Kei­ne Auf­fan­g­lohn­grup­pe bei der Ein­grup­pie­rung von Gebäudereinigern

Der Lohn­grup­pe 1 der Tarif­ver­trä­ge zur Rege­lung der Min­dest­löh­ne für gewerb­li­che Arbeit­neh­mer in der Gebäu­de­rei­ni­gung im Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land – „Innen- und Unter­halts­rei­ni­gungs­ar­bei­ten“ – kommt nicht die Funk­ti­on einer sog. Auf­fan­g­lohn­grup­pe zu, die unab­hän­gig von der aus­ge­üb­ten Tätig­keit einen Min­dest­lohn­an­spruch für alle vom betrieb­li­chen Gel­tungs­be­reich erfass­ten Arbeits­ver­hält­nis­se bestimmt.

Kei­ne Auf­fan­g­lohn­grup­pe bei der Ein­grup­pie­rung von Gebäudereinigern

Die Tarif­ver­trags­par­tei­en gehen nach § 2 Nr. 3 TV Min­dest­lohn 2010 bei der Ein­grup­pie­rung grund­sätz­lich davon aus, dass die aus­zu­üben­de Tätig­keit eines Arbeit­neh­mers sich auch aus ver­schie­de­nen, geson­dert zu bewer­ten­den Teil­tä­tig­kei­ten zusam­men­set­zen kann. Von die­sen Grund­sät­zen ist, obwohl die Bestim­mung des § 2 Nr. 3 TV Min­dest­lohn 2010 in den TV Min­dest­lohn 2012 nicht mehr mit auf­ge­nom­men wur­de, auch für die­sen Tarif­ver­trag aus­zu­ge­hen. Dass die Tarif­ver­trags­par­tei­en des TV Min­dest­lohn 2012 an die­sen all­ge­mein aner­kann­ten Grund­satz der Ein­grup­pie­rung von Arbeit­neh­mern [1] bei der Bestim­mung der maß­ge­ben­den Lohn­grup­pe nicht mehr anknüp­fen woll­ten, ist nicht ersicht­lich. Dage­gen spricht zudem die Bezug­nah­me auf den Rah­men­ta­rif­ver­trag für die gewerb­li­chen Beschäf­tig­ten in der Gebäu­de­rei­ni­gung in § 2 Nr. 3 TV Min­dest­lohn 2012, der inhalts­gleich die Ein­grup­pie­rungs­maß­stä­be des § 2 Nr. 4 TV Min­dest­lohn 2010 beinhaltet.

Die maß­ge­ben­de Teil­tä­tig­keit des Arbeit­neh­mers an der Müll­pres­se erfüllt, wie die Aus­le­gung der tarif­li­chen Rege­lun­gen ergibt [2], nicht das Tätig­keits­merk­mal der Innen- und Unter­halts­rei­ni­gung iSd. Lohn­grup­pe 1 TV Min­dest­lohn 2010/​2012.

Für die Aus­le­gung des von den Tarif­ver­trags­par­tei­en nicht näher erläu­ter­ten Tätig­keits­merk­mals der Innen- und Unter­halts­rei­ni­gung ist, weil es sich auch um kei­nen in der Rechts­ter­mi­no­lo­gie fest­ste­hen­den Begriff han­delt, die bran­chen­spe­zi­fi­sche Auf­fas­sung für die Aus­le­gung des Tätig­keits­merk­mals von Bedeu­tung [3].

Der Begriff der vor­lie­gend allein in Betracht kom­men­den Unter­halts­rei­ni­gung hat „begriff­lich schlecht­hin das Rei­ni­gen und Pfle­gen eines Objek­tes zu des­sen Unter­hal­tung zum Inhalt“ [4]. Unter­halts­rei­ni­gungs­ar­bei­ten sind „fort­lau­fen­de und kon­ti­nu­ier­lich aus­zu­füh­ren­de Rei­ni­gungs­ar­bei­ten, die dem Erhalt, dem Schutz und der Pfle­ge von Gegen­stän­den die­nen, wobei hier­un­ter nicht nur Gebäu­de zu ver­ste­hen sind“ [5]. Der Begriff der Unter­halts­rei­ni­gung erfasst ins­be­son­de­re – wie die Tarif­ver­trags­par­tei­en im TV Min­dest­lohn 2010/​2012 auch ähn­lich aus­ge­führt haben – neben der Rei­ni­gung die pfle­gen­de und schüt­zen­de Behand­lung von Innen­bau­tei­len an Bau­wer­ken aller Art, Gebäu­de­ein­rich­tun­gen, haus­tech­ni­schen Anla­gen sowie von Raum­aus­stat­tun­gen und Ver­gla­sun­gen [6].

