Kin­der­geld bei Hartz IV-Bezug – und der im EU-Aus­land arbei­ten­de Eltern­teil

Bezieht der im Inland woh­nen­de Eltern­teil nur Arbeits­lo­sen­geld II, nicht aber Arbeits­lo­sen­geld I, besteht im Inland kein Kin­der­geld­an­spruch, wenn der ande­re Eltern­teil im EU-Aus­land erwerbs­tä­tig ist und dort Kin­der­geld erhält.

Kin­der­geld bei Hartz IV-Bezug – und der im EU-Aus­land arbei­ten­de Eltern­teil

Wie der Bun­des­fi­nanz­hof zudem ent­schie­den hat, kommt bei der Prü­fung, ob für das Kind eine dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re aus­län­di­sche Leis­tung gewährt wird, den Ent­schei­dun­gen aus­län­di­scher Behör­den Bin­dungs­wir­kung für die Fami­li­en­kas­sen und die Finanz­ge­rich­te zu.

Die posi­ti­ve Ent­schei­dung, mit der die zustän­di­ge aus­län­di­sche Behör­de einen Kin­der­geld­an­spruch nach ihrem natio­na­len Recht bejaht hat, ist für die Fami­li­en­kas­se bin­dend, soweit die Aus­le­gung von Uni­ons­recht nicht betrof­fen ist.

Die Bin­dungs­wir­kung hat zur Fol­ge, dass die Fami­li­en­kas­sen und die Finanz­ge­rich­te nicht befugt sind, die Rich­tig­keit die­ser Ent­schei­dung zu über­prü­fen und selbst das aus­län­di­sche Recht fest­zu­stel­len und anzu­wen­den. Nach den Grund­sät­zen der ver­trau­ens­vol­len Zusam­men­ar­beit (Art. 4 Abs. 3 EUV) ist davon aus­zu­ge­hen, dass die inlän­di­sche Fami­li­en­kas­se von der Ver­pflich­tung und Berech­ti­gung ent­ho­ben wer­den soll, die Fra­ge nach dem tat­säch­li­chen Vor­lie­gen des mate­ri­el­len Anspruchs im ande­ren Mit­glied­staat selbst zu beant­wor­ten.

Für die im Rah­men der Kon­kur­renz­re­ge­lung des Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 zu prü­fen­de Fra­ge, was die Ansprü­che aus­löst, ist nicht auf die natio­na­len Rege­lun­gen nach §§ 62 ff. EStG, son­dern auf die Vor­schrif­ten der Art. 11 bis 16 der VO Nr. 883/​2004 abzu­stel­len.

Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts für Arbeits­su­chen­de nach dem SGB II sind weder Leis­tun­gen nach Art. 11 Abs. 2 noch nach Art. 11 Abs. 3 Buchst. c, son­dern Leis­tun­gen gemäß Art. 11 Abs. 3 Buchst. e der VO Nr. 883/​2004.

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall wohn­te die Mut­ter mit ihrer min­der­jäh­ri­gen Toch­ter seit Juli 2013 in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (Deutsch­land). Sie erhielt Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen für erwerbs­fä­hi­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te nach §§ 7 Abs. 1, 19 Abs. 1 SGB II (Arbeits­lo­sen­geld II), nicht aber anwart­schafts­be­zo­ge­ne Leis­tun­gen nach §§ 118, 142, 143 SGB III (Arbeits­lo­sen­geld I). Der Kinds­va­ter wohn­te in Frank­reich und war dort erwerbs­tä­tig. Er erhielt eine dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re höhe­re fran­zö­si­sche Fami­li­en­leis­tung. Die Fami­li­en­kas­se hob daher die Fest­set­zung des Kin­der­gel­des auf.

Das Säch­si­sche Finanz­ge­richt gab der Kla­ge der Mut­ter statt 1, da zum einen der Kinds­va­ter nach dem vom Finanz­ge­richt über­prüf­ba­ren fran­zö­si­schen Recht kei­nen Anspruch auf Kin­der­geld gehabt habe. Zudem wür­de selbst ein Kin­der­geld­an­spruch des Vaters nach fran­zö­si­schem Recht den Anspruch auf deut­sches Kin­der­geld nach Art. 68 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29.04.2004 zur Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit, der § 65 EStG vor­geht, nicht aus­schlie­ßen. Der Bun­des­fi­nanz­hof hob nun jedoch das finanz­ge­richt­li­che Urteil auf und wies die Kla­ge ab:

