Kei­ne alter­na­ti­ve Kla­ge­häu­fung

Eine alter­na­ti­ve Kla­ge­häu­fung, bei der der Klä­ger ein ein­heit­li­ches Kla­ge­be­geh­ren aus meh­re­ren pro­zes­sua­len Ansprü­chen (Streit­ge­gen­stän­den) her­lei­tet und dem Gericht die Aus­wahl über­lässt, auf wel­chen Kla­ge­grund es die Ver­ur­tei­lung stützt, ist grund­sätz­lich unzu­läs­sig.

Kei­ne alter­na­ti­ve Kla­ge­häu­fung

Der Klä­ger muss zur Ver­mei­dung einer Kla­ge­ab­wei­sung als unzu­läs­sig eine Rang­fol­ge bil­den, in der er meh­re­re pro­zes­sua­le Ansprü­che zur Prü­fung durch das Gericht stel­len will. Das kann er auch kon­klu­dent und noch im Ver­lauf des Ver­fah­rens ein­schließ­lich der Revi­si­ons­in­stanz tun. Fehlt eine Rang­fol­ge­be­stim­mung, hat das Gericht auf die man­geln­de Bestimmt­heit hin­zu­wei­sen und auf eine zuläs­si­ge Antrag­stel­lung hin­zu­wir­ken (§ 139 ZPO).

Gemäß § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO muss die Kla­ge­schrift neben einem bestimm­ten Antrag auch eine bestimm­te Anga­be des Gegen­stan­des und des Grun­des des erho­be­nen Anspruchs ent­hal­ten. Ein Kla­ge­an­trag ist hin­rei­chend bestimmt, wenn er den erho­be­nen Anspruch kon­kret bezeich­net, dadurch den Rah­men der gericht­li­chen Ent­schei­dungs­be­fug­nis (§ 308 ZPO) absteckt, Inhalt und Umfang der mate­ri­el­len Rechts­kraft der begehr­ten Ent­schei­dung (§ 322 ZPO) erken­nen lässt, das Risi­ko eines Unter­lie­gens des Klä­gers nicht durch ver­meid­ba­re Unge­nau­ig­kei­ten auf den Beklag­ten abwälzt und schließ­lich eine Zwangs­voll­stre­ckung aus dem Urteil ohne eine Fort­set­zung des Streits im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren erwar­ten lässt 1.

Eine alter­na­ti­ve Kla­ge­häu­fung, bei der der Klä­ger ein ein­heit­li­ches Kla­ge­be­geh­ren aus meh­re­ren pro­zes­sua­len Ansprü­chen (Streit­ge­gen­stän­den) her­lei­tet und dem Gericht die Aus­wahl über­lässt, auf wel­chen Kla­ge­grund es die Ver­ur­tei­lung stützt, ist grund­sätz­lich unzu­läs­sig. Sie ver­stößt gegen das Bestimmt­heits­ge­bot des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Für den Beklag­ten bleibt in die­sem Fall bis zu einem Urteil unklar, ob das Gericht die Ver­ur­tei­lung nur auf einen oder auf meh­re­re Streit­ge­gen­stän­de stüt­zen wird. Das ist aber für die Reich­wei­te der Ver­ur­tei­lung und damit die Rechts­kraft von Bedeu­tung. Die alter­na­ti­ve Kla­ge­häu­fung wider­spricht zudem dem all­ge­mei­nen Rechts­ge­dan­ken der "Waf­fen­gleich­heit" der Par­tei­en im Pro­zess. Sie benach­tei­ligt den Beklag­ten in sei­ner Rechts­ver­tei­di­gung. Er muss sich, will er nicht ver­ur­teilt wer­den, gegen sämt­li­che vom Klä­ger im Wege der alter­na­ti­ven Kla­ge­häu­fung ver­folg­ten pro­zes­sua­len Ansprü­che (Streit­ge­gen­stän­de) zur Wehr set­zen. Dage­gen kann der Klä­ger sein Kla­ge­be­geh­ren auf eine Viel­zahl von pro­zes­sua­len Ansprü­chen stüt­zen, ohne dass für ihn damit ein zusätz­li­ches Pro­zess­kos­ten­ri­si­ko ver­bun­den ist. Bestimmt der Klä­ger die Rang­fol­ge nicht, in der das Gericht die Prü­fung der ein­zel­nen Streit­ge­gen­stän­de vor­zu­neh­men hat, erschließt sich dem Beklag­ten auch nicht ohne wei­te­res, gegen wel­chen aus einer Viel­zahl von Streit­ge­gen­stän­den er sei­ne Rechts­ver­tei­di­gung in ers­ter Linie rich­ten muss 2. Der Klä­ger muss daher zur Ver­mei­dung einer Kla­ge­ab­wei­sung als unzu­läs­sig eine sol­che Rang­fol­ge bil­den. Das kann auch kon­klu­dent 3 und auch noch im Ver­lauf des Ver­fah­rens ein­schließ­lich der Revi­si­ons­in­stanz gesche­hen 4. Fehlt eine Rang­fol­ge­be­stim­mung, hat das Gericht auf die man­geln­de Bestimmt­heit der Kla­ge hin­zu­wei­sen und auf eine zuläs­si­ge Antrag­stel­lung hin­zu­wir­ken (§ 139 ZPO).

