Kirch­li­che Arbeits­rechts­re­ge­lun­gen – und die Bin­dung des nicht­kirch­li­chen Betriebs­er­wer­bers

Eine dyna­mi­sche Ver­wei­sung auf kirch­li­che Arbeits­rechts­re­ge­lun­gen gilt auch nach einem Betriebs­über­gang auf einen welt­li­chen Erwer­ber gemäß § 613a Abs. 1 Satz 1 BGB wei­ter.

Kirch­li­che Arbeits­rechts­re­ge­lun­gen – und die Bin­dung des nicht­kirch­li­chen Betriebs­er­wer­bers

Im Arbeits­ver­hält­nis mit einem welt­li­chen Arbeit­ge­ber kön­nen die Arbeits­ver­trags­par­tei­en ihre ver­trag­li­chen Abspra­chen dahin­ge­hend gestal­ten, dass sie einer Abän­de­rung durch betrieb­li­che Nor­men unter­lie­gen. Eine sol­che Ver­ein­ba­rung kann aus­drück­lich oder bei ent­spre­chen­den Begleit­um­stän­den kon­klu­dent erfol­gen und ist nament­lich bei betrieb­li­chen Ein­heits­re­ge­lun­gen und Gesamt­zu­sa­gen mög­lich. Hier­von ist regel­mä­ßig aus­zu­ge­hen, wenn der Ver­trags­ge­gen­stand in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen ent­hal­ten ist und einen kol­lek­ti­ven Bezug hat. Mit deren Ver­wen­dung macht der Arbeit­ge­ber für den Arbeit­neh­mer erkenn­bar deut­lich, dass im Betrieb ein­heit­li­che Ver­trags­be­din­gun­gen gel­ten sol­len. Im Anwen­dungs­be­reich des Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes stün­de dem eine betriebs­ver­ein­ba­rungs­fes­te Gestal­tung der Arbeits­be­din­gun­gen ent­ge­gen. Da All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen eben­so wie Bestim­mun­gen in einer Betriebs­ver­ein­ba­rung auf eine Ver­ein­heit­li­chung der Rege­lungs­ge­gen­stän­de gerich­tet sind, kann aus Sicht eines ver­stän­di­gen und red­li­chen Arbeit­neh­mers nicht zwei­fel­haft sein, dass es sich bei den vom Arbeit­ge­ber gestell­ten Arbeits­be­din­gun­gen um sol­che han­delt, die einer, mög­li­cher­wei­se auch ver­schlech­tern­den, Ände­rung durch Betriebs­ver­ein­ba­rung zugäng­lich sind. Inso­weit ist es eine Beson­der­heit des welt­li­chen Arbeits­rechts, dass die Arbeits­be­din­gun­gen ua. auch durch nor­ma­tiv wir­ken­de Betriebs­ver­ein­ba­run­gen unmit­tel­bar und zwin­gend dyna­misch aus­ge­stal­tet wer­den. Etwas ande­res gilt nur dann, wenn Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer aus­drück­lich Ver­trags­be­din­gun­gen ver­ein­ba­ren, die unab­hän­gig von einer für den Betrieb gel­ten­den nor­ma­ti­ven Rege­lung Anwen­dung fin­den sol­len [1].

Ein mit einem kirch­li­chen Trä­ger geschlos­se­ner Arbeits­ver­trag, der for­mu­lar­mä­ßig kirch­li­ches Arbeits­recht in Bezug nimmt, ist hin­ge­gen grund­sätz­lich nicht betriebs­ver­ein­ba­rungs­of­fen, weil das Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz gemäß § 118 Abs. 2 BetrVG kei­ne Anwen­dung auf Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten und ihre kari­ta­ti­ven und erzie­he­ri­schen Ein­rich­tun­gen – unbe­scha­det deren Rechts­form – fin­det. Die ver­trag­lich ver­ein­bar­ten kirch­li­chen Arbeits­rechts­re­ge­lun­gen wie die AVR-DW EKD bzw. AVR-DD haben zwar einen kol­lek­ti­ven Bezug, die­ser besteht aber nicht hin­sicht­lich (abän­dern­der) Betriebs­ver­ein­ba­run­gen iSd. § 77 Abs. 4 Satz 1 BetrVG. Bei den AVR han­delt es sich um Kol­lek­tiv­ver­ein­ba­run­gen beson­de­rer Art, in denen all­ge­mei­ne Bedin­gun­gen für die Ver­trags­ver­hält­nis­se der Arbeit­neh­mer durch eine pari­tä­tisch zusam­men­ge­setz­te Arbeits­recht­li­che Kom­mis­si­on fest­ge­legt wer­den [2]. Nor­ma­ti­ve Wir­kung ent­fal­ten sie nicht. In kol­lek­tiv-recht­li­cher Hin­sicht sind typi­scher­wei­se über die Bezug­nah­me auf das kirch­li­che Arbeits­recht die Rege­lun­gen des kirch­li­chen Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tungs­rechts ein­schließ­lich der auf des­sen Grund­la­ge geschlos­se­nen Dienst­ver­ein­ba­run­gen maß­geb­lich [3]. Ein kirch­li­cher Arbeits­ver­trag ist daher vor­be­halt­lich ande­rer Ver­ein­ba­run­gen nur offen für recht­mä­ßi­ge Ände­run­gen durch kirch­li­che Dienst­ver­ein­ba­run­gen, nicht aber durch Betriebs­ver­ein­ba­run­gen.

