Gegen­stands­wert im Zustim­mungs­erset­zungs­ver­fah­ren

Der Gegen­stands­wert der anwalt­li­chen Tätig­keit in Beschluss­ver­fah­ren betref­fend den Antrag des Arbeit­ge­bers auf Erset­zung der Zustim­mung des Betriebs­rats zur außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung eines Betriebs­rats­mit­glieds ist in Anleh­nung an § 42 Abs. 4 S 1 GKG auf drei Brut­to­mo­nats­ver­gü­tun­gen fest­zu­set­zen.

Gegen­stands­wert im Zustim­mungs­erset­zungs­ver­fah­ren

Die Wert­fest­set­zung für den Antrag auf Erset­zung der Zustim­mung des Betriebs­rats rich­tet sich nach § 23 Abs. 3 Satz 2 RVG, wonach der Gegen­stands­wert in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art nach bil­li­gem Ermes­sen zu bestim­men ist. § 23 Abs. 3 Satz 2 RVG stellt eine Auf­fang­norm für Ange­le­gen­hei­ten dar, für die Wert­vor­schrif­ten feh­len. Der Auf­fang­tat­be­stand des § 23 Abs. 3 Satz 2 RVG ist ins­be­son­de­re für nicht­ver­mö­gens­recht­li­che Strei­tig­kei­ten bedeut­sam, deren Wert auf ande­rem Wege nicht bestimmt wer­den kann. Die Wert­fest­set­zung nach bil­li­gem Ermes­sen kommt im Anwen­dungs­be­reich des § 23 Abs. 3 Satz 2 RVG aber erst hin­ter allen sons­ti­gen Bewer­tungs­fak­to­ren zum Zuge. Für das arbeits­ge­richt­li­che Beschluss­ver­fah­ren folgt hier­aus, dass auch die wirt­schaft­li­che Bedeu­tung des jewei­li­gen Streit­ge­gen­stan­des im Vor­der­grund der Bewer­tung ste­hen muss 1.

Der Umstand, dass es sich bei einem Zustim­mungs­erset­zungs­ver­fah­ren gemäß § 103 BetrVG um eine nicht­ver­mö­gens­recht­li­che Strei­tig­keit im Sin­ne des § 23 Abs. 3 RVG han­delt, schließt es nicht aus, sich an ver­gleich­ba­ren Wert­vor­schrif­ten zu ori­en­tie­ren. Der in der gesetz­li­chen Bestim­mung genann­te Betrag von € 04.000,00 ist kein Regel­wert, son­dern ledig­lich ein „Aus­gangs-" oder „Anknüp­fungs­wert“, der nur dann her­an­zu­zie­hen ist, wenn im jewei­li­gen Fall kei­ne sons­ti­gen Anknüp­fungs­punk­te für die Wert­fest­set­zung ersicht­lich sind.

Vor­lie­gend gibt es jedoch Anknüp­fungs­punk­te, die es recht­fer­ti­gen bei Zustim­mungs­erset­zungs­ver­fah­ren nach § 103 BetrVG den Gegen­stands­wert ent­spre­chend § 42 Abs. 4 Satz 1 GKG fest­zu­set­zen, denn das Zustim­mungs­erset­zungs­ver­fah­ren stellt prak­tisch den vor­weg­ge­nom­me­nen Kün­di­gungs­schutz­pro­zess dar 2. Wird der Antrag des Arbeit­ge­bers auf Zustim­mungs­erset­zung zurück­ge­wie­sen, steht der Fort­be­stand des Arbeits­ver­hält­nis­ses des Betriebs­rats­mit­glieds kün­di­gungs­schutz­recht­lich fest. Im umge­kehr­ten Fall ist in einem spä­te­ren Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren das Gericht an die Fest­stel­lung gebun­den, dass die außer­or­dent­li­che Kün­di­gung unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­fal­les gerecht­fer­tigt ist, denn die Rechts­kraft der Ent­schei­dung im Beschluss­ver­fah­ren erstreckt sich auf das Betriebs­rats­mit­glied, das im Hin­blick auf § 103 Abs. 2 Satz 2 BetrVG in dem Ver­fah­ren vor dem Arbeits­ge­richt zu betei­li­gen ist 3.

Soweit das Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein 4 in Zustim­mungs­erset­zungs­ver­fah­ren zwei Brut­to­mo­nats­ver­gü­tun­gen als Gegen­stands­wert anset­zen will, folgt das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg die­ser Auf­fas­sung nicht. Zur Begrün­dung wird in der vor­ge­nann­ten Ent­schei­dung des LArbG Schles­wig-Hol­stein ledig­lich aus­ge­führt, dass es ange­mes­sen sei, den Streit­wert grund­sätz­lich nur in Höhe von zwei Monats­ge­häl­tern fest­zu­set­zen, da sich die Prä­ju­di­zia­li­tät nicht auf alle mög­li­chen Unwirk­sam­keits­grün­de der Kün­di­gung bezie­he. Die­se Argu­men­ta­ti­on über­zeugt nicht, denn es ist inso­weit nicht auf ein­zel­ne Kün­di­gungs­grün­de abzu­stel­len, son­dern auf den Fort­be­stand des Arbeits­ver­hält­nis­ses ins­ge­samt. Der Höhe nach ist es des­halb wegen der prä­ju­di­zi­el­len Wir­kung des Beschluss­ver­fah­rens für das indi­vi­du­al­recht­li­che Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren regel­mä­ßig gebo­ten, den vol­len Gegen­stands­wert­rah­men von drei Brut­to­mo­nats­ver­gü­tun­gen in Anleh­nung an § 42 Abs. 4 Satz 1 GKG aus­zu­schöp­fen 5.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 20. Mai 2011 – 4 Ta 14/​11

  1. LArbG Hamm, Beschluss vom 23.03.2009 – 10 Ta 83/​09, LAGE § 23 RVG Nr. 14; LArbG Ham­burg, Beschluss vom 30.11.2009 – 4 Ta 12/​09[]
  2. vgl. Hes­si­sches LArbG, Beschluss 26.11.2009 – 5 Ta 603/​09, AE 2010, 65 f; LArbG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 02.11.2009 – 5 Ta 113/​09, NZA-RR 2010, 102 ff.; LArbG Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 30.03.2004 – 2 Ta 69/​04, NZA-RR 2004, 373 f; vgl. auch Ger­mel­man­n/­Mat­thes/Prüt­tin­g/­Mül­ler-Glö­ge, ArbGG, 7. Aufl., § 12 Rz. 145 m.w.N.[]
  3. vgl. Hes­si­sches LArbG, Beschluss 26.11.2009 – 5 Ta 603/​09, AE 2010, 65 f[]
  4. vgl. nur LArbG Schles­wig-Hol­stein, Beschluss vom 27.04.2007 – 1 Ta 178/​06, NZA-RR 2007, 541[]
  5. vgl. nur Ger­mel­man­n/­Mat­thes/Prüt­tin­g/­Mül­ler-Glö­ge, ArbGG, aaO., § 12 Rz. 145 m.w.N.[]