Kün­di­gung in der Insol­venz – und der tarif­li­che Son­der­kün­di­gungs­schutz

Tarif­ver­trag­lich unkünd­ba­re oder nur noch aus­ser­or­dent­lich aus wich­ti­gem Grund künd­ba­re Arbeits­ver­hält­nis­se sind im Insol­venz­ver­fah­ren ordent­lich künd­bar.

Kün­di­gung in der Insol­venz – und der tarif­li­che Son­der­kün­di­gungs­schutz

Nach § 113 Satz 1 InsO kann ein Dienst­ver­hält­nis, bei dem der Schuld­ner der Dienst­be­rech­tig­te ist; vom Insol­venz­ver­wal­ter; und vom ande­ren Teil ohne Rück­sicht auf eine ver­ein­bar­te Ver­trags­dau­er oder einen ver­ein­bar­ten Aus­schluss des Rechts zur ordent­li­chen Kün­di­gung gekün­digt wer­den. Die Norm fin­det gemäß § 279 Satz 1 InsO auch in Fäl­len der Eigen­ver­wal­tung Anwen­dung1. Das Kün­di­gungs­recht kann nicht durch ein­zel­ver­trag­li­che, tarif­ver­trag­li­che oder sons­ti­ge kol­lek­tiv­recht­li­che Ver­ein­ba­rung aus­ge­schlos­sen wer­den2. Tarif­ver­trag­lich unkünd­ba­re Arbeits­ver­hält­nis­se sind daher im Insol­venz­ver­fah­ren ordent­lich künd­bar3.

Dies stellt kei­nen unge­recht­fer­tig­ten Ein­griff in die nach Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Tarif­au­to­no­mie dar4.

Nur soweit der Tarif­ver­trag auf das Arbeits­ver­hält­nis mit der insol­ven­ten Arbeit­ge­be­rin kraft bei­der­sei­ti­ger Tarif­bin­dung Anwen­dung fin­det, kommt eine Ver­let­zung der Tarif­au­to­no­mie über­haupt in Betracht. Bei blo­ßer Inbe­zug­nah­me gilt der tarif­li­che Kün­di­gungs­aus­schluss nur auf ver­trag­li­cher Grund­la­ge und wird als Ver­trags­recht ohne Wei­te­res von § 113 Satz 1 InsO ver­drängt5.

Aber auch bei einer bestehen­den bei­der­sei­ti­gen Tarif­bin­dung ist die Tarif­au­to­no­mie durch § 113 Satz 1 InsO nicht ver­letzt. Zwar liegt dann ein Ein­griff in den Schutz­be­reich die­ses Grund­rechts vor. Gesetz­li­che Rege­lun­gen, die eine Beein­träch­ti­gung des Art. 9 Abs. 3 GG bewir­ken, kön­nen jedoch zuguns­ten der Grund­rech­te Drit­ter sowie sons­ti­ger mit Ver­fas­sungs­rang aus­ge­stat­te­ter Rech­te und Gemein­wohl­be­lan­ge gerecht­fer­tigt wer­den6. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat es als nahe­lie­gend ange­se­hen, dass der Ein­griff in die Tarif­au­to­no­mie durch das vom Gesetz­ge­ber mit § 113 InsO ver­folg­te Ziel gerecht­fer­tigt sein könn­te7.

Dies ist der Fall. In der Insol­venz­si­tua­ti­on ist die Unwirk­sam­keit eines tarif­li­chen Son­der­kün­di­gungs­schut­zes gerecht­fer­tigt. § 113 InsO dient dem Aus­gleich zwi­schen den sozia­len Belan­gen der Arbeit­neh­mer des insol­ven­ten Unter­neh­mens auf der einen und den Inter­es­sen der Insol­venz­gläu­bi­ger am Erhalt der Mas­se als Grund­la­ge ihrer Befrie­di­gung auf der ande­ren Sei­te8. Das Ent­ste­hen von Mas­se­schul­den durch fort­be­stehen­de Arbeits­ver­hält­nis­se soll begrenzt wer­den, da der Insol­venz­ver­wal­ter in der Regel kei­nen Beschäf­ti­gungs­be­darf mehr hat und zulas­ten der ande­ren Gläu­bi­ger Ansprü­che ohne eine Gegen­leis­tung ent­stün­den, wodurch die­se wie­der­um in ihrem Grund­recht nach Art. 14 Abs. 1 GG beein­träch­tigt wür­den. Eine all­zu lan­ge Bin­dung an nicht mehr sinn­vol­le Arbeits­ver­hält­nis­se soll daher ver­hin­dert wer­den9. Dem wider­spre­chen (tarif­ver­trag­li­che) Unkünd­bar­keits­klau­seln10. Neben einer über­mä­ßi­gen Belas­tung der Mas­se könn­te eine Fort­gel­tung tarif­li­cher Bestands­schutz­re­ge­lun­gen zudem eine mög­li­che Sanie­rung gefähr­den. Ins­be­son­de­re wür­de die zu die­sem Zweck durch § 125 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Halbs. 2 InsO ermög­lich­te Schaf­fung einer aus­ge­wo­ge­nen Per­so­nal­struk­tur kon­ter­ka­riert, wenn eine bestimm­te Beschäf­tig­ten­grup­pe ordent­lich unkünd­bar wäre11. Eine sol­che Ein­schrän­kung der Sanie­rungs­fä­hig­keit wür­de Gemein­wohl­be­lan­ge miss­ach­ten12. Die mit § 113 Satz 1 InsO ver­bun­de­ne Beein­träch­ti­gung der Tarif­au­to­no­mie steht auch nicht außer Ver­hält­nis zu den dar­ge­stell­ten Zwe­cken die­ser Norm. Zwar weist die Revi­si­on zu Recht dar­auf hin, dass die Durch­bre­chung des tarif­li­chen Schut­zes vor ordent­li­chen Kün­di­gun­gen die betrof­fe­nen Arbeit­neh­mer erheb­lich und uU stär­ker als ande­re Insol­venz­gläu­bi­ger belas­tet. Ohne die Mög­lich­keit des Insol­venz­ver­wal­ters, sinn­ent­leer­te Arbeits­ver­hält­nis­se been­den zu kön­nen, lässt sich jedoch die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Insol­venz­ver­fah­rens nicht sichern. Der Gesetz­ge­ber hat die Schwe­re der Belas­tung der betrof­fe­nen Arbeit­neh­mer zudem dadurch gemil­dert, dass er kei­ne sofor­ti­ge Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses, son­dern eine Kün­di­gungs­frist von drei Mona­ten vor­ge­se­hen hat. Dar­über hin­aus hat er in § 113 Satz 3 InsO eine – wenn auch ledig­lich im Ran­ge einer Insol­venz­for­de­rung ste­hen­de – finan­zi­el­le Ent­schä­di­gung in Form des Anspruchs auf ver­schul­dens­un­ab­hän­gi­gen Ersatz des sog. Ver­frü­hungs­scha­dens geschaf­fen. In der Gesamt­schau ist die Durch­bre­chung tarif­li­chen Son­der­kün­di­gungs­schut­zes durch § 113 InsO des­halb ver­hält­nis­mä­ßig im enge­ren Sinn13.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 16. Mai 2019 – 6 AZR 329/​18

