Kün­di­gung im Brief­kas­ten – und der Zugang am Nach­mit­tag

Eine ver­kör­per­te Wil­lens­er­klä­rung geht unter Abwe­sen­den iSv. § 130 Abs. 1 Satz 1 BGB zu, sobald sie in ver­kehrs­üb­li­cher Wei­se in die tat­säch­li­che Ver­fü­gungs­ge­walt des Emp­fän­gers gelangt ist und für die­sen unter gewöhn­li­chen Ver­hält­nis­sen die Mög­lich­keit besteht, von ihr Kennt­nis zu neh­men [1].

Kün­di­gung im Brief­kas­ten – und der Zugang am Nach­mit­tag

Zum Bereich des Emp­fän­gers gehö­ren von ihm vor­ge­hal­te­ne Emp­fangs­ein­rich­tun­gen wie ein Brief­kas­ten [2]. Ob die Mög­lich­keit der Kennt­nis­nah­me bestand, ist nach den „gewöhn­li­chen Ver­hält­nis­sen“ und den „Gepflo­gen­hei­ten des Ver­kehrs“ zu beur­tei­len [3].

So bewirkt der Ein­wurf in einen Brief­kas­ten den Zugang, sobald nach der Ver­kehrs­an­schau­ung mit der nächs­ten Ent­nah­me zu rech­nen ist [4].

Dabei ist nicht auf die indi­vi­du­el­len Ver­hält­nis­se des Emp­fän­gers abzu­stel­len. Im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit ist viel­mehr eine gene­ra­li­sie­ren­de Betrach­tung gebo­ten [5].

Wenn für den Emp­fän­ger unter gewöhn­li­chen Ver­hält­nis­sen die Mög­lich­keit der Kennt­nis­nah­me bestand, ist es uner­heb­lich, ob er dar­an durch Krank­heit, zeit­wei­li­ge Abwe­sen­heit oder ande­re beson­de­re Umstän­de eini­ge Zeit gehin­dert war [6]. Den Emp­fän­ger trifft die Oblie­gen­heit, die nöti­gen Vor­keh­run­gen für eine tat­säch­li­che Kennt­nis­nah­me zu tref­fen. Unter­lässt er dies, so wird der Zugang durch sol­che – allein in sei­ner Per­son lie­gen­den – Grün­de nicht aus­ge­schlos­sen [7].