Die posi­ti­ve Ent­schei­dung, mit der die zustän­di­ge aus­län­di­sche (hier: fran­zö­si­sche) Behör­de einen Kin­der­geld­an­spruch nach ihrem Recht bejaht hat, ist für die Fami­li­en­kas­se bin­dend, soweit die Aus­le­gung von Uni­ons­recht nicht betrof­fen ist. Die Fami­li­en­kas­se und das Finanz­ge­richt sind daher nicht befugt, die Rich­tig­keit die­ser posi­ti­ven aus­län­di­schen Ent­schei­dung zu über­prü­fen und selbst das aus­län­di­sche Recht fest­zu­stel­len und anzu­wen­den.

Des Wei­te­ren ent­schied der BFH, dass das Arbeits­lo­sen­geld II als Leis­tung zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts für Arbeit­su­chen­de nach dem SGB II kei­ne Leis­tung bei Arbeits­lo­sig­keit im Sin­ne der euro­pa­recht­li­chen Bestim­mung ist (Art. 11 Abs. 2, Abs. 3 Buchst. c der VO Nr. 883/​2004). Das Arbeits­lo­sen­geld II hat kei­ne an einen bis­he­ri­gen Ver­dienst anknüp­fen­de Ent­gel­ter­satz­funk­ti­on. Der Emp­fän­ger von Arbeits­lo­sen­geld II erhält sei­ne Leis­tung nicht auf­grund oder infol­ge sei­ner vor­he­ri­gen Beschäf­ti­gung. Anspruchs­vor­aus­set­zung sind nur die Anfor­de­run­gen des § 7 Abs. 1 SGB II (Alters­gren­ze, Erwerbs­fä­hig­keit, Hil­fe­be­dürf­tig­keit und gewöhn­li­cher Auf­ent­halt in Deutsch­land). Das Arbeits­lo­sen­geld II ist daher eine bei­trags­un­ab­hän­gi­ge Geld­leis­tung i.S. des Art. 70 der VO Nr. 883/​2004.

Dies hat für den Streit­fall zur Fol­ge, dass der Anspruch des erwerbs­tä­ti­gen Kinds­va­ters nach Art. 68 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004 vor­ran­gig war und Deutsch­land als nach­ran­gi­ger Staat nicht ver­pflich­tet war, Kin­der­geld zu zah­len.

Die im Inland woh­nen­de Mut­ter erfüllt im hier ent­schie­de­nen Fall die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen für den Bezug von Kin­der­geld für ihre gleich­falls im Inland woh­nen­de und nach § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG i.V.m. § 32 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Satz 2, § 32 Abs. 3 EStG zu berück­sich­ti­gen­de Toch­ter.

Ist der per­sön­li­che und sach­li­che Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 883/​2004 eröff­net, dann rich­tet sich die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach den §§ 62 ff. EStG und die Anspruchs­kon­kur­renz zwi­schen dem deut­schen Kin­der­geld­an­spruch und der aus­län­di­schen Fami­li­en­leis­tung nach Art. 68 der VO Nr. 883/​2004. Die­se Prio­ri­täts­re­ge­lung ist gegen­über § 65 EStG grund­sätz­lich vor­ran­gig 2.

Der Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 883/​2004 ist im Streit­fall eröff­net.

Die Mut­ter ist Staats­an­ge­hö­ri­ge eines Mit­glied­staats der Euro­päi­schen Uni­on (EU) und fällt damit nach Art. 2 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 in den per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der Grund­ver­ord­nung. Eben­so ist das Kin­der­geld nach dem EStG eine Fami­li­en­leis­tung i.S. des Art. 1 Buchst. z der VO Nr. 883/​2004, wes­halb auch deren sach­li­cher Anwen­dungs­be­reich nach Art. 3 Abs. 1 Buchst. j der VO Nr. 883/​2004 eröff­net ist.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt ist auch der Anwen­dungs­be­reich des Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 eröff­net, da kon­kur­rie­ren­de Ansprü­che im Sin­ne die­ser Vor­schrift vor­lie­gen.

