Güns­tig­keits­ver­gleich – und die Jubi­lä­ums­zu­wen­dung

Führt ein Güns­tig­keits­ver­gleich nicht zwei­fels­frei zu dem Ergeb­nis, dass die vom nor­ma­tiv gel­ten­den Tarif­ver­trag abwei­chen­de arbeits­ver­trag­li­che Rege­lung für den Arbeit­neh­mer güns­ti­ger ist, bleibt es bei der zwin­gen­den, nor­ma­ti­ven Gel­tung des Tarif­ver­trags.

Güns­tig­keits­ver­gleich – und die Jubi­lä­ums­zu­wen­dung

Die Kol­li­si­on zwi­schen den kraft bei­der­sei­ti­ger Tarif­ge­bun­den­heit für das Arbeits­ver­hält­nis der Par­tei­en nor­ma­tiv gel­ten­den und den auf­grund arbeits­ver­trag­li­cher Bezug­nah­me anwend­ba­ren Tarif­vor­schrif­ten ist nach dem Güns­tig­keits­prin­zip (§ 4 Abs. 3 TVG) zu lösen 1. Hier­nach tre­ten unmit­tel­bar und zwin­gend gel­ten­de Tarif­be­stim­mun­gen hin­ter ein­zel­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen mit für den Arbeit­neh­mer güns­ti­ge­ren Bedin­gun­gen zurück. Ob ein Arbeits­ver­trag abwei­chen­de güns­ti­ge­re Rege­lun­gen gegen­über dem Tarif­ver­trag ent­hält, ergibt ein Ver­gleich zwi­schen der tarif­ver­trag­li­chen und der arbeits­ver­trag­li­chen Rege­lung (sog. Güns­tig­keits­ver­gleich). Uner­heb­lich ist, ob die Par­tei­en des Arbeits­ver­trags die ver­trag­li­chen Rege­lun­gen vor oder nach Inkraft­tre­ten des Tarif­ver­trags ver­ein­bart haben 2.

Zu ver­glei­chen sind die in einem inne­ren sach­li­chen Zusam­men­hang ste­hen­den Teil­kom­ple­xe der unter­schied­li­chen Rege­lun­gen (sog. Sach­grup­pen­ver­gleich, s. nur BAG 21.04.2010 – 4 AZR 768/​08, Rn. 39, BAGE 134, 130; 30.03.2004 – 1 AZR 85/​03, zu II 4 b bb der Grün­de mwN). Dabei sind die abs­trak­ten Rege­lun­gen maß­ge­bend, nicht das Ergeb­nis ihrer Anwen­dung im Ein­zel­fall. Die Güns­tig­keit der ein­zel­ver­trag­li­chen Rege­lung gegen­über der nor­ma­tiv gel­ten­den Tarif­norm muss bereits im Vor­aus fest­ste­hen 3. Hängt es von den Umstän­den des Ein­zel­falls ab, ob die betref­fen­de Rege­lung güns­ti­ger ist oder nicht (sog. ambi­va­len­te Rege­lung), ist die­se Vor­aus­set­zung nicht gege­ben 4.

Bei der Prü­fung ist ein objek­ti­ver Beur­tei­lungs­maß­stab zugrun­de zu legen. Maß­ge­bend ist die Ein­schät­zung eines ver­stän­di­gen Arbeit­neh­mers unter Berück­sich­ti­gung der Ver­kehrs­an­schau­ung 5. Ist die ein­zel­ver­trag­li­che Rege­lung danach gleich oder gleich­wer­tig (sog. neu­tra­le Rege­lung), ist sie nicht güns­ti­ger iSv. § 4 Abs. 3 TVG.

Ist nach die­sen Maß­stä­ben nicht zwei­fels­frei fest­stell­bar, dass die ein­zel­ver­trag­li­che Rege­lung für den Arbeit­neh­mer güns­ti­ger ist – sei es, weil es sich um eine "neu­tra­le", sei es, weil es sich um eine "ambi­va­len­te" Rege­lung han­delt, bleibt es bei der zwin­gen­den Gel­tung des Tarif­ver­trags 6. Das ergibt sich sowohl aus dem Wort­laut als auch aus der sys­te­ma­ti­schen Stel­lung von § 4 Abs. 3 Alt. 2 TVG. Der Gesetz­ge­ber hat eine Abwei­chung vom Grund­satz der zwin­gen­den Wir­kung gel­ten­der Tarif­nor­men (Regel) nur für den Fall vor­ge­se­hen, dass die betref­fen­de Rege­lung "güns­ti­ger" ist als die tarif­li­che Norm (Aus­nah­me). Ist die Güns­tig­keit der abwei­chen­den Rege­lung nicht fest­stell­bar, greift § 4 Abs. 3 Alt. 2 TVG nicht ein 7.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 10. Dezem­ber 2014 – 4 AZR 503/​12

  1. vgl. nur BAG 24.02.2010 – 4 AZR 691/​08, Rn. 43[]
  2. BAG 17.04.2013 – 4 AZR 592/​11, Rn. 14, BAGE 145, 37; 25.07.2001 – 10 AZR 391/​00, zu II 2 a bb (2) der Grün­de[]
  3. vgl. BAG 12.04.1972 – 4 AZR 211/​71, BAGE 24, 228; zur Kol­li­si­on von Betriebs­ver­ein­ba­rung und ein­zel­ver­trag­li­cher Abre­de BAG 27.01.2004 – 1 AZR 148/​03, zu II 2 b aa der Grün­de, BAGE 109, 244[]
  4. BAG 17.04.2002 – 5 AZR 644/​00, zu II 4 b der Grün­de[]
  5. Schubert/​Zachert in Kempen/​Zachert TVG 5. Aufl. § 4 Rn. 307; Löwisch/​Rieble TVG 3. Aufl. § 4 Rn. 310; Däubler/​Deinert TVG 3. Aufl. § 4 Rn. 689; JKOS/​Jacobs TVG 2. Aufl. § 7 Rn. 44; für eine Kol­li­si­on von Betriebs­ver­ein­ba­rung und ein­zel­ver­trag­li­cher Abre­de BAG 27.01.2004 – 1 AZR 148/​03, zu II 2 b aa der Grün­de, BAGE 109, 244[]
  6. vgl. BAG 12.04.1972 – 4 AZR 211/​71, BAGE 24, 228[]
  7. vgl. Schubert/​Zachert in Kempen/​Zachert TVG 5. Aufl. § 4 Rn. 420 mwN; Wiedemann/​Wank TVG 7. Aufl. § 4 Rn. 478; Däubler/​Deinert TVG 3. Aufl. § 4 Rn. 690; Löwisch/​Rieble TVG 3. Aufl. § 4 Rn. 562; JKOS/​Jacobs TVG 2. Aufl. § 7 Rn. 48 mwN[]