Gehalts­pfän­dung und der Anspruch auf Lohn­ab­rech­nung

Bei der Pfän­dung eines Anspruchs auf Lohn­zah­lung stellt der Anspruch auf Ertei­lung einer Lohn­ab­rech­nung einen unselb­stän­di­gen Neben­an­spruch dar, wenn es der Abrech­nung bedarf, um den Anspruch auf Lohn­zah­lung gel­tend machen zu kön­nen. Wenn nicht aus­ge­schlos­sen ist, dass dem Schuld­ner gegen den Dritt­schuld­ner der­ar­ti­ge Ansprü­che auf Lohn­ab­rech­nung zuste­hen, wer­den die­se angeb­li­chen Ansprü­che des Schuld­ners gegen den Dritt­schuld­ner (Arbeit­ge­ber) bei einer Lohn­pfän­dung mit­ge­pfän­det. In der­ar­ti­gen Fäl­len der Mit­pfän­dung kann das Voll­stre­ckungs­ge­richt auf Antrag des Gläu­bi­gers die Mit­pfän­dung im Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss (klar­stel­lend) aus­spre­chen.

Gehalts­pfän­dung und der Anspruch auf Lohn­ab­rech­nung

Die angeb­li­chen For­de­run­gen des Schuld­ners gegen die Dritt­schuld­ne­rin auf monat­li­che Über­sen­dung der Lohn­ab­rech­nun­gen sind zusam­men mit den angeb­li­chen For­de­run­gen auf Lohn­zah­lung als Neben­rech­te mit­ge­pfän­det.

Die mit einer Pfän­dung ver­bun­de­ne Beschlag­nah­me erstreckt sich ohne Wei­te­res auf alle Neben­rech­te, die im Fal­le einer Abtre­tung nach § 412, § 401 BGB mit auf den neu­en Gläu­bi­ger über­ge­hen; einer geson­der­ten Neben- oder Hilfs­pfän­dung bedarf es dazu nicht [1]. Neben den in § 401 BGB aus­drück­lich genann­ten Rech­ten wird die­se Vor­schrift unter ande­rem auf sol­che Hilfs­rech­te ent­spre­chend ange­wandt, die zur Gel­tend­ma­chung oder Durch­set­zung einer For­de­rung erfor­der­lich sind [2]. Sol­che Neben­rech­te sind ins­be­son­de­re Ansprü­che auf Aus­kunft und Rech­nungs­le­gung, die dar­auf abzie­len, Gegen­stand und Betrag des Haupt­an­spruchs zu ermit­teln [3].

Bei der Lohn­pfän­dung stellt der Anspruch auf Ertei­lung einer Lohn­ab­rech­nung einen sol­chen unselb­stän­di­gen Neben­an­spruch dar, wenn es der Abrech­nung bedarf, um den Anspruch auf Lohn­zah­lung gel­tend machen zu kön­nen. Es ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass dem Schuld­ner gegen die Dritt­schuld­ne­rin der­ar­ti­ge Ansprü­che auf Lohn­ab­rech­nung zuste­hen. Nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen kann der Arbeit­neh­mer vom Arbeit­ge­ber Aus­kunft über die Grund­la­gen sei­nes Ver­gü­tungs­an­spruchs ver­lan­gen, wenn der Arbeit­neh­mer hier­über unver­schul­det kei­ne Kennt­nis hat [4]. Das schließt den Anspruch auf eine Abrech­nung mit ein, wenn es der Abrech­nung bedarf, um den Anspruch auf die Zah­lung kon­kret ver­fol­gen zu kön­nen [5]. Ob der­ar­ti­ge Ansprü­che des Schuld­ners auf Lohn­ab­rech­nung gegen die Dritt­schuld­ne­rin tat­säch­lich gege­ben sind, ist im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren uner­heb­lich. Denn das Voll­stre­ckungs­ge­richt prüft grund­sätz­lich nicht, ob eine zu pfän­den­de For­de­rung besteht [6]. Bezüg­lich einer Mit­pfän­dung gilt Ent­spre­chen­des. Eine Pfän­dung muss immer dann erfol­gen, wenn dem Schuld­ner die For­de­rung nach irgend­ei­ner ver­tret­ba­ren Rechts­an­sicht zuste­hen kann [7]. Ein Pfän­dungs­an­trag darf nur aus­nahms­wei­se abge­lehnt wer­den, wenn dem Schuld­ner der Anspruch aus tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Grün­den offen­bar nicht zuste­hen kann oder ersicht­lich unpfänd­bar ist [7]. Ein sol­cher Aus­nah­me­fall liegt hier nicht vor. Ins­be­son­de­re steht nicht fest, dass die Erfül­lung der genann­ten Ansprü­che auf Lohn­ab­rech­nung gegen­über dem Gläu­bi­ger unzu­läs­si­ger Wei­se in ein Recht des Schuld­ners auf Geheim­hal­tung oder infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung ein­grei­fen wür­de, weil in den Abrech­nun­gen schuld­ner­be­zo­ge­ne Daten ent­hal­ten sind, die sich nicht nur auf das pfänd­ba­re Arbeits­ein­kom­men bezie­hen [8]. Das Inter­es­se des Schuld­ners, die in Lohn­ab­rech­nun­gen ent­hal­te­nen, sein Arbeits­ver­hält­nis betref­fen­den per­sön­li­chen Daten gegen­über Drit­ten nicht zu offen­ba­ren, über­wiegt grund­sätz­lich nicht das Voll­stre­ckungs­in­ter­es­se des Gläu­bi­gers [9]. Der Schuld­ner hat im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren im Übri­gen kei­nen Vor­trag gehal­ten, aus dem sich Hin­wei­se auf ein der­ar­ti­ges Geheim­hal­tungs­in­ter­es­se erge­ben.