Gemäß Art. 68 Abs. 2 Satz 1 der VO Nr. 883/​2004 wer­den beim Zusam­men­tref­fen von Ansprü­chen die Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schif­ten gewährt, die nach Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 Vor­rang haben. Im vor­lie­gen­den Fall tref­fen die Ansprü­che der Mut­ter auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach deut­schem Recht und die Ansprü­che des Kinds­va­ters nach fran­zö­si­schem Recht für das­sel­be Kind und den­sel­ben Zeit­raum auf­ein­an­der. Der fran­zö­si­sche Trä­ger (CAF) hat mit Bin­dungs­wir­kung für den deut­schen Trä­ger (die Fami­li­en­kas­se) einen aus­län­di­schen Kin­der­geld­an­spruch für den Streit­zeit­raum fest­ge­stellt.

Für die Fra­ge, ob ein Zusam­men­tref­fen von Ansprü­chen auf Fami­li­en­leis­tun­gen vor­liegt, ist im Grund­satz aus­rei­chend, dass ein mate­ri­ell-recht­li­cher Anspruch auf die ent­spre­chen­de Leis­tung nach deut­schem und aus­län­di­schem Recht besteht. Dabei hat die Prü­fung eines mate­ri­ell-recht­li­chen Anspruchs nach aus­län­di­schem Recht zu unter­blei­ben, wenn hier­über bereits eine aus­län­di­sche Behör­de für den Streit­zeit­raum ent­schie­den hat und die­ser Ent­schei­dung Bin­dungs­wir­kung für die deut­schen Behör­den und Gerich­te zukommt 3.

Im vor­lie­gen­den Fall hat das Finanz­ge­richt in für den Bun­des­fi­nanz­hof bin­den­der Wei­se (§ 118 Abs. 2 FGO) fest­ge­stellt, dass der Kinds­va­ter für die Toch­ter die dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­ren Leis­tun­gen der CAF (allo­ca­ti­on de base) in Höhe von monat­lich 185,54 € von August 2013 bis Janu­ar 2014 erhal­ten hat. Inso­weit liegt eine Ent­schei­dung der aus­län­di­schen Behör­de vor, dass ein mate­ri­ell-recht­li­cher Anspruch nach aus­län­di­schem Recht gege­ben ist.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat bis­lang offen­ge­las­sen, ob der Ent­schei­dung einer aus­län­di­schen Behör­de über das Bestehen eines Anspruchs auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach natio­na­lem Recht Bin­dungs­wir­kung zukommt mit der Fol­ge, dass die Fami­li­en­kas­sen und die Finanz­ge­rich­te nicht befugt sind, die Rich­tig­keit die­ser Ent­schei­dung zu über­prü­fen und selbst das aus­län­di­sche Recht fest­zu­stel­len und anzu­wen­den 4.

Der Bun­des­fi­nanz­hof beant­wor­tet nun die­se Fra­ge dahin­ge­hend, dass eine der­ar­ti­ge Bin­dungs­wir­kung besteht 5.

Beschei­ni­gun­gen einer Behör­de im EU-Aus­land über das Bestehen von Ansprü­chen auf aus­län­di­sche Fami­li­en­leis­tun­gen sind für inlän­di­sche Behör­den und Gerich­te, soweit die Aus­le­gung von Uni­ons­recht nicht betrof­fen ist, bin­dend. Bei der Prü­fung, ob ein dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­rer Anspruch auf aus­län­di­sche Fami­li­en­leis­tun­gen besteht, wird schon seit der Vor­gän­ger­re­ge­lung zu Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 (Art. 76 der VO Nr. 1408/​71) in allen Mit­glied­staa­ten der EU der Vor­druck E 411 ver­wen­det 6. Er dient der Über­prü­fung, ob ein Zusam­men­tref­fen von Fami­li­en­leis­tun­gen vor­liegt. Der Grund­satz der ver­trau­ens­vol­len Zusam­men­ar­beit nach Art. 4 Abs. 3 des Ver­trags über die Euro­päi­sche Uni­on ver­pflich­tet den aus­stel­len­den Trä­ger, den Sach­ver­halt, der für den Inhalt sei­ner Erklä­rung nach sei­nen eige­nen Rechts­vor­schrif­ten maß­ge­bend ist, ord­nungs­ge­mäß zu beur­tei­len und damit die Rich­tig­keit der in der Beschei­ni­gung auf­ge­führ­ten Anga­ben zu gewähr­leis­ten 7. Damit ver­folgt der Vor­druck E 411 auch den Zweck, die Trä­ger der Mit­glied­staa­ten, die die Anwend­bar­keit der in Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 getrof­fe­nen Koor­di­nie­rungs­re­ge­lung über­prü­fen, von der Ver­pflich­tung und Berech­ti­gung zu ent­he­ben, die Fra­ge nach dem tat­säch­li­chen Bestehen eines mate­ri­el­len Anspruchs im ande­ren Mit­glied­staat zu beant­wor­ten. Jede ande­re Lösung wür­de den Grund­satz, dass ein Zusam­men­tref­fen von Fami­li­en­leis­tun­gen glei­cher Art ver­hin­dert wer­den soll, beein­träch­ti­gen 8. Solan­ge daher eine Beschei­ni­gung E 411 nicht zurück­ge­zo­gen oder für ungül­tig erklärt wird (vgl. Art. 5 Abs. 2 bis 4 der VO Nr. 987/​2009), hat der zustän­di­ge Trä­ger des Mit­glied­staats, der nach Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 über­prüft, ob neben dem inlän­di­schen Kin­der­geld­an­spruch ein ver­gleich­ba­rer aus­län­di­scher Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen besteht, den Inhalt der Bestä­ti­gung zu beach­ten 9.