Der Gegen­stand des Ver­fah­rens bestimmt sich nach dem für das arbeits­ge­richt­li­che Urteils­ver­fah­ren gel­ten­den zwei­glied­ri­gen Streit­ge­gen­stands­be­griff durch den gestell­ten Antrag (Kla­ge­an­trag) und dem ihm zugrun­de lie­gen­den Lebens­sach­ver­halt (Kla­ge­grund). Der Streit­ge­gen­stand iSd. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO erfasst alle Tat­sa­chen, die bei einer natür­li­chen; vom Stand­punkt der Par­tei­en aus­ge­hen­den, den Sach­ver­halt sei­nem Wesen nach erfas­sen­den Betrach­tungs­wei­se zu dem zur Ent­schei­dung gestell­ten Tat­sa­chen­kom­plex gehö­ren, den der Klä­ger zur Stüt­zung sei­nes Rechts­schutz­be­geh­rens dem Gericht unter­brei­tet hat 5. Eine Mehr­heit von Streit­ge­gen­stän­den iSd. ZPO liegt auch dann vor, wenn die mate­ri­ell-recht­li­che Rege­lung die zusam­men­tref­fen­den Ansprü­che durch eine Ver­selb­stän­di­gung der ein­zel­nen Lebens­vor­gän­ge erkenn­bar unter­schied­lich aus­ge­stal­tet 6.

Geht es aber um die Anwen­dung ver­schie­de­ner Nor­men auf ver­schie­de­ne Sach­ver­hal­te – Tätig­keit, die bestimm­te tarif­li­che Anfor­de­run­gen erfüllt, einer­seits und Ungleich­be­hand­lung von Arbeit­neh­mern mit glei­cher Tätig­keit hin­sicht­lich ihrer Arbeits­zeit ande­rer­seits, die bei­de für sich betrach­tet zu dem­sel­ben Anspruch zu füh­ren ver­mö­gen, so lie­gen ver­schie­de­ne Streit­ge­gen­stän­de vor 7.

In der­ar­ti­gen Kon­stel­la­tio­nen dürf­te regel­mä­ßig davon aus­zu­ge­hen sein, dass der Arbeit­neh­mer sein Begeh­ren vor­be­halt­lich einer ander­wei­ti­gen Bestim­mung in ers­ter Linie auf die Erfül­lung des Tarif­ver­trags und nur hilfs­wei­se auf den arbeits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz stüt­zen will. Das dürf­te typi­scher­wei­se den berech­tig­ten Inter­es­sen bei­der Par­tei­en ent­spre­chen. Der tarif­ver­trag­li­che Erfül­lungs­an­spruch ist der wei­ter gehen­de, weil er dem Arbeit­neh­mer die grö­ße­re Sicher­heit bie­tet. Zu sei­ner Ände­rung bzw. sei­nem Weg­fall bedarf es grund­sätz­lich einer Eini­gung der Tarif­ver­trags­par­tei­en. Ein Anspruch aus dem arbeits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ent­fie­le für die Zukunft dage­gen bereits dann, wenn der Arbeit­ge­ber die Leis­tung an ande­re Arbeit­neh­mer ein­stellt oder die­se aus dem Arbeits­ver­hält­nis aus­schei­den. Der Arbeit­ge­ber sei­ner­seits wird bei Anwend­bar­keit eines Tarif­ver­trags zuvör­derst Ansprü­che aus die­sem erfül­len wol­len.

