Kon­klu­den­ter Nach­wir­kungs­aus­schluss bei Tarif­ver­trä­gen

Tarif­ver­trä­ge wir­ken kraft Geset­zes nach (§ 4 Abs. 5 TVG). Jedoch kön­nen die Tarif­ver­trags­par­tei­en die Nach­wir­kung aus­schlie­ßen. Das kann aus­drück­lich oder auch kon­klu­dent gesche­hen.

Kon­klu­den­ter Nach­wir­kungs­aus­schluss bei Tarif­ver­trä­gen

Bei Weg­fall der nach § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 TVG aus der Mit­glied­schaft in einer tarif­schlie­ßen­den Koali­ti­on fol­gen­den unmit­tel­ba­ren und zwin­gen­den Rechts­wir­kung eines Tarif­ver­tra­ges bleibt gemäß § 3 Abs. 3 TVG die Tarif­ge­bun­den­heit bestehen, bis der Tarif­ver­trag endet.

An das Ende der Tarif­ge­bun­den­heit nach § 3 Abs. 3 TVG schließt sich die Nach­wir­kung nach § 4 Abs. 5 TVG an 1.

Nach § 4 Abs. 5 TVG gel­ten nach Ablauf eines Tarif­ver­tra­ges sei­ne Rechts­nor­men unmit­tel­bar wei­ter, bis sie durch eine ande­re Abma­chung ersetzt wer­den. § 4 Abs. 5 TVG sieht eine zeit­li­che Begren­zung nicht vor; die Nach­wir­kung des abge­lau­fe­nen Tarif­ver­tra­ges ist abding­bar und ent­fällt dann, wenn eine ande­re Abma­chung getrof­fen wird, die den­sel­ben Rege­lungs­be­reich erfasst und eine für das ein­zel­ne Arbeits­ver­hält­nis ver­bind­li­che Rege­lung dar­stellt. Das kann durch einen für bei­de Par­tei­en gel­ten­den Tarif­ver­trag, eine Betriebs­ver­ein­ba­rung oder eine arbeits­ver­trag­li­che Rege­lung gesche­hen 2. In wel­chem Umfang eine „ande­re Abma­chung“ einen nach § 4 Abs. 5 TVG nach­wir­ken­den Tarif­ver­trag in zeit­li­cher und inhalt­li­cher Hin­sicht erset­zen soll, bestimmt sich nach dem in ihr zum Aus­druck kom­men­den Rege­lungs­wil­len, der durch Aus­le­gung zu ermit­teln ist.

Tarif­ver­trä­ge wir­ken zwar kraft Geset­zes (§ 4 Abs. 5 TVG) grund­sätz­lich nach. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en kön­nen die Nach­wir­kung jedoch auch wirk­sam aus­schlie­ßen 3. Das kann aus­drück­lich oder auch kon­klu­dent gesche­hen 4.

Ins­be­son­de­re eine im Tarif­ver­trag ent­hal­te­ne Befris­tung setzt den Aus­schluss der Nach­wir­kung der Ver­ein­ba­rung vor­aus. Die gegen­tei­li­ge Annah­me einer Nach­wir­kung des Tarif­ver­tra­ges wür­de zu einer zeit­lich (zunächst) unbe­fris­te­ten Ver­län­ge­rung der Arbeits­zeit­er­hö­hung ohne Lohn­aus­gleich füh­ren, ohne dass sich dies in einer ent­spre­chen­den Anpas­sung des Bei­tra­ges des Arbeit­ge­bers aus­drü­cken wür­de. Dadurch wür­de das von den Tarif­ver­trags­par­tei­en als ange­mes­sen vor­aus­ge­setz­te und als sol­ches ver­ein­bar­te Ver­hält­nis von „Leis­tung“ und „Gegen­leis­tung“ ver­än­dert wer­den. Denn es wür­de nur einem die eine Sei­te belas­ten­den Teil die­ses aus­ge­han­del­ten Aus­gleichs eine zeit­lich nicht begrenz­te Nach­wir­kung ein­ge­räumt, wäh­rend der ande­re Teil mit Frist­ab­lauf endet. Dies stell­te eine Ver­än­de­rung des von den Tarif­ver­trags­par­tei­en als ange­mes­sen befun­de­nen Aus­gleichs dar 5.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 16. Mai 2012 – 4 AZR 366/​10

  1. vgl. dazu die st. Rspr., ua. BAG 6.07.2011 – 4 AZR 424/​09, Rn. 45, AP TVG § 3 Nr. 51 = EzA TVG § 3 Ver­bands­aus­tritt Nr. 5; 1.07.2009 – 4 AZR 261/​08, Rn. 56, BAGE 131, 176; 23.02.2005 – 4 AZR 186/​04, AP TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 42 = EzA TVG § 3 Ver­bands­aus­tritt Nr. 2[]
  2. BAG 1.07.2009 – 4 AZR 261/​08, Rn. 62, BAGE 131, 176; 22.10.2008 – 4 AZR 789/​07, Rn. 27, BAGE 128, 175; 4.07.2007 – 4 AZR 439/​06, Rn. 21, EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 40[]
  3. vgl. nur BAG 11.01.2011 – 1 AZR 310/​09, Rn. 14, EzA BetrVG 2001 § 87 Betrieb­li­che Lohn­ge­stal­tung Nr. 24; 16.08.1990 – 8 AZR 439/​89, BAGE 65, 359; 18.09.1974 – 4 AZR 536/​73, AP BAT §§ 22, 23 Zula­gen Nr. 2; 8.05.1974 – 4 AZR 288/​73, AP BAT §§ 22, 23 Zula­gen Nr. 1[]
  4. BAG 8.10.1997 – 4 AZR 87/​96, BAGE 86, 366; 3.09.1986 – 5 AZR 319/​85, BAGE 53, 1[]
  5. ähn­lich BAG 24.02.2011 – 2 AZR 830/​09, Rn.19, AP KSchG 1969 § 1 Nr. 91[]