Hat eine Beschei­ni­gung einer Behör­de im EU-Aus­land über das Bestehen aus­län­di­scher Fami­li­en­leis­tun­gen Bin­dungs­wir­kung, so muss dies auch und erst recht für die Ent­schei­dun­gen einer Behör­de gel­ten, durch die aus­län­di­sche Fami­li­en­leis­tun­gen bewil­ligt wor­den sind, da die Beschei­ni­gung nur einen for­ma­li­sier­ten Nach­weis für das Vor­lie­gen einer ent­spre­chen­den Ent­schei­dung der aus­län­di­schen Behör­de dar­stellt.

Unab­hän­gig hier­von ist aus den dem Bun­des­fi­nanz­hof vor­lie­gen­den Akten zu erse­hen, dass die zustän­di­ge fran­zö­si­sche Behör­de eine E 411-Beschei­ni­gung aus­ge­stellt hat, in der das Bestehen des Anspruchs des Kinds­va­ters auf fran­zö­si­sche Fami­li­en­leis­tun­gen (allo­ca­ti­ons de base) bestä­tigt wird. Daher war das Finanz­ge­richt nicht berech­tigt, die mate­ri­el­le Rich­tig­keit des Anspruchs auf fran­zö­si­sche Fami­li­en­leis­tun­gen selbst zu prü­fen und zu ver­nei­nen.

Nach Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 ist der Anspruch des Kinds­va­ters auf fran­zö­si­sche Fami­li­en­leis­tun­gen gegen­über dem Anspruch der Mut­ter auf deut­sches Kin­der­geld vor­ran­gig.

Die Anspruchs­ku­mu­lie­rung ist nach Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 auf­zu­lö­sen. Danach sind zur Ver­mei­dung grenz­über­schrei­ten­der Dop­pel­leis­tun­gen kon­kur­rie­ren­de Kin­der­geld­an­sprü­che wie folgt zu prio­ri­sie­ren: Sind für den­sel­ben Zeit­raum und für die­sel­ben Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen Leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten meh­re­rer EU-Mit­glied­staa­ten zu gewäh­ren, so ste­hen nach Art. 68 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004 an ers­ter Stel­le die durch eine Beschäf­ti­gung oder eine selb­stän­di­ge Erwerbs­tä­tig­keit aus­ge­lös­ten Ansprü­che. Hier­nach fol­gen die durch den Bezug einer Ren­te und schließ­lich die durch den Wohn­ort aus­ge­lös­ten Ansprü­che. Sind Leis­tun­gen von meh­re­ren Mit­glied­staa­ten aus den­sel­ben Grün­den zu gewäh­ren, so rich­tet sich die Rang­fol­ge nach den fol­gen­den sub­si­diä­ren Kri­te­ri­en: Bei Ansprü­chen, die durch eine Beschäf­ti­gung oder eine selbst­stän­di­ge Erwerbs­tä­tig­keit aus­ge­löst wer­den, ist der Wohn­ort der Kin­der maß­geb­lich (Art. 68 Abs. 1 Buchst. b Ziff. i der VO Nr. 883/​2004).

Für die Fra­ge, was die Ansprü­che i.S. des Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 aus­löst, ist dar­auf abzu­stel­len, auf­grund wel­chen Tat­be­stands die berech­tig­te Per­son den Rechts­vor­schrif­ten des betref­fen­den Mit­glied­staats nach Art. 11 bis 16 der VO Nr. 883/​2004 unter­stellt ist 10.