In dem hier ent­schie­de­nen Fall konn­te es für das Bun­des­ar­beits­ge­richt jedoch offen­blei­ben, ob ein sol­ches Regel-Aus­nah­me-Ver­hält­nis anzu­neh­men war. Dem Kla­ge­vor­brin­gen ließ sich ent­neh­men, dass die Klä­ge­rin vor­ran­gig Erfül­lung des Tarif­ver­trags und nur hilfs­wei­se Gleich­be­hand­lung begehrt. Sie hat zunächst Erfül­lung ein­ge­klagt und hier­zu umfang­reich aus­ge­führt. Erst im wei­te­ren Ver­lauf des Ver­fah­rens hat sie sich auf eine Bes­ser­stel­lung ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­me­rin­nen und den arbeits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­an­spruch gestützt. Hier­zu hat sie in der Revi­si­ons­be­grün­dung aus­ge­führt, dass sie die Kla­ge "im Wesent­li­chen" mit der tarif­ver­trag­li­chen Anspruchs­grund­la­ge begrün­det habe. "Außer­dem" und damit nur hilfs­wei­se habe sie sich auf die Bes­ser­stel­lung ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­me­rin­nen beru­fen. Die­ses Antrags­ver­ständ­nis hat die Klä­ge­rin in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt bestä­tigt und jeden­falls hier­mit in zuläs­si­ger Wei­se die Rei­hen­fol­ge bestimmt, in der sie die pro­zes­sua­len Ansprü­che gel­tend machen will.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 2. August 2018 – 6 AZR 437/​17

  1. BGH 21.11.2017 – II ZR 180/​15, Rn. 8[]
  2. vgl. zum Gan­zen BGH 21.11.2017 – II ZR 180/​15, Rn. 8; grund­le­gend BGH 24.03.2011 – I ZR 108/​09, Rn. 10 ff., BGHZ 189, 56; vgl. für das Ver­hält­nis von § 60 und § 61 InsO BAG 15.11.2012 – 6 AZR 321/​11, Rn. 24, BAGE 143, 321; Wieczorek/​Schütze/​Assmann 4. Aufl. § 260 ZPO Rn. 21 ff.; Münch­Komm-ZPO/­Be­cker-Eber­hard 5. Aufl. § 260 Rn. 25 ff.[]
  3. vgl. BGH 25.04.2013 – IX ZR 62/​12, Rn. 13[]
  4. BGH 12.01.2017 – I ZR 253/​14, Rn. 28 mwN, auch zum grund­sätz­lich unzu­läs­si­gen Über­gang von der alter­na­ti­ven zur kumu­la­ti­ven Kla­ge­häu­fung in der Revi­si­ons­in­stanz; BGH 5.07.2016 – XI ZR 254/​15, Rn. 25, BGHZ 211, 189[]
  5. BAG 24.05.2018 – 6 AZR 215/​17, Rn. 21; vgl. auch BGH 21.10.2014 – XI ZB 12/​12, Rn. 145, BGHZ 203, 1[]
  6. vgl. BGH 5.07.2016 – XI ZR 254/​15, Rn. 24, BGHZ 211, 189; Zöller/​Vollkommer ZPO 32. Aufl. Ein­lei­tung Rn. 70 mit Bei­spiels­fäl­len[]
  7. BAG 27.01.1999 – 4 AZR 52/​98, zu 1 der Grün­de unter Hin­weis auf BAG 4.09.1996 – 4 AZN 104/​96, zu II 2 der Grün­de; in die­sem Sin­ne auch BAG 17.04.2002 – 5 AZR 400/​00, zu I 1 der Grün­de; 10.12 1997 – 4 AZR 264/​96, zu II 1 der Grün­de, BAGE 87, 272[]