Kla­ge auf Sozi­al­kas­sen­bei­trä­ge – und das Teil­ur­teil

Nach § 301 Abs. 1 Satz 1 ZPO hat das Gericht die Ent­schei­dung durch End­ur­teil (Teil­ur­teil) zu erlas­sen, wenn von meh­re­ren in einer Kla­ge gel­tend gemach­ten Ansprü­chen nur der eine oder nur ein Teil eines Anspruchs zur End­ent­schei­dung reif ist.

Kla­ge auf Sozi­al­kas­sen­bei­trä­ge – und das Teil­ur­teil

§ 301 Abs. 1 ZPO setzt die Teil­bar­keit der Kla­ge­for­de­rung vor­aus. Der Teil, über den ent­schie­den wird, muss vom Rest des gel­tend gemach­ten pro­zes­sua­len Anspruchs unab­hän­gig sein, so dass die Gefahr ein­an­der wider­spre­chen­der Ent­schei­dun­gen nicht besteht [1].

Das Revi­si­ons­ge­richt ist auch ohne eine ent­spre­chen­de Ver­fah­rens­rüge gehal­ten, die Zuläs­sig­keit der Ent­schei­dung durch Teil­ur­teil zu über­prü­fen [2]. Dies gilt auch dann, wenn das Teil­ur­teil in ers­ter Instanz ergan­gen und – wie hier – vom Beru­fungs­ge­richt nicht bean­stan­det wor­den ist. Ein unter Ver­stoß gegen § 301 Abs. 1 ZPO ergan­ge­nes Teil­ur­teil lei­det an einem wesent­li­chen Ver­fah­rens­man­gel, der auch in der Revi­si­ons­in­stanz nach § 72 Abs. 5 ArbGG iVm. § 557 Abs. 3 Satz 2 ZPO von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen ist [3].

Danach konn­te das Arbeits­ge­richt im hier ent­schie­de­nen Streit­fall durch Teil­ur­teil ent­schei­den:

Der pro­zes­sua­le Anspruch einer Kla­ge der Sozi­al­kas­se auf Bei­trä­ge für gewerb­li­che Arbeit­neh­mer ist jeweils der auf der Grund­la­ge des maß­geb­li­chen VTV in einem Kalen­der­mo­nat anfal­len­de Sozi­al­kas­sen­bei­trag [4]. Der pro­zes­sua­le Anspruch einer Kla­ge der Sozi­al­kas­se auf Bei­trä­ge für Ange­stell­te ist jeweils der auf der Grund­la­ge des VTV für jeden ein­zel­nen beschäf­tig­ten Ange­stell­ten in einem Kalen­der­mo­nat anfal­len­de Bei­trag [5]. Bei­trags­an­sprü­che für meh­re­re Kalen­der­mo­na­te gegen den­sel­ben Beklag­ten kön­nen nach § 260 ZPO in einer Kla­ge ver­bun­den wer­den. Wenn sie – wie im Streit­fall – in einer Kla­ge hät­ten gel­tend gemacht wer­den kön­nen, kommt eine Pro­zess­ver­bin­dung nach § 147 ZPO in Betracht. Über die zur End­ent­schei­dung rei­fen Ansprü­che kann nach § 301 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 ZPO durch Teil­ur­teil ent­schie­den wer­den.

Es ist revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den, dass das Arbeits­ge­richt Ent­schei­dungs­rei­fe allein hin­sicht­lich der Bei­trags­an­sprü­che für die Jah­re 2011 bis 2014 bejaht hat.

Ein Anspruch ist zur End­ent­schei­dung reif, sobald das Gericht dar­über zu befin­den ver­mag, ob der Kla­ge statt­zu­ge­ben ist oder sie als unzu­läs­sig oder als unbe­grün­det abge­wie­sen wer­den muss. Dies setzt vor­aus, dass der ent­schei­dungs­er­heb­li­che Tat­sa­chen­stoff hin­rei­chend geklärt wor­den ist. Dafür müs­sen die zuläs­si­gen Bewei­se hin­sicht­lich der beweis­be­dürf­ti­gen Tat­sa­chen vom Gericht erho­ben und gewür­digt wor­den sein [6].

