Gehalts­er­hö­hung für ein Betriebs­rats­mit­glied

Nach § 37 Abs. 4 Satz 1 BetrVG darf das Arbeits­ent­gelt von Mit­glie­dern des Betriebs­rats ein­schließ­lich eines Zeit­raums von einem Jahr nach Been­di­gung der Amts­zeit nicht gerin­ger bemes­sen wer­den als das Arbeits­ent­gelt ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­mer mit betriebs­üb­li­cher beruf­li­cher Ent­wick­lung.

Gehalts­er­hö­hung für ein Betriebs­rats­mit­glied

§ 37 Abs. 4 Satz 1 BetrVG soll sicher­stel­len, dass Mit­glie­der des Betriebs­rats weder in wirt­schaft­li­cher noch in beruf­li­cher Hin­sicht gegen­über ver­gleich­ba­ren Arbeit­neh­mern mit betriebs­üb­li­cher beruf­li­cher Ent­wick­lung Nach­tei­le erlei­den [1]. § 37 Abs. 4 BetrVG garan­tiert dem Betriebs­rats­mit­glied aller­dings nicht die der Höhe nach abso­lut glei­che Ver­gü­tung, die ver­gleich­ba­re Arbeit­neh­mer erhal­ten. Nach dem Zweck der Vor­schrift, das Betriebs­rats­mit­glied vor finan­zi­el­len Nach­tei­len wegen der Aus­übung der Betriebs­rats­tä­tig­keit zu schüt­zen, kommt es viel­mehr dar­auf an, ob die Gehalts­ent­wick­lung des Betriebs­rats­mit­glieds wäh­rend der Dau­er sei­ner Betriebs­rats­tä­tig­keit in Rela­ti­on zu der­je­ni­gen ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­mer zurück­ge­blie­ben ist [2].

Ver­gleich­bar iSv. § 37 Abs. 4 Satz 1 BetrVG sind Arbeit­neh­mer, die im Zeit­punkt der Amts­über­nah­me ähn­li­che, im Wesent­li­chen gleich qua­li­fi­zier­te Tätig­kei­ten aus­ge­führt haben wie der Amts­trä­ger und dafür in glei­cher Wei­se wie die­ser fach­lich und per­sön­lich qua­li­fi­ziert waren [3]. Üblich ist eine Ent­wick­lung, die ver­gleich­ba­re Arbeit­neh­mer bei Berück­sich­ti­gung der nor­ma­len betrieb­li­chen und per­so­nel­len Ent­wick­lung in beruf­li­cher Hin­sicht genom­men haben. Eine Üblich­keit ent­steht auf­grund gleich­för­mi­gen Ver­hal­tens des Arbeit­ge­bers und einer von ihm auf­ge­stell­ten Regel. Dabei muss der Gesche­hens­ab­lauf so typisch sein, dass auf­grund der Gege­ben­hei­ten und Gesetz­mä­ßig­kei­ten zumin­dest in der über­wie­gen­den Anzahl der ver­gleich­ba­ren Fäl­le mit der jewei­li­gen Ent­wick­lung gerech­net wer­den kann. Da § 37 Abs. 4 Satz 1 BetrVG das Benach­tei­li­gungs­ver­bot des § 78 Satz 2 BetrVG kon­kre­ti­siert, darf die Anwen­dung der Vor­schrift auch nicht zu einer Begüns­ti­gung des Betriebs­rats­mit­glieds gegen­über ande­ren Arbeit­neh­mern füh­ren. Des­halb ist die Über­tra­gung höher­wer­ti­ger Tätig­kei­ten nur dann betriebs­üb­lich, wenn die­se dem Betriebs­rats­mit­glied nach den betrieb­li­chen Gepflo­gen­hei­ten hät­ten über­tra­gen wer­den müs­sen oder die Mehr­zahl der ver­gleich­ba­ren Arbeit­neh­mer einen sol­chen Auf­stieg erreicht. Nicht aus­rei­chend ist es des­halb, dass das Betriebs­rats­mit­glied bei der Amts­über­nah­me in sei­ner bis­he­ri­gen beruf­li­chen Ent­wick­lung einem ver­gleich­ba­ren Arbeit­neh­mer voll­kom­men gleich­ge­stan­den hat oder die Bes­ser­stel­lung eines oder meh­re­rer ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­mer auf indi­vi­du­el­len, nur auf die­se bzw. die­sen Arbeit­neh­mer per­sön­lich zuge­schnit­te­nen Grün­den beruht [4].