Die Vor­schrift des § 840 ZPO, die eine Aus­kunfts­ob­lie­gen­heit des Dritt­schuld­ners begrün­det [10], steht der vor­ste­hend erör­ter­ten Mit­pfän­dung nicht ent­ge­gen. § 840 ZPO lässt mate­ri­ell­recht­li­che Aus­kunfts- und Rech­nungs­le­gungs­an­sprü­che, die den Dritt­schuld­ner tref­fen und von der Pfän­dung der For­de­rung gemäß § 401 BGB mit­er­fasst wer­den, unbe­rührt [11].

Das Rechts­schutz­be­dürf­nis des Gläu­bi­gers für den begehr­ten Aus­spruch bezüg­lich der Pfän­dung der angeb­li­chen For­de­run­gen auf monat­li­che Über­sen­dung der Lohn­ab­rech­nun­gen ist gege­ben.

In Fäl­len der Mit­pfän­dung von Neben­rech­ten wie im Streit­fall kann das Voll­stre­ckungs­ge­richt auf Antrag des Gläu­bi­gers in dem das Haupt­recht pfän­den­den Beschluss die Mit­pfän­dung (klar­stel­lend) aus­spre­chen [12]. Ein sol­cher klar­stel­len­der Aus­spruch erleich­tert dem Gläu­bi­ger den Nach­weis der Mit­pfän­dung [13].

Das Rechts­schutz­be­dürf­nis für den genann­ten klar­stel­len­den Aus­spruch ent­fällt nicht wegen der im Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss ent­hal­te­nen, bestands­kräf­tig gewor­de­nen Anord­nung, dass der Schuld­ner für die Dau­er der Pfän­dung die Lohn­ab­rech­nun­gen an den Gläu­bi­ger her­aus­zu­ge­ben hat [14]. § 836 Abs. 3 Satz 3 ZPO ermög­licht eine Zwangs­voll­stre­ckung in die­se Urkun­den nur, sofern sie sich – schon oder noch – im Besitz des Schuld­ners befin­den [15].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Dezem­ber 2012 – VII ZB 50/​11

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 09.02.2012 VII ZB 117/​09, NJW-RR 2012, 434 Rn. 12; Beschluss vom 18.07.2003 – IXa ZB 148/​03, NJW-RR 2003, 1555, 1556[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 09.02.2012 – VII ZB 117/​09, NJW-RR 2012, 434 Rn. 14 m.w.N.[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 18.07.2003 – IXa ZB 148/​03, NJW-RR 2003, 1555, 1556; Urteil vom 08.11.2005 – XI ZR 90/​05, BGHZ 165, 53, 57[]
  4. vgl. BAGE 119, 62 Rn. 15 m.w.N.[]
  5. vgl. BAGE 119, 62 Rn. 15[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 22.08.2012 – VII ZB 2/​11, NZI 2012, 809 Rn. 23; Beschluss vom 19.03.2004 – IXa ZB 229/​03, NJW 2004, 2096, 2097 m.w.N.[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 12.12.2007 VII ZB 38/​07, NJW-RR 2008, 733 Rn. 9 m.w.N.[][]
  8. a.M. Hess. LAG, Urteil vom 24.01.2002 – 5 Sa 1213/​01; Rei­ter, FA 2007, 258, 259 f.[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 28.06.2006 – VII ZB 142/​05, NJW-RR 2006, 1576 Rn. 14[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 04.05.2006 – IX ZR 189/​04, NJW-RR 2006, 1566 Rn. 10 m.w.N.[]
  11. vgl. Lüke in Wieczorek/​Schütze, ZPO, 3. Aufl., § 840 Rn. 2; Schuschke/​Walker, Voll­stre­ckung und Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz, 5. Aufl., § 840 Rn. 2[]
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 18.07.2003 – IXa ZB 148/​03, NJW-RR 2003, 1555, 1556; Beschluss vom 09.02.2012 – VII ZB 117/​09, NJW-RR 2012, 434 Rn. 11; LG Bochum, Jur­Bü­ro 2000, 437 m.w.N.; Stö­ber, For­de­rungs­pfän­dung, 15. Aufl., Rn. 1742; Sche­rer, Rpfle­ger 1995, 446, 450; a.M. OLG Zwei­brü­cken, Jur­Bü­ro 1995, 660, 662[]
  13. vgl. OLG Hamm, DGVZ 1994, 188, 189; LG Koblenz, Jur­Bü­ro 1996, 663, 664; Behr, Jur­Bü­ro 1995, 626, 628[]
  14. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 28.06.2006 – VII ZB 142/​05, NJW-RR 2006, 1576 Rn. 8[]
  15. vgl. BGH, Beschluss vom 25.03.2010 – VII ZB 11/​08, Jur­Bü­ro 2010, 440 Rn.20[]