Gleich­be­hand­lung und Dif­fe­ren­zie­rung bei der Gehalts­er­hö­hung

Hebt der Arbeit­ge­ber durch eine betrieb­li­che Ein­heits­re­ge­lung Arbeits­ent­gel­te gene­rell an, schließt aber eine Grup­pe von Arbeit­neh­mern von der Ent­gelt­er­hö­hung aus, hat er nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Senats die Grün­de für die Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen der begüns­tig­ten Grup­pe und den benach­tei­lig­ten Arbeit­neh­mern offen­zu­le­gen und so sub­stan­ti­iert dar­zu­tun, dass die Beur­tei­lung mög­lich ist, ob die Grup­pen­bil­dung sach­li­chen Kri­te­ri­en ent­spricht, sie also einem legi­ti­men Zweck dient und zur Errei­chung die­ses Zwecks erfor­der­lich und ange­mes­sen ist 1.

Gleich­be­hand­lung und Dif­fe­ren­zie­rung bei der Gehalts­er­hö­hung

In kei­ner sei­ner neue­ren Ent­schei­dun­gen zu einem auf den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz gestütz­ten Anspruch auf Ent­gelt­er­hö­hung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt aber eine mate­ri­ell­recht­li­che oder pro­zes­sua­le Prä­k­lu­si­on ange­nom­men. Zwar hat­te der Arbeit­ge­ber nach einer frü­he­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (insb. zur Ungleich­be­hand­lung bei Gra­ti­fi­ka­tio­nen) die Grün­de für die Ungleich­be­hand­lung – soweit die­se nicht ohne­hin aus dem Leis­tungs­zweck erkenn­bar waren – spä­tes­tens dann offen­zu­le­gen, wenn die Arbeit­neh­mer, die die gel­ten­de Bes­ser­stel­lung für sich in Anspruch neh­men, an ihn her­an­tre­ten. Kam der Arbeit­ge­ber die­ser Ver­pflich­tung nicht recht­zei­tig nach, war sein Vor­brin­gen inso­weit nicht berück­sich­ti­gungs­fä­hig 2. Ob die als­bal­di­ge Offen­le­gung der Grün­de für eine Dif­fe­ren­zie­rung Vor­aus­set­zung dafür ist, dass der Arbeit­ge­ber sich auf die­se Grün­de beru­fen kann, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt aller­dings schon in sei­nem Urteil vom 8. März 1995 3 in Fra­ge gestellt, in nach­fol­gen­den Ent­schei­dun­gen hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt die­se Rechts­sät­ze nicht mehr auf­recht­erhal­ten. Die Zubil­li­gung eines ggf. im Wege der Stu­fen­kla­ge durch­setz­ba­ren Aus­kunfts­an­spruchs des Arbeit­neh­mers gegen­über sei­nem Arbeit­ge­ber 4 eröff­net einem Arbeit­neh­mer eine aus­rei­chen­de Mög­lich­keit, sich Kennt­nis über die Grün­de für die Ungleich­be­hand­lung zu ver­schaf­fen und die Chan­cen für die wei­te­re Rechts­ver­fol­gung ein­zu­schät­zen 5.

Eine mate­ri­ell­recht­li­che oder pro­zes­sua­le Prä­k­lu­si­on des Arbeit­ge­bers mit Dif­fe­ren­zie­rungs­grün­den lässt sich – jeden­falls bei einem auf den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz gestütz­ten Anspruch auf Ent­gelt­er­hö­hung – nicht begrün­den. Die unter­schied­li­che Leis­tungs­ge­wäh­rung bei der gene­rel­len Anhe­bung von Arbeits­ent­gel­ten durch eine betrieb­li­che Ein­heits­re­ge­lung muss stets im Sin­ne mate­ri­el­ler Gerech­tig­keit sach­ge­recht sein 6, der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz dient damit der Gewäh­rung mate­ri­el­ler Gerech­tig­keit. Sei­ne Ver­let­zung hängt nicht davon ab, ob der Arbeit­ge­ber die Grün­de der von ihm vor­ge­nom­me­nen Dif­fe­ren­zie­rung dem Arbeit­neh­mer – vor­pro­zes­su­al – mit­ge­teilt hat, son­dern davon, ob die Ungleich­be­hand­lung in der Sache gerecht­fer­tigt ist 7. Ob der Arbeit­ge­ber einen „nach­ge­scho­be­nen“ Dif­fe­ren­zie­rungs­grund nur „vor­schiebt“, ist kei­ne Fra­ge der Prä­k­lu­si­on 8, son­dern der Tat­sa­chen­fest­stel­lung. Die Tat­sa­chen­in­stan­zen haben nach den Grund­sät­zen des § 286 Abs. 1 ZPO fest­zu­stel­len, ob der vom Arbeit­ge­ber im Pro­zess vor­ge­tra­ge­ne Dif­fe­ren­zie­rungs­grund tat­säch­lich vor­liegt. Eine zeit­li­che Gren­ze für die Offen­le­gung von Dif­fe­ren­zie­rungs­grün­den bil­det nur das Revi­si­ons­recht. Der Arbeit­ge­ber kann sei­ne Ungleich­be­hand­lung nicht auf Grün­de stüt­zen, die als neue Tat­sa­chen vom Revi­si­ons­ge­richt nach § 559 ZPO nicht mehr berück­sich­tigt wer­den kön­nen 9.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urtei­le vom 23. Febru­ar 2011 – 5 AZR 82/​10, 5 AZR 83/​10 und 5 AZR 84/​10

  1. vgl. zuletzt BAG 17.03.2010 – 5 AZR 168/​09, Rn. 14 ff. mwN, AP BGB § 242 Gleich­be­hand­lung Nr. 211 = EzA BGB 2002 § 242 Gleich­be­hand­lung Nr. 22[]
  2. BAG 22.12.1970 – 3 AZR 52/​70 – zu III 3 a, b der Grün­de, AP BGB § 305 Bil­lig­keits­kon­trol­le Nr. 2; 05.03.1980 – 5 AZR 881/​78 – zu II 4 a der Grün­de, BAGE 33, 57; 09.09. 1981 – 5 AZR 1182/​79 – zu B I 3 der Grün­de, BAGE 36, 187; 27.10.1998 – 9 AZR 299/​97 – zu I 3 c aa der Grün­de, BAGE 90, 85[]
  3. BAG, 08.03.1995 – 10 AZR 208/​94, AP BGB § 611 Gra­ti­fi­ka­ti­on Nr. 184 = EzA BGB § 611 Gra­ti­fi­ka­ti­on, Prä­mie Nr. 131; eben­so 21.05.2003 – 10 AZR 524/​02, BAGE 106, 166[]
  4. BAG 01.12.2004 – 5 AZR 664/​03, BAGE 113, 55[]
  5. BAG 27.07.2010 – 1 AZR 874/​08 – Rn. 26, NZA 2010, 1369[]
  6. BAG 17.03.2010 – 5 AZR 168/​09, Rn. 16 mwN, AP BGB § 242 Gleich­be­hand­lung Nr. 211 = EzA BGB 2002 § 242 Gleich­be­hand­lung Nr. 22[]
  7. vgl. BAG 21.08.2007 – 3 AZR 269/​06, Rn. 30, BAGE 124, 22[]
  8. so aber wohl ErfK/​Preis 11. Aufl. § 611 BGB Rn. 605[]
  9. BAG 06.10.1993 – 10 AZR 450/​92, AP BGB § 242 Gleich­be­hand­lung Nr. 107 = EzA BGB § 242 Gleich­be­hand­lung Nr. 57[]