Inva­li­den­ren­te aus der Betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung

Sagt der Arbeit­ge­ber dem Arbeit­neh­mer die Zah­lung einer Inva­li­den­ren­te für den Fall der Erwerbs­un­fä­hig­keit oder vor­aus­sicht­lich dau­ern­den Berufs­un­fä­hig­keit im Sin­ne des jewei­li­gen Sozi­al­ver­si­che­rungs­rechts zu, so ist er auch dann zur Leis­tung ver­pflich­tet, wenn der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger dem Arbeit­neh­mer eine ledig­lich befris­te­te Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung nach § 43 Abs. 2 SGB VI bewil­ligt.

Inva­li­den­ren­te aus der Betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung

Die beklag­te Arbeit­ge­be­rin hat in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall in ihren Ver­sor­gungs­be­din­gun­gen ("VB 1978") die Begrif­fe „Erwerbs­un­fä­hig­keit“ und „vor­aus­sicht­lich dau­ern­de Berufs­un­fä­hig­keit“ nicht selbst defi­niert, son­dern die sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Ter­mi­no­lo­gie über­nom­men. § 2 Nr. 3 VB 1978 weist zwar nicht aus­drück­lich dar­auf hin, dass es sich um eine Erwerbs- bzw. eine Berufs­un­fä­hig­keit iSd. Sozi­al­ver­si­che­rungs­rechts han­deln muss. Aus dem Feh­len einer aus­drück­li­chen Bezug­nah­me kann aber zum einen nicht geschlos­sen wer­den, dass die Ver­sor­gungs­zu­sa­ge einen beson­de­ren, vom gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rungs­recht abwei­chen­den Begriff ver­wandt hat. Das Arbeits­recht kennt weder den Begriff der Erwerbs­un­fä­hig­keit noch den der Berufs­un­fä­hig­keit. Sieht der Arbeit­ge­ber davon ab, die Vor­aus­set­zun­gen der Erwerbs- oder Berufs­un­fä­hig­keit selbst fest­zu­le­gen, will er damit in der Regel den sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Sprach­ge­brauch über­neh­men 1. Zum ande­ren wird nach § 2 Nr. 3 VB 1978 die Inva­li­den­ren­te nur gewährt, wenn im Diens­te der Kran­ken­an­stal­ten unter Aner­ken­nung durch die Sozi­al­ver­si­che­rung eine vor­aus­sicht­lich dau­ern­de Berufs­un­fä­hig­keit ein­tritt, für die Dau­er der Berufs­un­fä­hig­keit. Mit dem Erfor­der­nis der Aner­ken­nung der vor­aus­sicht­lich dau­ern­den Berufs­un­fä­hig­keit durch die Sozi­al­ver­si­che­rung ist hin­rei­chend klar­ge­stellt, dass die Begrif­fe der Erwerbs­un­fä­hig­keit und der Berufs­un­fä­hig­keit im Sin­ne des Sozi­al­ver­si­che­rungs­rechts gemeint sind.

Die­se Aus­le­gung wird durch die in § 4 Nr. 2 letz­ter Absatz VB 1978 getrof­fe­ne Rege­lung bestä­tigt. Danach wer­den die Ren­ten­be­trä­ge nur in der Höhe gewährt, dass die Gesamt­ver­sor­gung aus der Sozi­al­ver­si­che­rungs­ren­te und der betrieb­li­chen Ren­te 75 % der letz­ten Monats­ge­häl­ter bzw. Monats­löh­ne (ohne Neben­be­zü­ge) des Ver­sor­gungs­be­rech­tig­ten nicht über­schrei­tet. Liegt die Gesamt­ver­sor­gung über 75 %, so wird die betrieb­li­che Ren­te so weit gekürzt, dass sich nur ein Betrag von 75 % ergibt. Die Betriebs­ren­te wird dem­nach als Zuschuss zur gesetz­li­chen Alters- oder Inva­li­den­ren­te gezahlt. Die­ser Ergän­zungs­funk­ti­on der Betriebs­ren­te ent­spricht es, dass die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen der Betriebs­ren­te und der Sozi­al­ver­si­che­rungs­ren­te mög­lichst weit­ge­hend über­ein­stim­men 2.