Die vom Arbeit­neh­mer aus­ge­üb­te Tätig­keit an der Müll­pres­se erfüllt nicht die Anfor­de­run­gen des Tätig­keits­merk­mals der Unter­halts­rei­ni­gungs­ar­bei­ten. Es ist sowohl nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts als auch nach dem Vor­trag des Arbeit­neh­mers nicht erkenn­bar, dass sei­ne Tätig­keit sich mit der Rei­ni­gung und Pfle­ge von Räu­men oder einem der ande­ren genann­ten Rei­ni­gungs­ob­jek­te befasst.

Selbst unter Zugrun­de­le­gung eines „wei­ten Ver­ständ­nis­ses“ des Begriffs der Unter­halts­rei­ni­gung, wie es das Lan­des­ar­beits­ge­richt ange­nom­men hat [7], fehlt es an Anhalts­punk­ten, nach denen die vom Arbeit­neh­mer aus­ge­üb­te Tätig­keit die­sem Tätig­keits­merk­mal zuge­ord­net wer­den könn­te. Es kann ent­ge­gen der Annah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts nach dem Vor­brin­gen des Arbeit­neh­mers nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, er übe „vor- oder nach­be­rei­ten­de Tätig­kei­ten“ im Zusam­men­hang mit Rei­ni­gungs­tä­tig­kei­ten aus; inso­weit han­delt es sich um eine Ver­mu­tung, für die tat­säch­li­che Anknüp­fungs­punk­te nicht ersicht­lich sind.

Die maß­ge­ben­de Teil­tä­tig­keit des Arbeit­neh­mers kann wei­ter­hin nicht dem Tätig­keits­merk­mal „Besei­ti­gung von Pro­duk­ti­ons­rück­stän­den“ [8] zuge­ord­net wer­den. Es ist weder fest­ge­stellt, dass der Arbeit­neh­mer in einem Pro­duk­ti­ons­be­trieb tätig ist, noch ist ersicht­lich, dass es sich bei dem von ihm an der Müll­pres­se ver­ar­bei­te­ten Ver­pa­ckungs­ma­te­ri­al um Rück­stän­de eines Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses handelt.

Die Tätig­keit des Arbeit­neh­mers wird schließ­lich nicht des­halb von der Lohn­grup­pe 1 TV Min­dest­lohn 2010/​2012 erfasst, weil die­se Lohn­grup­pe für alle gewerb­li­chen Arbeit­neh­mer gel­ten soll, deren aus­ge­üb­te Tätig­keit nicht von ande­ren Tätig­keits­merk­ma­len des Tarif­ver­trags erfasst wer­den. Die­se Auf­fas­sung des Arbeit­neh­mers ist unzu­tref­fend. Der Lohn­grup­pe 1 TV Min­dest­lohn 2010/​2012 kommt nicht die Funk­ti­on einer „Auf­fan­g­lohn­grup­pe“ zu.

Bereits durch die Nen­nung kon­kre­ter Tätig­keits­merk­ma­le in der Lohn­grup­pe 1 TV Min­dest­lohn 2010/​2012 – „gehö­ren fol­gen­de Tätig­kei­ten“ – (eben­so für die wei­te­re Lohn­grup­pe 6 TV Min­dest­lohn 2010/​2012) folgt, dass die Tarif­ver­trags­par­tei­en davon abge­se­hen haben, jede Tätig­keit eines Arbeit­neh­mers im Rah­men des betrieb­li­chen Gel­tungs­be­reichs der Min­dest­lohn­ta­rif­ver­trä­ge die­ser Lohn­grup­pe zuzuordnen.

