Kün­di­gung bei Pra­xis­auf­ga­be oder Betriebs­über­gang

Eine Kün­di­gung ist nicht des­halb nach § 613a Abs. 4 Satz 1 BGB unwirk­sam, weil sie wegen eines Über­gangs eines Betriebs oder Betriebs­teils aus­ge­spro­chen wor­den ist.

Kün­di­gung bei Pra­xis­auf­ga­be oder Betriebs­über­gang

Im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall ist die von der beklag­ten Ärz­tin betrie­be­ne Arzt­pra­xis nicht im Wege eines Betriebs­über­gangs gemäß § 613a Abs. 1 BGB auf die Dres über­ge­gan­gen, denen die kas­sen­ärzt­li­che Zulas­sung ver­kauft wor­den ist.

Die Klä­ge­rin rügt, das Lan­des­ar­beits­ge­richt hät­te sich nach § 142 Abs. 1 Satz 1 ZPO „genaue Kennt­nis vom Inhalt der Kauf­ver­trä­ge“ zwi­schen der aus Alters­grün­den auf­hö­ren­den Ärz­tin und den neu­en Ärz­ten „ver­schaf­fen“ müs­sen. Der von der Klä­ge­rin gel­tend gemach­te Ver­stoß des Lan­des­ar­beits­ge­richts gegen § 142 Abs. 1 Satz 1 ZPO liegt nach Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts nicht vor.

Grund­sätz­lich hat der Arbeit­neh­mer, der sich auf die Unwirk­sam­keit einer Kün­di­gung nach § 613a Abs. 4 BGB beruft, dar­zu­le­gen, und ggf. zu bewei­sen, dass die Kün­di­gung wegen eines Betriebs­über­gangs aus­ge­spro­chen wur­de und dem­zu­fol­ge auch, dass über­haupt ein Betriebs­über­gang vor­ge­le­gen hat 1.

Die­ser Dar­le­gungs- und Beweis­last genügt die Klä­ge­rin nicht dadurch, dass sie die Vor­la­ge der sich im Besitz der Beklag­ten befind­li­chen Kauf­ver­trä­ge bezüg­lich der Arzt­pra­xis gemäß § 142 Abs. 1 Satz 1 ZPO bean­tragt und behaup­tet, aus die­sen Ver­trä­gen erge­be sich, wel­che Gegen­stän­de von der einen Beklag­ten auf die ande­ren Beklag­ten über­ge­gan­gen sei­en und ob die­se Gegen­stän­de nur zum Schein ver­äu­ßert wor­den sei­en. Das Gericht darf näm­lich die Urkun­den­vor­le­gung nicht zum Zwe­cke blo­ßer Infor­ma­ti­ons­ge­win­nung anord­nen, son­dern nur bei Vor­lie­gen eines schlüs­si­gen, auf kon­kre­te Tat­sa­chen bezo­ge­nen Vor­tra­ges der dar­le­gungs- und beweis­pflich­ti­gen Par­tei anord­nen 2. § 142 ZPO dient nicht dazu, einer Par­tei die Dar­le­gungs­last dadurch zu erleich­tern, dass das Gericht eine Aus­for­schung betreibt. Die­ses ist des­halb nicht gehal­ten, auf den Vor­trag einer Par­tei, wei­te­rer, die Schlüs­sig­keit der Kla­ge her­bei­füh­ren­der Sach­vor­trag befin­de sich in beim Pro­zess­geg­ner ver­füg­ba­ren Urkun­den, die Vor­la­ge der­sel­ben anzu­ord­nen 3.

Wei­ter­hin hat die Klä­ge­rin auch kei­nen Über­gang der von der beklag­ten Ärz­tin bis 2007 betrie­be­nen Arzt­pra­xis auf die nach­fol­gen­den Dres i.S.d. § 613a Abs. 1 Satz 1 BGB dar­ge­legt.