Danach ist das Kün­di­gungs­schrei­ben der Arbeit­neh­me­rin im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall noch am Tag des Ein­wurfs in den Brief­kas­ten zuge­gan­gen, selbst wenn es erst an die­sem Nach­mit­tag in den Haus­brief­kas­ten ein­ge­wor­fen wur­de. Zwar folgt dies nicht dar­aus, dass die Arbeit­neh­me­rin den Zugang – erneut – ver­zö­gert hät­te. Die Arbeit­ge­be­rin hat nicht behaup­tet, der Arbeit­neh­me­rin sei das Kün­di­gungs­schrei­ben von ihren Mit­ar­bei­tern zum Zwe­cke der Über­ga­be ange­reicht wor­den. Eine treu­wid­ri­ge Annah­me­ver­wei­ge­rung ist damit nicht ersicht­lich. Es kann des­halb dahin­ste­hen, ob ein Arbeit­neh­mer außer­halb sei­ner Arbeits­zeit für die Ent­ge­gen­nah­me von Erklä­run­gen des Arbeit­ge­bers jeder­zeit zur Ver­fü­gung zu ste­hen hat. Die Arbeit­ge­be­rin hat aber vor­ge­tra­gen, ihre Boten hät­ten die Arbeit­neh­me­rin dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sie ihr einen Brief über­ge­ben woll­ten. Die Arbeit­neh­me­rin habe dar­auf­hin erklärt, kei­ne Zeit zu haben. Soll­te dies zutref­fen, wäre das Kün­di­gungs­schrei­ben der Arbeit­neh­me­rin noch an die­sem Tag zuge­gan­gen. Die Arbeit­neh­me­rin muss­te nach dem betref­fen­den Hin­weis davon aus­ge­hen, dass die Boten das Kün­di­gungs­schrei­ben in den Haus­brief­kas­ten ein­wür­fen und es damit in ihren Herr­schafts­be­reich gelangt wäre. Unter gewöhn­li­chen Ver­hält­nis­sen bestand damit für sie die Mög­lich­keit, von dem Schrei­ben noch an die­sem Tag Kennt­nis zu neh­men. Anders als dann, wenn ein Brief ohne Wis­sen des Adres­sa­ten erst nach den übli­chen Post­zu­stell­zei­ten in des­sen Haus­brief­kas­ten ein­ge­wor­fen wird, ist mit der Kennt­nis­nah­me eines Schrei­bens, von dem der Adres­sat weiß oder anneh­men muss, dass es gegen 17:00 Uhr ein­ge­wor­fen wur­de, unter gewöhn­li­chen Ver­hält­nis­sen noch am sel­ben Tag zu rech­nen. Ob die Arbeit­neh­me­rin dazu ange­sichts ihrer Ter­mi­ne tat­säch­lich in der Lage war, ist nicht ent­schei­dend. Eben­so wenig kommt es dar­auf an, ob die Arbeit­ge­be­rin Kennt­nis von die­sen Ter­mi­nen hat­te, ob ihr die Kennt­nis ihrer Mit­ar­bei­ter zuzu­rech­nen wäre oder ob die Arbeit­neh­me­rin ihr gegen­über ver­pflich­tet war, das Schrei­ben sogleich zur Kennt­nis zu neh­men.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 26. März 2015 – 2 AZR 483/​14

  1. BAG 22.03.2012 – 2 AZR 224/​11, Rn. 21; 11.11.1992 – 2 AZR 328/​92, zu III 1 der Grün­de; 16.03.1988 – 7 AZR 587/​87, zu I 1 der Grün­de, BAGE 58, 9; BGH 11.04.2002 – I ZR 306/​99, zu II der Grün­de[]
  2. BAG 22.03.2012 – 2 AZR 224/​11, Rn. 21; Palandt/​Ellenberger 74. Aufl. § 130 BGB Rn. 5[]
  3. BAG 22.03.2012 – 2 AZR 224/​11, Rn. 21; 8.12 1983 – 2 AZR 337/​82, zu B II 2 a der Grün­de; BGH 3.11.1976 – VIII ZR 140/​75, zu 2 b aa der Grün­de, BGHZ 67, 271; Palandt/​Ellenberger § 130 BGB Rn. 5; Staudinger/​Dilcher BGB § 130 Rn. 21[]
  4. BAG 22.03.2012 – 2 AZR 224/​11, Rn. 21; vgl. auch 8.12 1983 – 2 AZR 337/​82, zu B II 2 a der Grün­de; Palandt/​Ellenberger § 130 BGB Rn. 6; Reichold in juris­PK-BGB 5. Aufl. § 130 Rn. 12[]
  5. BAG 22.03.2012 – 2 AZR 224/​11, Rn. 21; vgl. auch BGH 21.01.2004 – XII ZR 214/​00, zu II 2 b der Grün­de; Palandt/​Ellenberger § 130 BGB Rn. 6[]
  6. BAG 22.03.2012 – 2 AZR 224/​11, Rn. 22; 11.11.1992 – 2 AZR 328/​92, zu III 1 der Grün­de; 16.03.1988 – 7 AZR 587/​87, zu I 1 der Grün­de, aaO; BGH 21.01.2004 – XII ZR 214/​00, zu II 2 b der Grün­de[]
  7. BAG 22.03.2012 – 2 AZR 224/​11, Rn. 22; BGH 21.01.2004 – XII ZR 214/​00, zu II 2 b der Grün­de[]