Inter­es­sen­aus­gleich – und die Teil-Namens­lis­te

Eine Teil Namens­lis­te ist als inte­gra­ler Bestand­teil eines Inter­es­sen­aus­glei­ches gem. § 111 BetrVG jeden­falls dann eine aus­rei­chen­de Basis für die Rechts­wir­kun­gen des § 1 Abs. 5 LSGchG, wenn der durch die Namens­lis­te erfass­te Bereich so deut­lich abgrenz­bar von dem nicht erfass­ten Bereich ist, dass die Sozi­al­aus­wahl nicht beein­flusst wer­den kann und er dar­über hin­aus wesent­lich grö­ßer ist.

Inter­es­sen­aus­gleich – und die Teil-Namens­lis­te

Die Ver­mu­tungs­wir­kung die­ses Inter­es­sen­aus­gleichs mit Namens­lis­te ent­fällt auch nicht unter dem Gesichts­punkt der feh­len­den Erfas­sung sämt­li­cher zu ent­las­sen­der Arbeit­neh­mer auf der Namens­lis­te.

Ist in einem Inter­es­sen­aus­gleich die Ent­las­sung einer Viel­zahl von Arbeit­neh­mern vor­ge­se­hen, ent­hält die Namens­lis­te jedoch nicht die Namen sämt­li­cher der zur Ent­las­sung anste­hen­den Arbeit­neh­mer, so wird unter dem recht­li­chen Gesichts­punkt der soge­nann­ten Teil-Namens­lis­te die Fra­ge, ob eine sol­che Lis­te dem Tat­be­stand des § 1 Abs. 5 LSGchG ent­spricht und zuguns­ten des kün­di­gen­den Arbeit­ge­bers die dort vor­ge­se­he­nen Kün­di­gungs­er­leich­te­run­gen aus­löst, durch­aus kon­tro­vers erör­tert.

Die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes hat sich ersicht­lich noch nicht voll­stän­dig abschlie­ßend zum vor­ste­hen­den Pro­blem­kreis geäu­ßert:

Die Ent­schei­dung vom 26.03.2009 1 ent­hielt kei­ne grund­le­gen­de Klä­rung der Fra­ge, ob eine "Teil-Namens­lis­te" eine aus­rei­chen­de Grund­la­ge für die Ver­mu­tungs­wir­kung des § 1 Abs. 5 LSGchG dar­stellt. In die­sem Zusam­men­hang hat das BAG aus­ge­führt, der Zweck des § 1 Abs. 5 LSGchG bestehe vor allem dar­in, bei betriebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen einer grö­ße­ren Zahl von Arbeit­neh­mern die Sozi­al­aus­wahl für alle Betei­lig­ten recht­si­cher zu gestal­ten. Der Wort­laut des § 1 Abs. 5 LSGchG sei nicht ein­deu­tig. Es kom­me auf den Sinn und Zweck die­ser Vor­schrift an. Es spre­che Eini­ges dafür, Grund­la­ge der Namens­lis­te sei eine Betriebs­än­de­rung i.S. des § 111 BetrVG, der regel­mä­ßig ein geschlos­se­nes unter­neh­me­ri­sches Kon­zept zugrun­de lie­ge. Die Namens­lis­te stel­le die kon­kre­te Umset­zung die­ses Unter­neh­me­ri­schen Kon­zep­tes dar. Sie müs­se des­halb, um in sich schlüs­sig zu sein, das Unter­neh­me­ri­sche Kon­zept voll­stän­dig erfas­sen und umset­zen. Im kon­kre­ten Streit­fall hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt die gene­rel­le Klä­rung die­ser Fra­ge offen gelas­sen, weil die Betriebs­part­ner bei ihrer Eini­gung Erwä­gun­gen hät­ten durch­schla­gen las­sen, die außer­halb des Geset­zes­zwe­ckes lagen. Denn dort sei­en Arbeit­neh­mer nur des­halb in die Lis­te auf­ge­nom­men wor­den, um bei dem von die­sen Mit­ar­bei­tern gewünsch­ten frei­wil­li­gen Aus­schei­den dro­hen­de Sperr­zei­ten gem. § 144 SGB 111 nach Mög­lich­keit aus­zu­schlie­ßen.

Auch in den Ent­schei­dun­gen vom 19.07.2012 2 und vom 27.09.2012 3 hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt die grund­sätz­li­che Eig­nung einer Teil-Namens­lis­te als Grund­la­ge für die Rechts­wir­kun­gen des § 1 Abs. 5 S. 1 LSGchG nicht geklärt.