Ein Betriebs­über­gang liegt vor, wenn ein neu­er Rechts­trä­ger die wirt­schaft­li­che Ein­heit unter Wah­rung ihrer Iden­ti­tät fort­führt. Der Begriff „wirt­schaft­li­che Ein­heit“ bezieht sich auf eine orga­ni­sa­to­ri­sche Gesamt­heit von Per­so­nen und Sachen zur auf Dau­er ange­leg­ten Aus­übung einer wirt­schaft­li­chen Tätig­keit mit eige­ner Ziel­set­zung. Bei der Prü­fung, ob eine sol­che Ein­heit unter Wah­rung ihrer Iden­ti­tät über­ge­gan­gen ist, sind sämt­li­che den betref­fen­den Vor­gang kenn­zeich­nen­den Tat­sa­chen zu berück­sich­ti­gen. Zu die­sen zäh­len ins­be­son­de­re die Art des betref­fen­den Betriebs, der Über­gang mate­ri­el­ler Betriebs­mit­tel sowie deren Wert und Bedeu­tung, die Über­nah­me der imma­te­ri­el­len Betriebs­mit­tel und der vor­han­de­nen Orga­ni­sa­ti­on, der Grad der Ähn­lich­keit mit der Betriebs­tä­tig­keit des bis­he­ri­gen Inha­bers, die Wei­ter­be­schäf­ti­gung der Haupt­be­leg­schaft, der Über­gang von Kund­schaft und Lie­fe­ran­ten­be­zie­hun­gen sowie die Dau­er der evtl. Unter­bre­chung der Betriebs­tä­tig­keit.

Der Betriebs­über­gang tritt mit dem Wech­sel in der Per­son des Betriebs­in­ha­bers ein, also mit dem Wech­sel der Per­son, die für den Betrieb der über­tra­ge­nen Ein­heit als Inha­ber ver­ant­wort­lich ist. Ver­ant­wort­lich ist die Per­son, die den Betrieb im eige­nen Namen führt und nach außen als Betriebs­in­ha­ber auf­tritt. Einer beson­de­ren Über­tra­gung einer irgend­wie gear­te­ten Lei­tungs­macht bedarf es wegen des Merk­mals der Fort­füh­rung des Betriebs nicht. Der bis­he­ri­ge Inha­ber muss sei­ne wirt­schaft­li­che Betä­ti­gung in dem Betrieb oder Betriebs­teil ein­stel­len 4.

Unter Berück­sich­ti­gung die­ser Grund­sät­ze hat kein Betriebs­über­gang statt­ge­fun­den. Die von der beklag­ten Ärz­tin bis 2007 allein betrie­be­ne Arzt­pra­xis stell­te eine wirt­schaft­li­che Ein­heit dar. Deren Zweck war dar­auf gerich­tet, für Pati­en­ten medi­zi­ni­sche Dienst­leis­tun­gen zu erbrin­gen. Um die­se ärzt­li­chen Tätig­kei­ten zu erle­di­gen, bedurf­te die Beklag­te zu 1. einer Orga­ni­sa­ti­on, wel­che die­sem Betriebs­zweck dien­te. Erfor­der­lich waren dazu Mit­ar­bei­ter, wie die Klä­ge­rin, wel­che nach­ge­ord­ne­te Per­so­nal­dienst­leis­tun­gen, wie Emp­fangs- und Tele­fon­dienst, Schreib­ar­bei­ten und die Beklag­te unter­stüt­zen­de medi­zi­nisch-tech­ni­sche Tätig­kei­ten ver­rich­te­ten. Wei­ter gehör­ten dazu Betriebs­mit­tel (zB Büro‑, War­te­zim­mer­ein­rich­tung, Pati­en­ten­kar­tei, medi­zi­ni­sche Unter­su­chungs- und Behand­lungs­ge­rä­te sowie vor allem Pra­xis­räu­me). Trotz die­ser mate­ri­el­len Betriebs­mit­tel, ohne die eine Arzt­pra­xis nicht betrie­ben wer­den kann, steht die Pati­en­ten­be­treu­ung durch den Arzt und die nicht­ärzt­li­chen Pra­xis­mit­ar­bei­ter im Mit­tel­punkt der betrieb­li­chen Tätig­keit. So ist die gesam­te Orga­ni­sa­ti­on einer von einem Arzt allein betrie­be­nen Pra­xis auf die Per­son des Arz­tes zuge­schnit­ten, ins­be­son­de­re auf des­sen indi­vi­du­el­le ärzt­li­che Arbeits­wei­se. Hin­zu kommt, dass Pati­en­ten eine Arzt­pra­xis häu­fig des­halb auf­su­chen, weil sie dem dort täti­gen Arzt beson­de­res Ver­trau­en ent­ge­gen­brin­gen oder des­sen Sach­kun­de oder Fähig­kei­ten schät­zen und weil sie sich von ihm und sei­nen Mit­ar­bei­tern gut betreut füh­len. Damit wird die Arbeit einer Arzt­pra­xis in der Regel durch die dort täti­gen Per­so­nen, nicht durch die vor­han­de­nen Betriebs­mit­tel geprägt. Aus­nah­men von die­sem Grund­satz kön­nen dann vor­lie­gen, wenn eine Arzt­pra­xis vor allem durch die vor­han­de­nen medi­zi­ni­schen Gerä­te und weni­ger durch die dort täti­gen Ärz­te geprägt ist und die Pra­xis vor allem wegen der medi­zi­ni­schen Unter­su­chungs- bzw. Behand­lungs­ge­rät­schaf­ten auf­ge­sucht wird (zB radio­lo­gi­sche oder nukle­ar­me­di­zi­ni­sche Pra­xen). Eine sol­che Aus­nah­me ist im Streit­fal­le jedoch nicht gege­ben, weil die Beklag­te eine all­ge­mein­in­ter­nis­ti­sche Pra­xis betrie­ben hat­te.

