Kor­ro­si­ons­schutz­ar­bei­ten an Schif­fen – und die Sozi­al­kas­se für das Maler- und Lackie­rer­hand­werk

Ein Betrieb wird vom Gel­tungs­be­reich des all­ge­mein­ver­bind­li­chen Tarif­ver­trags über das Ver­fah­ren für den Urlaub und die Zusatz­ver­sor­gung im Maler- und Lackie­rer­hand­werk vom 23.11.2005 (VTV Maler) erfasst, wenn arbeits­zeit­lich über­wie­gend Tätig­kei­ten des Maler- und Lackie­rer­hand­werks iSv. § 1 Nr. 2 Abs. 1 Betrie­be, die unter den betrieb­li­chen Gel­tungs­be­reich des Rah­men­ta­rif­ver­tra­ges für die gewerb­li­chen Arbeit­neh­mer im Maler- und Lackie­rer­hand­werk (RTV Maler) aus­ge­übt wer­den. Wer­den sol­che Tätig­kei­ten erbracht, sind ihnen die­je­ni­gen Neben­tä­tig­kei­ten zuzu­ord­nen, die zu einer sach­ge­rech­ten Aus­füh­rung der Tätig­kei­ten not­wen­dig sind und des­halb mit ihnen im Zusam­men­hang ste­hen [1], auf wirt­schaft­li­che Gesichts­punk­te wie Umsatz und Ver­dienst oder auf han­dels- und gewer­be­recht­li­che Kri­te­ri­en kommt es nicht an [2].

Kor­ro­si­ons­schutz­ar­bei­ten an Schif­fen – und die Sozi­al­kas­se für das Maler- und Lackie­rer­hand­werk

Die Dar­le­gungs- und Beweis­last dafür, dass in einem Betrieb über­wie­gend Tätig­kei­ten des betrieb­li­chen Gel­tungs­be­reichs eines Sozi­al­kas­sen­ta­rif­ver­trags ver­rich­tet wer­den, obliegt der Sozi­al­kas­se [3].

Im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall ver­rich­tet der Betrieb der Arbeit­ge­be­rin ver­rich­tet nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts arbeits­zeit­lich über­wie­gend auf Groß­werf­ten Kor­ro­si­ons­schutz­ar­bei­ten an Schif­fen, wie Ent­ros­tungs- und Ober­flä­chen­be­schich­tungs­ar­bei­ten ein­schließ­lich der Zusam­men­hangs­tä­tig­kei­ten. Dies kön­nen „Ent­ros­tungs- und Eisen­an­stri­ch­ar­bei­ten“ sein, die vom betrieb­li­chen Gel­tungs­be­reich des VTV Maler und RTV Maler erfasst wer­den. Dass Kor­ro­si­ons­schutz­ar­bei­ten an Schif­fen durch­ge­führt wer­den, ist dabei uner­heb­lich; der betrieb­li­che Gel­tungs­be­reich bei­der Tarif­ver­trä­ge ist unab­hän­gig von der Art des zu bear­bei­ten­den Objekts für alle Tätig­kei­ten des Maler- und Lackie­rer­hand­werks eröff­net.

Der Betrieb wird aber des­halb nicht vom betrieb­li­chen Gel­tungs­be­reich des VTV Maler erfasst, weil er indus­tri­ell und nicht hand­werk­lich geprägt ist. Er ist kein Betrieb des Maler- und Lackie­rer­hand­werks.

Tarif­ver­trags­par­tei des VTV Maler und RTV Maler ist auf Arbeit­ge­ber­sei­te der Bun­des­in­nungs­ver­band des deut­schen Maler- und Lackie­rer­hand­werks. Der betrieb­li­che Gel­tungs­be­reich des VTV Maler und des RTV Maler erfasst aus­schließ­lich Betrie­be des Maler- und Lackie­rer­hand­werks; Betrie­be, die ihre Leis­tun­gen indus­tri­ell erbrin­gen, fal­len nicht unter den Gel­tungs­be­reich [4]. Wer­den Eisen­schutz­ar­bei­ten nicht in einer hand­werk­lich, son­dern indus­tri­ell gepräg­ten Arbeits­wei­se aus­ge­führt, ist der betrieb­li­che Gel­tungs­be­reich des § 1 Abs. 2 Abschnitt IV Nr. 2 VTV Bau (Eisen­schutz­ar­bei­ten) eröff­net.