Im vor­lie­gen­den Fall war der Kinds­va­ter erwerbs­tä­tig. Gemäß Art. 11 Abs. 3 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004 unter­lag er daher den Rechts­vor­schrif­ten des Beschäf­ti­gungs­staats (Frank­reich).

Die Mut­ter bezog im Streit­zeit­raum Arbeits­lo­sen­geld II; sie unter­lag daher gemäß Art. 11 Abs. 3 Buchst. e der VO Nr. 883/​2004 den Rechts­vor­schrif­ten des Wohn­mit­glied­staats (Deutsch­land), sodass Deutsch­land nach Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 der nach­ran­gi­ge Staat ist.

Die Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen, die erwerbs­fä­hi­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te nach §§ 7 Abs. 1, 19 Abs. 1 SGB II erhal­ten (Arbeits­lo­sen­geld II), sind kei­ne Leis­tun­gen bei Arbeits­lo­sig­keit i.S. des Art. 11 Abs. 2 und 3 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004. Für die Bestim­mung der anwend­ba­ren Rechts­vor­schrif­ten bei Per­so­nen, die auf­grund oder infol­ge ihrer Beschäf­ti­gung eine Geld­leis­tung bezie­hen, ist davon aus­ge­gan­gen, dass sie die­se Beschäf­ti­gung oder Tätig­keit aus­üben. Inso­weit soll die vor­über­ge­hen­de Beschäf­ti­gungs­lo­sig­keit noch einer Beschäf­ti­gung gleich­ge­stellt wer­den.

Der Emp­fän­ger von Arbeits­lo­sen­geld II erhält sei­ne Leis­tung aber ‑im Gegen­satz zum Arbeits­lo­sen­geld I nach dem SGB III- nicht auf­grund oder infol­ge sei­ner vor­he­ri­gen Beschäf­ti­gung. Vor­aus­set­zun­gen für sei­nen Leis­tungs­an­spruch sind ledig­lich, dass er die Anfor­de­run­gen des § 7 Abs. 1 SGB II erfüllt (Alters­gren­ze, Erwerbs­fä­hig­keit, Hil­fe­be­dürf­tig­keit und gewöhn­li­cher Auf­ent­halt in Deutsch­land). Ein Zusam­men­hang mit einer vor­he­ri­gen Beschäf­ti­gung besteht nicht. Das Arbeits­lo­sen­geld II ist viel­mehr eine beson­de­re bei­trags­un­ab­hän­gi­ge Geld­leis­tung i.S. des Art. 70 der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Anhang X zur VO Nr. 883/​2004, Deutsch­land Buchst. b 11. Man­gels Bezug zu einer frü­he­ren Erwerbs­tä­tig­keit hat das Arbeits­lo­sen­geld II kei­ne an den bis­he­ri­gen Ver­dienst anknüp­fen­de Ent­gel­ter­satz­funk­ti­on 12.

Im Gegen­satz hier­zu erhält nur der­je­ni­ge Arbeits­lo­sen­geld I nach dem SGB III, der auch eine Anwart­schafts­zeit erfüllt hat, näm­lich min­des­tens 12 Mona­te in einem Ver­si­che­rungs­pflicht­ver­hält­nis inner­halb einer Rah­men­frist gestan­den hat (§§ 118, 142, 143 SGB III).

Dar­über hin­aus ergibt sich auch aus der Bemes­sungs­grund­la­ge für das Arbeits­lo­sen­geld I (§§ 149 ff. SGB III), dass die­ses auf einen Ent­gel­ter­satz für eine vor­he­ri­ge Beschäf­ti­gung gerich­tet ist. Inso­weit wird das Arbeits­lo­sen­geld I infol­ge oder auf­grund einer Beschäf­ti­gung gezahlt. Damit stellt das Arbeits­lo­sen­geld II ‑ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Säch­si­schen Finanz­ge­richt- auch kei­ne Leis­tung i.S. des Art. 11 Abs. 3 Buchst. c der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Art. 65 der VO Nr. 883/​2004 dar. Dar­über hin­aus setzt Art. 65 der VO Nr. 883/​2004 ein Aus­ein­an­der­fal­len von Wohn­staat und (vor­he­ri­gem) Beschäf­ti­gungs­staat in der Per­son des Arbeits­lo­sen vor­aus 13. Der in Art. 65 der VO Nr. 883/​2004 gere­gel­te Fall liegt im Streit­fall nicht vor.

