Kün­di­gung eines baye­ri­schen Gemein­de­mit­ar­bei­ters – und die Anhö­rung des Per­so­nal­rats

Bei einem baye­ri­schen Gemein­de­mit­ar­bei­ter ab Ent­gelt­grup­peTVöD ist die Kün­di­gung nicht des­halb unwirk­sam, weil der Bür­ger­meis­ter den Kün­di­gungs­be­schluss nicht selbst gefasst, son­dern einen Beschluss des Gemein­de­rats aus­ge­führt hat. Der Gemein­de­rat ist gem. Art. 43 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Bay­GO für den Aus­spruch der Kün­di­gung zustän­dig. Der Klä­ger gehört als ursprüng­lich in Ver­gü­tungs­grup­pe IV b der Anla­ge 1a zum BAT ein­grup­pier­ter Arbeit­neh­mer man­gels gegen­tei­li­ger Anhalts­punk­te zur Grup­pe der "Arbeit­neh­mer ab Ent­gelt­grup­pe 9 TVöD" iSd. Vor­schrift.

Kün­di­gung eines baye­ri­schen Gemein­de­mit­ar­bei­ters – und die Anhö­rung des Per­so­nal­rats

Die Kün­di­gung setzt eine Anhö­rung des Per­so­nal­rats vor­aus (Art. 77 Abs. 3, Abs. 4 BayPVG). Die­se muss gem. Art. 77 Abs. 3 BayPVG zwar vor Aus­spruch der Kün­di­gung, nicht aber ent­spre­chend Art. 70 Abs. 1 Satz 4, Satz 5 BayPVG schon vor dem end­gül­ti­gen Kün­di­gungs­ent­schluss des Gemein­de­rats erfol­gen.

Gem. Art. 77 Abs. 3 BayPVG ist der Per­so­nal­rat vor dem Aus­spruch einer außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung anzu­hö­ren. Der Dienst­stel­len­lei­ter hat die beab­sich­tig­te Maß­nah­me zu begrün­den. Hat der Per­so­nal­rat Beden­ken, hat er sie unter Anga­be der Grün­de dem Dienst­stel­len­lei­ter unver­züg­lich, spä­tes­tens inner­halb von drei Arbeits­ta­gen schrift­lich mit­zu­tei­len.

Eine bestimm­te zeit­li­che Rei­hen­fol­ge von Anhö­rung des Per­so­nal­rats und Beschluss­fas­sung des Gemein­de­rats ist gesetz­lich nicht vor­ge­se­hen.

Aller­dings soll nach Art. 70 Abs. 1 Satz 4 BayPVG bei Gemein­den die Mit­be­stim­mung erfol­gen, bevor das zustän­di­ge Organ end­gül­tig ent­schei­det. Der Beschluss des Per­so­nal­rats ist dem zustän­di­gen Organ zur Kennt­nis zu brin­gen. Die­se Rege­lung gilt gem. Art. 72 Abs. 1 Satz 3 BayPVG ent­spre­chend für Maß­nah­men, an denen der Per­so­nal­rat – wie bei der ordent­li­chen Kün­di­gung (Art. 77 Abs. 1 Satz 1 BayPVG) – mit­wirkt.

Dage­gen wird für das in Art. 77 Abs. 3 BayPVG gere­gel­te Ver­fah­ren der Anhö­rung vor außer­or­dent­li­chen Kün­di­gun­gen nicht auf die Bestim­mung des Art. 70 Abs. 1 Satz 4 BayPVG ver­wie­sen. Die Not­wen­dig­keit einer Anhö­rung des Per­so­nal­rats vor der Beschluss­fas­sung des Gemein­de­rats lässt sich des­halb – anders als offen­bar das Lan­des­ar­beits­ge­richt ange­nom­men hat – nicht unmit­tel­bar aus einer gesetz­lich gebo­te­nen Anwen­dung von Art. 70 Abs. 1 Satz 4 BayPVG ablei­ten.

Für eine ana­lo­ge Anwen­dung der in Fäl­len der Mit­wir­kung des Per­so­nal­rats gel­ten­den Ver­wei­sungs­re­ge­lung des Art. 72 Abs. 1 Satz 3 BayPVG auf die Fäl­le der Anhö­rung des Per­so­nal­rats iSv. Art. 75 Abs. 3 BayPVG ist kein Raum.