Dass die Berufs- und Erwerbs­un­fä­hig­keit nach § 2 Nr. 3 VB 1978 iSd. der Ter­mi­no­lo­gie des Sozi­al­ver­si­che­rungs­rechts zu ver­ste­hen ist, wird nicht dadurch in Fra­ge gestellt, dass für die Bewil­li­gung der ent­spre­chen­den Ren­ten nach dem Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht die Ver­hält­nis­se auf dem Arbeits­markt zu berück­sich­ti­gen sind 3.

Die VB 1978 ent­hal­ten, da sie nicht auf die ein­schlä­gi­gen Bestim­mun­gen des Sozi­al­ver­si­che­rungs­rechts in einer bestimm­ten Fas­sung ver­wei­sen, eine dyna­mi­sche Bezug­nah­me auf die Begriff­lich­kei­ten des jeweils gel­ten­den Sozi­al­ver­si­che­rungs­rechts. Sta­ti­sche Ver­wei­sun­gen und die damit ver­bun­de­ne Fest­schrei­bung bestimm­ter Rege­lun­gen sind die Aus­nah­me und müs­sen des­halb deut­lich zum Aus­druck gebracht wer­den 4. Die dyna­mi­sche Bezug­nah­me auf die sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Begriff­lich­kei­ten führt dazu, dass nach Inkraft­tre­ten des Ren­ten­re­form­ge­set­zes am 01.01.2001 Erwerbs­un­fä­hig­keit nach § 2 Nr. 3 VB 1978 gege­ben ist, wenn der Arbeit­neh­mer im Sin­ne von § 43 Abs. 2 Satz 2 SGB VI nF voll erwerbs­ge­min­dert ist.

Nach Inkraft­tre­ten des Ren­ten­re­form­ge­set­zes zum 1. Janu­ar 2001 kann der Arbeit­neh­mer durch einen Bescheid der Ren­ten­ver­si­che­rung eine Berufs- oder Erwerbs­un­fä­hig­keit nicht mehr nach­wei­sen; gem. § 43 SGB VI nF ist an die Stel­le der Ren­te wegen Berufs­un­fä­hig­keit und der Ren­te wegen Erwerbs­un­fä­hig­keit die Ren­te wegen Erwerbs­min­de­rung getre­ten. Nach § 43 Abs. 1 SGB VI nF erhal­ten Ver­si­cher­te, die wegen Krank­heit oder Behin­de­rung auf nicht abseh­ba­re Zeit außer Stan­de sind, unter den übli­chen Bedin­gun­gen des all­ge­mei­nen Arbeits­mark­tes min­des­tens sechs Stun­den täg­lich erwerbs­tä­tig zu sein, eine Ren­te wegen teil­wei­ser Erwerbs­min­de­rung. Ver­si­cher­te, die wegen Krank­heit oder Behin­de­rung auf nicht abseh­ba­re Zeit außer Stan­de sind, unter den übli­chen Bedin­gun­gen des all­ge­mei­nen Arbeits­mark­tes min­des­tens drei Stun­den täg­lich erwerbs­tä­tig zu sein, erhal­ten nach § 43 Abs. 2 SGB VI nF eine Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung.

Bei Bewil­li­gung einer Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung liegt Erwerbs­un­fä­hig­keit im Sin­ne von § 2 Nr. 3 VB 1978 vor. Die Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung ent­spricht nach Vor­aus­set­zun­gen und Inhalt der bis­he­ri­gen Erwerbs­un­fä­hig­keits­ren­te. Sowohl nach § 1247 RVO und § 24 AVG in der bis zum 31.12. 1991 gel­ten­den Fas­sung als auch nach § 44 SGB VI in der bis zum 31. Dezem­ber 2000 gel­ten­den Fas­sung (im Fol­gen­den: aF) ist erwerbs­un­fä­hig der Ver­si­cher­te, der wegen Krank­heit oder Behin­de­rung auf nicht abseh­ba­re Zeit außer Stan­de ist, eine Erwerbs­tä­tig­keit in gewis­ser Regel­mä­ßig­keit aus­zu­üben oder aus­rei­chen­des Arbeits­ent­gelt oder Arbeits­ein­kom­men zu erzie­len. Auch an dem Ren­ten­art­fak­tor, der sich nach § 67 SGB VI aF bei Ren­ten wegen Erwerbs­un­fä­hig­keit auf 1,0 belief, hat sich durch das SGB VI nF nichts geän­dert. Bei Ren­ten wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung beläuft sich die­ser Fak­tor nach § 67 SGB VI nF unver­än­dert auf 1,0.