Zur Errei­chung des Betriebs­zwe­ckes der Arzt­pra­xis kam es des­halb im Wesent­li­chen auf die mensch­li­che Arbeits­kraft an. Die mate­ri­el­len und imma­te­ri­el­len Betriebs­mit­tel spiel­ten nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Es han­del­te sich dem­nach um einen betriebs­mit­tel­ar­men Betrieb, bei dem es auf ein „ein­ge­spiel­tes Mit­ar­bei­ter­team“ und die Fach­kennt­nis­se die­ser Mit­ar­bei­ter ankommt. Ein sol­cher Betrieb kann zwangs­läu­fig unter Auf­recht­erhal­tung sei­ner Iden­ti­tät nur dann von einem Betriebs­er­wer­ber fort­ge­führt wer­den, wenn die­ses Mit­ar­bei­ter­team über­nom­men wird, weil die­ses beim betriebs­mit­tel­ar­men Betrieb iden­ti­täts­bil­dend ist 5. An einer sol­chen Über­nah­me des Pra­xis­per­so­nals durch die beklag­ten nach­fol­gen­den Dres fehlt es.

Eine von obi­gen Grund­sät­zen abwei­chen­de Beur­tei­lung ist auch nicht aus ande­ren Grün­den gebo­ten. So sind weder die Pati­en­ten­kar­tei noch sons­ti­ges Pra­xis­in­ven­tar oder die Pra­xis­räu­me über­nom­men wor­den.

Letzt­lich dien­ten die zwi­schen den Beklag­ten getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen nur dem „Ver­kauf der kas­sen­ärzt­li­chen Zulas­sung“, der als sol­cher nach § 103 Abs. 4 SGB V recht­lich nicht mög­lich ist, weil nur die Arzt­pra­xis als sol­che Gegen­stand des Pri­vat­rechts­ver­kehrs ist und durch Rechts­ge­schäft über­tra­gen wer­den kann 6.

Die Wirk­sam­keit der streit­ge­gen­ständ­li­chen Kün­di­gung war nicht dar­auf­hin zu über­prü­fen, ob sie sozi­al gerecht­fer­tigt i.S.d. § 1 KSchG ist. Da in der Arzt­pra­xis in der Regel nicht die von § 23 Abs. 1 Satz 2 bis Satz 4 KSchG gefor­der­te Min­dest­zahl von Arbeit­neh­mern beschäf­tigt war, fin­det § 1 KSchG auf die Kün­di­gung kei­ne Anwen­dung.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 22. Juni 2011 – 8 AZR 107/​10

  1. vgl. BAG, Urteil vom 25.09.2008 – 8 AZR 607/​07, AP BGB § 613a Nr. 355 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 98; vom 16.05.2002 – 8 AZR 319/​01, AP BGB § 613a Nr. 237 = EzA BGB § 613a Nr. 210; vom 05.12.1985 – 2 AZR 3/​85, AP BGB § 613a Nr. 47 = EzA BGB § 613a Nr. 50[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 15.06.2010 – XI ZR 318/​09, WM 2010, 1448[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 14.06.2007 – VII ZR 230/​06, MDR 2007, 1188[]
  4. vgl. BAG, Urteil vom 30.10.2008 – 8 AZR 397/​07, AP BGB § 613a Nr. 358 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 103[]
  5. vgl. BAG, Urteil vom 22.07.2004 – 8 AZR 350/​03, BAGE 111, 283 = AP BGB § 613a Nr. 274 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 27[]
  6. vgl. BSG, Urteil vom 29.09.1999 – B 6 KA 1/​99, BSGE 85, 1[]