Für die Bezie­her von Arbeits­lo­sen­geld II ist somit Art. 11 Abs. 2 Buchst. e der VO Nr. 883/​2004 ein­schlä­gig, nach der jede ande­re Per­son, die nicht unter die Buchst. a bis d fällt, den Rechts­vor­schrif­ten des Wohn­mit­glied­staats unter­liegt 14.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 26. Juli 2017 – III R 18/​16

  1. Sächs. FG, Urteil vom 05.04.2016 – 2 K 727/​14 (Kg) []
  2. BFH, Urteil vom 04.02.2016 – III R 9/​15, BFHE 253, 139, BSt­Bl II 2017, 121, Rz 17, m.w.N.[]
  3. BFH, Urtei­le vom 13.06.2013 – III R 63/​11, BFHE 242, 34, BSt­Bl II 2014, 711, Rz 22; vom 13.06.2013 – III R 10/​11, BFHE 241, 562, BSt­Bl II 2014, 706, Rz 25[]
  4. BFH, Urtei­le in BFHE 241, 562, BSt­Bl II 2014, 706, Rz 26, und in BFHE 242, 34, BSt­Bl II 2014, 711, Rz 23[]
  5. so auch FG Mün­chen, Urteil vom 04.05.2011 – 9 K 2928/​10, EFG 2011, 2173; FG Müns­ter, Urteil vom 18.10.2011 – 15 K 2883/​08 Kg, EFG 2012, 140; Nie­der­säch­si­sches FG, Urteil vom 15.12 2011 – 3 K 154/​11, EFG 2012, 1071, Rz 25; vgl. BFH, Urteil vom 11.07.2013 – VI R 67/​11, BFH/​NV 2014, 20, Rz 19; BFH, Beschluss vom 08.04.2013 – V B 122/​11, BFH/​NV 2013, 1384, Rz 8; Wendl in Herrmann/​Heuer/​Raupach, EStG/​KStG, § 65 EStG Rz 6; Avven­to in Kirch­hof, EStG 16. Aufl., § 65 Rz 2; vgl. Sel­der in Blü­mich, EStG, § 65 Rz 15, 34; vgl. Sel­derPR-Steu­erR 45/​2013, Anm. 5[]
  6. vgl. Beschluss Nr. 147 der Ver­wal­tungs­kom­mis­si­on vom 10.10.1990, ABl.EG Nr. L 235/​21 vom 23.08.1991[]
  7. vgl. EuGH, Urteil Her­bosch Kie­re vom 26.01.2006, – C‑2/​05, EU:C:2006:69, Rz 22, m.w.N.[]
  8. vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2013, 1384, Rz 8[]
  9. vgl. EuGH, Urteil A‑ROSA Fluss­schiff GmbH vom 27.04.2017 – C‑620/​15, EU:C:2017:309, Rz 49 zur Ent­sen­de­be­schei­ni­gung E 101[]
  10. Helmke/​Bauer, Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich, Art. 68 der VO Nr. 883/​2004, Fach D Rz 5; FG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 21.10.2013 3 K 3137/​12, EFG 2014, 214, Rz 11, m.w.N.[]
  11. vgl. BSG Beschluss (EUGH-Vor­la­ge) vom 12.12 2013 – B 4 AS 9/​13 R, NDV-RD 2014, 86, Rz 33[]
  12. vgl. BFH, Urteil vom 26.07.2012 – III R 97/​08, BFHE 238, 120, BSt­Bl II 2013, 24, Rz 16; vgl. BSG, Urtei­le vom 18.01.2011 B 4 AS 14/​10 R, BSGE 107, 206, Rz 15; vom 16.12 2015 B AS 15/​14 R, Sozi­al­recht 4 – 4200 § 7 Nr. 48, Rz 35[]
  13. vgl. FG Bre­men, Urteil vom 27.02.2017 – 3 K 77/​16(1), Rz 70[]
  14. vgl. BFH, Urteil vom 28.04.2016 – III R 40/​12, BFH/​NV 2016, 1469, Rz 17; FG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 16.05.2012 – 12 K 12134/​11, Rz 17, 18; FG Nie­der­sach­sen, Urteil vom 08.02.2012 – 9 K 353/​10, EFG 2012, 1284, Rz 13; vgl. SG Dres­den, Beschluss vom 18.03.2013 – S 18 KR 121/​13 ER, Rz 30; a.A. FG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 22.04.2015 – 10 K 10044/​12, Rz 20; FG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 21.10.2013, EFG 2014, 214, Rz 11[]