  1. BAG 23.02.2017 – 6 AZR 665/​15, Rn. 29, BAGE 158, 214 []
  2. BAG 17.11.2005 – 6 AZR 107/​05, Rn. 17, BAGE 116, 213 []
  3. BAG 20.09.2006 – 6 AZR 249/​05, Rn. 18 f.; 19.01.2000 – 4 AZR 70/​99, zu II 2 der Grün­de []
  4. Münch­Komm-InsO/­Cas­pers 3. Aufl. § 113 Rn. 15; FK-InsO/Ei­sen­beis 9. Aufl. § 113 Rn. 29 f.; Gie­sen in Jae­ger InsO § 113 Rn. 14 ff.; Röger/​Hützen Insol­venz­ar­beits­recht § 5 Rn. 45; APS/​Künzl 5. Aufl. InsO § 113 Rn. 6; MHdB ArbR/​Krumbiegel 4. Aufl. Bd. 2 § 122 Rn. 11; HK-InsO/­Linck 9. Aufl. § 113 Rn. 16; Graf-Schli­cker/Pöhl­man­n/Ku­busch InsO 4. Aufl. § 113 Rn.19; KPB/​Moll InsO Stand Sep­tem­ber 2017 § 113 Rn. 124 ff.; kri­tisch Däubler/​Deinert/​Zwanziger/​Däubler BAG­chR 10. Aufl. § 113 InsO Rn. 29 ff.; Zwan­zi­ger Arbeits­recht der Insol­venz­ord­nung 5. Aufl. § 113 Rn. 29 mwN []
  5. Zwan­zi­ger Arbeits­recht der Insol­venz­ord­nung 5. Aufl. § 113 Rn. 33 []
  6. BVerfG 11.07.2017 – 1 BvR 1571/​15 ua., Rn. 143, BVerfGE 146, 71 []
  7. BVerfG 8.02.1999 – 1 BvL 25/​97, zu II 2 b der Grün­de; vgl. auch BVerfG 21.05.1999 – 1 BvL 22/​98, zu II 2 b bb der Grün­de; KR/​Spelge 12. Aufl. § 113 InsO Rn.19 []
  8. BAG 23.02.2017 – 6 AZR 665/​15, Rn. 50, BAGE 158, 214; 19.11.2015 – 6 AZR 559/​14, Rn. 39, BAGE 153, 271 []
  9. vgl. BT-Drs. 12/​2443 S. 148 []
  10. BAG 20.09.2006 – 6 AZR 249/​05, Rn.19; 22.09.2005 – 6 AZR 526/​04, zu II 1 a der Grün­de, BAGE 116, 19; 16.06.1999 – 4 AZR 191/​98, zu II 2 a der Grün­de, BAGE 92, 41 []
  11. vgl. BAG 19.01.2000 – 4 AZR 70/​99, zu II 4 der Grün­de; Nerlich/​Römermann/​Hamacher InsO Stand Novem­ber 2011 § 113 Rn. 50; Uhlenbruck/​Zobel 15. Aufl. § 113 InsO Rn. 69 []
  12. vgl. zum Inter­es­se der All­ge­mein­heit an Sanie­run­gen BAG 19.12 2013 – 6 AZR 790/​12, Rn. 27, BAGE 147, 89 []
  13. vgl. KPB/​Moll InsO Stand Sep­tem­ber 2017 § 113 Rn. 126; vgl. zur Ver­hält­nis­mä­ßig­keit im enge­ren Sinn BVerfG 21.03.2018 – 1 BvF 1/​13, Rn. 49, BVerfGE 148, 40 []