Ob es sich im Ein­zel­fall um einen Hand­werks- oder Indus­trie­be­trieb han­delt, ist im Rah­men einer wer­ten­den Gesamt­be­trach­tung aller maß­geb­li­chen Umstän­de unter Berück­sich­ti­gung der jewei­li­gen tarif­li­chen Rege­lun­gen zu ermit­teln [5]. Die Abgren­zung hat nicht nach gewer­be­recht­li­chen, han­dels­recht­li­chen oder betriebs­wirt­schaft­li­chen Kri­te­ri­en, son­dern vor­ran­gig danach zu erfol­gen, ob die arbeits­zeit­lich über­wie­gen­de Tätig­keit der Arbeit­neh­mer hand­werk­lich oder nicht hand­werk­lich geprägt ist. Eine etwai­ge Ein­tra­gung in die Hand­werks­rol­le, ins­be­son­de­re wenn sie mit Zustim­mung der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer erfolgt ist, kann dabei ein wesent­li­ches Kri­te­ri­um für die Hand­werks­ei­gen­schaft dar­stel­len. Der Betrieb muss aber nicht nur for­mell, son­dern auch mate­ri­ell den Anfor­de­run­gen eines Hand­werks­be­triebs ent­spre­chen. Dafür ist ent­schei­dend, dass die Hand­fer­tig­keit der am Pro­duk­ti­ons­pro­zess betei­lig­ten Mit­ar­bei­ter prä­gend für die Pro­duk­t­her­stel­lung ist, die ein­ge­setz­ten Maschi­nen und tech­ni­schen Hilfs­mit­tel nur der Erleich­te­rung und Unter­stüt­zung der Hand­fer­ti­gung die­nen und durch ihren Ein­satz nicht wesent­li­che Kennt­nis­se und Fer­tig­kei­ten des Hand­werks ent­behr­lich wer­den. Der Hand­werks­be­trieb zeich­net sich gegen­über dem Indus­trie­be­trieb dadurch aus, dass die Pro­duk­ti­on von dem Kön­nen sowie den Fer­tig­kei­ten zumin­dest einer Viel­zahl der beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer und nicht von dem Ein­satz der sol­che Arbeit­neh­mer erset­zen­den Maschi­nen abhängt und dass die Arbeits­tei­lung nicht so weit fort­ge­schrit­ten ist, dass jede ein­zel­ne Arbeits­kraft nur bestimm­te – in der Regel immer wie­der­keh­ren­de – und eng begrenz­te Teil­ar­bei­ten aus­zu­füh­ren hat, wie dies in einem Indus­trie­be­trieb der Fall ist. Für eine hand­werks­mä­ßi­ge Betriebs­wei­se spricht es daher, wenn über­wie­gend fach­lich qua­li­fi­zier­te, hand­werk­lich aus­ge­bil­de­te Arbeits­kräf­te beschäf­tigt wer­den [6]. Die tech­ni­sche Ent­wick­lung hat zwar dazu geführt, dass auch Hand­werks­be­trie­be in zuneh­men­dem Maße auf die Ver­wen­dung von Maschi­nen und vor­ge­fer­tig­tem Mate­ri­al ange­wie­sen sind; tech­ni­sche, wirt­schaft­li­che und sozia­le Ent­wick­lun­gen kön­nen sogar dazu füh­ren, dass ein­zel­ne Zwei­ge des Hand­werks oder ein­zel­ne Betrie­be zu ande­ren Betriebs­for­men über­wech­seln [7]. Allein die Nut­zung tech­ni­scher Hilfs­mit­tel spricht aber nicht für einen Indus­trie- und gegen einen Hand­werks­be­trieb. Wer­den dage­gen als Fol­ge der Tech­ni­sie­rung wesent­li­che Kennt­nis­se und Fer­tig­kei­ten des betref­fen­den Hand­werks durch den Ein­satz von Maschi­nen ent­behr­lich und bleibt kein Raum mehr für das hand­werk­li­che Kön­nen, liegt eine hand­werks­mä­ßi­ge Betriebs­form fern [8].

Die Beur­tei­lung der Fra­ge, ob ein Betrieb dem Hand­werk zuzu­ord­nen ist oder ob es sich um einen Indus­trie­be­trieb han­delt, obliegt in ers­ter Linie den Gerich­ten der Tat­sa­chen­in­stan­zen, sie haben inso­weit einen Beur­tei­lungs­spiel­raum, der nur einer ein­ge­schränk­ten revi­si­ons­recht­li­chen Über­prü­fung unter­liegt [9].

Ent­ros­tungs- und Kor­ro­si­ons­schutz­ar­bei­ten kön­nen hand­werk­lich aus­ge­führt wer­den. Dies zeigt die Ver­ord­nung über die Berufs­aus­bil­dung im Maler- und Lackie­rer­ge­wer­be vom 03.07.2003 [10], die in § 6 Nr. 3 als Gegen­stand der Berufs­aus­bil­dung die Fach­rich­tung Bau­ten- und Kor­ro­si­ons­schutz und die ein­zel­nen Aus­bil­dungs­schrit­te benennt. Nach § 15 Abs. 3 Satz 2 Maler­Lack­AusbV sind in der Gesel­len­prü­fung auch im Prü­fungs­be­reich Kor­ro­si­ons­schutz und Bau­ten­schutz fach­li­che Pro­ble­me mit ver­knüpf­ten infor­ma­ti­ons­tech­ni­schen, tech­no­lo­gi­schen und mathe­ma­ti­schen Kennt­nis­sen zu ana­ly­sie­ren, zu bewer­ten und zu lösen. Im Prü­fungs­be­reich Kor­ro­si­ons­schutz soll der Prüf­ling zei­gen, dass er die Aus­füh­rung des Kun­den­auf­trags pla­nen, Kor­ro­si­ons­schutz­sys­te­me ent­spre­chend der Belas­tung von Objek­ten und Bau­wer­ken sowie erfor­der­li­che Ent­ros­tungs­ver­fah­ren, Maß­nah­men zur Ober­flä­chen­vor­be­rei­tung, Beschich­tungs­sys­te­me und metal­li­sche Über­zü­ge aus­wäh­len und beschrei­ben, den Ein­satz von Anla­gen und Gerä­ten, Gerüs­ten und Maß­nah­men zum Schutz der Umwelt unter Beach­tung von Nor­men, tech­ni­schen Richt­li­ni­en und Merk­blät­tern ein­be­zie­hen, sowie Flä­chen, Kos­ten und Men­gen berech­nen kann (vgl. § 15 Abs. 3 Nr. 1 Maler­Lack­AusbV).

