Gegen­stands­wert eines Ord­nungs­geld­an­tra­ges

Bei der Fest­set­zung des Gegen­stands­wer­tes eines Ord­nungs­geld­an­tra­ges – auch betref­fend einen betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Unter­las­sungs­an­spruch – ist im Regel­fall von einem Bruch­teil des Wer­tes der Haupt­sa­che aus­zu­ge­hen, es kann sich die­ser Bruch­teils­wert nach den Umstän­den des jewei­li­gen Ein­zel­fal­les aller­dings erhö­hen oder ernied­ri­gen.

Gegen­stands­wert eines Ord­nungs­geld­an­tra­ges

Der Wert der anwalt­li­chen Tätig­keit bei der Durch­set­zung von titu­lier­ten Unter­las­sungs­an­sprü­chen bestimmt sich gemäß § 25 Abs. 1 Nr. 3 RVG 1. Maß­geb­lich ist danach der Wert, den die zu erwir­ken­de Dul­dung oder Unter­las­sung für den Gläu­bi­ger hat. Die­ser Wert muss geschätzt wer­den. Er rich­tet sich grund­sätz­lich nicht nach der Höhe des bean­trag­ten oder fest­ge­setz­ten bzw. fest­zu­set­zen­den Zwangs­gel­des 2.

Wie das Inter­es­se des Gläu­bi­gers an der Vor­nah­me der Dul­dung oder Unter­las­sung. zu bewer­ten ist, ist strei­tig. Im Beschluss des OLG Cel­le vom 23.04.2009 3 fin­det sich fol­gen­de Dar­stel­lung des Streit­stan­des: Wäh­rend nach der einen Auf­fas­sung das Inter­es­se des Gläu­bi­gers in der Regel dem der Haupt­sa­che ent­spricht 4, soll nach ande­rer Ansicht im Regel­fall nur ein Bruch­teil des Wer­tes der Haupt­sa­che anzu­set­zen sein, wobei über­wie­gend eine Span­ne von 1/​5 bis 1/​3 ver­tre­ten wird 5. Nach wie­der­um ande­rer Auf­fas­sung soll sich jede sche­ma­ti­sche Betrach­tung ver­bie­ten. Maß­geb­lich sol­len viel­mehr allein die Umstän­de des jewei­li­gen Ein­zel­fal­les sein, ins­be­son­de­re die Schwe­re des Ver­sto­ßes, die Gefahr wei­te­rer Wie­der­ho­lun­gen sowie der Grad des Ver­schul­dens des Schuld­ners 6.

Im Regel­fall ist in der Tat von einem Bruch­teil des Wer­tes der Haupt­sa­che aus­zu­ge­hen, es kann sich die­ser Bruch­teils­wert nach den Umstän­den des jewei­li­gen Ein­zel­fal­les aller­dings erhö­hen oder ernied­ri­gen. Im Fall des § 888 Abs. 1 ZPO geht es dem Gläu­bi­ger mit dem Zwangs­geld­an­trag dar­um, zu errei­chen, dass der Schuld­ner die titu­lier­te Hand­lung vor­nimmt. Dies recht­fer­tigt es, das Inter­es­se des Gläu­bi­gers an der Fest­set­zung des Zwangs­gel­des mit sei­nem Erfül­lungs­in­ter­es­se gleich­zu­set­zen. Im Anwen­dungs­be­reich des § 890 Abs. 1 ZPO zielt der Antrag des Gläu­bi­gers zwar eben­falls dar­auf ab, den Schuld­ner zur Erfül­lung des Titels anzu­hal­ten, näm­lich sich zukünf­tig an das titu­lier­te Unter­las­sungs­ge­bot zu hal­ten. Der Unter­las­sungs­an­spruch unter­schei­det sich aber von dem auf ein posi­ti­ves Tun gerich­te­ten Anspruch dadurch, dass er nicht durch einen ein­ma­li­gen Akt end­gül­tig erfüllt wer­den kann, son­dern auf einen Dau­er­zu­stand zielt, wäh­rend des­sen die ver­bo­te­ne Hand­lung nicht vor­ge­nom­men wird. Dem­entspre­chend kann hier das kon­kre­te Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren nie­mals dazu füh­ren, dass der Anspruch end­gül­tig erfüllt ist. Indem ein in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­der Ver­stoß geahn­det wird, kann nur – ohne Erfolgs­ga­ran­tie – dar­auf hin­ge­wirkt wer­den, dass ein sol­cher Ver­stoß in Zukunft unter­bleibt. Dem­entspre­chend kann auch der Streit­wert für das kon­kre­te Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren regel­mä­ßig nur einen Bruch­teil des Haupt­sa­ches­treit­werts aus­ma­chen 7.