Auch wenn der Wort­sinn des Geset­zes die Gren­ze der Aus­le­gung mar­kiert, ist er für die Rechts­an­wen­dung durch die Gerich­te kei­ne unüber­steig­ba­re Gren­ze. Der Rich­ter hat nicht zwin­gend am Wort­sinn einer Norm halt­zu­ma­chen 1. Sowohl sei­tens der Metho­den­leh­re als auch von Ver­fas­sungs wegen kann es für ihn wegen der Bin­dung an Gesetz "und Recht" nach Art.20 Abs. 3 GG gebo­ten sein, das vom Gesetz Gewoll­te gegen das im Gesetz Gesag­te zur Gel­tung zu brin­gen. Zur wort­sinn­über­stei­gen­den Geset­zes­an­wen­dung durch Ana­lo­gie oder wort­sinn­un­ter­schrei­ten­den Nicht­an­wen­dung des Geset­zes durch teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on bedarf es dabei einer beson­de­ren Legi­ti­ma­ti­on. Ana­lo­ge Geset­zes­an­wen­dung setzt vor­aus, dass der geset­zes­sprach­lich nicht erfass­te, dh. gesetz­lich unge­re­gel­te Fall nach Maß­ga­be des Gleich­heits­sat­zes und zur Ver­mei­dung von Wer­tungs­wi­der­sprü­chen nach der glei­chen Rechts­fol­ge ver­langt, wie die geset­zes­sprach­lich erfass­ten Fäl­le. Teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on setzt umge­kehrt vor­aus, dass der geset­zes­sprach­lich erfass­te, dh. der gesetz­lich in bestimm­ter Wei­se gere­gel­te Fall nach Maß­ga­be des Gleich­heits­sat­zes nach einer ande­ren Ent­schei­dung ver­langt als die übri­gen gere­gel­ten Fäl­le, um Wer­tungs­wi­der­sprü­che zu ver­mei­den 2.

Hier ist eine ana­lo­ge Anwen­dung von Art. 72 Abs. 1 Satz 3, Art. 70 Abs. 1 Satz 4 BayPVG auf die Fäl­le der Anhö­rung des Per­so­nal­rats nach Art. 75 Abs. 3 BayPVG nicht gebo­ten. Die Sach­ver­hal­te von Mitbestimmung/​Mitwirkung auf der einen und blo­ßer Anhö­rung des Per­so­nal­rats auf der ande­ren Sei­te sind zu ver­schie­den, als dass sie nach einer glei­chen Aus­ge­stal­tung des Betei­li­gungs­ver­fah­rens ver­lang­ten. In den Fäl­len der Mit­be­stim­mung und der Mit­wir­kung sehen Art. 70 bzw. Art. 72 BayPVG mehr­stu­fi­ge Ver­stän­di­gungs­ver­fah­ren zwi­schen Dienst­stel­len­lei­ter und Per­so­nal­rat vor, wenn die­ser der beab­sich­tig­ten Maß­nah­me sei­ne Zustim­mung ver­sagt bzw. Ein­wen­dun­gen gegen sie erhebt. Der Dienst­stel­len­lei­ter kann die beab­sich­tig­te Maß­nah­me nicht wirk­sam durch­füh­ren, wenn er das betref­fen­de wei­te­re Ver­fah­ren nicht ein­hält. Bei sei­ner end­gül­ti­gen Ent­schei­dung soll das zustän­di­ge Gemein­de­or­gan des­halb mög­li­che Ver­wei­ge­rungs­grün­de bzw. Ein­wen­dun­gen des Per­so­nal­rats ken­nen, um ange­sichts ihrer beur­tei­len zu kön­nen, ob es an der beab­sich­tig­ten Maß­nah­me trotz ihrer zumin­dest vor­läu­fi­gen Undurch­führ­bar­keit und der Not­wen­dig­keit eines Ver­stän­di­gungs­ver­fah­rens nach Art. 70 bzw. Art. 72 BayPVG fest­hal­ten will. Die­se wegen Art. 77 Abs. 1 BayPVG für die ordent­li­che Kün­di­gung gege­be­ne Situa­ti­on liegt bei außer­or­dent­li­chen Kün­di­gun­gen nicht vor. Auch wenn der Per­so­nal­rat im Rah­men der Anhö­rung nach Art. 77 Abs. 3 BayPVG Beden­ken gegen die beab­sich­tig­te Kün­di­gung erhebt, ist der Dienst­stel­len­lei­ter nicht gehal­ten, vor Aus­spruch der Kün­di­gung das Ver­fah­ren nach Art. 72 Abs. 3, Abs. 4 BayPVG ein­zu­hal­ten. Er kann die Kün­di­gung viel­mehr – wie der Arbeit­ge­ber nach § 102 BetrVG – trotz der Beden­ken des Per­so­nal­rats erklä­ren, ohne wei­te­re ver­fah­rens­recht­li­che Vor­ga­ben beach­ten zu müs­sen. Damit wie­der­um ver­lan­gen Gleich­heits­satz und gesetz­li­che Wer­tungs­kon­sis­tenz nicht danach, Art. 70 Abs. 1 Satz 4 BayPVG über das geschrie­be­ne Gesetz hin­aus auf die Fäl­le einer Anhö­rung des Per­so­nal­rats nach Art. 77 Abs. 3 BayPVG ent­spre­chend anzu­wen­den.