Das Betriebs­rats­mit­glied hat wäh­rend der Dau­er sei­ner Amts­zeit Anspruch auf Gehalts­er­hö­hun­gen in dem Umfang, in dem die Gehäl­ter ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­mer mit betriebs­üb­li­cher beruf­li­cher Ent­wick­lung erhöht wer­den. Wer­den die Ver­gü­tun­gen inner­halb der Ver­gleichs­grup­pe um einen bestimm­ten Pro­zent­satz ange­ho­ben, hat das Betriebs­rats­mit­glied Anspruch auf die­sel­be pro­zen­tua­le Erhö­hung sei­nes Gehalts. Fal­len die Gehalts­er­hö­hun­gen inner­halb der Ver­gleichs­grup­pe unter­schied­lich aus, kommt es dar­auf an, in wel­chem Umfang die Gehäl­ter der Mehr­zahl der der Ver­gleichs­grup­pe ange­hö­ren­den Arbeit­neh­mer ange­ho­ben wer­den. Han­delt es sich um eine sehr klei­ne Ver­gleichs­grup­pe und lässt sich des­halb nicht fest­stel­len, dass die Gehäl­ter der Mehr­zahl der ver­gleich­ba­ren Arbeit­neh­mer in glei­chem Umfang erhöht wur­den, kann für den Gehalts­an­pas­sungs­an­spruch des Betriebs­rats­mit­glieds der Durch­schnitt der den Ange­hö­ri­gen der Ver­gleichs­grup­pe gewähr­ten Gehalts­er­hö­hun­gen maß­ge­bend sein, wenn nur auf die­se Wei­se eine nach § 78 Satz 2 BetrVG unzu­läs­si­ge Begüns­ti­gung oder Benach­tei­li­gung des Betriebs­rats­mit­glieds ver­mie­den wer­den kann [5].

Nach § 37 Abs. 4 BetrVG sind ver­gleich­bar die Arbeit­neh­mer, die im Zeit­punkt der Über­nah­me des Betriebs­rats­amts ähn­li­che, im Wesent­li­chen gleich qua­li­fi­zier­te Tätig­kei­ten wie das Betriebs­rats­mit­glied aus­ge­übt haben und dafür in ähn­li­cher Art und Wei­se wie das Betriebs­rats­mit­glied fach­lich und per­sön­lich qua­li­fi­ziert waren. Nach dem Zweck der Vor­schrift, das Betriebs­rats­mit­glied vor finan­zi­el­len Nach­tei­len wegen der Aus­übung der Betriebs­rats­tä­tig­keit zu schüt­zen [6], kommt es dar­auf an, ob die Gehalts­ent­wick­lung des Betriebs­rats­mit­glieds wäh­rend der (gesam­ten) Dau­er sei­ner Betriebs­rats­tä­tig­keit in Rela­ti­on zu der­je­ni­gen ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­mer zurück­ge­blie­ben ist [7].

§ 37 Abs. 4 Satz 1 BetrVG garan­tiert einem frei­ge­stell­ten Betriebs­rats­mit­glied nicht den abso­lut glei­chen Lohn wie ihn ver­gleich­ba­re Arbeit­neh­mer erhal­ten. Ver­gü­tungs­er­hö­hun­gen, auf die das Betriebs­rats­mit­glied vor sei­ner Amts­über­nah­me kei­nen Anspruch hat­te oder, wenn es arbei­te­te, nicht hät­te, haben bei der Bemes­sung sei­nes Arbeits­ent­gelts nach der Wahl zum Betriebs­rats­mit­glied außer Betracht zu blei­ben. Woll­te man dies anders beur­tei­len, dann erhiel­te das frei­ge­stell­te Betriebs­rats­mit­glied uU einen mit § 78 Satz 2 BetrVG nicht zu ver­ein­ba­ren­den Vor­teil gegen­über ande­ren Arbeit­neh­mern [8]. Des­halb kann ein Betriebs­rats­mit­glied, das bei der Amts­über­nah­me bereits die höchs­te tarif­li­che Ver­gü­tungs­grup­pe erreicht hat und für das eine wei­te­re Ver­gü­tungs­stei­ge­rung inner­halb des tarif­li­chen Ver­gü­tungs­sys­tems nicht vor­ge­se­hen ist, einen Anspruch auf eine – über die regel­mä­ßi­gen Tarif­er­hö­hun­gen hin­aus­ge­hen­de – wei­te­re Ver­gü­tungs­er­hö­hung nach § 37 Abs. 4 BetrVG nur dann erwer­ben, wenn inner­halb des Krei­ses der bei Amts­über­nah­me ver­gleich­ba­ren Arbeit­neh­mer eine Ent­wick­lung in den Kreis der außer­ta­rif­li­chen Mit­ar­bei­ter betriebs­üb­lich ist.