Selbst wenn der Ord­nungs­geld­an­trag im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren mit einem nur antei­li­gen Wert des Wer­tes der Haupt­sa­che anzu­set­zen ist, wird vor­lie­gend der vom Antrag­stel­ler ange­setz­te jewei­li­ge Wert für die zwei Anträ­ge alle­mal erreicht. Denn der ers­te Antrag betraf 110 behaup­te­te Ver­stö­ße gegen das Unter­las­sungs­ge­bot allei­ne im Zeit­raum April/​Mai 2012. Der zwei­te Antrag betraf beein­dru­cken­de behaup­te­te und dar­ge­stell­te 162 Ver­stö­ße in den Mona­ten Mai bis Juli 2012. Es war nur eine Fra­ge der Pro­zess­öko­no­mie, dass die­se Viel­zahl von Ver­stö­ßen in jeweils einem Antrag zusam­men­ge­fasst wur­de. Jeder ein­zel­ne Ver­stoß hät­te auch Gegen­stand eines geson­der­ten Ver­fah­rens sein kön­nen und wäre dann mit einem antei­li­gen Wert der Haupt­sa­che zu bewer­ten gewe­sen, der auch bei Ansatz eines Bruch­teils des Wer­tes der Haupt­sa­che eher höher als der hier ange­setz­te Betrag gewe­sen wäre.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 20. Janu­ar 2015 – 5 Ta 1/​13

  1. vgl. Zöller/​Herget, ZPO, 30. Aufl., § 3 Rdn. 16 "Ord­nungs- und Zwangs­mit­tel­fest­set­zung"[]
  2. LAG Ham­burg, Beschluss vom 09.03.2012 – 5 Ta 8/​12; vgl. LAG Hamm, Beschluss vom 05.10.2007 – 10 Ta 245/​07[]
  3. OLG Cel­le, Beschluss vom 23.04.2009 – 13 W 33/​09Jur­Bü­ro 2009, 441-442[]
  4. vgl. Gerol­d/­Schmid­t/­Mül­ler-Rabe, a. a. O., § 25 Rdn. 13; AnwK-RVG/­Wolf, a. a. O., § 25 Rdn. 17; Hüß­te­ge in Thomas/​Putzo, ZPO, 29. Aufl., § 3 Rdn. 115; zu § 888 ZPO: OLG Köln, Beschluss vom 24.03.2005 – 25 WF 45/​05, OLGR Köln 2005, 259 6 sowie OLG Cel­le, Beschluss vom 13.08.2007 – 2 W 71/​07, OLGR Cel­le 2008, 91[]
  5. vgl. Ahrens/​Berneke, Der Wett­be­werbs­pro­zess, 5. Aufl., Kap. 40 Rdn. 62; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 04.11.1991 – 4 W 72/​91, WRP 1992, 198 (1/​5 – 1/​3); Han­sea­ti­sches OLG Ham­burg, Beschlüs­se vom 30.06.1993 – 3 W 110/​93, WRP 1994, 42 (1/​5); und vom 11.05.1982 – 3 W 53/​82, WRP 1982, 592 (1/​5); OLG Stutt­gart, Beschluss vom 15.12 1981 – 2 W 48/​81, WRP 1982, 432, 433 (1/​10 auf­grund der beson­de­ren Umstän­de des Ein­zel­fal­les); einen Über­blick über die OLG-Rspr. bie­tet Harte/​Henning/​Retzer, a. a. O., § 12 Rdn. 887 f.[]
  6. vgl. Teplitz­ky, a. a. O.; Zöller/​Herget, a. a. O., § 3 Rdn. 16 "Ord­nungs- und Zwangs­mit­tel­fest­set­zung"; Schuschke/​Walker/​Sturhahn, Voll­stre­ckung und Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz, 4. Aufl., § 890 Rdn. 60[]
  7. OLG Cel­le aaO.[]