Die­se Aus­le­gung anhand des Wort­lauts wird durch die Rege­lung in § 2 Nr. 4 TV Min­dest­lohn 2010 und in § 2 Nr. 3 TV Min­dest­lohn 2012 bestä­tigt. Der Anspruch auf die Lohn­grup­pe 1 TV Min­dest­lohn 2010/​2012 steht nur den­je­ni­gen Arbeit­neh­mern zu, deren Tätig­keit ein näher bezeich­ne­tes Tätig­keits­merk­mal nach § 7 RTV/​RTV erfüllt. Auch die­se Beschrän­kung des Krei­ses der Anspruchs­be­rech­tig­ten spricht gegen die Annah­me, die Tarif­ver­trags­par­tei­en hät­ten eine „Auf­fan­g­lohn­grup­pe“ ver­ein­ba­ren wollen.

Die Zuord­nung aller aus­ge­üb­ten Tätig­kei­ten unab­hän­gig von den Vor­aus­set­zun­gen eines kon­kre­ten Tätig­keits­merk­mals kann wei­ter­hin nicht allein aus dem Sinn und Zweck eines Min­dest­lohn­ta­rif­ver­trags abge­lei­tet wer­den. Schon wegen der weit­rei­chen­den Wir­kung von Tarif­nor­men auf die Rechts­ver­hält­nis­se von tarif­ge­bun­de­nen Drit­ten, die an den Tarif­ver­trags­ver­hand­lun­gen unbe­tei­ligt waren, kann im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit und Rechts­klar­heit der Wil­le der Tarif­ver­trags­par­tei­en nur dann berück­sich­tigt wer­den, wenn er in den tarif­li­chen Nor­men einen Nie­der­schlag gefun­den hat [9].

In Anbe­tracht der Auf­nah­me kon­kre­ter Tätig­keits­merk­ma­le fehlt es an sol­chen Anhalts­punk­ten. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en haben gera­de davon abge­se­hen, einen „all­ge­mei­nen Min­dest­lohn“ zu ver­ein­ba­ren, der vor­be­halt­lich güns­ti­ge­rer Ent­gelt­an­sprü­che nach ande­ren tarif­li­chen Rege­lun­gen an jeden Arbeit­neh­mer zu leis­ten ist (anders etwa im Tarif­ver­trag zur Rege­lung eines Min­dest­lohns im Gerüst­bau­er­hand­werk im Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vom 18.02.2013; s. auch die Ver­ord­nung über zwin­gen­de Arbeits­be­din­gun­gen im Gerüst­bau­er­hand­werk – Gerüst­ArbbV – [10] oder im Tarif­ver­trag zur Rege­lung eines Min­dest­lohns für gewerb­li­che Arbeit­neh­mer im Maler- und Lackie­rer­hand­werk vom 25.10.2012; s. dazu die Sieb­te Ver­ord­nung über zwin­gen­de Arbeits­be­din­gun­gen im Maler- und Lackie­rer­hand­werk – 7. Maler­ArbbV – [11]).

Bun­des­ar­beits­ge­richt – Urteil vom 23. Okto­ber 2013 – 4 AZR 431/​12

  1. BAG 21.10.2009 – 4 ABR 40/​08, Rn.20; 5.06.1985 – 4 AZR 527/​83[]
  2. zu den Maß­stä­ben etwa BAG 28.01.2009 – 4 ABR 92/​07, Rn. 26 mwN, BAGE 129, 238[]
  3. BAG 30.01.2013 – 4 AZR 272/​11, Rn. 17 mwN[]
  4. BAG 28.01.1987 – 4 AZR 102/​86[]
  5. BAG 28.01.1987 – 4 AZR 224/​86; 4.06.1980 – 4 AZR 379/​78[]
  6. vgl. auch § 1 Abschnitt II Nr. 2 RTV; ausf. dazu BAG 30.01.2013 – 4 AZR 272/​11, Rn. 18 ff. mwN[]
  7. s. auch BAG 30.01.2013 – 4 AZR 272/​11, Rn.19 ff.; 18.11.1998 – 10 AZR 475/​97, zu I 1 der Grün­de[]
  8. dazu BAG 19.02.2003 – 4 AZR 118/​02, zu III 2 b aa der Grün­de; 28.01.1987 – 4 AZR 102/​86[]
  9. BAG 18.05.2011 – 10 AZR 369/​10, Rn. 18; 15.12 2010 – 4 AZR 197/​09, Rn. 24; 26.04.2005 – 1 ABR 1/​04, zu B II 2 a bb (1) (a) (aa) der Grün­de, BAGE 114, 272[]
  10. vom 17.07.2013, BAnz. AT 26.07.2013 V1[]
  11. vom 24.04.2013, BAnz. AT 29.04.2013 V1[]

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