sig, wenn die Vor­aus­set­zun­gen für eine teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on vor­lä­gen. Eine sol­che kommt in Betracht, wenn der Wort­laut einer Norm über deren Sinn und Zweck hin­aus­geht, d.h. die Norm eine ver­deck­te Rege­lungs­lü­cke im Sin­ne einer plan­wid­ri­gen Unvoll­stän­dig­keit auf­weist [4]. Die Vor­aus­set­zun­gen für eine teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on des Fir­men­ta­rif­ver­trags lagen jedoch im Streit­fall nicht vor. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg schließt sich inso­weit der Rechts­auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nürn­berg [5] an.

Die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts spricht eben­falls für die­se Rechts­auf­fas­sung. So hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­den [6], dass ein im Jahr 1982 abge­schlos­se­ner Fir­men­ta­rif­ver­trag, der die Anwen­dung des BAT bestim­me, seit dem 3. Okto­ber 1990 man­gels ander­wei­ti­ger tarif­li­cher Bestim­mung auch für die­je­ni­gen Arbeit­neh­mer gel­te, die in Betriebs­stät­ten des Arbeit­ge­bers im Bei­tritts­ge­biet beschäf­tigt sei­en. Es fin­de nicht zwangs­läu­fig der BAT‑O auf die im Bei­tritts­ge­biet begrün­de­ten Arbeits­ver­hält­nis­se Anwen­dung. Außer­dem hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­den [7] ent­schie­den, dass ein Zuord­nungs­ta­rif­ver­trag nach § 3 BetrVG auch für die hin­zu­ge­kom­me­nen Ver­kaufs­stel­len eines ein­ge­glie­der­ten Unter­neh­mens gel­te.

Dage­gen kann nach Ansicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts Baden-Würt­tem­berg aus der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zum „umge­kehr­ten“ Fall der Ver­schmel­zung durch Neu­grün­dung oder durch Auf­nah­me eines Unter­neh­mens, für das ein Fir­men­ta­rif­ver­trag galt, nicht her­ge­lei­tet wer­den, dass der Fir­men­ta­rif­ver­trag nur für die Arbeit­neh­mer des ursprüng­li­chen Betriebs gilt. So hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­den [8], dass bei einer Ver­schmel­zung durch Neu­grün­dung oder Auf­nah­me der auf­neh­men­de Rechts­trä­ger in die vom ver­schmol­ze­nen Rechts­trä­ger ver­ein­bar­ten Fir­men­ta­rif­ver­trä­ge als Tarif­ver­trags­par­tei ein­tre­te. Ein Fir­men­ta­rif­ver­trag zäh­le zu den Ver­bind­lich­kei­ten im Sin­ne des § 20 Abs. 1 Nr. 1 UmwG. In der Ent­schei­dung vom 4. Juli 2007 hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt offen­ge­las­sen, ob sich der Ein­tritt in den Fir­men­ta­rif­ver­trag als Rechts­fol­ge der ver­schmel­zen­den Auf­nah­me nur auf die bis­he­ri­gen Beschäf­tig­ten des auf­ge­nom­me­nen Unter­neh­mens erstre­cke oder für alle tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­neh­mer des auf­neh­men­den Unter­neh­mens. In der Lite­ra­tur wird all­ge­mein die Auf­fas­sung ver­tre­ten, im Fal­le der Ver­schmel­zung gel­te der Fir­men­ta­rif­ver­trag nur für die bis­he­ri­gen Beschäf­tig­ten des auf­ge­nom­me­nen Unter­neh­mens [9].

Auch wenn man der letzt­ge­nann­ten Auf­fas­sung folgt, ergibt sich hier­aus nichts für den hie­si­gen Fall [10]. Die Gel­tung eines Fir­men­ta­rif­ver­trags für die bis­he­ri­gen Beschäf­tig­ten eines auf­ge­nom­me­nen Unter­neh­mens ist eine vom Wil­len der Par­tei­en unab­hän­gi­ge, gesetz­li­che Wir­kung der in § 20 Abs. 1 Nr. 1 UmwG ver­an­ker­ten Gesamt­rechts­nach­fol­ge. Im vor­lie­gen­den Fall steht hin­ge­gen die Aus­le­gung einer Tarif­norm im Streit, auf deren For­mu­lie­rung der Arbeit­ge­ber selbst hät­te Ein­fluss neh­men kön­nen. Hät­te die Arbeit­ge­be­rin aus­schlie­ßen wol­len, dass der Fir­men­ta­rif­ver­trag auch für die Arbeit­neh­mer neu hin­zu­ge­kom­me­ner Betrie­be gilt, hät­te sie mit der tarif­schlie­ßen­den Gewerk­schaft Tarif­ver­hand­lun­gen über eine ent­spre­chen­de Ein­schrän­kung des per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reichs auf­neh­men kön­nen. Wären ent­spre­chen­de Rege­lun­gen nicht durch­setz­bar gewe­sen, so hät­te die Arbeit­ge­be­rin von der Ver­schmel­zung Abstand neh­men kön­nen. Die Arbeit­ge­be­rin hat­te es somit in der Hand, die Gel­tung des Fir­men­ta­rif­ver­trags für die im Betrieb des ver­schmol­ze­nen Unter­neh­mens beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer aus­zu­schlie­ßen. Bei die­ser Sach­la­ge ist auch ein Ver­stoß gegen Art. 9 Abs. 3 GG fern­lie­gend. Nach­dem es zu einer ein­schrän­ken­den Rege­lung im Fir­men­ta­rif­ver­trag nicht gekom­men ist, erstreckt sich der Fir­men­ta­rif­ver­trag auch auf die im Betrieb des auf­ge­nom­me­nen Unter­neh­mens tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­neh­mer.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 27. Sep­tem­ber 2010 – 4 TaBV 2/​10

  1. vgl. zuletzt BAG, 22.04.2010 – 6 AZR 962/​08[]
  2. BAG aaO[]
  3. BAG 06.10.2005 – 2 AZR 316/​04, AP BetrVG 1972 § 102 Nr. 150[]
  4. BAG 24.03.2009 – 9 AZr 983/​07, AP Bur­lG § 7 Nr. 39; BAG 24.06.2004 – 2 AZR 208/​03[]
  5. LAG Nürn­berg, Urteil vom 13.04.2010 – 6 Sa 9/​10[]
  6. BAG, Urteil vom 09.12.1999 – 6 AZR 299/​98, AP BAT‑O § 1 Nr. 14[]
  7. BAG, Urteil vom 24.01.2001 – 4 ABR 16/​00[]
  8. BAG, 24.06.1998 – 4 AZR 208/​97, AP UmwG § 20 Nr. 1; und BAG, 04.07.2007 – 4 AZR 491/​06, AP TVG § 4 Nr. 35[]
  9. Wiedemann/​Oetker TVG 7. Aufl. § 3 Rn. 193; Däubler/​Lorenz TVG 2. Aufl. § 3 Rn. 180; Lutter/​Joost UmwG § 324 Rn. 34[]
  10. a.A. Luther/​Joost UmwG 3. Aufl. § 324 Rn. 34 a.E.[]