Eine ana­lo­ge Anwen­dung ist auch nicht des­halb gebo­ten, weil nur so Sinn und Zweck einer Anhö­rung des Per­so­nal­rats gewahrt und erreicht wer­den könn­ten. Zwar soll die Anhö­rung den Arbeit­ge­ber dazu ver­an­las­sen, eine geplan­te Kün­di­gung zu über­den­ken, sich mit den Argu­men­ten des Per­so­nal­rats aus­ein­an­der­zu­set­zen und ggf. von der Kün­di­gung Abstand zu neh­men 3. Die­ser Zweck wird jedoch auch dann nicht ver­fehlt, wenn dem Gemein­de­rat in den Fäl­len der außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung die Stel­lung­nah­me des Per­so­nal­rats bei sei­ner Beschluss­fas­sung noch nicht bekannt ist. Dem Schutz­zweck der Per­so­nal­rats­be­tei­li­gung ist viel­mehr durch die Bestim­mun­gen der baye­ri­schen Gemein­de­ord­nung hin­rei­chend Rech­nung getra­gen. Der ers­te Bür­ger­meis­ter führt nicht nur den Vor­sitz im Gemein­de­rat und voll­zieht als aus­füh­ren­des Organ des­sen Beschlüs­se (Art. 36 Bay­GO). Der Gesetz­ge­ber hat ihm auch die Funk­ti­on des Dienst­stel­len­lei­ters iSv. Art. 7 Abs. 1, Abs. 2 BayPVG und in Art. 43 Abs. 3 Bay­GO die des Dienst­vor­ge­setz­ten der Beam­ten und Ange­stell­ten der Gemein­de über­tra­gen. Im Rah­men die­ser Funk­tio­nen gehört die eigen­stän­di­ge Durch­füh­rung der Per­so­nal­rats­an­hö­rung zu sei­nen gesetz­li­chen Auf­ga­ben. Damit hat ihm der Gesetz­ge­ber eine – wenn auch nicht stets das Kün­di­gungs­recht als sol­ches umfas­sen­de – par­ti­el­le Per­so­nal­kom­pe­tenz zuge­wie­sen. In deren Rah­men hat er die Pflicht zur sach­li­chen Beur­tei­lung. Sie ver­langt von ihm, die Stel­lung­nah­me des Per­so­nal­rats gewis­sen­haft inhalt­lich zu prü­fen und die Ange­le­gen­heit dem Gemein­de­rat für den Fall, dass die Stel­lung­nah­me zu Beden­ken an der Berech­ti­gung des Kün­di­gungs­ent­schlus­ses Anlass gibt, erneut zuzu­lei­ten.

Die Bun­des­ar­beits­ge­richts­recht­spre­chung steht die­sem Ergeb­nis nicht ent­ge­gen. Nach der Ent­schei­dung vom 18.05.1994 4 ist zwar umge­kehrt die Per­so­nal­rats­an­hö­rung nicht des­halb feh­ler­haft, weil sie ohne Vor­lie­gen eines Kün­di­gungs­ent­schlus­ses des zustän­di­gen Gre­mi­ums durch­ge­führt wur­de, um die­ses erst anschlie­ßend und unter Vor­la­ge der Stel­lung­nah­me des Per­so­nal­rats mit der Ange­le­gen­heit zu befas­sen. Das bedeu­tet aber nicht, dass die hier ein­ge­schla­ge­ne Vor­ge­hens­wei­se rechts­wid­rig wäre.

  1. BVerfG 14.02.1973 – 1 BvR 112/​65, zu C IV 1 der Grün­de, BVerfGE 34, 269[]
  2. BAG 14.02.2007 – 7 ABR 26/​06, Rn. 55, BAGE 121, 212; 29.09.2004 – 1 ABR 39/​03, zu B III 2 b der Grün­de, BAGE 112, 100[]
  3. vgl. BAG 27.11.2008 – 2 AZR 98/​07, Rn. 36, AP KSchG 1969 § 1 Nr. 90 = EzA KSchG § 1 Ver­dachts­kün­di­gung Nr. 4; zu § 102 BetrVG KR/​Etzel 10. Aufl. § 102 BetrVG Rn. 8[]
  4. BAG 18.05.1994 – 2 AZR 930/​93, zu III 1 b der Grün­de, AP BGB § 626 Aus­schluß­frist Nr. 33 = EzA BGB § 626 Aus­schluß­frist Nr. 6[]