Es ist zuläs­sig, kon­kre­ti­sie­ren­de betrieb­li­che Ver­ein­ba­run­gen zu § 37 Abs. 4 BetrVG – etwa zum Ver­fah­ren der Fest­le­gung ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­mer, zu tref­fen. Sol­che Rege­lun­gen müs­sen sich aber im Rah­men der gesetz­li­chen Vor­ga­ben in § 37 Abs. 4 BetrVG und § 78 Satz 2 BetrVG bewe­gen.§ 37 Abs. 4 BetrVG ist als Aus­prä­gung des Benach­tei­li­gungs­ver­bots des § 78 Satz 2 BetrVG und wesent­li­cher Teil der Kon­zep­ti­on der Ver­gü­tung von Betriebs­rats­mit­glie­dern in § 37 BetrVG zwin­gend und kann weder durch Tarif­ver­trag noch auf­grund einer Betriebs­ver­ein­ba­rung oder Rege­lungs­ab­re­de abge­än­dert wer­den. Rege­lun­gen zur Durch­füh­rung der Vor­schrift müs­sen sich in Über­ein­stim­mung mit den Grund­sät­zen des § 37 BetrVG hal­ten [9].

§ 78 Satz 2 BetrVG ver­bie­tet auch und gera­de bewuss­te Begüns­ti­gun­gen von Betriebs­rats­mit­glie­dern. Ver­ein­ba­run­gen, die gegen das Begüns­ti­gungs- oder Benach­tei­li­gungs­ver­bot ver­sto­ßen, sind nach § 134 BGB nich­tig [10].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 18. Janu­ar 2017 – 7 AZR 205/​15

  1. BAG 14.07.2010 – 7 AZR 359/​09, Rn. 30; 16.01.2008 – 7 AZR 887/​06, Rn. 15; 19.01.2005 – 7 AZR 208/​04, zu I 2 a der Grün­de[]
  2. BAG 19.01.2005 – 7 AZR 208/​04 – aaO[]
  3. vgl. BAG 19.01.2005 – 7 AZR 208/​04, zu II 1 der Grün­de; 15.01.1992 – 7 AZR 194/​91, zu II 1 a der Grün­de; 11.12 1991 – 7 AZR 75/​91, zu II der Grün­de[]
  4. vgl. BAG 4.11.2015 – 7 AZR 972/​13, Rn. 22; 14.07.2010 – 7 AZR 359/​09, Rn. 30[]
  5. BAG 19.01.2005 – 7 AZR 208/​04, zu I 2 a der Grün­de[]
  6. vgl. BT-Drs. VI/​2729 S. 23[]
  7. BAG 19.01.2005 – 7 AZR 208/​04, zu I 2 a der Grün­de; 17.05.1977 – 1 AZR 458/​74, zu 3 der Grün­de[]
  8. vgl. BAG 17.05.1977 – 1 AZR 458/​74, zu 2 der Grün­de[]
  9. vgl. zu § 37 Abs. 3 BetrVG: BAG 28.09.2016 – 7 AZR 248/​14, Rn. 33; zu § 37 Abs. 2 BetrVG: BAG 13.07.1994 – 7 AZR 477/​93, zu 2 der Grün­de, BAGE 77, 195; Fit­ting 28. Aufl. § 37 Rn. 4; Weber GK-BetrVG 10. Aufl. § 37 Rn. 8[]
  10. vgl. BAG 20.01.2010 – 7 ABR 68/​08, Rn. 10[]