Hand­werk­li­che Kor­ro­si­ons­schutz­ar­bei­ten im vor­be­schrie­be­nen Sinn wer­den im Betrieb der Arbeit­ge­be­rin nicht ver­rich­tet. Die Tätig­keit ist zwar inso­weit „hän­disch“, als das Sand­strah­len und das Auf­brin­gen des Anstrichs mit den ein­ge­setz­ten maschi­nel­len Hilfs­mit­teln durch einen Arbeit­neh­mer von Hand gesteu­ert wird, eine „hand­werk­li­che“ Tätig­keit ver­rich­ten die Arbeit­neh­mer dabei jedoch nicht. Jede ein­zel­ne Arbeits­kraft führt wie­der­keh­ren­de eng begrenz­te Teil­ar­bei­ten aus, wie dies typi­scher­wei­se in einem Indus­trie­be­trieb der Fall ist. Groß­flä­chig an Schif­fen vor­ge­nom­me­ne Kor­ro­si­ons­schutz­ar­bei­ten wer­den nicht durch die Hand­fer­tig­keit der am Pro­duk­ti­ons­pro­zess betei­lig­ten Mit­ar­bei­ter, son­dern durch die ein­ge­setz­ten Maschi­nen und tech­ni­schen Hilfs­mit­tel geprägt. Die Mit­ar­bei­ter müs­sen nicht Kun­den­auf­trä­ge pla­nen und orga­ni­sie­ren, geeig­ne­te Maß­nah­men zur Ober­flä­chen­vor­be­rei­tung und Beschich­tung aus­wäh­len und umset­zen; durch den groß­flä­chi­gen Ein­satz tech­ni­scher Hilfs­mit­tel sind Kennt­nis­se und Fer­tig­kei­ten des Hand­werks weit­ge­hend ent­behr­lich. Dem ent­spricht, dass im Betrieb der Arbeit­ge­be­rin aus­schließ­lich unge­lern­te Arbeit­neh­mer beschäf­tigt wer­den. Ein Betrieb, der sich mit einer Betriebs­grö­ße von meh­re­ren hun­dert Mit­ar­bei­tern deut­lich von einem typi­schen Betrieb des Maler- und Lackie­rer­hand­werks unter­schei­det und voll­stän­dig auf den Ein­satz von Fach­kräf­ten ver­zich­ten kann, ist kein Betrieb des Maler- und Lackier­hand­werks, son­dern indus­tri­ell geprägt, sodass jeden­falls zu den Sozi­al­kas­sen des Maler- und Lackie­rer­hand­werks kei­ne Bei­trä­ge ent­rich­tet wer­den müs­sen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 9. April 2014 – 10 AZR 1085/​12

  1. st. Rspr., zuletzt zum VTV Bau: BAG 15.01.2014 – 10 AZR 669/​13, Rn. 12[]
  2. st. Rspr., BAG 15.01.2014 – 10 AZR 669/​13, Rn. 12; 1.04.2009 – 10 AZR 593/​08, Rn. 16; 1.08.2007 – 10 AZR 369/​06, Rn. 13; 2.08.2006 – 10 AZR 756/​05, Rn. 13[]
  3. st. Rspr., zuletzt BAG 15.01.2014 – 10 AZR 415/​13[]
  4. BAG 13.11.1991 – 4 AZR 78/​91[]
  5. st. Rspr., BAG 26.03.2013 – 3 AZR 89/​11, Rn. 16; 13.04.2011 – 10 AZR 838/​09, Rn. 23[]
  6. BAG 26.03.2013 – 3 AZR 89/​11, Rn. 16; 13.04.2011 – 10 AZR 838/​09, Rn. 22; 27.06.1984 – 5 AZR 25/​83, zu II 2 c, d, e, g der Grün­de[]
  7. vgl. BVerwG 1.04.2004 – 6 B 5.04, zu 1 a aa der Grün­de[]
  8. BAG 26.03.2013 – 3 AZR 89/​11, Rn. 16[]
  9. BAG 26.03.2013 – 3 AZR 89/​11, Rn. 17; 13.04.2011 – 10 AZR 838/​09, Rn. 23[]
  10. Maler­Lack­AusbV, BGBl. I S. 1064, 1546[]