Dies gilt auch für den im vor­lie­gen­den Streit­fall maß­geb­li­chen Arbeits­ver­trag. Es han­delt sich zwar um einen For­mu­lar­ar­beits­ver­trag, der All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen ent­hält. Der Arbeits­ver­trag wur­de jedoch ursprüng­lich zwi­schen der Arbeit­neh­me­rin und einem kirch­li­chen Trä­ger geschlos­sen und nahm des­halb die AVR-DW EKD dyna­misch in Bezug. Die Arbeit­neh­me­rin konn­te daher von der Anwend­bar­keit kirch­li­chen Arbeits­rechts aus­ge­hen und muss­te nicht damit rech­nen, dass in der Zukunft trotz bestehen­der Mit­glied­schaft der Arbeit­ge­be­rin im Dia­ko­ni­schen Werk ein Betriebs­rat eta­bliert wird und die­ser abän­dern­de Betriebs­ver­ein­ba­run­gen abschließt. Ein ande­res Ver­trags­ver­ständ­nis wäre mit dem Trans­pa­renz­ge­bot des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB nicht ver­ein­bar [4]. Der Arbeits­ver­trag lässt eine Betriebs­ver­ein­ba­rungs­of­fen­heit nach einem Über­gang auf einen welt­li­chen Erwer­ber nicht erken­nen. Eine kol­lek­tiv-recht­li­che Über­la­ge­rung des pri­vat­au­to­nom Ver­ein­bar­ten durch Betriebs­ver­ein­ba­run­gen ist hier auch kei­ne arbeits­recht­li­che Beson­der­heit, die gemäß § 310 Abs. 4 Satz 2 BGB ange­mes­sen zu berück­sich­ti­gen wäre und dazu führ­te, dass der Arbeits­ver­trag ein­schließ­lich einer Betriebs­ver­ein­ba­rungs­of­fen­heit hin­rei­chend klar und ver­ständ­lich wäre. Im Gegen­teil besteht bei kirch­li­chen Arbeits­ver­hält­nis­sen – wie dar­ge­legt – die Beson­der­heit, dass mit kirch­li­chen Arbeit­ge­bern kei­ne Betriebs­ver­ein­ba­run­gen mit nor­ma­ti­ver Wir­kung gemäß § 77 Abs. 4 Satz 1 BetrVG abge­schlos­sen wer­den kön­nen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 11. Juli 2019 – 6 AZR 40/​17

  1. BAG 30.01.2019 – 5 AZR 450/​17, Rn. 60 ff. mwN auch zu abwei­chen­den Ansich­ten; 24.10.2017 – 1 AZR 846/​15, Rn. 18; 5.03.2013 – 1 AZR 417/​12, Rn. 60; zu Ver­sor­gungs­zu­sa­gen vgl.: BAG 11.12 2018 – 3 AZR 380/​17, Rn. 64 ff.; 21.02.2017 – 3 AZR 542/​15, Rn. 34; kri­tisch BAG 11.04.2018 – 4 AZR 119/​17, Rn. 48 ff., BAGE 162, 293[]
  2. BAG 19.04.2012 – 6 AZR 677/​10, Rn. 23[]
  3. vgl. BAG 22.03.2018 – 6 AZR 835/​16, Rn. 47, BAGE 162, 247[]
  4. vgl. hier­zu BAG 30.01.2019 – 5 AZR 450/​17, Rn. 66 ff.[]