In der Lite­ra­tur wird weit über­wie­gend eine Teil-Namens­lis­te als Grund­la­ge der Rechts­wir­kung des § 1 Abs. 5 LSGchG abge­lehnt, weil es der Zweck die­ser Norm gebie­te, den Namen der zu kün­di­gen­den Arbeit­neh­mer voll­stän­dig auf­zu­füh­ren, dem ent­spre­che eine Teil-Namens­lis­te nicht. Auch bestehe kei­ne Gewähr, dass nach schlüs­si­gen sozia­len Kri­te­ri­en ent­schie­den wer­de. Der Zweck der Pri­vi­le­gie­rung ver­lan­ge die abschlie­ßen­de Auf­nah­me der gekün­dig­ten Arbeit­neh­mer in die Namens­lis­te 4.

Dem­ge­gen­über hält eine abwei­chen­de Lite­ra­tur­mei­nung eine Teil-Namens­lis­te für grund­sätz­lich geeig­net, die Rechts­fol­gen des § 1 Abs 5 LSGchG aus­zu­lö­sen 5.

Die vor­ste­hen­de Pro­ble­ma­tik der Teil-Namens­lis­te als Grund­la­ge für die Rechts­wir­kun­gen des § 1 Abs. 5 LSGchG ist auch ent­schei­dungs­er­heb­lich. Ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung der Beklag­ten las­sen sich die kon­kre­ten in dem Inter­es­sen­aus­gleich vom 18.07.2013 vor­ge­nom­me­nen Rege­lun­gen als Teil-Namens­lis­te cha­rak­te­ri­sie­ren: Die Ent­las­sun­gen der Arbeit­neh­mer im Pro­duk­ti­ons­be­reich und die Ent­las­sun­gen der Ange­stell­ten im Bereich der NESD-Zen­tral­funk­tio­nen sind gegen­ständ­lich in ein und dem­sel­ben Inter­es­sen­aus­gleich als Unter­neh­me­ri­sche Maß­nah­me zusam­men­ge­fasst wor­den. Sie bil­den die Betriebs­än­de­rung gem. § 111 S. 3 Nr. 1 BetrVG ab, die Grund­la­ge der Pri­vi­le­gie­rung des § 1 Abs. 5 LSGchG sind. Dar­über hin­aus las­sen sich die in 111 des Inter­es­sen­aus­glei­ches unter NESD-Zen­tral­funk­tio­nen beschrie­be­nen Unter­neh­me­ri­schen Maß­nah­men unpro­ble­ma­tisch als die in der Vor­be­mer­kung zum Inter­es­sen­aus­gleich genann­ten Restruk­tu­rie­rungs­maß­nah­men ver­ste­hen. Schluss­end­lich ent­spricht es auch einem ganz all­ge­mei­nen grund­le­gen­den Ver­ständ­nis, dass der Abbau von mehr als 100 Arbeits­plät­zen im Pro­duk­ti­ons­be­reich regel­mä­ßig auch zu einer Ver­schlan­kung des admi­nis­tra­ti­ven Berei­ches führt.

Der Ein­wand, betriebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen sei­en im Bereich des Abbau­es vor­ge­nann­ter Arbeits­plät­ze nicht vor­ge­se­hen, führt nicht zu einer abwei­chen­den Beur­tei­lung. Denn der Inter­es­sen­aus­gleich ent­hält kei­ne ver­bind­li­che Fest­le­gung, in wel­cher Wei­se die Ent­las­sun­gen durch­ge­führt wer­den sol­len. Soweit es dort vor­ran­gig um Auf­lö­sungs­ver­ein­ba­run­gen geht, sind betriebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen nicht aus­ge­schlos­sen. Ohne Auf­lö­sungs­ver­ein­ba­run­gen wären betriebs­be­ding­te Ent­las­sun­gen erfor­der­lich gewe­sen. Die Pro­gno­se der Beklag­ten, zum Zeit­punkt des Abschlus­ses des Inter­es­sen­aus­glei­ches sei abseh­bar gewe­sen, sämt­li­che Ent­las­sun­gen hät­ten im Wege von Auf­lö­sungs­ver­ein­ba­run­gen erfol­gen kön­nen, war zum sei­ner­zei­ti­gen Zeit­punkt kei­nes­wegs zwin­gend. Allein posi­tiv ver­lau­fen­de Ver­hand­lun­gen, die noch nicht zum Abschluss geführt haben, recht­fer­ti­gen eine sol­che Annah­me nicht.