Erwerbs­un­fä­hig­keit bzw. vor­aus­sicht­lich dau­er­haf­te Berufs­un­fä­hig­keit im Sin­ne von § 2 Nr. 3 VB 1978 liegt auch dann vor, wenn der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger eine Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung nur befris­tet bewil­ligt. Nach § 43 Abs. 2 SGB VI nF setzt die Bewil­li­gung einer Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung vor­aus, dass die Erwerbs­min­de­rung „auf nicht abseh­ba­re Zeit“ besteht. Sie muss daher „vor­aus­sicht­lich dau­er­haft“ im Sin­ne von § 2 Nr. 3 VB 1978 sein. Gleich­wohl wer­den Erwerbs­min­de­rungs­ren­ten gemäß § 102 Abs. 2 Satz 1 SGB VI nF grund­sätz­lich befris­tet geleis­tet, wobei die Befris­tung längs­tens drei Jah­re beträgt (§ 102 Abs. 2 Satz 2 SGB VI nF). Eine unbe­fris­te­te Ren­te darf gemäß § 102 Abs. 2 Satz 5 Halbs. 1 SGB VI nF nur gewährt wer­den, wenn die Ren­ten­be­wil­li­gung aus­schließ­lich auf arbeits­markt­un­ab­hän­gi­gen Fak­to­ren beruht und in die­sen Fäl­len auch nur dann, wenn unwahr­schein­lich ist, dass die Min­de­rung der Erwerbs­fä­hig­keit beho­ben wer­den kann. Auch aus die­sem Grun­de steht die nur befris­te­te Bewil­li­gung der gesetz­li­chen Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung der Gewäh­rung der Betriebs­ren­te nach § 2 Nr. 3 VB 1978 nicht ent­ge­gen, wenn es sich um eine arbeits­markt­ab­hän­gi­ge Ren­te han­delt und die Befris­tung für die Höchst­dau­er von drei Jah­ren erfolgt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 19. Janu­ar 2011 – 3 AZR 83/​09

  1. vgl. BAG 20.02.2001 – 3 AZR 21/​00, zu I 1 der Grün­de, EzA BetrAVG § 1 War­te­zeit Nr. 2; 14.12. 1999 – 3 AZR 742/​98, zu I 1 a der Grün­de, AP BetrAVG § 1 Inva­li­di­täts­ren­te Nr. 12 = EzA BetrAVG § 1 Inva­li­di­tät Nr. 2[]
  2. vgl. BAG 14.12. 1999 – 3 AZR 742/​98, zu I 1 b der Grün­de, AP BetrAVG § 1 Inva­li­di­täts­ren­te Nr. 12 = EzA BetrAVG § 1 Inva­li­di­tät Nr. 2[]
  3. vgl. hier­zu aus­führ­lich BAG 14.12. 1999 – 3 AZR 742/​98, zu I 1 c cc der Grün­de, AP BetrAVG § 1 Inva­li­di­täts­ren­te Nr. 12 = EzA BetrAVG § 1 Inva­li­di­tät Nr. 2[]
  4. vgl. BAG 16.12. 2009 – 5 AZR 888/​08 – Rn. 14, AP TVG § 1 Bezug­nah­me auf Tarif­ver­trag Nr. 73 = EzA TVG § 3 Bezug­nah­me auf Tarif­ver­trag Nr. 44; für Leis­tun­gen der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung aus­drück­lich: BAG 29.07.2003 – 3 AZR 630/​02, zu B I 1 a der Grün­de, AP BetrAVG § 1 Ablö­sung Nr. 45 = EzA BetrAVG § 1 Ablö­sung Nr. 42; 17.06.2008 – 3 AZR 553/​06 – Rn. 24, AP BGB § 133 Nr. 55[]