Das Arbeits­ge­richt durf­te durch Teil­ur­teil über die Bei­trags­an­sprü­che für die Jah­re 2011 bis 2014 ent­schei­den, weil sich die jeweils ein­schlä­gi­gen Ver­fah­rens­ta­rif­ver­trä­ge im Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung am 22.02.2017 nur auf ori­gi­när tarif­ge­bun­de­ne Arbeit­ge­ber erstreck­ten.

Bei Erlass des Teil­ur­teils bestand nicht die Gefahr diver­gie­ren­der Ent­schei­dun­gen im Hin­blick auf die noch rechts­hän­gi­gen Bei­trags­an­sprü­che für das Jahr 2015.

Ein Teil­ur­teil ist unzu­läs­sig, wenn nicht aus­zu­schlie­ßen ist, dass es in dem­sel­ben Rechts­streit zu ein­an­der wider­spre­chen­den Ent­schei­dun­gen kommt. Die Gefahr ein­an­der wider­spre­chen­der Ent­schei­dun­gen – auch infol­ge einer abwei­chen­den Beur­tei­lung durch das Rechts­mit­tel­ge­richt – ist gege­ben, wenn in einem Teil­ur­teil eine Fra­ge ent­schie­den wird, die sich dem Gericht im wei­te­ren Ver­fah­ren über ande­re Ansprü­che oder Anspruchs­tei­le noch ein­mal stellt oder stel­len kann. Dazu reicht die Mög­lich­keit einer unter­schied­li­chen Beur­tei­lung von blo­ßen Urteils­ele­men­ten aus, die weder in Rechts­kraft erwach­sen noch das Gericht nach § 318 ZPO für das wei­te­re Ver­fah­ren bin­den. Vor die­sem Hin­ter­grund darf ein Teil­ur­teil nur erge­hen, wenn der wei­te­re Ver­lauf des Pro­zes­ses die zu tref­fen­de Ent­schei­dung unter kei­nen Umstän­den mehr berüh­ren kann [7].

Nach die­sen Maß­stä­ben durf­te das Teil­ur­teil im Streit­fall erlas­sen wer­den. Für die Bei­trags­pflicht nach den Ver­fah­rens­ta­rif­ver­trä­gen kommt es grund­sätz­lich auf die tat­säch­li­chen Umstän­de im jewei­li­gen Kalen­der­jahr an [8]. Sie sind daher nicht mate­ri­ell-recht­lich mit­ein­an­der ver­zahnt, so dass der wei­te­re Ver­lauf des Pro­zes­ses über die Bei­trags­pflich­ten für das Jahr 2015 die getrof­fe­ne Ent­schei­dung über die Bei­trags­an­sprü­che der Jah­re 2011 bis 2014 auch nicht berüh­ren konn­te.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 22. Janu­ar 2020 – 10 AZR 387/​18

  1. BAG 16.07.2019 – 1 AZR 537/​17, Rn. 13; 30.05.2018 – 10 AZR 780/​16, Rn.20; 18.03.2014 – 3 AZR 874/​11, Rn. 11 mwN[]
  2. BAG 30.05.2018 – 10 AZR 780/​16, Rn.19; 17.04.2013 – 4 AZR 361/​11, Rn. 15[]
  3. vgl. BGH 11.05.2011 – VIII ZR 42/​10, Rn.19 ff., BGHZ 189, 356[]
  4. BAG 27.11.2019 – 10 AZR 476/​18, Rn. 21; 30.10.2019 – 10 AZR 177/​18, Rn. 17[]
  5. BAG 27.11.2019 – 10 AZR 476/​18, Rn. 25[]
  6. Zöller/​Feskorn 33. Aufl. § 300 Rn. 2; Münch­Komm-ZPO/­Mu­sielak 5. Aufl. § 300 Rn. 2[]
  7. st. Rspr., zB BAG 30.05.2018 – 10 AZR 780/​16, Rn.20; 29.06.2017 – 8 AZR 189/​15, Rn. 41 mwN, BAGE 159, 316[]
  8. vgl. BAG 27.03.2019 – 10 AZR 318/​17, Rn. 18; 10.09.2014 – 10 AZR 959/​13, Rn. 43, BAGE 149, 84; 25.07.2001 – 10 AZR 483/​00, zu III 1 der Grün­de, BAGE 98, 250[]