Obwohl durch die Her­aus­nah­me der Ent­las­sun­gen im NESD-Zen­tral­funk­tio­nen­be­reich aus der Namens­lis­te die mit dem Inter­es­sen­aus­gleich ver­bun­de­ne Namens­lis­te als soge­nann­te Teil-Namens­lis­te zu qua­li­fi­zie­ren ist, begrün­det sie die Ver­mu­tungs­wir­kung des § 1 Abs. 5 LSGchG und ist die Grund­la­ge für die Anwen­dung die­ser Norm.

Hier­bei hält die Beru­fungs­kam­mer eine Teil-Namens­lis­te nicht gene­rell für eine taug­li­che Grund­la­ge des § 1 Abs. 5 LSGchG, son­dern nur in einer eng umgrenz­ten Fall­kon­stel­la­ti­on, die vor­lie­gend jedoch anzu­er­ken­nen ist: Die­se Fall­kon­stel­la­ti­on ist zum einen dadurch gekenn­zeich­net, dass der Bereich, in dem die Betriebs­part­ner eine Namens­lis­te erstel­len, von dem Bereich, für den kei­ne Namens­lis­te exis­tiert, so deut­lich abgrenz­bar ist, dass nicht die ent­fern­te Mög­lich­keit besteht, die Sozi­al­aus­wahl des einen Berei­ches könn­te die Sozi­al­aus­wahl in dem ande­ren Bereich in irgend­ei­ner Form beein­flus­sen. Mit ande­ren Wor­ten: Es ist aus­ge­schlos­sen, dass die Arbeit­neh­mer der Namens­lis­te mit den übri­gen Arbeit­neh­mern aus dem Bereich der NESD-Zen­tral­funk­ti­on ver­gleich­bar sein könn­ten.

Dar­über hin­aus muss auch ein wer­ten­des Ele­ment vor­han­den sein, um die unter­schied­li­che Hand­ha­bung der Ent­las­sun­gen in dem einen wie in dem ande­ren Bereich zu recht­fer­ti­gen. Zu for­dern ist ein quan­ti­ta­ti­ves Ele­ment, der Bereich der durch die Namens­lis­te gere­gelt ist, muss von der Anzahl der betrof­fe­nen Arbeit­neh­mer den übri­gen Bereich deut­lich über­wie­gen, so dass das erkenn­ba­re Inter­es­se der Betriebs­part­ner, Rechts­klar­heit durch eine Namens­lis­te zu schaf­fen, gegen­über dem nicht durch Namens­lis­ten gere­gel­ten Bereich her­vor­ge­ho­ben wird.

All die Vor­ga­ben hat die Beklag­te zur Über­zeu­gung der Beru­fungs­kam­mer erfüllt: Die Ent­las­sun­gen in dem Bereich NESD-Zen­tral­funk­tio­nen sind abso­lut von den übri­gen Pro­duk­ti­ons­be­rei­chen zu unter­schei­den, die Sozi­al­aus­wahl in dem einen Bereich kann die Sozi­al­aus­wahl des ande­ren Berei­ches nicht berüh­ren. Auch ist der Bereich der Ent­las­sun­gen in dem NESD-Zen­tral­funk­tio­nen so klein, dass pro­blem­los indi­vi­du­el­le Lösun­gen (sei es durch Auf­lö­sungs­ver­trä­ge oder auch durch betriebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen) durch­ge­führt wer­den kön­nen und ein ech­tes Bedürf­nis nach Rechts­klar­heit durch Namens­lis­te – anders im Pro­duk­ti­ons­be­reich, wo mehr als 100 Arbeits­plät­ze abge­baut wer­den – nicht besteht.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen, Urteil vom 22. Janu­ar 2015 – 5 Sa 1017/​14

  1. BAG 26.03.2009 – 2 AZR 296/​07 – AP Nr.19 zu § 1 LSGchG 1969 Namens­lis­te[]
  2. BAG 19.07.2012 – 2 AZR 352/​11 – AP Nr. 22 zu § 1 LSGchG 1969 Namens­lis­te[]
  3. BAG 27.09.2012 – 2 AZR 516/​11 – EZA § 1 LSGchG Inter­es­sen­aus­gleich Nr. 25[]
  4. GK-Oet­ker, 10. Aufl., §§ 112, 112a, Rn. 27; Richar­di, 13. Aufl., § 112, Rn. 22 b; Fit­ting. 27. Aufl., §§ 112, 112a Rn. 55; H/​B/​K‑Quecke, 5. Aufl., § 1 LSGchG Rn. 424; DKK-Däub­ler, 13. Aufl., §§ 112, 112a Rn. 32; ErfK-Oet­ker, 14. Aufl., § 1 LSGchG Rn. 360a[]
  5. Rich­ter/​Riem: Ganz oder gar nicht? – Rechts­fol­gen von Teil-Namens­lis­ten in NZA 2011, 1254 ff.[]